Blut der Finsternis - Die Reise beginnt

Alle Rechte vorbehalten ©

Zusammenfassung

Die 22-jährige Everleigh Reece führt ein scheinbar normales Leben in einer kleinen Stadt in der Welt Nyalandria, bis sie eines Nachts von düsteren Träumen heimgesucht wird. Als plötzlich geheimnisvolle Fremde in ihrer Stadt auftauchen und ein uraltes Siegel gebrochen wird, beginnt Everleigh, die Wahrheit über ihre Herkunft zu erfahren: Sie ist die Auserwählte, die Tochter einer unerlaubten tödlichen Liebe, die in der Lage ist, die Welt vor dem Ansturm der Hölle zu beschützen oder aber diese Hölle selbst zu entfesseln. Als das Tor zur Hölle geöffnet wird und Dämonen in die Welt von Nyalandria eindringen, muss Everleigh lernen, ihre Kräfte zu kontrollieren. Durch die Unterstützung eines geheimnisvollen Kriegers, dem mysteriösen Gabriel, einem dunklen dämonischen Jäger, sowie ihres neuen Mentors Kaelan, dem Hüter eines uralten Ordens, wird Everleigh in eine Welt der Magie, des Verrats und uralter Prophezeiungen hineingezogen. Doch Everleigh erkennt sehr bald, dass nicht alle Dämonen Feinde sind und dass es uralte gefährliche Mächte gibt, die noch grausiger und tödlicher sind als das, was in den Schatten lauert.

Genre:
Fantasy
Autor:
Riza Novic
Status:
In Arbeit
Kapitel:
16
Rating
5.0 2 Bewertungen
Altersfreigabe
13+

Ein Flüstern in der Dämmerung

Prolog

„Nicht jedes Erwachen bringt Licht. Manche Seelen öffnen die Augen – und erblicken das Ende.“

Die Nacht war alt. Nicht einfach dunkel, sondern von einer Schwärze, die jeden Funken Licht verschlang. Eine Nacht, geboren aus dem Atem der Finsternis selbst. Sie war der Vorbote, das Zeichen des nahenden Unheils.

In der Menschenwelt kehrte das Unbehagen zurück. Die Welt wurde leiser. Die Bewohner bewegten sich vorsichtiger, argwöhnischer. Unmerklich zunächst, doch stetig, nistete sich die Angst in den Herzen der Menschen ein. Denn etwas regte sich in den Tiefen der Dunkelheit. Nicht mit Geräuschen. Nicht mit Bewegung. Mit Gedanken. Fremden, hungrigen, bösen Gedanken.

Ein Gefühl sickte in die Welt, zäh wie kalter Rauch. Furcht breitete sich aus. Unter der schwarzen Leere von Tharúl – dort, wo nie ein Licht geboren worden war – bebte es. Kein Laut erklang. Nur ein Hauch. Ein Atem, der niemals zur Menschenwelt gehört hatte. Die Finsternis erinnerte sich. Und sie begann zu flüstern.

„Wenn Blut und Feuer Tod gebiert, des Menschen Seele kalt erfriert, wenn Dunkelheit den Tag durchdringt, die Angst in dir dein Herz verschlingt, wenn Böses sich die Lippen leckt, alsbald der Himmel sich versteckt, dann naht die Zeit, dann öffnet sich, der Weg ins Schattenreich für dich.“

Im leisen Wispern der Dunkelheit erklang das alte Lied. Das Lied des Blutes. Das Lied der Finsternis.


Silveroak schlief nicht mehr. Die Stadt lag still – doch diese Stille war keine Ruhe. Sie war schwer. Schwanger mit etwas Namenlosem. Mit etwas, von dem die Menschen spürten, dass es unausweichlich war.

Die Schatten bewegten sich. Anders als zuvor. Sie kauerten nicht länger in den Ecken. Sie streckten sich, erhoben sich, flüsterten. Ein leises, falsches Lachen schwang in ihnen – wie das Kichern böser Kinder. Ein Wispern wehte über die Dächer. Keine Sprache und auch kein Klang. Nur ein Gefühl, das sich tief in die Herzen der Menschen fraß und wie tiefgefrorener Atem zurückblieb.

Das Kinderlachen in den Straßen verstummte. Schweigen sickerte in die Welt. Die Spiegel flackerten. Ihre Oberflächen schlugen Wellen — und wer zu lange in die Dunkelheit sah, erblickte nicht mehr sein eigenes Spiegelbild… …sondern das, was bereits lauerte.

Das, was lange gewartet hatte.


Es beginnt…

Es war in Veythara, dem sechsten Monat, der Zeit der Blutblüte im 43. Zeitalter.

Nhalgaroth

Versteckt in einem von Moos und Nebel verschlungenen, tief versunkenen Tal - weit jenseits der letzten markierten Pfade von Silveroak - lag ein Ort, den selbst die Schlimmsten unter den Bösen mieden: Nhalgaroth.

Kein Bewohner wagte es, diesen Namen laut auszusprechen. Manche flüsterten ihn in alten Sagen. Andere zeichneten lediglich ein schwarzes Kreuz auf Pergament, wenn sie von der Stätte sprachen.

Nhalgaroth war einst eine Siedlung gewesen, so hieß es. Ein Kloster, erbaut auf den Ruinen einer viel älteren, längst vergessenen Zivilisation. Doch der Ort galt als verflucht. Etwas Unheilvolles war dort geschehen. Die alten Überlieferungen sprachen von Hexen, Dämonen und Blutopfern. Von Ritualen, die niemals hätten vollzogen werden dürfen.

Niemand wusste, wer den Fluch heraufbeschworen hatte. Nur, dass das Schweigen dort ein Bewusstsein entwickelt hatte. Und so woben die Menschen düstere Geschichten — und mieden den Ort.

Bis heute.


Wer sich Nhalgaroth näherte, spürte, wie sich die Welt veränderte. Zuerst nur subtil. Dann unübersehbar. Mit jedem Schritt hinab in das Tal wurde die Luft schwerer und dichter. Wollte man sprechen, blieben die Worte in der Kehle stecken. Tiere flohen. Vögel fielen lautlos vom Himmel. Das Licht schien hier nicht zu strahlen, sondern zu sterben — blasser werdend, je tiefer man vordrang. Es erreichte niemals den Boden.

Die Einheimischen nannten diesen Ort das Tal der stummen Schreie. Und er trug diesen Namen aus gutem Grund. Der Boden war von gräulich-schwarzen Wurzeln durchzogen, dick wie Baumstämme. In ihren Rundungen sammelte sich dunkles Wasser, das kein Spiegelbild warf. Die Bäume, die aus diesen Wurzeln wuchsen, ragten knorrig und steif in den Himmel — kahle, skelettartige Wächter, die keine Jahreszeit mehr kannten.

Der Himmel über Nhalgaroth war anders. Grauschleier schwebten dort, durchbrochen von unheimlichen Lichtfäden wie stilles Wetterleuchten. Uralte Säulen ragten schief aus dem Boden, verbogen, als hätte eine gigantische Hand sie geknickt. Tiefe Risse durchfurchten sie. Manche waren zerbrochen, manche nur noch Fragmente. Runen waren in ihren Stein geritzt — verbotene Zeichen, die im Nebel zu flimmern schienen, als würden miteinander flüstern.

Im Zentrum der Ruinen erhob sich eine zerstörte Kapelle. Ein Bau aus schwarzem Hämatit, von den Menschen „dunkler Blutstein“ genannt. Unter ihr, verborgen vor fremden Augen, lag eine Krypta. Nur jenen bekannt, die wussten, wonach sie zu suchen hatten. In den alten Legenden nannte man sie die Schwarze Leere von Tharúl. Kein Feuer brannte dort unten. Doch tanzten wilde Schatten an den Wänden. Ein steinerner Altar stand in der Mitte. Überzogen von schwarzen Flechten und blutigem Moos. Er bestand aus einem einzigen porösen Monolithen — einem Stein, der hörte. Der alles aufnahm.

In Nhalgaroth war Schweigen keine Abwesenheit. Es war ein Wesen. Lebendig. Wachsam. Wer dort einen Laut von sich gab, spürte einen eisigen Druck im Kopf — als würde eine uralte Präsenz jede Schwingung prüfen, wägen… und richten.

Man sagte: Wer dort ein Geheimnis laut aussprach, verlor den Verstand. Wer schwieg — dem flüsterte Nhalgaroth leise zu. Nicht mit Worten. Mit Gedanken. Aus der Tiefe der Schatten.

Aus der Essenz des Unaussprechlichen.


Damals — zweiundzwanzig Jahre zuvor

Tief unter der schwarzen Leere von Tharúl ruhte es: das Siegel des Schweigens. Eingebettet in eine uralte steinerne Tafel, versiegelt mit der Stimme des ersten abtrünnigen Zirkelmeisters — jenes Mannes, der hier starb, um die Menschheit vor dem Bösen zu bewahren. Es war kein Schloss aus Metall. Kein Riegel und auch keine Kette. Es war ein Gebot. Ein Bann, gewoben aus Wahrheit und Verdammnis, der nur durch das Unaussprechliche gebrochen werden konnte — und durch das, was wirklich ist.

Niemand konnte das Siegel berühren, ohne ein Opfer zu bringen. Und die Opfer waren hoch. Ein Teil des eigenen Glaubens. Ein Teil der eigenen Wahrheit. Ein Teil, und das war der bitterste Preis von allen, der eigenen Seele.

Dieses Siegel, eines von sieben, war erschaffen worden, um die Menschen vor der Finsternis zu schützen. Denn Menschen waren zerbrechlich. Ihre Leben kurz. Ihre Herzen leicht zu beugen.

So hatte der abtrünnige Zirkelmeister einen Bann gewirkt, so mächtig wie teuflisch, damit das Siegel niemals entweiht werden konnte.


Heute

Etwas wisperte. Eine kaum wahrnehmbare Stimme erhob sich aus der Tiefe, monoton und doch durchdrungen von uraltem Drängen.

„Sie kommen. Die Neun. Verstummt, verstoßen, versiegelt. Doch der Ruf hallt durch alle Welten. Wenn die Schatten Namen tragen, werden sie das Fleisch der Welt fordern. Und niemand wird davor fliehen können.“

Die Worte glitten wie kalter Atem durch den Raum. Sie suchten einen Riss, einen Spalt, einen Weg hinaus. Sie wollten gehört werden. Sie mussten gehört werden. Zur Warnung. Denn die Menschheit würde fallen.

Das Lied des ersten Siegels erklang. Leise. Uralte Stimmen sangen es in Sprachen, die kein Mensch mehr kannte. Ein Summen, ein Beben, ein fernes Echo. Es war an der Zeit.

In der Tiefe regte sich etwas. Langsam öffneten sich Augen. Keine Augen wie deine oder meine. Sondern schmale, grausame Schlitze voller altem Groll. Ein Teil von ihm, vor Jahrzehnten verbannt, lag nicht länger still. Er träumte. Er sah sie. Das Mädchen. Ihre Augen, grün wie Moos im Schatten alter Wälder. Ihr Haar wie flüssiges Feuer. Die sein Blut trug – und das Licht, das er hasste. Und einst geliebt hatte.

„Tochter…“ hauchte die Dunkelheit.


Ein weiteres Flüstern erhob sich. Zarter als zuvor, wie ein Hauch, der sich tastend formte, dann Gestalt annahm. Doch es kam von weit her. Von sehr weit. Eine Hexe sprach. Ihre Stimme wanderte durch die Zeiten, durch Schichten der Welt, durch Äonen, die längst zerfallen waren. Sie durchdrang jede Grenze, legte sich in jede Zelle, in jeden Gedanken, in jedes schlagende Herz.

Und die Welt hielt den Atem an, als ihre Worte sich niederlegten wie ein uralter Bann:

„Wenn Nebel leuchtet und Schatten sprechen, dann wandle nicht – dann wähle. Denn zwischen zwei Atemzügen wird es geschehen. Die Welt wird brennen oder sterben in Eis. Und das Herz der Einen – wird schlagen für beide.“

Das Flüstern verklang. Doch die Worte blieben. Wie ein schwarzer Faden, der durch die Wirklichkeit genäht war.


Unter der schwarzen Leere von Tharúl regte er sich. Ein Beben rollte durch sein Innerstes. Es würde nicht mehr lange dauern. Er wusste es. Er fühlte es tief in den dunklen Windungen seiner Eingeweide. Das Gefängnis wankte. Leicht. Kaum wahrnehmbar. Aber es war da. Dann sprach er. Nicht mit einer Stimme oder mit einem Laut. Sondern mit einem Gedanken, der in die Welt hinaus eilte, um die Seinen zu finden.

Ein Echo erklang. Ein Widerhall, der sich in den Schlaf der Lebenden schlich. Der flüsternde Vers glitt von ihm fort. Und irgendwo in der Ferne schlug eine Glocke an. An sieben Orten der Welt flammten sieben Runen auf. Zeitgleich. Grell. Durchdringend. Als hätten sie nur auf diesen Ruf gewartet.

Im Süden schrie ein Rabe. Schrill, anklagend, warnend vor der kommenden Gefahr. Sein Ruf durchschnitt die Dunkelheit wie ein Messer. In der Tiefe tat sich ein erster Riss auf. Unsichtbar für Augen, doch spürbar für alles, was in den Schatten lebte. Die Finsternis legte sich an diesen Riss, trank gierig daraus – und lachte. Leise. Grausam. Ewig.

„Ich bin nicht mehr vergessen. Ich bin nicht mehr fern. Ich bin nicht mehr allein.“

Die Zeit selbst hielt den Atem an.

Und die Neun würden sich erheben, um das erste Siegel zu brechen.


Asharael – der siebte Monat, der Lichtfall im 43. Zeitalter

Einige Wochen nach Veythara.

Silveroak hatte sich verändert. Nicht sichtbar, und auch nicht greifbar. Aber fühlbar – wie ein Herzschlag. Die Straßen lagen still. Die Zeit schien, als wäre sie mit einem grauen Schleier überzogen. Kein Wind bewegte die alten Äste, kein Vogel rief, kein Insekt sang sein Nachtlied. Selbst der Nebel schien schwerer geworden zu sein – dichter, fast atmend.

Eine junge Frau ging durch die Gassen, als schwebe sie durch einen Traum. Ihre Schritte hallten nicht. Alles verschluckte den Klang. Lautlos. Wortlos. Sie bewegte sich vorwärts – und doch schien sie nicht voranzukommen. Als würde sie einfach nur auf der Stelle laufen.

Sie wusste nicht, wohin sie ging. Nur, dass sie weitergehen musste. Ein innerer Zwang trieb sie voran, ein kaum hörbares Wispern, das sie nicht verstand und dem sie dennoch folgte. Keine Gedanken, nur ein Gefühl: kalt, fremd … und doch so seltsam vertraut.

Plötzlich blieb sie stehen. Ohne Grund. Ohne Bewusstsein. Wie jemand, der nicht sicher weiß, ob er schläft oder wacht. Vor ihr erhob sich ein alter Torbogen aus dunklem Stein, überwachsen von schwarzem Efeu. Die Verzierungen wirkten vertraut – ein Echo aus einer Erinnerung, zu der sie keinen Zugang hatte. Sie wusste, sie hatte so etwas schon einmal gesehen. Nur wusste sie nicht wann, oder wo.

Der Bogen glomm im fahlen Licht der Laternen. Ein lebendiger Stein. Oder ein schlafender Wächter? Die junge Frau sah sich um. Für einen Herzschlag schien die Welt zu flimmern. Ihre Hand zitterte, als sie nach dem Stein griff. Ein kurzer Schmerz zuckte über ihre Finger, wie eine leichte Verbrennung. Doch da war kein Feuer. Nur Dunkelheit. Nur Kälte.

Sie wandte sich um. Die Straße war verschwunden. Sie sah nur noch Nebel. Undurchdringlich, lautlos, wie mit Schatten durchsetzt. War dies noch Silveroak? Der Torbogen öffnete sich zu einem Pfad, der von Bäumen gesäumt war, deren Stämme sich auf seltsame Weise verzogen. Wenn sie genauer hinsahen wollte, verharrten sie wieder still – als wüssten sie, dass sie beobachtet wurden. Kein Laut drang an ihr Ohr. Und doch spürte sie einen Blick. Vielleicht aus der Ferne. Vielleicht aus nächster Nähe.

Der Nebel selbst schien Augen zu haben. Die junge Frau ging langsam vorwärts. Mit jedem Schritt tiefer hinein veränderte sich etwas in ihr. Ihr Herz schlug schneller – nicht aus Angst. Aus Erkennen. Die Energie des Ortes regte sich gegen ihre Haut wie ein altes, vergessenes Lied, das sie beinahe mitsingen konnte … fast.

In einer Senke, wo der Nebel am dichtesten lag, stand ein einzelner Baum. Knorrig, alt und blätterlos – seine Äste ragten wie schwarze Finger in die Nacht. Unter ihm ruhte ein Brunnen, überwuchert von Moos und alter Magie. Ein Schlund aus Stein und Zeit. Die junge Frau trat näher. Die Luft wurde schwerer. Kühler. Geladener.

Etwas wartete in diesem Brunnen – auf sie. Das konnte sie deutlich spüren. Es war kein Wesen oder eine Form, auch keine Stimme. Nein. Es waren unzählige Stimmen. Wie ein Chor aus Erinnerungen, der auf ihrer Haut zu brennen schien. Sie hörte sie nicht mit ihren Ohren. Sie hörte sie mit ihrem Blut.

„Es beginnt …“

„Die Schleier reißen …“

„Dein Blut kennt den Weg …“

„Die Zeit … sie ist zerrissen.“

Sie wich zurück. Ihr Herz raste. Ihre Knie gaben nach. Sie wollte fliehen – doch es gab keinen Weg. Nur Nebel und Schatten. Nur diesen Baum, dessen Äste sich zu bewegen schienen? Und plötzlich stand sie wieder vor dem Torbogen. Wie und wann? Hatte sie sich umgedreht? War sie gegangen? Oder hatte der Ort sie zurückgeworfen? Der Pfad hinter ihr war ein anderer als zuvor. Aber er führte hinaus – zurück in die vertrauten Gassen von Silveroak. Doch als sie die Schwelle überschritt, sah sie es in den Schatten der Häuser, im fahlen Licht der Laternen, im Zittern der Luft: Silveroak war nicht mehr dieselbe Stadt.

Oder aber – sie selbst war nicht mehr dieselbe Frau.


Mit einem lauten Schrei fuhr die junge Frau aus dem Schlaf. Keuchend tastete sie nach Halt, als müsse sie erst prüfen, ob die Welt um sie herum noch real war. Langsam beruhigte sich ihr Atem. Der wild pochende Rhythmus ihres Herzens ebbte zögernd ab. Ein dünner Schweißfilm glänzte auf ihrer nackten Haut und kühlte diese in der dunklen Stille ihres kleinen Zimmers aus. Sie zählte ihre Atemzüge. Das tat sie immer, wenn die Panik ihr zu nahekam. Und jetzt war sie mehr als panisch.

Sie richtete sich kerzengerade im Bett auf und schwang die Beine über die Kante. Die nackten Fußsohlen berührten den warmen Holzboden. Das Gefühl erdete sie – schwach, aber genug. Langsam erhob sie sich und trat ans Fenster. Die Dunkelheit hing wie schwerer Samt über der Stadt.

Silveroak war still. Zu still. Nicht die Ruhe einer Stadt nach einem langen Tag, sondern jene Stille, in der sich Unheil verbirgt: ein Atem, der zu lange angehalten wird, ein Blick, der sich abwendet, aus Angst, zu viel zu sehen, eine Stimme, die schweigt, obwohl sie sprechen sollte.

Sie lehnte die Stirn gegen das kühle Glas. Ihre katzenhaften, grünen Augen versuchten die Dunkelheit vor ihr zu durchdringen. Ihr langes, lockiges, feurig rotes Haar klebte feucht an ihrem Nacken. Sie war hochgewachsen, schlank, mit wohlproportionierten Rundungen – ein Körper gebaut für Beweglichkeit, nicht zur Zierde. Sie sah hinaus in die Nacht. Der Nebel lag wie eine wabernde Masse zwischen den Häusern, schwer und klebrig, als tropfe er aus einem Albtraum in die Welt. Nichts rührte sich. Nicht einmal die streunenden Katzen, die sonst durch die Gassen huschten.

Seit Wochen spürte sie es: diese Veränderung. Zuerst war es kaum wahrnehmbar, dann schleichend, eindringlich - wie ein Parfum, das sich leicht in die Luft legt ohne sich zu verflüchtigen. Die Träume hatten sie gewarnt. Immer wieder dieselben Bilder, dieselben Gefühle, dieselbe unausweichliche Präsenz. Der Torbogen, der Weg, der Nebel. Und doch jedes Mal anders. Nie gleich. Nie klar.

Sie seufzte hörbar. Mit einem letzten Blick hinaus drehte sie sich vom Fenster weg. Die Bibliothek würde bald öffnen. Sie musste zur Arbeit. Und so begann sie ihr morgendliches Ritual. Ihre Bewegungen hatten etwas Feierliches, ein stilles Vorgehen, das sie beruhigte und erdete. Sie zog enge, dunkle Hosen an, robust genug für schweres Tragen, für einen flinken Schritt und schnelle Drehungen. Die schwarzen kniehohen Stiefel schmiegten sich wie eine zweite Haut um ihre wohlgeformten Waden. Das weiche Hemd und das schwarze Wams darüber boten Schutz, ohne sie einzuschränken.

Ihr flammend rotes Haar schlang sie zu einem festen Knoten. Gesichert mit einer silbernen Haarnadel – einem alten Erbstück aus dem Waisenhaus, in dem sie aufgewachsen war. Kurz huschten ihre Gedanken zu dieser Zeit zurück. Niemand hatte ihr je sagen können, woher sie stammte. Man hatte sie vor den Toren gefunden, ein Neugeborenes, gewickelt in grobe Leinen. Sie strich sanft mit einem Finger über die silberne Nadel. Das Einzige, was ihr nie jemand wegnehmen konnte. Jeder, der es versucht hatte, war auf wundersame Art und Weise bestraft worden. Die Nadel kehrte immer wieder zu ihr zurück.

Sie trat zur schmalen Kommode, öffnete die oberste Schublade und griff nach dem vorbereiteten Beutel. Sie überprüfte alles, schulterte die Tasche, hüllte sich dann in ihren riesigen, schützenden Schal. Als sie sich der Tür zuwandte, hielt sie inne. Etwas war anders heute. Sie wusste nicht was – nur, dass es sie tief im Innersten berührte. Wartend, lauernd, in denRitzen der Welt. Mit einer langsamen Bewegung öffnete sie die Tür und trat auf den Gang hinaus. Ihre Schritte hallten nicht – selbst der Flur schien den Atem anzuhalten. Stufe um Stufe ging sie die Treppe hinunter, hinaus aus dem Wasserturm, hinaus in die Nacht.

Als sie die Tür öffnete, umfing sie der Nebel sofort. Kalt. Feucht. Zu kalt für diese Jahreszeit, in der sonst Hitze über den Dächern flimmerte. Der Nebel strich über ihre Haut wie lebendige Finger. Klebrig, süß, beinahe neugierig. Silveroak lag vor ihr, getaucht in das matte Licht der Gaslaternen. Die Gassen wirkten länger als am Tag, die Schatten tiefer, als wären sie gewachsen. Die Laternen flackerten – als wollten sie sich weigern, ihr Licht zu schenken.

Sie lauschte in die Stille. Da war ein Laut. Zart. Ein Wispern. Kein Wind, kein Tier, kein Mensch. Ein Laut, der durch die Gassen glitt wie ein Ruf – leise, dringlich, unausweichlich. Keine Stimme. Ein Gedanke - ein Echo. Es sang. Lautlos. Melodisch. Und es zog sie an – wie das Licht die Motte. Sie drehte sich ruckartig um. Nichts. Niemand. Nur Nebel und Schatten. Doch in ihr regte sich etwas. Die Dinge hatten sich verändert. Silveroak war nicht mehr dieselbe Stadt. Oder sie selbst nicht mehr dieselbe Frau. Neugier – dieses Flüstern, das sie schon so oft in Schwierigkeiten gebracht hatte – ergriff sie erneut. Sie stöhnte leise und ging weiter.

Die frühen Morgenstunden tauchten die Stadt in ein unheimliches Zwielicht. Der Himmel war noch zu dunkel, die Laternen zu schwach, um die Nacht wirklich zu vertreiben. Nebel kroch wie geisterhafte Schlieren durch die engen Gassen, legte sich schwer auf das Pflaster und dämpfte jeden Laut. Er schmeckte fremd. Widerlich. Wie Metall und Regen, wie Sturm und verbranntes Eisen. Ihr Schal lag schwer auf ihren Schultern.

Sie zog ihn enger und fröstelte, obwohl der Sommer eigentlich begann. Ihre Stiefel glitten leise über das Kopfsteinpflaster. Die alten Häuser ragten dunkel über ihr auf – schief, stumm, lauernd. Manchmal hatte sie das Gefühl, als beugten sie sich zu ihr hinab, um ihr heimlich etwas zuzuflüstern. Sie ging weiter, Schritt um Schritt, hin zum alten Markt und in eine Zukunft, die längst begonnen hatte, sie einzuholen, ohne dass sie etwas davon ahnte.


Der alte Markt war ein seltsamer Ort. Er sprach in der Nacht eine andere Sprache als am Tag. Während Silveroak sich im Laufe der Jahrzehnte veränderte, wuchs, modernisierte, blieb der Markt ein trotziges Relikt der Vergangenheit – standhaft, eigenwillig, verwurzelt in etwas, das älter war als Pflastersteine und Menschenhand. Tagsüber wirkte er fast harmlos: windschiefe Stände, verblasste Markisen, Verkäufer, die lauthals ihre Waren anpriesen. Die Luft war dann erfüllt von Düften – süß, scharf, würzig, fremd – und vom ewigen Rufen der Händler, die um jeden Nylen feilschten.

Doch jetzt – in diesen frühen, nebligen Stunden – lag etwas über dem Markt, das ihn fremd wirken ließ. Fremd und doch auf andere Art und Weise vertraut. Der Blick der jungen Frau glitt über den Platz. Das Pflaster war unregelmäßig, brüchig, durchzogen von jahrhundertealten Flechten. In manchen Steinen wirkten die Muster wie eingeritzte Symbole – verwitterte Runen vielleicht, oder alles nur Zufall. Niemand wusste, ob sie dekorativ waren oder einst zu etwas anderem gedient hatten. Etwas anderem, das längst in Vergessenheit geraten war.

In den Ecken standen steinerne Figuren. Manche verwittert, von schwarzem Efeu halb verschlungen. Ihre Gesichter waren seltsam doppeldeutig – von einer Seite freundlich und einladend, von der anderen verschlagen, boshaft, janusköpfig. Seltsam war, dass sie manchmal anders standen als am Vortag. Nie viel. Nie auffällig. Nur gerade genug, um Zweifel zu säen.

Am rechten Rand stand ein leerer Karren mit einem gebrochenen, speichenlosen Rad. Er stand immer dort. Niemand hatte je gesehen, wie er dorthin gekommen war. Der Stein unter ihm war dunkler als der Rest des Platzes, feuchter – als würde etwas darunter in die Tiefe sickern.

Der Markt roch seltam: nach altem Rauch, Kräutern, gebrannten Mandeln – manchmal süß, manchmal fruchtig, und manchmal seltsam verdorben. Es hieß, hier seien früher nicht nur Waren gehandelt worden, sondern auch andere Dinge. Magie – so behaupteten manche. Vielleicht. Die junge Frau hatte daran ihre Zweifel. Und doch, jedes Mal wenn sie den Markt überquerte, fühlte sie sich beobachtet. Nicht von Menschen – sondern von dem Ort selbst. Als sei er wach. Als sei er ein Wesen.

In diesem Moment brach die Sonne durch die Wolkendecke. Ein einzelner gleißender Strahl traf die silberne Nadel an dem Haarknoten der jungen Frau. Das Licht glitt über das fein gearbeitete Metall, fing sich in der Gravur – und gab den Namen preis.

Everleigh.


Everleigh schritt langsam zur Mitte des Platzes, dorthin, wo der große steinerne Brunnen stand. Einen Moment blieb sie stehen. Dann blickte sie hinab. Das Wasser war glatt wie poliertes Glas – unbewegt, dunkel, undurchdringlich. Es spiegelte die Umrisse der alten Fassaden ringsum, verzerrt von der anbrechenden Dämmerung, in der Licht und Schatten sich nicht mehr voneinander lösen wollten.

Everleigh beugte sich ein wenig vor. Ihr Spiegelbild wirkte fremd – zu still, zu blass, mit Augen, in denen sich unzählige Fragen ballten wie Sturmwolken am Horizont. Ein leichter Wind strich über die Oberfläche. Kreise zitterten über das dunkle Wasser, löschten ihr Bild aus, als hätte es nie existiert. Sie richtete sich auf, zog den Schal enger um ihre Schultern und wandte sich ab, ohne zurückzusehen. Irgendetwas an diesem Brunnen hatte sie immer frösteln lassen – als wäre das Wasser darin nicht einfach Wasser, sondern etwas Anderes. So etwas, wie ein Auge. Oder ein Gedächtnis.

Everleigh löste sich gedanklich von der stummen Tiefe des Brunnens, der sie länger festgehalten hatte, als sie zugeben wollte und setzte ihren Weg langsam fort. Ihre Schritte führten sie weiter durch das verwinkelte Herz von Silveroak, vorbei an krummen Häusern und engen Gassen, in denen die Schatten länger verweilten, als die Sonne es erlauben sollte. Der Nebel war ein wenig dünner geworden, und doch hing er noch immer über der Stadt wie ein halb gelüfteter Schleier.

Ein Schleier, der mehr verbarg, als er preisgab.


Im alten Viertel

Als sie die schmale Biegung zum alten Mauerviertel nahm, wanderte ihr Blick unwillkürlich nach oben — dorthin, wo Khaer Thál’en wie ein dunkles Bollwerk über der Stadt thronte. Hoch oben auf dem Felsen, dort, wo der Himmel tiefer und schwerer wirkte als anderswo, erhob sich die uralte Festung. Schwarz. Schroff. Wehrhaft. Im matten Licht des frühen Morgens sah Khaer Thál’en aus, als wäre sie nicht erbaut, sondern aus dem Berg selbst herausgehauen worden. Ihre Silhouette schnitt wie ein Riss durch das Grau und warf ihren kalten, steinernen Schatten über ganz Silveroak.

Khaer Thál’en war älter als die Stadt. Vielleicht älter als die Erinnerung der Menschen. Niemand lebte dort — und doch wirkte sie nie leer. Die schmalen Fenster waren blind vor Alter, milchig wie der Nebel der sich um die Festung wand. Kein Banner schmückte die vier Türme, kein Wappen prangte an den Mauern. Und doch sprach die Festung. Nicht in Worten, sondern in einer stummen Macht, die man im Rücken spürte, sobald man sich näherte. Eine stille Autorität, verankert in Stein und Zeit.

Everleigh wagte es nicht, direkt hinzusehen. Sie musste es nicht. Khaer Thál’ens Präsenz lag wie ein drückender Gedanke in der Luft — ein uraltes, wachsames Etwas, das die Stadt niemals aus den Augen ließ. Man erzählte sich, dass ihre Mauern nie eine Belagerung gesehen hatten. Nicht, weil sie unüberwindbar waren — sondern weil niemand je den Mut besessen hatte, es zu versuchen. Das alte Mauerviertel lag direkt zu Füßen der Festung. Noch weiter unten, fast wie ein Schatten der steinernen Wacht, stand das Schweigende Haus.

Everleighs Schritte verlangsamten sich. Die Fenster des Schweigenden Hauses waren erblindet oder vernagelt, die Türen mit altem, rostigem Eisen beschlagen — Eisen, das, so erzählte man, bei Berührung bitterkalt wurde. Niemand sprach je offen darüber. Nicht einmal im Flüstern. Das Schweigende Haus trug eine Geschichte, so düster, dass niemand, der sie kannte, je darüber reden wollte. Sobald jemand Fragen stellte, wandten die Menschen sich ab.

Manchmal hatte Everleigh das Gefühl, das Haus existiere nur, wenn man es direkt ansah — und verschwand aus der Welt, sobald man den Blick abwandte. Zwischen dem düsteren Gewicht von Khaer Thál’en über ihr und der unheilvollen Stille des Schweigenden Hauses neben ihr fühlte Everleigh sich plötzlich seltsam klein — eingeklemmt. Sie riss sich von dem verstörenden Gedanken los und ging zügig weiter.

Nur noch wenige Straßen. Vorbei an der verfallenen Apotheke mit den zerborstenen Fenstern. Unter der alten Gitterbrücke hindurch, auf deren Querstreben die Krähen saßen — Krähen, die niemand je fliegen sah. Schließlich erreichte sie das eiserne Tor der Bibliothek. Es war alt und schwer, verziert mit einem Wappen, das nur im Regen sichtbar wurde. Everleigh öffnete es langsam, trat hindurch und schloss es hinter sich. Für einen Atemzug hatte sie das Gefühl, die Stille hinter dem Tor berge Antworten, die sie schon zu lange suchte. Als würde in dieser alten Bibliothek etwas auf sie warten.

Doch für den Moment sperrte sie nur eines aus: die Dunkelheit der Stadt.