Neu in der Stadt
– Taylor –
Ich war völlig fertig. Die Stunden zogen sich wie Kaugummi, und die Reise in diesem Flugzeug fühlte sich endlos an. Bisher hatte ich nie wirklich gespürt, was es heißt, ein Zuhause zu haben. Jetzt fing ich an einem völlig neuen Ort ganz von vorne an.
„Wir landen in Kürze auf dem Los Angeles International Airport“, sagte die Stimme aus dem Lautsprecher.
Das würde mein Neuanfang werden. Zumindest hoffte ich das inständig.
Nach der Landung suchte ich den Ausgang. Mein Handy vibrierte in der Tasche. Mein Bruder hatte mir eine Nachricht geschickt.
Tommy: Hey Schwesterherz, wir stehen draußen beim Abholbereich, links vom Ausgang. Ich kann es kaum erwarten, dich zu sehen! :)
Hier ein paar Infos vorab: Unsere Eltern haben sich vor fünf Jahren scheiden lassen. Seitdem haben mein Bruder – er ist jetzt zwanzig – und ich uns nicht mehr gesehen. Mein Vater nahm ihn mit, und ich blieb bei meiner Mutter. Er lebte in Kalifornien, ich in Michigan. Wir versuchten Kontakt zu halten, bis mein Leben kompliziert wurde. Ich fing an, mich von allen abzukapseln. Ich war an die falschen Leute geraten – oder besser gesagt, an die falsche Person. Aber das ist eine andere Geschichte.
Mit Koffer und Handgepäck lief ich zum Ausgang. Links sah ich meinen Bruder und einen seiner Kumpels am Auto stehen. Natürlich hatten sie schon zwei Blondinen am Hals, die ich innerlich nur als hohl bezeichnete.
Erst jetzt wurde mir klar, wie lange wir uns nicht gesehen hatten. Er wirkte kräftiger, älter und viel größer. Früher war er der dünnste Hering, den ich kannte. Sein Haar war immer noch goldblond, genau wie meines als Kind. Doch während er noch wie früher aussah, hatte ich mich total verändert. Früher war ich das graue Mäuschen mit blonden Haaren und Brille, immer brav und leise. Heute trage ich lange, dunkelrote Haare, meistens offen. Statt Brille habe ich Kontaktlinsen. Meine Outfits sind jetzt enge Leggings oder Jeans, die meine Figur betonen, und knappe Oberteile. Ein Nasenring ist auch dazu gekommen. Mein Vater und mein Bruder werden ihn hassen, aber ich finde, er sieht cool aus.
Ich nutzte die Chance, seinen Kumpel genauer unter die Lupe zu nehmen. Er war noch ein Stück größer als mein Bruder. Jedes Mädchen würde bei seinen schwarzen, zerzausten Haaren schwach werden. Sein rechter Arm war über und über mit bunten Rosen tätowiert. Man sah sofort, dass sich unter seinem Shirt ein Sixpack versteckte. Er sah verdammt gut aus und hatte eine Ausstrahlung, die einen sofort fesselte. Aber er wirkte auch geheimnisvoll, fast schon gefährlich. Mir war klar: Von ihm sollte ich mich lieber fernhalten.
Ich starrte sie wohl schon eine Ewigkeit an. Also gab ich mir einen Ruck und ging auf sie zu. Die Jungs sahen so aus, als hätten sie genug von den Blondinen, die sie am liebsten direkt flachlegen wollten.
„Hey Tommy“, sagte ich und stellte meine Taschen neben das Auto. Die Tussis funkelten mich böse an und zischten, als wollten sie mich vertreiben. Die Jungs starrten mich nur verwirrt an.
„Ähm... tut mir leid, aber kennen wir uns?“ Tommy wirkte völlig durch den Wind. Er legte die Stirn in Falten und versuchte krampfhaft, mich einzuordnen. Sein Kumpel musterte mich währenddessen ganz genau.
„Ich bin...“, fing ich an, doch eine der Blondinen fiel mir ins Wort. „Zieh Leine, ich war zuerst bei ihm“, sagte sie und verschränkte die Arme wie ein bockiges Kind.
Tommy und sein Kumpel hielten mich wohl für verrückt, weil ich sie einfach nur auslachte.
„Traurig, dass du so verzweifelt bist. Ich dachte eigentlich, ich hätte bei meinem Bruder Vorrang“, entgegnete ich und sah sie direkt an. Sie riss die Augen auf, als sie ihren Fehler bemerkte. Dann wandte ich mich wieder an Tommy.
„Warte mal, Taylor!?“, rief er völlig geschockt über mein neues Aussehen.
„Ganz recht, großer Bruder“, sagte ich kichernd. Kaum hatte ich das ausgesprochen, packte er mich und drückte mich ganz fest an sich.
„Du siehst so... anders aus?“, murmelte er, als er mich losließ. Sein Blick wurde plötzlich streng. „Was soll das knappe Zeug, das du trägst? Und wo ist deine Brille?“ Er kniff die Augen zusammen und musterte meinen Stil kritisch.
„Ich bin erwachsen geworden, Tommy. Ich bin nicht mehr das kleine Mädchen von früher“, sagte ich. Dann sah ich zu seinem Kumpel. „Verrätst du mir auch, wer dein Freund ist?“
„Oh shit, tut mir leid. Taylor, das ist Adrian. Adrian, das ist Taylor, meine kleine Schwester“, stellte Tommy uns vor und trat einen Schritt beiseite.
„Schön, Tommys Streber-Schwester endlich mal kennenzulernen. Er hat viel von dir erzählt.“ Adrians tiefe, raue Stimme raubte mir fast den Atem.
„Hoffentlich nur Gutes“, erwiderte ich, sah zu Tommy und zwinkerte ihm zu. Er lächelte zurück.
Tommy warf Adrian einen warnenden Blick zu. Adrian sah wieder zu Tommy und meinte: „Er hat nur erzählt, was für ein Nerd du bist und dass du meistens nur für dich sein willst.“ Er musterte mich noch einmal von oben bis unten. Ich rollte mit den Augen und verpasste Tommy einen freundschaftlichen Schlag in die Magengegend.
„So ein Nerd bin ich gar nicht!“, sagte ich und verschränkte die Arme vor der Brust.
Tommy schnappte sich meine Koffer. „Früher warst du das aber. Du warst immer eine Einzelgängerin. Ich hoffe, das bleibt so, jetzt wo du so wenig Stoff trägst, dass dir alle hinterhergaffen.“ Er deutete mit dem Kopf auf ein paar Jungs, die hinter uns standen. Ich drehte mich um und sah drei Typen, etwa in meinem Alter, die mich unverwandt anstarrten. Einer zwinkerte mir zu. Ich winkte zurück, bis mein Bruder meine Hand packte. „Vergiss es gleich wieder. Du datest niemanden, der nicht den Bruder-Test bestanden hat. Und den schafft so schnell keiner. Zum Glück passen Adrian und unser Kumpel Jake mit auf dich auf, stimmt’s, Adrian?“ Er stieß Adrian in die Seite.
Adrian starrte mich schon eine ganze Weile an. Eine Hand hatte er in der Tasche, die andere am Kinn, als wäre er tief in Gedanken versunken. Ich fragte mich, was wohl in seinem Kopf vorging...
– Adrian –
Einen Tag zuvor –
Ich war gerade in der Umkleide fertig nach einem harten Football-Training. Außer mir waren nur noch Tommy und Jake da, meine beiden besten Freunde. Es war totenstill, man hörte nur unser schweres Atmen, bis Tommy das Wort ergriff.
„Leute, ich muss euch was sagen.“ Jake und ich sahen uns an und dann zu ihm.
„Du willst uns doch jetzt nicht deine Liebe gestehen, oder?“, fragte Jake mit gespielter Panik. „Sorry, Alter, aber ich stehe nicht auf Jungs.“ Ich musste bei dem Spruch grinsen.
„Vollidiot“, antwortete Tommy und räumte seine Tasche in den Spind. „Meine Schwester fängt ihr erstes Jahr hier an der Uni an.“ Jake und ich schauten auf. Natürlich fragte Jake sofort: „Ist sie heiß?“ Tommy feuerte einen Football nach ihm, aber Jake fing ihn gerade noch ab.
„Sie ist absolut tabu, klar?!“, herrschte Tommy uns an. Dann atmete er tief durch. „Ich will, dass ihr ein Auge auf sie habt. Sie hat viel durchgemacht. Ich brauche jemanden, der mit aufpasst, dass es ihr gut geht. Ich vertraue euch mein Leben an – und ihres auch.“ Dann verschwand er aus der Umkleide und ließ uns schweigend zurück.
„Das war jetzt echt deep, oder?“, murmelte ich zu Jake. Wir standen auf und folgten Tommy. Jake grinste nur: „Klassischer Tommy.“ Ich verpasste ihm im Vorbeigehen einen Klaps auf den Hinterkopf.
Später saßen Tommy und ich mit ein paar Bier bei ihm in der WG und schauten Football. Tommy meinte plötzlich: „Ach ja, meine Schwester zieht übrigens bei uns ins Gästezimmer ein, bis sie was Eigenes findet.“ Ich verschluckte mich fast an meinem Bier. „Bitte was?!“, rief ich aus.
Tommy nahm einen Schluck. „Ich weiß, das ist kurzfristig. Aber sie durfte nur nach Kalifornien kommen, wenn sie bei mir wohnt. Da wir das Zimmer frei haben, ist das der beste Weg, um auf sie aufzupassen.“
„Du sagst ständig, wir müssen auf sie aufpassen. Warum eigentlich?“ Tommy seufzte schwer. „Ich weiß nicht genau, was in Michigan bei unserer Mutter vorgefallen ist. Sie braucht einen Neuanfang. Keine Sorge, sie wird uns nicht nerven. Sie ist ein totaler Nerd, liest nur und hockt entweder im Zimmer oder in der Bib.“ Er schmunzelte und brachte die leeren Dosen in die Küche. „Sie wird überhaupt keinen Stress machen.“
Na ja, wenn sie uns nicht in die Quere kommt, soll es mir recht sein.
Der nächste Tag –
Tommy bat mich, mit zum Flughafen zu kommen, um seine Schwester abzuholen. Ich hatte ihm versprochen, auf sie aufzupassen, genau wie Jake. Er war ziemlich nervös, sie wiederzusehen, aber ich beruhigte ihn und sagte, dass wir ihm helfen würden, wo wir nur konnten.
Am Flughafen schrieb Tommy ihr eine Nachricht, dass wir draußen warteten. In dem Moment kamen zwei Blondinen auf uns zu.
„Willst du nicht mit mir kommen, Hübscher?“, fragte die eine und legte ihre Hand auf meinen Arm. Die andere baggerte Tommy an. Ich war ziemlich genervt. Ich stehe nicht auf Mädels, die sich so billig anbiedern. Dann kam plötzlich eine andere junge Frau auf uns zu und begrüßte Tommy.
„Sorry, aber kennen wir uns?“, fragte Tommy völlig verständnislos. Wie konnte er dieses Mädchen vergessen? Sie hatte dunkelbraune, fast schwarze Augen und langes, glänzendes rotes Haar. Ihr enges bauchfreies Top und die Leggings ließen tief blicken und zeigten ihren durchtrainierten Bauch. Ich konnte den Blick nicht von ihr lassen, während sie die hohlen Blondinen in die Flucht schlug.
„Warte mal, Taylor!?“, rief Tommy und riss mich aus meinen Gedanken.
Moment, das ist seine Schwester?! dachte ich. Die beiden umarmten sich. Sie fragte, wer ich sei, und Tommy stellte uns vor. Ich erwähnte, dass Tommy sie als Nerd bezeichnet hatte. Aber so wie sie aussah, war sie alles andere als ein Nerd. Sie sah eher nach verdammt viel Ärger aus.
Sie winkte ein paar Typen hinter sich zu, woraufhin Tommy sofort dazwischenging. Ich starrte sie immer noch an. Sie war anders, geheimnisvoll und irgendwie unnahbar. Ihr Nasenring blitzte über ihren vollen Lippen auf. Warum dachte ich gerade an ihre Lippen? Sie ist die Schwester meines besten Freundes!
„Stimmt’s, Adrian?“, fragte Tommy und stieß mich an. Ich schreckte auf. „Oh, klar, stimmt.“ Die beiden sahen mich verwirrt an, fragten aber nicht weiter nach. „Lass uns nach Hause fahren, Tay. Du bist sicher k.o.“, sagte Tommy und stieg auf der Fahrerseite ein. Taylor sah mich mit ihren wunderschönen braunen Augen an.
„Wenn du willst, packe ich dein Handgepäck in den Kofferraum“, sagte ich, während sich unsere Blicke trafen. „Oh ja, danke“, antwortete sie lächelnd und klimperte mit den Wimpern. Als ich nach der Tasche griff, berührten sich unsere Hände kurz. Wir hielten beide kurz den Atem an. Dann stieg sie hinten ein und ich vorne.
– Taylor –
Die Fahrt dauerte gefühlt ewig. Mein Bruder fragte ständig, ob alles okay sei, und ich antwortete jedes Mal mit „Ja“. Adrian war im Auto sehr schweigsam.
Adrian und ich hatten uns beim Abholen oft angesehen. Er ist wirklich verdammt attraktiv. Man merkte ihm an, dass er über etwas nachgrübelte. Ich hoffte nur, dass ich nicht störte, wenn ich jetzt bei ihnen wohnte.
Nach etwa 45 Minuten hielten wir vor einem beeindruckenden Wohnblock. Das sah alles nach einer sehr teuren Gegend aus. Ich stieg aus und starrte an dem Gebäude hoch. „Oh mein Gott“, entfuhr es mir. „Ihr wohnt hier?“ Ich sah zu Tommy und Adrian, die gerade meine Sachen aus dem Kofferraum holten.
„Ja, tun wir“, lachte Tommy. Dann sah er zu seinem Kumpel. „Adrian, bringst du ihre Taschen schon mal hoch? Wir kommen gleich nach. Ich muss kurz unter vier Augen mit meiner Schwester reden.“ Adrian nickte, warf mir noch einen Blick zu und verschwand durch die Eingangstür.
Tommy zog mich wieder in eine feste Umarmung. „Ich habe dich so vermisst, kleine Schwester. Tut mir echt leid, dass ich dich in Michigan nie besucht habe, aber die Uni und Football haben mich voll eingespannt.“ Er klang, als würde er gleich losheulen. Ich sah ihn an. „Tommy, schon gut. Ich verstehe das doch. Ich bin einfach nur froh, dass Dad mich ab und zu besucht hat. Wer weiß, wo ich sonst heute wäre“, murmelte ich den Tränen nahe.
Tommy wischte mir mit seinem Ärmel eine Träne vom Gesicht. „Du bist eine starke Frau. Ich weiß nicht, wie du das fünf Jahre lang allein ausgehalten hast. Aber ich verspreche dir: Diesmal lasse ich dich nicht allein.“ Er lachte kurz. „Jetzt hast du mich wieder an der Backe.“ Ich musste auch lachen. „Komm, lass uns hochgehen. Unsere anderen Freunde wollen dich auch kennenlernen, die warten schon oben.“ Tommy nahm meine Hand und zog mich mit nach oben in den 50. Stock.