Nordlicht: Rotkäppchen im Bann des Wolfes

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Zusammenfassung

Er wirbelt mich herum, bis mein Rücken gegen den Torbogen gepresst ist und Jasminblüten in mein Haar fallen. Mit einem Arm stützt er mich, während er mit der anderen Hand meinen Kopf nach hinten neigt und seine Finger sich in mein Haar vergraben. Er küsst mich den Hals hinunter, hält an meinem Schlüsselbein inne und stöhnt auf. „Ich will dich, ich brauche dich“, sagt er, „ich muss dich markieren.“ „Ja“, flüstere ich, „aber nicht so.“ Nachdem sie bei einer Nordlicht-Tour in den Wäldern Lapplands ausgesetzt und allein zurückgelassen wurde, wird Charlotte vom rätselhaften Besitzer eines lokalen Wolfsschutzgebiets gerettet. Sie fühlt sich auf seltsame Weise zu ihm hingezogen und entdeckt, dass Teile ihrer Vergangenheit nicht das sind, was sie zu sein scheinen – und dass ihr gesamtes Selbstbild kurz davor steht, erschüttert zu werden. Kann sie ihre Angst überwinden und sich darauf einlassen, sich zu verlieben? Und was bedeuten die Enthüllungen über ihren leiblichen Vater für sie und ihre anderen durch Samenspende gezeugten Geschwister?

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
45
Rating
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Altersfreigabe
18+

Kapitel 1:

Als ich mich im Spiegel meiner Hütte in der Lappland-Lodge betrachte, muss ich lachen. Ich sehe aus wie das Michelin-Männchen. Ich bin mir sicher, dass ich mindestens 15 Schichten Kleidung trage. Ich kann kaum meine Zehen berühren. Aber ich will heute Nacht auf keinen Fall frieren. Nichts soll mir die Chance vermasseln, die Polarlichter zu fotografieren. Kein Zentimeter Haut ist zu sehen. Man hat mich gewarnt, dass es bis zu -20 Grad kalt wird. Die Tour soll mehrere Stunden dauern.

Plötzlich vibriert mein Handy. Sarah schreibt, dass sich die Gruppe draußen versammelt. Ich beeile mich. Ich schnappe mir meine Kameratasche, mein Handy und extra Wärmepads für die Akkus. Dann renne ich über das Gelände der Lodge zu den anderen. Sie warten bei den „Aurora-Waggons“, wie sie hier genannt werden. Das sind Anhänger, die von großen Motorschlitten gezogen werden.

Ganz vorne flirtet Sarah schamlos mit dem Tourguide. Sie hat die Tour in der Stadt entdeckt und gebucht. Sie meinte, der Typ sei extrem heiß und sie hoffe, bei ihm zu landen. Ich schüttle den Kopf und bin etwas genervt. Eigentlich sollte sie mich hier unterstützen.

Mein Ex hat mich vor zwei Wochen plötzlich abserviert. Er hat im Fitnessstudio jemanden kennengelernt, die laut ihm „besser zu ihm passt“. Was auch immer das heißen soll. Jetzt bin ich 24, Single und stinksauer. Als Teenager hatte ich ein paar Freunde, aber das verlief sich immer im Sande. Mit meinem Ex war ich seit der Uni zusammen. Er war mein Erstes für so viele Dinge, deshalb hat mich sein Verrat hart getroffen.

Eigentlich sollte das ein Liebesurlaub zu Weihnachten werden. Ich wollte erst alles absagen. Aber diese Reise stand schon ewig auf meiner Liste. Ich wollte das Geld auf keinen Fall verschwenden. Zum Glück konnte die Lodge Sarah in einem anderen Zimmer unterbringen, als ich sie fragte, ob sie mitkommt. Auch wenn ihr Zimmer am anderen Ende der Anlage liegt.

Ich habe Sarah schrecklich gern. Aber ich hatte eine Hütte mit einem romantischen Doppelbett gebucht. Wir sind viel zu alt, um uns ein Bett zu teilen wie früher als Kinder. Damals blieben wir bis Mitternacht wach, kicherten, erzählten uns Gruselgeschichten und mampften heimlich Mitternachtssnacks. Ich lächle bei der Erinnerung. Dann sehe ich zu dem Guide rüber. Er ist ziemlich süß, soweit man das unter den vielen Schichten Kleidung erkennen kann. Sarah ist schon länger Single. Ich gönne es ihr, wenn sie jemanden kennenlernt.

Wir klettern alle in die Waggons. Sarah und ich nehmen die letzten beiden Plätze ganz hinten. Dann ruckelt die Kolonne los in den verschneiten Wald.

Die Landschaft ist traumhaft. Die Lichter der Schlitten werfen Schatten auf die verschneiten Bäume. Alle flüstern nur, um den Zauber nicht zu stören. Wir fahren schweigend dahin und genießen die Ruhe der Nacht. Wir beobachten die Sterne am klaren Himmel. Unser Atem gefriert in der Kälte. Ab und zu rennt ein Schneehase über den Weg, aufgeschreckt aus den Büschen.

„Alles klar!“, ruft der Guide laut, als die Schlitten anhalten. „Das ist unser Platz für die Polarlichter. Steigt aus und wärmt euch am Lagerfeuer. Es gibt heiße Schokolade und Kekse. Wem zu kalt wird, der kann in die kleine Glashütte gehen. Bleibt bitte in der Nähe. Wir fahren in etwa einer Stunde wieder los.

Die Polarlichter zeigen sich nicht jede Nacht. Diese Woche waren sie zwar aktiv, aber garantieren kann ich für nichts. Wenn ich das könnte, wäre ich der reichste Reiseleiter in Lappland.“ Die Gruppe lacht kurz. „Es kann sein, dass wir sie nicht sehen. Aber hoffentlich gefällt euch der Ausflug trotzdem und ihr gebt mir 5 Sterne auf Google.“ Wieder wird gelacht.

Sarah schnappt sich eine heiße Schokolade. Sie geht sofort wieder zum Guide und quatscht ihn an. Ich baue derweil meine Kamera und das Stativ auf. Ich warte auf die Lichter. Mit einer Schokolade und einem Keks stehe ich alleine da. Die Sterne sind wunderschön. Ich mache ein paar Fotos von den Bäumen im Feuerschein. Aber von den Polarlichtern ist noch nichts zu sehen.

Die Stunde vergeht langsam, aber der Himmel bleibt dunkel. Seufzend packe ich meine Sachen zusammen. Wir gehen zurück zu den Schlitten. Sarah kommt aufgeregt zu mir gelaufen. Sie will vorne bei Lief, dem Guide, sitzen. Die beiden verstehen sich super. Sie ist sich sicher, dass heute Nacht noch was läuft. Ich lächle und wünsche ihr viel Glück. Dann setze ich mich wieder ganz hinten auf meinen Platz.

Als die Schlitten wieder in den Wald fahren, höre ich in der Nähe einen Wolf heulen. Kurz darauf antworten andere Wölfe in der Ferne. Ein Schauer läuft mir über den Rücken. In England gibt es keine gefährlichen Tiere, außer vielleicht Kühe. Die töten wohl jedes Jahr ein paar Leute. Ich hatte fast vergessen, dass es in solchen Wäldern gefährlich ist, allein herumzulaufen.

Wir sind erst ein paar Minuten unterwegs, als vorne jemand ruft. Ich schaue nach oben. Die Polarlichter sind da! Es ist atemberaubend. Grüne und lila Wellen ziehen über den Himmel. Aber von einem fahrenden Waggon aus kann ich nicht fotografieren. Zum Glück halten die Schlitten plötzlich an. Der Guide springt ab. Wer schnell Fotos machen will, darf kurz raus. Er will 20 Minuten warten, aber dann müssen sie zurück in die Stadt.

Ich schnappe mir meine Tasche und laufe ein Stück in den Wald. Dort ist eine kleine Lichtung. Von dort habe ich einen besseren Blick auf den Himmel, ohne das Licht der Schlitten. Ich ziehe die dicken Handschuhe aus. Mit den dünnen Unterziehhandschuhen ist es etwas fummelig, aber ich schaffe es. Ich baue das Stativ auf und stelle die Kamera ein. Ich starte die Aufnahmen mit dem Selbstauslöser. Dann mache ich meine Stirnlampe aus und trete zurück. Keine Bewegung und kein Licht sollen das Bild stören.

Während die Kamera noch belichtet, höre ich plötzlich die Motoren. Die Schlitten fahren an! Panisch packe ich mein Zeug zusammen. Ich stopfe alles in die Tasche. Ich höre noch, wie der Guide ruft, dass es losgeht. Die Waggons setzen sich in Bewegung. „Halt!“, schreie ich und fuchtle mit meiner Stirnlampe herum. Aber sie hören mich nicht über den Motorenlärm. Sie werden immer schneller und verschwinden in der Dunkelheit.

Verdammt! Ich ziehe mein Handy raus und schaue auf die Uhr. Was soll das? Wir hätten noch 5 Minuten gehabt. Er sagte 20 Minuten, nicht 15. Sie sind zu früh weg. Aber warum hat Sarah nichts gesagt? Ich könnte mich ohrfeigen. Natürlich, sie saß ganz vorne beim Guide. Sie hat überhaupt nicht mitbekommen, was ich hinten mache. Und das alte Ehepaar vor mir hat sicher nicht mal gemerkt, dass ich überhaupt da war.

Scheiße, Scheiße, Scheiße. Ich bin so dumm. Warum habe ich niemandem Bescheid gesagt? Aber der Guide hätte uns auch zählen müssen. Wahrscheinlich war er zu abgelenkt von Sarahs Flirterei. Ich bin echt im Arsch. Ich setze mich kurz hin, um zu verschnaufen und nachzudenken. Ich bin allein mitten im Wald in Lappland. Hier gibt es Wölfe und niemand weiß, wo ich bin.

Ich schaue auf mein Handy. Wie befürchtet: kein Netz. Ich versuche trotzdem die 112 anzurufen, aber nichts geht durch.

Gut. Wann merkt jemand, dass ich fehle? Sarah wird wohl die Nacht mit Lief verbringen. Sie wird nicht nach mir schauen, sie hat mir ja von ihrem Plan erzählt. Sie merkt es erst morgen früh. Eine Nacht ist vielleicht nicht so schlimm, denke ich, aber dann stöhne ich auf. Ich habe für morgen eine Wal-Tour gebucht. Sarah wird schnell seekrank und bleibt lieber im Resort im Spa. Sie wird mir vielleicht ein paar Nachrichten schicken, aber sie erwartet keine Antwort. Sie wird denken, ich habe auf dem Boot wieder kein Netz. Wahrscheinlich vermisst mich erst morgen Abend jemand, wenn wir uns zum Essen treffen. Was soll ich 24 Stunden lang hier draußen machen? Die Temperatur sinkt immer weiter.

Ich überlege. Hier zu bleiben ist keine gute Idee. Hier ist nichts. Ich kann entweder den Spuren der Schlitten in die Stadt folgen oder zurück zum Rastplatz gehen. Wir sind fast 50 Minuten zum Rastplatz gefahren, aber erst 10 Minuten zurück. Der Rastplatz ist also viel näher als die Stadt.

Es schneit schon wieder. Wenn ich Pech habe, sind die Spuren bald weg. Ich denke mir, dass die Guides morgen Abend sicher wieder hierher kommen. Wenn ich dort bleibe, werde ich am ehesten gefunden. Vielleicht brennt das Lagerfeuer noch. Und vielleicht komme ich in die kleine Glashütte, um mich vor der Kälte zu schützen.

Mühsam stehe ich auf. Die Kälte kriecht schon durch meine Kleidung. Ich stapfe durch den festgedrückten Schnee zurück. Mit meiner Stirnlampe folge ich den Kurven der Spur zwischen den Bäumen. Ich hoffe inständig, dass die Wölfe von vorhin in eine andere Richtung gelaufen sind.

Nach fast einer Stunde sehe ich die Hütte und die Feuerstelle. Erleichtert renne ich hin. Ich rüttele an der Tür der Hütte, aber sie ist abgeschlossen. Unfassbar. Wer schließt mitten im Nirgendwo eine Hütte ab? Ich seufze und schaue mich um, was ich gebrauchen kann.

An der Feuerstelle entdecke ich noch ein paar glühende Kohlen. Sie haben zwar Schnee draufgeworfen, aber darunter glüht es noch. Ein Glück! In einem kleinen offenen Schuppen finde ich einen Stapel Holz hinter den Sitzstämmen. Es ist sogar noch Reisig zum Anzünden da. Vorsichtig lege ich ein paar Zweige in die Glut und puste vorsichtig. Ich halte den Atem an. Endlich knackt es und die Funken springen über. Ich lege ein kleines Scheit nach. Das Feuer fängt sich und brennt wieder richtig auf.

Ich lege nach und nach mehr Holz nach, bis es ordentlich Hitze abgibt. Ich rücke so nah ran, wie ich mich traue. Ich danke Gott, dass ich meiner Oma früher immer helfen musste, ihren Holzofen anzuzünden. Damals habe ich nur genölt, weil es eine nervige Arbeit war. Aber im Ferienhaus war das die einzige Heizung. Ich wollte immer lieber zu meinen anderen Großeltern mit Zentralheizung. Jetzt bin ich froh darum. Man kann ein Feuer so leicht ersticken, wenn man zu viel feuchtes Holz nimmt.

Das Gestell zum Kochen hängt noch über dem Feuer. Der Topf für die Schokolade hängt an einem Nagel im Schuppen. Kekse oder Kakaopulver finde ich nicht mehr. Aber beim Holzlager entdecke ich ein Taschenmesser. Wahrscheinlich haben sie damit das Anzündholz aufgeschnitten. Ich lächle bitter. Gegen einen Wolf hilft das kleine Ding wohl kaum, aber besser als nichts ist es. Ich muss das Feuer am Brennen halten, denn zum Neuanzünden habe ich nichts. Sie haben die Streichhölzer oder das Feuerzeug mitgenommen. Ich stelle mir einen Wecker am Handy und versuche, etwas zu schlafen.

Ich schlafe kaum. Alle 30 Minuten werde ich wach und lege Holz nach. Ich hoffe, das Feuer hält die Tiere fern und mich warm. Zum Glück habe ich in der Lodge so viele Schichten angezogen. Ich fluche leise vor mich hin. Hoffentlich verscheucht meine Stimme die Raubtiere eher, als sie anzulocken. Manchmal bilde ich mir ein, Augen im Wald funkeln zu sehen. Wahrscheinlich nur das Spiegelbild des Feuers in den Augen eines Tieres. Aber es kommt nichts näher und ich höre kein Heulen mehr. Ich ruhe mich so gut es geht aus.