Zerbrochene Versprechen

Alle Rechte vorbehalten ©

Zusammenfassung

Die Beziehung zwischen Courtney und Ben liegt seit Jahren in Scherben. Sie endete abrupt, als Ben aus familiären Verpflichtungen heraus eine andere Frau heiratete und Courtney schwanger und mit einem Scherbenhaufen ihrer Gefühle zurückließ. Courtney hat längst mit ihm abgeschlossen. Sie führt ein zufriedenes Leben in ihrer Heimatstadt, zieht ihre kleine Tochter groß und kümmert sich liebevoll um ihre Großmutter. Doch als Ben plötzlich wieder vor ihr steht und sie um Vergebung bittet, steht Courtney vor einer schwierigen Entscheidung – und Ben vor einer langen Reise der Reue. Kann Courtney ihm jemals wieder vertrauen?

Genre:
Romance
Autor:
Tori Ross
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
39
Rating
5.0 10 Bewertungen
Altersfreigabe
18+

Memories

Ben

Ich weiß nicht mehr, ob man für einen guten Whiskey drei oder vier Finger hoch einschenkt. Ich mache mir jedenfalls fünf Finger voll, während Veronica hinter mir schnaubt. Sie ist offensichtlich stinksauer, weil ich ihr nicht helfe.

Scheiß auf sie und ihr Gepäck. Sie kann ihren Mist alleine einpacken und tragen. Von mir aus kann sie sich den ganzen Kram sonst wohin schieben, bevor ich ihr helfe, das Zeug in den Mercedes zu laden. Den Wagen haben wir letzten Weihnachten gekauft, nachdem sie den Range Rover zu Schrott gefahren hat, weil sie zu viel Wein intus hatte.

Gott, meine Frau ist furchtbar. Widerwärtig. Die pure Verkörperung des Bösen.

Ich könnte die Freunde, die mir nach der Ehe mit ihr geblieben sind, um Mitleid anbetteln. Aber sie würden mir nur sagen, dass sie Veronica von Anfang an gehasst haben. Selbst meine Familie, die diese Ehe eingefädelt hat – weil Dads Geschäftspartner Veronicas Onkel ist –, wirft sich vielsagende Blicke zu. Als wüssten sie auch, dass sie abscheulich ist. Zum Glück kam mein Vater dahinter, dass Veronicas Onkel Gelder unterschlagen hat, genau zu der Zeit, als ich den Schwanz von unserem Poolboy im Mund meiner Frau fand. Meine Familie hat die Nachricht von der Scheidung deshalb deutlich besser aufgenommen.

Ich hätte wissen müssen, dass es so endet. Zur Hölle, ein Teil von mir wusste schon vom ersten Tag an, dass diese Farce von einer Ehe zum Scheitern verurteilt war. Ich habe sie nie wirklich geliebt. In meinen Augen war sie eine schlechte Wahl, die meine Familie abgesegnet hat. Das klingt vielleicht schwach und erbärmlich, und irgendwie ist es das auch. Aber wenn man sein ganzes Leben lang ignoriert und auf Internate abgeschoben wird, sucht man einfach nach Anerkennung. Ich schiebe es darauf, dass ich jung war und nicht begriffen habe, was eine Ehe wirklich bedeutet.

Ich wusste nicht, was ich alles aufgeben würde.

Ich betrachte mein Spiegelbild im Fenster mit Blick auf den Central Park und mustere mich kritisch, während ich das Glas an die Lippen hebe. Weißes Hemd, total zerknittert? Check. Die lose Seidenkrawatte hängt an beiden Seiten meiner Brust herab? Check. Ich drehe mich zur Seite und sehe noch den rosa Abdruck an meinem Kiefer, wo mich Veronica vor fünf Minuten geschlagen hat. Die Umrisse ihrer Finger zeichnen sich noch auf meiner Haut ab. Ich blinzle, während ich sie betrachte, fasziniert von den Formen. Im Kontrast zu dem dunklen Glas, das durch den bewölkten Himmel draußen noch schwärzer wirkt, sehen meine Augen richtig grün aus. Ich fahre mit der Hand über mein Gesicht, spüre den Abdruck nach und greife dann in mein lockiges, dunkles Haar, das mal wieder geschnitten werden müsste.

„Du könntest helfen“, schnauzt Veronica und wirft teure Leggings in einen der offenen Koffer. Ihre knallroten Nägel, lang wie Raubvogelkrallen, glänzen im Licht. Gott, ich hasse diese Nägel so sehr. „Du bist der Grund, warum ich überhaupt in das Ferienhaus meiner Eltern fahre, Benjamin.“

Ich seufze, trinke einen Schluck und kippe mindestens drei Finger des Inhalts auf einen Schlag runter. „Und ich habe dir gesagt, dass du bleiben kannst. Ich will dieses scheiß Stadthaus nicht.“

„Die Anwälte regeln das“, sagt sie. „Du gehst. Ich gehe. Wir verkaufen es. Das haben wir so vereinbart.“

Ich drehe mich vom Fenster weg und starre sie böse an. Schlechte Idee.

Ihre blauen Augen werden trüb, dunkeln fast bis ins Schwarze ab und sie stapft auf mich zu. Sie schnappt sich einen Bilderrahmen von einem Tisch in der Nähe. Teures Teil. Goldener Rand. Ich hebe abwehrend die Arme, während sie mit dem Rahmen auf mich einschlägt. Sie trifft so hart, dass ihr langes, dunkles Haar wild umherfliegt. Strähnen davon kleben in meinem Gesicht. Erst beim dritten Schlag realisiere ich, dass es unser Hochzeitsfoto ist. Das Glas bekommt Risse, und sie wirft den Rahmen beiseite. Ich höre, wie das Glas ein paar Meter entfernt auf dem Boden endgültig zersplittert, während sich diese verdammten Krallen in meine Halshaut graben. Ich spüre den Schmerz ihrer Angriffe nicht – der Alkohol hat meine Sinne längst betäubt.

Andererseits fühle ich schon lange nichts mehr.

Ich packe ihre Handgelenke und drücke sie zurück aufs Bett. Sie sieht mich mit weit aufgerissenen Augen überrascht an. „Du hast mich geschubst!“, schreit sie.

„Ich habe dich von mir weg aufs Bett gedrückt.“ Ich taste nach meinem Hals und starre auf das Blut an meinen Fingern. „Geh einfach, Veronica. Keiner von uns will das hier noch. Hör auf, es so schwer zu machen. Ich habe dich nie physisch betrogen. Das warst du.“

Sie verzieht hämisch den Mund und hebt eine Augenbraue. „Physisch?“

„Halt den Mund.“

„War sie es?“, fragt sie. „Hattet ihr Kontakt? Wenn ja, ändert das alles, Ben. Im Ehevertrag steht klipp und klar, dass du keinen Kontakt zu diesem Müll haben darfst. Ich werde es rausfinden und dir dann auch noch den letzten Cent aus der Tasche ziehen.“

„Halt die Fresse!“, brülle ich und deute mit dem Finger auf sie. „Erwähne sie nie wieder. Ich habe meinen Teil der Abmachung seit unserem Hochzeitstag eingehalten. Ich habe sie nie angerufen. Wie du es verlangt hast. Nie eine SMS geschrieben. Nie eine E-Mail. Keine verdammte, gottverdammte Brieftaube habe ich geschickt, Veronica.“ Ich spucke ihren Namen wie Gift aus. Wortwörtlich. Ein Tropfen Speichel entweicht meinem Mund, als ich es sage. „Ich habe alles getan, was du wolltest. Ich habe sie und all unsere gemeinsamen Freunde in den sozialen Medien blockiert und nie wieder nach ihr geschnüffelt. Du warst meine Frau. Ich habe es versucht!“ Ich hämmere mir auf die Brust. „Und du redest nicht so über sie. Sie hat dir nie ein verdammtes Haar gekrümmt.“

Veronica lächelt diabolisch. „Hast du an sie gedacht? Wenn wir miteinander geschlafen haben?“

Ja. Jedes verdammte Mal, wenn ich in meine Frau eingedrungen bin. Ich habe die Augen geschlossen und in Gedanken Courtney gefickt. Ich habe zu einem Paralleluniversum gebetet, in dem ich wirklich sie ficken würde. In dem wir glücklich wären und ich Veronica nie geheiratet hätte, nur um meine Familie zu beschwichtigen.

„Deine Gedanken waren nie bei mir, also spiel dich hier nicht als der Bessere auf.“

„Oh, das muss ich nicht, Ben. Ich weiß, dass ich besser bin.“ Sie steht vom Bett auf, streicht ihren Pullover glatt und reckt ihre teuer bezahlte Nase in die Luft, um auf mich herabzusehen. „Ich hätte dich nie heiraten sollen. Ich habe einen Versorger verdient, der mehr draufhat.“

Ich blinzle verwirrt. Ich schätze, ein paar hundert Millionen reichen wohl nicht. Wen zur Hölle will sie eigentlich?

„Ich bin sicher, du findest jemanden, der deine finanziellen Bedürfnisse befriedigt, Veronica. Aber es gibt nur eine Handvoll Milliardäre, die es ertragen, dass du die Hälfte des Personals fickst.“

Sie schnaubt verächtlich und wirft ein paar weitere Sachen in ihren Koffer. Ich behalte sie im Auge und drehe ihr nicht noch einmal den Rücken zu. Ich habe keine Lust, mir heute noch den Schädel einschlagen zu lassen.

Ich sehe zu, wie sie fast ihren gesamten Schrank leerräumt, den Portier für einen Gepäckwagen ruft und ihre Kosmetika in zwei weitere Koffer packt. Währenddessen nippe ich am Rest meines Drinks und danke Gott, dass wir nie Kinder hatten. Nicht, dass wir es nicht versucht hätten, aber das Universum hatte die Güte, uns keine Nachkommen zu schenken, um die wir uns jetzt streiten müssten. Unsere Scheidung wird so schon ein Blutbad, bei dem jeder versucht, den Ehevertrag auszuhebeln. Kinder hätten den Stress nur noch vergrößert. Ich will mit dieser Frau nichts mehr zu tun haben, sobald die Tinte auf den Papieren trocken ist. Sie auf einer Hochzeit oder einer Geburtstagsparty eines Kindes zu sehen, wäre ein neuer Albtraum, den ich mir gerne erspare. Wir werden keine gemeinsamen Enkelkinder haben.

Als sie fertig gepackt hat, zeigt sie mir den Mittelfinger und wirft ein letztes Mal ihre Haare zurück, bevor sie verschwindet. Erst dann hole ich Kehrblech und Besen, um die Überreste des Rahmens aufzusammeln. Diesmal kehre ich das ganze Foto mitsamt dem Scherbenhaufen in den Müll.

Nachdem ich fertig bin, gehe ich durch die Räume des Stadthauses und berühre die Dinge, die wir verkaufen werden. Es gibt kein einziges Stück, zu dem ich eine Bindung habe. Keine Kunstwerke, an denen ich Freude hätte. Ich nehme Weingläser in die Hand, die mir nichts bedeuten und mit denen ich keine schönen Erinnerungen an vergangene Dinnerpartys verbinde. Selbst die Couch fühlt sich starr und unbenutzt an, als ich in die Kissen sinke und den Kopf hängen lasse, während ich auf mein leeres Glas starre. Ich könnte mir noch einen einschenken, aber das würde mir bei meiner jetzigen Lage nur noch Kopfschmerzen bescheren.

Hätte ich doch bloß nie Veronica geheiratet. Hätte ich bloß nicht immer meine Familie an erste Stelle gesetzt. Wenn ich mich selbst und meine eigenen Wünsche priorisiert hätte, wäre ich vielleicht glücklich geworden.

Ich hätte es mit Courtney versuchen können.

Courtney Millrose war meine College-Freundin. Wir haben uns in Brown kennengelernt, wo wir beide Wirtschaft studierten. Sie kam aus einer Kleinstadt in Maine, war der typische Mädchen-von-nebenan-Typ mit erdbeerblondem Haar und Sommersprossen. Ich kam aus der alten Philadelphier Geld-Elite, immer in maßgeschneiderten Anzügen. Ich bin auf Yachten aufgewachsen, wenn ich nicht gerade in der dunklen Familienvilla verbrachte, die seit Generationen weitergereicht wurde. Es war eine Geschichte, so alt wie die Zeit, und unsere Freunde verglichen uns mit Prinz William und Prinzessin Kate.

Meine Familie sah in ihr nur ein gewöhnliches Mädchen und ein Hindernis, das ich aus dem Weg räumen musste, um Erfolg zu haben.

Ich habe falsch gewählt. Ich habe sie verlassen. Mit einem Brief. Wer zur Hölle schreibt heutzutage noch Briefe? Ich habe es getan, zwei Wochen vor meiner Hochzeit mit Veronica. Ich habe bis dahin mit Courtney geschlafen, weil ich sie einfach nicht loslassen konnte. Ich wusste, dass es ihr gegenüber grausam war, aber ich konnte nicht grausam zu mir selbst sein, indem ich sie gehen ließ. Nach unserer letzten Nacht zusammen habe ich ihre Stirn geküsst, während sie noch schlief, und diesen verdammten Brief auf den Nachttisch gelegt. Ich weiß genau, wie das in meinem Kopf klingt, denn ich habe jeden Tag seitdem daran gedacht.

Warum ein Brief? Mit der heutigen Technik schien es sicherer. Keine SMS, die Veronica in meinem Handy finden konnte. Kein E-Mail-Verlauf, von dem ich wusste, dass sie ihn kontrollierte. Welche Gen Z-Ehefrau rechnet schon damit, dass ihr Verlobter altmodische Briefe schreibt?

Sicher, Courtney hätte ihn scannen und veröffentlichen können, aber ich wusste, dass sie das nicht tun würde. Es bringt mich um, zu wissen, dass sie diesen Schmerz für sich behalten hat, aber mir war klar, dass es privat bleiben würde. Ihr Leid. Sie würde ihr Leben weiterleben und wahrscheinlich einen netten Jungen aus Maine heiraten. Vielleicht jemanden wie ihren Highschool-Freund, der gerade angefangen hatte, das örtliche Lebensmittelgeschäft zu leiten. Sie wollte eigentlich als Traderin arbeiten, aber von zu Hause aus, damit sie sich um ihre Mutter und ihre alte Großmutter kümmern konnte. So ist sie einfach. Sie beißt die Zähne zusammen und leistet die harte Arbeit. Ich bin mit dem Geld meiner Eltern nach Brown gekommen. Sie hat es durch ihre Noten und ihre erstklassigen Essays geschafft. Sie ist stark.

Ganz im Gegensatz zu mir. Ich war früher schwach und ließ mich leicht von Geld und Einfluss blenden. Ich kenne diese Dinge über mich selbst.

Ich atme tief durch und fahre mir mit der Hand durch die Haare. Dieser traurige Mist hat jetzt ein Ende. Ich bin fertig damit, der privilegierte Hedgefonds-Manager zu sein, der die Früchte der harten Arbeit anderer erntet. Ich bin fertig damit, nur Howard Wittingtons Sohn zu sein. Ich fange jetzt an, Benjamin Wittington zu sein – ein Mann, der durch eigene Arbeit etwas erreicht, sein Leben in den Griff bekommt und der Mensch wird, der er eigentlich sein sollte.

Das fängt bei dem an, was ich schon vor über vier Jahren hätte tun sollen. Es wird meine Probleme nicht lösen. Ich glaube nicht einmal, dass sie mir zuhören wird. Aber ich werde es versuchen. Ich schlage ein neues Kapitel auf, und genau wie bei den Anonymen Alkoholikern erfordert das, Wiedergutmachung bei den Menschen zu leisten, die ich auf dem Weg verletzt habe – all die Leichen, die ich auf dem Schlachtfeld meines verwöhnten, in Watte gepackten Lebens hinterlassen habe.

Ich schulde ihr eine verdammt große Entschuldigung.