Prolog
Im hohen Norden, wo Berge den Himmel zerreißen und der Wind heult wie ein sterbendes Tier, liegt das Königreich Eldrath, ein Land aus Eisen und Frost. Die Menschen dort sind geprägt von Kälte und Gehorsam. Ihre Lords sind mehr durch Furcht als durch Treue gebunden. In Eldrath ist Güte eine Schwäche, und Barmherzigkeit ist ein Märchen, das Mütter ihren Kindern zuflüstern, bevor die Wölfe kommen.
Sein König, Aedric Veyne, regiert mit einer Hand, die niemals zittert. Sie nennen ihn den Eisernen Wolf. Wo er geht, stirbt der Aufstand, und wo sein Banner weht, verbrennt das Erbarmen. Er nahm den Thron mit Blut: dem seines Onkels, seiner Rivalen und jedes Lords, der zögerte, als er sprach. Er ist jung, doch seine Augen sind alt, ausgehöhlt von Krieg und Geistern.
Seit seiner Krönung sind die Trommeln des Krieges niemals verstummt. Die Grenzen Eldraths sind mit Leichen gesäumt, und der Schnee verbirgt mehr Gräber als Steine. Jene, die seinen Zorn erlebt haben, flüstern, sein Herz sei kälter als das Eis, über das er herrscht. Sie sagen, seine Stimme könne selbst Männer zu Stein erstarren lassen.
Aedric hat keine Königin. Liebe ist die Ablenkung eines Narren. Die Ehe ist eine Kette für schwache Männer. Frieden ist in seinem Mund nur ein Wort, das man ausspricht, bevor die Axt fällt.
Weit jenseits des Nordens liegt Sareen, ein Königreich aus Goldstaub und roten Wüsten, wo die Luft nach Myrrhe und Geheimnissen duftet. Sein Herrscher, König Malek al-Rahim, ist alt. Sein Körper verfällt, und seine Blutlinie zerrinnt wie Sand zwischen seinen Fingern. Er hat keinen Sohn, nur Töchter. Eine von ihnen, geboren unter einem Blutmond, trägt eine Macht in sich, die längst als ausgestorben galt. Maria.
Als die Nachricht von Aedrics Siegen Sareen erreichte, sah Malek keinen Tyrannen, sondern eine Waffe. Einen Schild gegen die Aufstände, die an seinen Toren kratzten. Er schickte einen Falken über Wüste und gefrorenes Meer, der einen in Gold versiegelten Brief trug.
Es war ein Antrag. Kein Flehen um Liebe, sondern ein Handel ums Überleben: seine Tochter, Prinzessin Maria von Sareen, für König Aedric von Eldrath.
Im Gegenzug bot Malek, was kein Nordkönig leicht ausschlagen konnte: tausend Schiffe aus Zedernholz und Gold, ein Bündnis südlicher Legionen zur Verstärkung der dünnen Reihen des Nordens und die volle Kontrolle über die Gewürzrouten, die den Reichtum der Welt speisten. Es war eine Mitgift, die ein Dutzend Imperien kaufen konnte.
Doch hinter dem Versprechen zitterte Maleks Hand. Nicht vor Alter, sondern vor Schuld.
Denn er wusste, was Aedric eines Tages erfahren würde: dass seine Tochter unter einem Blutmond geboren war und in ihren Adern die alte Magie der ersten Königinnen von Sareen trug. Dieselbe Macht, die Eldrath seit Jahrhunderten mit der Ausrottung verfolgte.
Aedrics eigener Bruder war eines ihrer Opfer gewesen, verflucht von einer Hexe, bis der Wahnsinn ihn holte. Manche sagen, Aedric habe ein ganzes Dorf niedergebrannt, um sie zu finden. Andere sagen, er habe sie gefunden und sie um den Tod betteln lassen.
Als der Falke den Norden erreichte, las Aedric den Brief im Licht einer einzigen Fackel. Das Zelt um ihn herum war still, nur der Wind kratzte am Segeltuch.
„Ein Südkönig bietet mir seine Tochter an“, sagte er leise. Seine Generäle wagten nicht zu atmen. „Was will ein sterbender Mann so sehr?“
Er faltete das Pergament mit vorsichtigen Händen und legte es neben sein Schwert – dieselbe Klinge, die die Herrschaft seines Onkels beendet hatte.
Draußen heulte der Schneesturm, als fürchteten selbst die Götter, einzutreten.
Und weit entfernt, im parfümierten Palast von Sareen, erwachte Prinzessin Maria aus einem Traum von Schnee, Rauch und fernen Schreien. Der Duft von Kardamom und Myrrhe hing in der Luft, doch die Nacht um sie herum war schwer, beinahe lebendig.
Die seidenen Vorhänge bewegten sich ohne Wind. Ein Licht nach dem anderen erlosch, bis nur der Mond blieb, der in sanftem, silbernem Schein durch das geschnitzte Fenster drang. Sie stieg aus ihrem Bett, den Atem zitternd, und durchquerte barfuß den Raum. Ihre Fußkettchen flüsterten auf dem Marmor wie entfernter Regen. Das Mondlicht ergoss sich durch das Gitter und wusch über die Mosaike und ihre zitternden Hände.
Draußen schliefen die Gärten von Sareen unter einem Dunst aus Weihrauch und Hitze. Irgendwo schrie ein Pfau, scharf und klagend, als würde er ihre Angst widerspiegeln.
Maria legte ihre Handfläche gegen das kühle Glas. Jenseits des Horizonts schimmerte der Norden schwach: eine Klinge aus Eis, die eines Tages ihr Herz durchbohren könnte.
„Man sagt, er tötet zum Vergnügen“, flüsterte sie. „Dass seine Krone von Blut trieft. Dass selbst der Schnee sein Grab nicht berührt, wenn er stirbt.“
Hinter ihr verlagerten sich die Schatten. Langsam verdichtete sich die Ecke des Raumes, bis sie Gestalt annahm: groß, in einen Umhang gehüllt, durchzogen von Rauch und schwachem Licht. Die Luft bebte um ihn, bog das Mondlicht und trug sowohl eine Drohung als auch etwas in sich, das sie nicht benennen konnte.
„Gerüchte“, sagte er. Seine Stimme war tief, glatt wie Obsidian. „Männer fürchten, was sie nicht beherrschen können.“
Maria drehte sich um. Ihr Puls war ruhig, doch ihre Augen weit aufgerissen. Sie schrie nicht; das tat sie nie. Sie kannte diesen Schatten ihr Leben lang, und doch ließ er ihr Herz auf eine Weise rasen, die sie nicht verstand.
„Und was, wenn die Gerüchte wahr sind?“, fragte sie leise. „Was, wenn ich in meinen Tod geschickt werde?“
Er trat näher. Seine Umrisse wurden schärfer – nicht fest, aber unverkennbar präsent. Unter dem Dunst seiner Gestalt glühten schwache Funken dort, wo sein Herz sein sollte, matt und rot wie sterbende Sterne.
„Du wirst nicht sterben“, sagte er.
Ihre Kehle schnürte sich zu. „Du klingst sicher.“
Seine Hand, oder das, was als solche durchging, hob sich in ihre Richtung. Die Luft zwischen ihnen schimmerte, warm und lebendig. Als seine Finger ihr Haar streiften, leuchteten ihre weißen Strähnen auf wie flüssiges Silber, und Licht kräuselte sich ihre Länge hinunter. Ihr Atem stockte, nicht vor Angst, sondern vor einer Erkenntnis, die sie nicht benennen konnte.
„Ich beobachte dich seit der Wiege“, murmelte er. „Seit der Blutmond deinen Namen in die Sterne gebrannt hat. Du bist nicht dazu bestimmt, zu zerbrechen, kleine Flamme.“
Einen Augenblick lang sprach keiner von beiden. Die Stille zwischen ihnen pulsierte von etwas Altem, Ungesagtem.
Marias Stimme sank zu einem Flüstern herab. „Dann beschütze mich. Vor ihm. Vor der Kälte.“
Die Gestalt beugte sich näher. Der Duft von Gewürzen und Wüste verblasste und wurde durch Regen und Stein ersetzt – der Geruch eines Sturms, der darauf wartete, geboren zu werden.
„Das werde ich“, sagte er, seine Stimme jetzt weicher, fast menschlich. „So wie ich es immer getan habe.“
Die Laternen flackerten einmal auf und erloschen dann. Mondlicht badete sie beide: ihr Gesicht blass, ihre Augen feucht vor Angst, seine Gestalt flackernd wie Rauch, der zwischen den Welten gefangen ist.
Draußen drehte sich der Wind. Weit im Norden hielt ein König in seinem Kriegszelt inne, als hätte sich ein unsichtbarer Faden in der Dunkelheit gespannt.
Und so begann ein Handel, geschrieben in Frost und versiegelt in Feuer: die Geschichte eines Tyrannen, der von einem Geist heimgesucht wird, den er nicht töten kann, und eines Mädchens, geboren aus jener Magie, die er zu vernichten geschworen hat. Ein Märchen zweier Königreiche: eines aus Eis, eines aus Flammen.