PROLOGUE: Die Blutschuld
„DIE NACHT, IN DER DER VOGEL EINGESPERRT WURDE“
— Vor zehn Jahren —
Die Dielen waren eiskalt, aber ich rührte mich nicht. Ich hatte mich in die winzige, dunkle Lücke unter dem massiven Eichenschreibtisch meines Vaters gequetscht. Mein Herz hämmerte so fest gegen meine Rippen, dass die Männer im Flur es sicher hören konnten.
Dann kam der erste Schrei. Es war meine Mutter.
Es war nicht wie im Film. Er war kurz und gellend, und dann – Krach. Der Schuss war so laut, als würde er meinen Kopf spalten. Ich presste die Hände auf die Ohren und kniff die Augen zu, bis ich Punkte sah.
Bitte, bitte, bitte, betete ich. Aber Gott war heute Nacht nicht in unserem Haus.
Weitere Schüsse folgten. Eins. Zwei. Drei. Ich hörte, wie schwere Körper auf den Boden knallten. Ich hörte Glas im Esszimmer zerbrechen. Danach kam eine Stille, die tausendmal gruseliger war als der Lärm.
Dann wurde die Tür zum Arbeitszimmer aufgestoßen.
Ich hielt die Luft an, bis mein Gesicht blau anlief. Unter dem Schreibtisch konnte ich nur seine Schuhe sehen. Schwarzes Leder. Poliert. Teuer. Es klebte kein einziger Tropfen Blut daran, obwohl meine ganze Familie nur ein paar Meter weiter tot am Boden lag.
Plötzlich erfüllte ein seltsamer Geruch den Raum. Es war kein Rauch. Es war teures Parfum – eine Mischung aus Sandelholz und kaltem Regen. Es war der Geruch von Reichtum. Es war der Geruch eines Mannes, der in seinem Leben noch nie einen Kampf verloren hatte.
Der Stuhl knarrte, als er sich setzte. Der Stuhl meines Vaters.
„Ich weiß, dass du da drunter bist, Elena“, sagte eine Stimme. Sie war tief, geschmeidig und völlig ruhig. Als würde er nur über das Wetter sprechen.
Ich erstarrte. Vielleicht würde ich mich in Stein verwandeln, wenn ich mich nicht bewegte, und er würde mich nicht sehen.
„Lass mich nicht zweimal bitten. Ich bin kein geduldiger Mann.“
Ich kroch langsam hervor. Meine Beine zitterten so stark, dass ich fast hinfiel. Ich sah an ihm hoch. Er sah aus, als gehörte er auf das Cover eines Magazins und nicht an einen Tatort. Er war jung – vielleicht Ende zwanzig – mit zurückgekämmtem dunklem Haar und Augen, die wie zerbrochenes Eis wirkten.
Er blickte auf mich herab und für eine Sekunde sah ich sie. Die Pistole auf dem Schreibtisch. Dieselbe Waffe, die die Stimme meiner Mutter für immer zum Schweigen gebracht hatte.
Ich fing an zu weinen. Dicke Tränen rollten mir übers Gesicht, aber ich gab keinen Ton von mir. Ich hatte zu viel Angst, um auch nur zu schluchzen.
Der Mann stand auf und kam auf mich zu. Er sah nicht wütend aus. Er sah eher... gelangweilt aus. Er kniete sich vor mir hin und ruinierte dabei die Bügelfalte seiner teuren Hose. Er streckte die Hand aus und ich zuckte zusammen. Aber er wischte mir nur mit dem Daumen eine Träne von der Wange. Seine Haut war eiskalt.
„Dein Vater war ein Dieb, Elena. Er hat mich bestohlen, also habe ich mir geholt, was mir gehört“, sagte er und starrte mir direkt in die Seele.
Er beugte sich näher. Dieser Geruch nach Sandelholz hüllte mich ein wie ein Käfig. Dann griff er nach mir und hob mich vom Boden hoch. Er drückte mich gegen seine Brust, als wäre ich eine Puppe, die er gerade im Laden gekauft hatte.
Ich blickte über seine Schulter und sah die Hand meines Vaters, die aus dem Flur ragte. Er bewegte sich nicht.
Der Mann wandte sich von den Leichen ab und ging auf den Ausgang zu.
„Ab dieser Sekunde hast du keinen Namen mehr. Du hast keine Vergangenheit“, flüsterte er mir ins Ohr, während er mich fester packte. „Du gehörst jetzt mir.“