Kapitel 1 - Keine Panik
Das Taxi raste eine Straße nach der anderen entlang in Richtung des nächsten Krankenhauses. Auf dem Rücksitz hielt Vincenzo seine arme Frau Natalia fest im Arm.
Maxwell saß vorne und sah immer wieder nach hinten, um nach dem Rechten zu sehen.
Er warf einen Blick zurück und musterte Natalias Zustand genau.
„Come sta, Vince?“ (Wie sieht sie aus, Vince?), fragte er auf Italienisch. Er wollte das Gespräch aus offensichtlichen Gründen privat halten.
Vincenzo war völlig außer sich.
Noch nie in seinem ganzen Leben hatte er solche Angst gehabt. Er saß da mit der Frau, die er liebte, in den Armen – schwer misshandelt und dem Tode nah.
„Baby? Baby, kannst du mich hören?“, sprach er zu ihr. Mit einem Arm stützte er ihren Kopf, mit der anderen Hand hielt er zärtlich ihr Gesicht.
„Lass die Augen offen für mich, okay? Mach sie nicht zu.“
Natalia rang mühsam nach Luft und kämpfte mit jedem Atemzug. Sie starrte in die tränengefüllten, bernsteinfarbenen Augen ihres Mannes, während ihr Blick immer wieder verschwamm.
„Genau so, lass die Augen schön offen“, drängte Vincenzo sie mit einem gezwungenen Lächeln.
Sie japste laut auf und zog die Brauen hoch. Sie versuchte zu sprechen, brachte aber kein einziges Wort heraus.
„Tienila sveglia, Vince.“ (Halt sie wach, Vince.), wies Maxwell seinen Don vom Vordersitz aus an.
„Cosa pensi che io stia cercando di fare?“ (Was glaubst du wohl, was ich versuche?), fuhr Vincenzo ihn vor lauter Angst unbewusst an.
Plötzlich fielen ihre Lider zu, und Vincenzos Gesicht spiegelte sofortige Panik wider.
Er packte ihren Kopf und schüttelte ihn ganz vorsichtig, um sie wieder zu wecken.
„Baby? Baby, bleib bei mir. Du bleibst wach, hörst du mich?“, verlangte er verzweifelt, während ihm die Tränen über die Wangen rollten.
Natalia öffnete die Augen nur einen winzigen Spalt breit und starrte ihn mit leerem Blick an.
Sie rang weiter nach Luft und kämpfte gegen die schwere Überdosis an Drogen in ihrem Körper, die ihr Leben zu beenden drohte.
„Genau so, lass die Augen auf, Natalia. Ich bin hier“, beruhigte er sie lächelnd und wischte sich die Tränen ab.
„Hör einfach auf meine Stimme, okay? Bitte… bitte bleib wach.“
Natalia blinzelte langsam und kämpfte unter einem Stöhnen darum, die Augen offen zu halten.
„Maxwell, quanto tempo ancora?“ (Maxwell, wie lange noch?), rief Vincenzo nach vorne.
„Entschuldigung, wie lange brauchen wir noch bis zum Krankenhaus?“, fragte Maxwell den Fahrer.
„Äh, vielleicht zehn Minuten“, antwortete der Fahrer, während er die Spur wechselte und Gas gab.
„Schneller, bitte! Wir glauben, sie stirbt!“, drängte Maxwell den Fahrer in Panik.
Als Vincenzo Maxwells Worte hörte, schossen ihm erneut die Tränen in die bernsteinfarbenen Augen. Der Gedanke, sie jetzt wirklich zu verlieren, war unerträglich.
Er fürchtete, sie würde diese schreckliche Überdosis und die Gruppenvergewaltigung nicht überleben.
Der Don schloss kurz die Augen, um die Tränen zurückzuhalten. Dann sah er sie wieder an, hielt ihren Kopf vorsichtig im Arm und streichelte ihr Gesicht.
„Bleib bei mir“, flehte er sie an.
„Untersteh dich, mich zu verlassen.“
Acht Minuten später brauste das Taxi auf den Parkplatz der Notaufnahme. Es kam mit quietschenden Reifen zum Stehen, bevor Maxwell heraussprang und Vincenzo die Tür öffnete.
Er half dabei, Natalia herauszuheben, während Vincenzo aus dem Wagen stieg.
Der Don nahm seine Frau wieder auf seine muskulösen Arme. Gemeinsam mit Maxwell stürmte er durch den Noteingang des Krankenhauses.
„Hilfe! Helfen Sie uns bitte!“, schrie Maxwell am Empfangstresen nach Unterstützung.
Sofort kamen mehrere Krankenschwestern herbeigeeilt, eine davon mit einer Trage.
Vincenzo legte Natalia vorsichtig auf die Trage, während Maxwell den Krankenschwestern die Lage erklärte.
„Ihr Name ist Natalia Moretti. Sie ist Anfang zwanzig und hat eine riesige Dosis Roofies bekommen, aber wir wissen nicht genau, wie viel. Seit fünfzehn, zwanzig Minuten atmet sie nur noch ganz flach. Vielleicht auch schon länger“, erklärte Maxwell.
„Sie wurde außerdem tätlich angegriffen und vergewaltigt“, presste Vincenzo hervor und nannte den Krankenschwestern alle grausamen Details, die sie wussten.
„Bitte helfen Sie ihr.“
Während zwei Schwestern Natalia anschnallten und ihr eine Sauerstoffmaske aufsetzten, legte eine dritte Schwester Vincenzo die Hand auf den Arm und sprach ihm lächelnd Mut zu.
„Wir werden ihr helfen, machen Sie sich keine Sorgen“, beruhigte sie die Männer.
Eine Schwester untersuchte Natalias Augen: „Ihre Pupillen sind nadelöhrgroß.“
Vincenzo stand über seine Frau gebeugt und sah zu, wie sich ihre Augen schließlich schlossen und auch zu blieben.
„Ihr Puls ist gefährlich niedrig. Wir müssen los!“, rief eine der Schwestern.
„Schnell, bewegt euch!“
Vincenzo geriet in Panik.
„Baby, mach die Augen auf!“, rief er ihr voller Sorge hinterher, als sie mit der Trage in Richtung der Türen zum Behandlungsraum eilten.
„Natalia! Mach die Augen auf!“
Maxwell musste Vincenzo zurückhalten, während die Schwestern die Trage im Laufschritt wegschoben.
Der Don sah mit Tränen in den Augen zu, wie sie aus seinem Sichtfeld verschwand und sich die Türen hinter ihr schlossen.
Jetzt lag es nicht mehr in seiner Hand…
Er musste warten… und beten.
Eine andere Krankenschwester trat an die beiden Männer heran: „Entschuldigung, könnte einer von Ihnen mir die Daten der Patientin geben?“
„Ich mache das. Geh und setz dich, Vince. Ich bin gleich wieder da“, schlug Maxwell vor. Er klopfte Vincenzo auf den Rücken und folgte dann der Schwester zur Aufnahme.
Vincenzo spürte, wie sein Herz laut in seinem Kopf und seiner Brust hämmerte. In seinen Gedanken rasten die schlimmsten Szenarien an ihm vorbei.
Er konnte sich nicht konzentrieren und keinen klaren Gedanken fassen.
War das das letzte Mal gewesen, dass er seine Frau lebend gesehen hatte?
Würde sie sterben?
Seine Beine fühlten sich an, als würden sie nachgeben. Der Don schleppte sich zu den nächsten Stühlen und ließ sich auf einen fallen, während sich alles um ihn drehte.
Alles brach gleichzeitig über ihn herein.
Das Verschwinden der Rossis.
Die Probleme zu Hause.
Der Streit mit Natalia.
Und jetzt auch noch das hier…
Er kniff die Augen fest zu und vergrub den Kopf in seinen tätowierten Händen. Er versuchte krampfhaft, seine Atmung zu beruhigen.
Er spürte, wie eine schwere Panikattacke aufzog.
Er hatte so etwas erst einmal in seinem Leben gehabt – als sein Vater gestorben war.
Dieser Tag hatte sein ganzes Leben verändert.
Würde es diesmal genauso sein?
Maxwell bemerkte Vincenzos Zustand und kam angerannt. Er wusste genau, was in diesem Moment mit ihm geschah und was er jetzt brauchte.
Eine Stimme, die ihn da durchführte.
Er hockte sich vor seinen Don und Freund hin. Er legte seine Hand auf Vincenzos breiten Rücken und spürte sofort, wie sehr dieser unter Strom stand.
„Vince, hör mir zu. Tief atmen, weißt du noch?“, fing Maxwell an.
„Tief atmen… komm schon. Tief einatmen… und aus…“
Vincenzo hörte Maxwells Stimme wie aus der Ferne und konzentrierte sich ganz auf seinen Atem, so wie Maxwell es ihm sagte.
Er atmete langsam und tief durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus. Allmählich beruhigte er sich und das Schwindelgefühl ließ nach.
„Genau so… gut. Ein… und aus…“, fuhr Maxwell fort und strich ihm über den Rücken.
„Du machst das gut.“
Als die Panikattacke endlich vorbei war, brachen die Emotionen aus ihm heraus. Vincenzos Augen füllten sich mit Tränen. Er kämpfte dagegen an, schloss die Augen und schniefte.
„Sie wird wieder gesund“, beruhigte Maxwell seinen Freund.
„Wir haben sie rechtzeitig hergebracht. Es wird alles wieder gut.“
Vincenzos Atem ging jetzt zittrig, während er versuchte, die Tränen zurückzuhalten.
Er schluckte nervös und nickte.
Nachdem Vincenzo sich wieder gefangen hatte, stand Maxwell auf und ging zurück zur Krankenschwester, um die restlichen Formalitäten zu klären.
Vincenzo setzte sich aufrecht hin und atmete tief aus, bevor er wieder in seinem Sitz zusammensackte.
„Geht es ihm gut?“, fragte die Schwester am Empfang Maxwell.
„Ihm? Ja, er fängt sich schon wieder“, antwortete Maxwell.
„Er leidet manchmal unter extremen Panikattacken.“
„Ach, verstehe“, sagte die Schwester und nickte.
„Wissen Sie, wie lange das dauern wird?“, erkundigte sich Maxwell.
„Das kann ich nicht genau sagen“, gab die Schwester zu.
„Es kommt darauf aus, was sie für sie tun müssen. Es könnte mehrere Stunden dauern, bis wir etwas wissen.“
Maxwell nickte: „Okay, danke.“
Dann drehte er sich um und setzte sich auf den Stuhl direkt neben Vincenzo.
Maxwell sah seinen Don an, der völlig geistesabwesend vor sich hin starrte.
Sein Blick war leer.
„Was geht in deinem Kopf vor?“, fragte Maxwell.
Es dauerte einen Moment, bis Vincenzo mit tonloser Stimme antwortete.
„Das ist meine Schuld“, stellte der Don fest.
Maxwell runzelte über diesen absurden Gedanken die Stirn: „Wie kann das alles deine Schuld sein?“
„Wenn wir uns nicht gestritten hätten, wäre das nie passiert“, erklärte Vincenzo.
„Ich war einfach so eifersüchtig. Ich wollte sie nicht in der Nähe dieser Arschlöcher haben.“
„Hey, dafür hattest du verdammt noch mal einen guten Grund“, sagte Maxwell in ernstem Ton.
„Diese Mistkerle waren von Anfang an Ärger. Wir haben es nur zu spät gemerkt.“
„Und schau dir an, wer den Preis dafür bezahlt hat“, sagte Vincenzo düster.
Maxwell seufzte.
Er drehte sich zur Seite und sah Vincenzo direkt an.
„Vince, nichts davon ist deine Schuld. Hörst du mich? Ihr hattet einen Streit. Paare streiten sich, das ist völlig normal. Diese Männer haben uns reingelegt, und sie…“, Maxwell hielt inne und verzog das Gesicht vor Wut und Trauer.
„…sie haben ihr das angetan. Die sind schuld daran, Vince. Nicht du. Also wag es ja nicht, dir selbst die Schuld zu geben. Verstanden?“
Vincenzo schwieg, doch er nahm sich Maxwells Worte zu Herzen.
Normalerweise würde er es niemandem erlauben, so mit ihm zu reden, aber Maxwell unterstützte ihn – er war ihm ein echter Freund.
Einen Moment lang schwiegen sie gemeinsam, bis Vincenzo schließlich das Wort ergriff.
„Danke, Mann“, sagte der Don.
Maxwell lächelte und klopfte Vincenzo auf den Rücken: „Wofür hast du mich denn sonst?“
Vincenzo musste unwillkürlich lächeln.
Er musste zugeben: Er liebte den Humor seines Freundes.