Kapitel 1
Manchmal fühlte es sich in ihrem eigenen Zuhause an, als würde sie schwarz in das Leben von jemand anderem wohnen. Ungewollt. Unerwünscht.
An jenem Morgen packte Rosalia schweigend ihre Sachen. Sie war fest entschlossen, zu gehen, bevor irgendjemand wach wurde und wieder mit seiner üblichen Predigt darüber anfing, wie sie ihre perfekte, edle Familie beschmutzt hatte.
„Du siehst verdammt beschissen aus, Rosalia“, spottete sie über das Mädchen mit den grünen Augen und den leichten blauen Flecken, das ihr aus dem Ganzkörperspiegel entgegenstarrte. Der Trageriemen drückte auf ihr Schlüsselbein, als sie sich den Rucksack über die Schulter warf. Dann öffnete sie die Tür einen Spaltbreit und lehnte sich hinaus, um den Flur zu scannen. Alles frei.
Sie schlich auf Zehenspitzen durch den kalten, leeren Flur. „Miss Rosalia, wohin gehen Sie?“ Eine vertraute Stimme ließ sie wie angewurzelt stehen.
Rosalia wirbelte herum und presste Mary die Hand auf den Mund. „Pscht! Nicht so laut!“, flüsterte sie, warf einen hastigen Blick in Richtung des Familientrakts und atmete erleichtert auf.
„Es ist zu früh“, hauchte Mary. „Und Sie können das Haus nicht alleine verlassen.“
Rosalia nahm die Hand weg und rieb die Handfläche an ihrer Jeans ab. Ihre Lippen verzogen sich zu einem scharfen, bitteren Lächeln. „Nur kurz. Es ist mein Geburtstag. Ich brauche einen Tag lang echte Luft, Mary. Ich bin heute Abend wieder da.“
„Nein, das können Sie nicht.“ Marys entsetzter Blick sank zu Boden. „Die Madam bringt mich um, wenn sie das herausfindet.“ Ihre Augen huschten nervös umher, als sie hinzufügte: „Sie will nicht, dass irgendjemand erfährt, woher Sie kommen.“
Rosalia nickte. Natürlich, Makel sollen verborgen bleiben, nicht gezeigt werden. Der Gedanke schnürte ihr die Kehle zu und ihr Lächeln verblasste. „Ich weiß, Mary. Ich werde es niemandem erzählen.“ Sie drehte sich um. „Einen schönen Tag noch.“
Marys niedergeschlagenes Flüstern hallte zusammen mit den verhallenden Schritten hinter ihr nach: „Alles Gute zum Geburtstag, Miss.“ Rosalia hielt nicht an; stattdessen beschleunigte sie ihre Schritte und verließ den goldenen Flur.
Am Tor wurde Rosalias Grinsen breiter, als ihr Blick auf den Wächter fiel, der mit halb offenem Mund schlief und schnarchte wie ein kaputter Motor. Ihr Finger schwebte über dem Sicherheitspaneel. ‚Nein, Rosalia, tu es nicht. Dafür bringen sie dich um.‘
Sie hielt den Atem an und neigte den Kopf, um noch einmal zum Wächter zu blicken. ‚Ich bezahle sowieso mit meinem Leben‘, flüsterte die bittere Stimme in ihr. ‚Wenn sie mich umbringen, dann wenigstens für etwas, das ich mir ausgesucht habe. Ich habe wenigstens vierundzwanzig Stunden verdient, in denen ich mich nicht wie ihr Fehler fühle. Außerdem ist der Tod heute leichter zu ertragen als das Leben hier.‘
Ihre Finger tanzten über das Sicherheitspaneel.
Das Tor klickte und sprang auf. Ein einzelnes rotes Licht blinkte über dem Paneel. Und dann heulte der Alarm los. Ihr Puls raste. Der Wächter schreckte hoch. „Was... zur Hölle...!“, fluchte er. Er versuchte sie aufzuhalten, doch sie wich ihm aus und rannte los.
Sie blieb auf halber Strecke der Auffahrt stehen und blickte zurück, gerade als im Haus die Lichter angingen und die Stimmen in Verwirrung ausbrachen.
Dann,
bog sie scharf ab und schlüpfte in eine schmale Gasse. Sie versuchte krampfhaft, stillzustehen, und kämpfte gegen das Adrenalin an, das ihren Körper zittern ließ. Sie wartete, bis das Quietschen der Reifen und das Grollen der Motoren in der Stille verstummten.
Als sie schließlich aus der Gasse kam, entwich ihr ein Lachen – halb Erleichterung, halb Fassungslosigkeit. „Guten Morgen, Freiheit“, murmelte sie. Das Grinsen wich nicht aus ihrem Gesicht.
Ein Schwall kalter Luft kitzelte jede Zelle ihres Körpers und fuhr durch ihr Haar. Es war dennoch einfach großartig.
Sie breitete die Arme aus, der Duft nach Regen auf trockenem Boden fühlte sich himmlisch an. In diesem Moment schloss sie die Augen und wünschte, sie könnte diese Luft jeden Sekundenbruchteil atmen. Doch im nächsten Moment benetzten heiße Tränen ihre geschlossenen Wimpern und liefen an ihren Wangen hinunter. ‚Hör auf zu träumen, du Dummkopf, ein Haustier kann niemals frei sein. Sie werden es nie zulassen. Sie wollen keine Tochter wie dich. Alles, was sie wollen, ist ein wohlgezogenes, zahmes Mädchen.‘ Sie schniefte und rieb sich die Augen.
‚Wohlgezogen, echt jetzt?‘ Das Wort brachte sie fast wieder zum Lachen.
Wie zur Hölle konnten sie von ihr verlangen, dass sie sich benimmt, nachdem sie sie selbst in ein Waisenhaus abgeschoben hatten? Nach einem ganzen Leben, in dem sie gelernt hatte, dass Sanftmut nur dazu führte, dass man verletzt wurde? Wie sollte sie jemals wieder so tun, als wäre sie zart? Frische Tränen liefen über ihre Wangen. Sie wischte sie mit dem Handrücken weg. „Gott, nicht schon wieder dieses Gefühl. Verdammt noch mal.“
Sie hasste sie jedoch nicht; sie hasste es nur, kontrolliert zu werden, schwach zu sein.
Sie zog ihren Hoodie tiefer ins Gesicht und wurde schneller.
Sie stieg in den Bus, setzte sich auf den letzten Platz und steckte sich die Kopfhörer in die Ohren. Ihr Blick fiel auf das Paar neben ihr. Sie lachten über die albernen Witze ihrer kleinen Tochter; immer wieder küssten sie ihre Wangen, unterbrochen von neuen Lachsalven...
Irgendetwas in Rosalia zerbrach leise. Ihre Augen brannten vor Tränen, aber sie blinzelte nicht. Sie beobachtete, wie die Mutter einen Krümel von der Lippe des Mädchens wischte und der Vater ihren Pferdeschwanz richtete. Es war die Art von Zuneigung, die sie nie erfahren hatte.
Ein Gedanke schlug wie ein Blitz in ihr ein: Sie war sechzehn, fast kein Kind mehr, aber ein Teil von ihr – dieser sechsjährige Dummkopf, der immer noch an Märchen glaubte – saß genau dort und streckte sich verzweifelt nach dieser Wärme aus. Rosalia beobachtete die Familie, bis sich ihre Brust wie ausgehöhlt anfühlte und die Leere sich wie ein kaltes Betäubungsmittel ausbreitete.
Sie musste nicht fragen, ob sich ihre Eltern jemals ändern würden. Manche Dinge tauen niemals auf. Sie starrte auf die kalte, unüberwindbare Mauer, gegen die sie ihr ganzes Leben lang angerannt war.
Sie unterdrückte die Tränen, drehte die Lautstärke ihres Handys so weit auf, dass der Sound gegen ihre Zähne vibrierte, und fixierte das Fenster.
Die Stadt zog in flackernden Bildern an ihr vorbei.
Eine halbe Stunde später hielt der Bus am Schultor.
Rosalia stieg aus. Ihre Finger umklammerten den Riemen ihrer Tasche, viel zu fest beim Anblick der Schule, die dunkel und still vor ihr aufragte. Zu früh. Wie auch immer, sie hatte nie Angst vor Geistern oder Einsamkeit. Aber die Erste hier zu sein, fühlte sich … falsch an. Immer noch besser als ein weiterer Streit.
In der Ferne läutete eine Glocke und verscheuchte ihre Gedanken. Das Echo verhallte, als sie das stille Gebäude betrat. Sie atmete langsam aus, ihre Schultern sackten nach unten, und sie ging in Richtung Bibliothek.
Ihre Füße blieben wie angewurzelt stehen, als ihr der Duft von altem Papier und lackiertem Holz entgegenströmte. ‚Verdammt. Es ist still. Zu verdammt still.‘ Warum zur Hölle musste sie sich ausgerechnet diesen Ort auf der ganzen verdammten Welt aussuchen? Das hier konnte niemals besser sein als das, wovor sie weglief. ‚Geh zurück, versteck dich in deinem verdammten Zimmer wie immer, Rose. Du kannst dich mit der Welt anlegen, aber nicht mit dieser Stille. Dafür bist du nicht stark genug.‘ Der metallische Geschmack legte sich auf ihre Zunge. Und schließlich machte sie zwei Schritte. Rückwärts.
Ein Schlag durchbrach die Stille.
Ihre Augen huschten zu dem Geräusch. Sie war nicht allein. „Gott sei Dank“, flüsterte sie.
Ein Junge saß an einem der Tische und war über ein Matheproblem gebeugt. Seine übergroße Brille verschlang die Hälfte seines Gesichts, widerspenstiges Haar fiel ihm in die Stirn. Neben ihm lag ein dickes Buch. ‚The Art of Problem Solving von Richard Rusczyk‘. Der Titel gab ihr Halt.
Rosalia hielt inne. Irgendetwas an seiner Konzentration hielt sie fest. Das gedimmte gelbe Licht schnitt eine Sichel auf sein Gesicht; eine Hälfte war erleuchtet, die andere in Schatten verloren. Seine Silhouette zeichnete sich still und entschlossen am Schreibtisch ab.
Sie ging mit langsamen, abgemessenen Schritten an ihm vorbei und ließ sich in der hintersten Ecke nieder. Ihre Finger spannten sich auf dem Buchrücken, die Knöchel traten weiß hervor, als könnte dieser Griff verhindern, dass ihr hämmerndes Herz aus ihrer Brust brach.
Sie schlug die Seiten auf und tat so, als würde sie lesen, aber ihre Augen verrieten sie. Sie wanderten immer wieder zu dem Jungen. Sie wusste nicht, was sie anzog – vielleicht die Akne auf seinen Wangen, die dicken Brillengläser oder die ruhige Intensität, die wie eine zweite Haut an ihm klebte.
Seine Züge waren markant, unerwartet gutaussehend unter dem Nerd-Image. Die Art von Junge, die die Leute auf dem Flur übersahen. Die Art, die Lehrer bemitleideten und die von Tyrannen gejagt wurde.
Irgendetwas an ihm widersprach diesem Klischee jedoch.
Seine Körperhaltung war entspannt, aber seine Präsenz nicht. Sie flüsterte nicht ‚peinlich‘ oder ‚harmlos‘; sie strahlte etwas anderes aus. Etwas Schärferes. Sein Blick trug die Schwere von jemandem, der an Kontrolle gewöhnt war. Kein Opfer. Eher wie ein König im Exil. Oder ein Raubtier, das keine Krallen brauchte.
Ein stechender Schmerz bohrte sich in ihren Finger. Sie sah nach unten; ihr Fingernagel war abgebrochen, unbewusst vor Anspannung.
Er ließ einen Stift zwischen seinen Fingern kreisen, flüssig und rhythmisch. Nicht protzig. Einfach aus Gewohnheit.
Doch als sie wieder aufsah, war er nicht mehr auf die Matheaufgabe konzentriert. Er beobachtete sie. Er starrte nicht. Er studierte sie.
Ihre Blicke trafen sich in der Luft. Keiner bewegte sich. Keiner blinzelte. Als hätte ihre Anwesenheit etwas im Raum verändert. In diesem Moment blieb die Welt um sie herum stehen. Selbst ihr eigener Atem schien zu laut zu sein.
Rosalias Finger zuckten gegen den Rand ihres Buches, ein nervöser Tick, den sie nicht unterdrücken konnte. Sie ballte die Hand zur Faust.
Seine Augen huschten zu ihrer Hand, dann zurück zu ihrem Gesicht. Er ließ den Stift weiter kreisen. Jetzt langsam und stetig, als hätte er alle Zeit der Welt.
Sie konnte der Intensität seines Blickes nicht standhalten. Ihre Lider flatterten nach unten und dann wieder nach oben. Sie war die Erste, die wegsah. Sie drehte sich zum Fenster und tat so, als würde sie die Vögel beobachten, die durch den Himmel schossen. Aber sie konnte es immer noch spüren – diesen Blick, schwer und unerbittlich, der auf ihrer Haut brannte.
Als würde er sie untersuchen.
Als könnte er durch sie hindurchsehen.
Wie von einem Magneten angezogen, drehte sie den Kopf wieder.
Er beobachtete sie immer noch. Nicht mit Verurteilung. Nicht mit Neugier. Sondern mit etwas Tieferem. Amüsement vielleicht. Oder Verständnis.
Hitze stieg ihr in die Wangen. Ihr Herz hämmerte hart gegen ihre Rippen. Sie senkte den Blick auf die Seite, biss sich auf die Innenseite ihrer Wange – der stechende Schmerz holte sie in die Realität zurück –, aber das Gefühl verblasste nicht. Es kroch unter ihre Haut, langsam und stetig.
‚Sieh mich nicht so an. Ich bin kein Mond, den man bewundern sollte … Ich bin der schlimmste Teil der Nacht‘, flehte sie im Stillen. Dann krallte sich das Gefühl in ihr fest, unbarmherzig. ‚Oder vielleicht starrt er auf das Hässlichste an mir.‘
Dieser vertraute Juckreiz. Derjenige, der sie dazu brachte, sich aufreißen und herauskriechen zu wollen. Die Leute sahen sie nie an. Sie sahen durch sie hindurch, in das dunkle, verdrehte Etwas, das sie in sich trug.
Ihr Blick huschte wieder zu seinem.
Er bewegte sich leicht auf seinem Stuhl, die Brauen zusammengezogen. Zwei silbergraue Augen fixierten ihre. Und in diesem Moment erkannte sie, dass er sie gar nicht ansah. Er blickte auf das zerbrochene Stück, das sie so verzweifelt zu vergraben versuchte.
Ihre Kehle schnürte sich zu; der Raum fühlte sich ein wenig kälter an. Sie senkte den Blick auf das Buch, las nicht, starrte nur. ‚Er ist nur ein Mathe-Nerd, Rosalia‘, hauchte sie. ‚Er kennt dich nicht … Niemand verdammt noch mal kennt dich. Das ist der ganze Punkt.‘
Ihre Füße begannen unbewusst auf den Boden zu tippen. Sie leckte sich wieder und wieder über die trockenen Lippen.
Bevor sie zusammenbrechen konnte, stopfte sie ihr Buch in die Tasche und stürmte aus der Bibliothek. Das Rascheln des Stoffes und das scharfe Echo ihrer Schritte erfüllten den
Raum.
Sie stoppte in der Tür und blickte zurück.
Er beobachtete sie immer noch, die Augen verengt. Sein Stift hatte aufgehört sich zu drehen.
Vielleicht hatte sie sich lächerlich gemacht. Vielleicht würde er später darüber lachen. Wer rennt schon weg, nur weil einen jemand ansieht?
Rosalia hasste es, beobachtet zu werden. Sie war nicht für das Rampenlicht gemacht. Sie bevorzugte
Schatten, Ecken und Stille. Aber jetzt fühlte es sich seltsam an, gesehen zu werden. Unbehaglich. Doch ein winziger, verräterischer Teil von ihr wünschte, sie wäre geblieben und hätte ihn noch eine Sekunde länger schauen lassen.
Sie marschierte durch die Flure, ihre Schritte hallten gegen die Steinwände. Sie wurde langsamer, als sie um die Ecke bog, ihr Atem ging ungleichmäßig. Sie presste ihre rechte Hand auf ihre linke Brust. Warum zur Hölle fühlte es sich an, als würde sie nicht vor ihm weglaufen, sondern vor ihrem Schicksal – und dass diese silbergrauen Augen bereits wussten, wie ihre Geschichte enden würde?