Kapitel 1
SONYA
VERGANGENHEIT
Meine erste Erinnerung an das Haus meiner Mutter sind Polizeiautos.
Ich kam gerade von der Schule nach Hause. Ich war wohl zwölf oder dreizehn, das ist eigentlich egal. Die Luft war so richtig nasskalt und zog direkt durch meine Jacke. Mein Rucksack fühlte sich an, als wäre er voller Steine.
Ich stand an der Straßenecke und wollte gerade über den Bordstein treten, als ich erstarrte. Der ganze Block flackerte rot und blau. Zwei Streifenwagen, ein Krankenwagen, die Türen standen sperrangelweit offen. Mir schnürte sich die Kehle zu.
Ich wich hinter die Backsteinmauer des Eckladens zurück und lugte vorsichtig hervor. Mr. Henderson von zwei Häusern weiter redete auf einen Polizisten ein und fuchtelte wild mit den Armen. Er sah blass und nervös aus. Und dann sah ich sie – eine Trage, die unseren rissigen Gehweg hinuntergeschoben wurde. Auf ihr lag eine Gestalt unter einem Laken. Eine Hand rutschte heraus und baumelte herab. Ich erkannte den abgeblätterten roten Nagellack sofort. Ich hatte ihn erst am Morgen gesehen.
Der Wind trug Fetzen von Mr. Hendersons Stimme herüber. „... ich weiß nicht viel, aber sie hat ein Kind. Ein Mädchen. Ich glaube, sie geht hier in der Nähe zur Schule. Den Namen weiß ich nicht.“
Das gab mir den Rest.
Ich rannte los.
Ich rannte einfach nur. Mein Rucksack knallte gegen meinen Rücken, meine Lungen brannten. Das Bild der baumelnden Hand hatte sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich dachte nicht nach, ich wusste es einfach. Sie hatte wieder eine Überdosis. Und ich wusste mit eiskalter Sicherheit, wo ich auf keinen Fall hinwollte. Nicht zu dieser Trage, nicht zu den ganzen Fragen und nicht in das Heim-System, das schon seit Jahren wie ein Schatten über unserem Leben hing.
Ich kannte einen Ort.
Serena.
Meine große Schwester. Sie wohnte mit ihrem Freund Mark in einer Wohnung in der Nähe der Bahngleise. Es war kein echtes Zuhause, aber zumindest eine Zuflucht. Ich rannte, bis die Sirenen nur noch ein leises Echo waren, und dann rannte ich immer weiter.
Die nächste Erinnerung ist die, als ich an ihre Tür klopfte und er aufmachte.
Er.
Mark.
Ihm war es egal, wie er aussah. Er machte sich nie schick. Er öffnete die Tür in einem verwaschenen T-Shirt und Jogginghose, die Haare völlig zerzaust. Er war nicht gewalttätig. Jedenfalls nie zu mir. Und auch nie zu Serena, soweit ich das mitbekam. Er war einfach immer… da. Er hatte einen Job, irgendwas mit Auslieferungen. Serena arbeitete als Kellnerin in einem Diner, das die ganze Nacht offen hatte.
Er ließ mich rein, als ich klopfte. Er sah nicht mal besonders überrascht aus, sondern trat mit einem Brummen zur Seite. In der Wohnung war es warm und es roch nach alter Pizza und Zigarettenrauch.
Er gab mir ein Glas Wasser in einer angeschlagenen Tasse. Er war nett. Nicht herzlich wie ein Familienmitglied, aber anständig. Er stellte keine einzige Frage.
Und ich erzählte es ihm – nein, ich fragte ihn. Ob ich bleiben dürfe. Ich sagte, ich wolle nicht ins Heim. Und auf der Straße landen wollte ich auch nicht. Meine Stimme war klein und zittrig.
Meine Schwester Serena liebte mich, das wusste ich. Sie weinte, als sie mich sah, und drückte mich so fest, dass es wehtat. „Mein kleines Schwesterherz, meine kleine Schwester“, flüsterte sie immer wieder in mein Haar.
Und Mark? Ich glaube gern, dass er mich duldete. Das reichte mir schon.
Also ließ er mich bei ihnen wohnen. In einem Gästezimmer, das eigentlich nur eine Abstellkammer mit einem Klappbett war. Es war eng und in der Ecke stapelten sich Kisten, aber es hatte eine Tür.
Die Polizei fand mich nie. Das lag daran, dass Mama bei Serena nie als Mutter eingetragen war, nicht mal in der Geburtsurkunde. Nur ihr Vater stand drin, und der war schon lange über alle Berge. Es gab keine Spur, die von meiner Mutter zur Tür meiner Schwester führte.
Also blieb ich dort. Ungefähr zwei Jahre lang.
Noch eine Erinnerung.
Ich glaube, das war ein Jahr später. Ich war gerade vierzehn geworden.
Es war Nacht und ich versuchte zu schlafen. Aber der Lärm aus dem Zimmer nebenan ließ mich nicht zur Ruhe kommen. Die Wand war dünn, nur Gips und billiges Holz. Das Stöhnen war laut und aufdringlich. Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Ich zog mir die Decke über den Kopf, aber es half nichts.
Ich war mir ziemlich sicher, dass der Mann nebenan nicht Mark war. Seine Stimme klang anders, höher. Da war auch ein Lachen, das ich nicht kannte.
Eine Stunde später wusste ich, dass ich recht hatte, denn Mark kam nach Hause.
Ich hörte die Haustür zuknallen. Ich hörte seine schweren Schritte im Flur. Dann war Stille. Eine schreckliche, dicke Stille, die die ganze Luft aus der Wohnung zu saugen schien. Das hielt nur ein paar Sekunden an.
Dann hörte ich es.
Marks Stimme war ein tiefes, kehliges Brüllen. Es war kein Wort, nur reiner Zorn. Die Stimme des anderen Mannes klang schrill vor Panik. Serena schrie: „Mark, warte –!“
Und dann die Schläge.
Es waren nicht nur Fäuste. Etwas krachte gegen die Wand, dass mein eigenes Zimmer bebte. Ein ekelhaftes Geräusch, wenn etwas Schweres auf etwas Weiches trifft. Stöhnen, erstickte Schreie, das Geräusch von brechendem Glas. Es war kein richtiger Kampf. Es war ein Sturm, der direkt hinter meiner Tür tobte. Ich kauerte mich auf mein Bett, zog die Knie an die Brust und presste die Hände auf die Ohren. Aber ich konnte es nicht ausblenden. Ich saß einfach im Dunkeln da, zählte jeden schrecklichen Aufprall und wartete darauf, dass es aufhörte.
Aber es hörte nicht auf.
Also schlich ich hinaus. Zuerst legte ich mein Ohr an die Tür. Ich hörte nichts. Da war nur eine tiefe Stille, die irgendwie schlimmer war als der Lärm. Ich öffnete die Tür einen Spalt breit.
Ein Brüllen zerriss die Ruhe – eine andere Stimme, rauh und wütend.
Nicht Marks Stimme.
Dann krachte es, als würde ein Möbelstück splittern. Danach war wieder Stille. Eine endgültige Stille.
Man hörte nur noch Serenas Schluchzen, das ungleichmäßig und gebrochen klang.
Ich schlich weiter, meine nackten Füße waren kalt auf dem Linoleum. Die Tür zu ihrem Schlafzimmer stand weit offen.
Zuerst sah ich Mark. Er lag auf dem Rücken auf dem Boden, in einer dunklen Pfütze, die im fahlen Licht fast schwarz wirkte. Seine Augen waren offen und starrten an die Decke. Er bewegte sich nicht mehr.
Serena saß auf dem Bett und krallte sich in ein zerrissenes Laken, um sich zu bedecken. Sie zitterte am ganzen Körper.
Und der Typ… er stand nackt über Marks Leiche, seine Brust hob und senkte sich schwer. Er hielt etwas in der Hand – einen schweren Aschenbecher aus Glas, der dunkel verschmiert war. Er sah mich an. Seine Augen waren wild und leer. Dann sah er zu Serena.
Serena starrte mich an. Ihr Gesicht war eine Maske aus verschmierter Wimperntusche und reiner Angst. „Sonya“, flüsterte sie mit brüchiger Stimme. „Geh zurück in dein Zimmer.“
Ich rührte mich nicht. Ich konnte nicht. Mein Blick klebte an Mark und seiner reglosen Gestalt.
Sie sagte es etwas lauter, fast flehend. „Sofort. Bitte.“
Ich rannte einfach weg. Ich drehte mich um und flüchtete den kurzen Flur zurück in mein kleines Zimmer. Ich schlug die Tür zu. Ich schloss nicht mal ab. Ich stand einfach nur da, mit dem Rücken gegen das Holz, und atmete stoßweise.
Die erste Leiche. Die erste Leiche, die ich je gesehen hatte. Mark war tot. Einfach so. Der Mann, der mich geduldet hatte und der mir Wasser und ein Zimmer gegeben hatte.
Und ich? Ich glaube, in mir ist im selben Moment etwas gestorben. Die Hoffnung auf Sicherheit, auf Türen, die Schutz bieten, und auf eine Welt mit Ordnung. All das sickerte mit ihm auf dem Boden weg.
Nach dieser Nacht versank alles im Chaos.
Zwei Tage lang lag eine unnatürliche Ruhe über der Wohnung.
Dann war Mark einfach… weg. Keine Polizei tauchte auf. Niemand klopfte an der Tür. Keine Vermisstenanzeigen in den Nachrichten. Es war, als hätte er nie existiert. Seine Abwesenheit war wie ein Loch, das nur durch den metallischen Geruch von Bleiche gefüllt wurde, mit der Serena den Boden geschrubbt hatte. Der Fleck war weg, aber auf dem alten Holz blieb ein dunkler Schatten zurück. Wie ein Geist im Holz.
Und Serena?
Sie trauerte nicht. Sie brach nicht zusammen. Sie legte einfach einen Schalter um. Die verängstigte, weinende Frau von jener Nacht war verschwunden. An ihre Stelle trat jemand Hartes und Kaltes, angetrieben von einer verzweifelten Energie. Ihr Leben war sowieso schon chaotisch, aber jetzt drehte sie völlig durch. Den Job als Kellnerin machte sie nur noch ab und zu, dann gar nicht mehr. Das Geld war schon immer knapp, aber jetzt wurde die Not zum Dauerzustand. Die Lösung kam in Form von Männern.
Es fing langsam an.
Ein Typ aus der Bar kam vorbei. Sein Lachen war zu laut und sein Blick wanderte prüfend durch die Wohnung. Am Morgen war er weg und ließ ein paar Zwanzig-Dollar-Scheine auf dem Küchentisch liegen. Serena kaufte davon Lebensmittel – Dinge, die wir uns sonst nie gönnten, wie Tiefkühlpizza und Marken-Cola – und eine neue Flasche Wodka.
Aber es blieb nicht so. Es ging immer schneller bergab, wie ein Auto ohne Bremsen.
Innerhalb eines Monats war unsere Wohnung kein richtiges Zuhause mehr. Es war ein Taubenschlag. Der Lärm drang bis in meine kleine Abstellkammer vor. Der wummernde Bass einer billigen Anlage, das Klirren von Flaschen und das rohe Lachen fremder Männer. Nacht für Nacht.
Sie fing an zu feiern.
Aber nicht die Sorte Party, die Teenager feiern. Das hier war düsterer und dreckiger. Das Wohnzimmer war voller Qualm und Fremder. Männer in Lederjacken mit leerem Blick. Männer, die mich seltsam ansahen, wenn ich ins Bad huschte. Bei diesem Blick lief es mir eiskalt den Rücken runter. Ich schob meine Kommode vor die Tür. Ich fing an, tagsüber zu schlafen, wenn die Wohnung leer war und alle ihren Kater ausschliefen. Nachts blieb ich wach und wachsam.
Sie wurde wie unsere Mutter früher. Das machte mir Todesangst. Es waren nicht nur die Drogen – die Pillen und das Pulver auf den Glastischen. Es war der hohle Blick in ihren Augen, wenn sie mal nüchtern war, was selten vorkam. Ihr Lachen klang wie splitterndes Glas. Sie vernachlässigte alles, nicht aus Bosheit, sondern weil es ihr egal war. Sie vergaß Klopapier zu kaufen oder die Stromrechnung zu bezahlen, bis sie uns den Saft abdrehten. Sie fragte mich nicht mal mehr, ob ich in der Schule war. War ich nicht. Nicht mehr, seit Mark tot war. Es merkte ja sowieso keiner.
Jede Nacht war ein anderer Typ da. Dann zwei. Dann noch mehr. Es ging nicht mehr nur um das Geschäft; es war ein zerstörerischer Rausch. Ich hörte sie durch die Wand – ein Chor aus Grunzen und ihr gespieltes Stöhnen.
Manchmal war es leise, man hörte nur das Rascheln von Geldscheinen. Andere Male wurde es gewalttätig – Flüche, das Geräusch einer Ohrfeige, Serenas Weinen. Dann knallte die Tür und sie schrie ihren Zorn in ihr Kissen.
Sie wurde zu einer Hure.
In meinem vierzehnjährigen Kopf gab es kein schöneres Wort dafür. Meine liebe, müde Schwester, die mich immer so fest gedrückt hatte, war weg. Die Frau, die mich „kleines Schwesterherz“ nannte und Doppelschichten schob, um mir einen Geburtstagskuchen zu kaufen, verschwand immer mehr. An ihre Stelle trat diese Fremde mit verschmiertem Lippenstift und Einstichstellen an den Armen.
Ich erkannte sie nicht wieder.
Die echte Serena war unter Schichten von Sucht und Verzweiflung begraben. Tief in ihrem Inneren schrie sie wohl um Hilfe.
Ich wollte nur meine Schwester zurückhaben. Das war mein einziger Lebensinhalt, mein kleiner Rettungsring im Chaos. Ich versuchte es auf meine Art. Ich putzte die Wohnung, während sie ihren Rausch ausschlief. Ich schrubbte die Aschenbecher und die Ränder der Bierflaschen vom Tisch, in der Hoffnung, dass Ordnung ihr helfen würde.
Ich machte ihr Toast und Tee und stellte es an ihr Bett. Einmal versuchte ich sogar, mit ihr zu reden. Es war ein seltener, ruhiger Nachmittag. Sie lag auf der Couch, starrte an die Decke und zitterte, obwohl es warm war.
„Serena?“, flüsterte ich und setzte mich zu ihren Füßen auf den Boden. Sie sah mich nicht an. „Was ist, Sonya?“
„Ich… ich hab Angst.“ Eine lange Pause folgte. Eine Träne lief durch ihr Make-up zu ihrer Schläfe. „Ja“, hauchte sie kaum hörbar. „Ich auch.“ Für einen Moment sah ich sie. Ganz kurz. Meine Schwester, wie sie am Ertrinken war. Mein Herz machte einen Sprung. „Wir könnten… wir könnten weggehen. Vielleicht. Irgendwohin.“ Da drehte sie den Kopf und sah mich an. Aber der Moment war vorbei. Ihr Blick wurde hart und kalt. „Wohin denn? Und mit was? Das hier ist alles, Sonya. Das ist die Welt. Halt einfach den Mund und bleib in deinem Zimmer, okay?“
Die Tür wurde wieder zugeschlagen, härter als je zuvor.
Ich versuchte es anders. Ich versteckte ihre Drogen und spülte kleine Beutel mit weißem Pulver das Klo runter. Sie nahm die ganze Wohnung auseinander, tobte und nannte mich eine kleine Schlampe, bis sie ein Versteck fand, das ich übersehen hatte. Einmal warf ich eine volle Flasche Wodka in den Müllcontainer hinter dem Haus. Dafür verpasste sie mir eine Backpfeife. Der Knall hallte in der Stille nach. Wir erstarrten beide. Sie hielt sich die Hand vor den Mund, ihre Augen waren weit vor Schreck. „Sonya, es tut mir—“, fing sie an.
Aber ich drehte mich einfach um und ging in mein Zimmer, während meine Wange brannte. Sie kam mir nicht nach. Die Entschuldigung verpuffte einfach. Am nächsten Tag standen zwei neue Flaschen auf dem Tisch.
Die Männer wurden immer schlimmer. Jetzt, wo Mark weg war, gab es keine Regeln mehr. Eines Nachts rüttelte ein Mann mit kalten Augen und tätowierten Spinnenweben auf den Knöcheln an meiner Tür. „Ist da ein kleines Mädchen drin?“, lallte er. Ich presste mich gegen die Wand und hielt die Luft an. In der Hand hielt ich einen rostigen Nagel, den ich aus der Fußleiste gezogen hatte. Serena schrie aus dem Wohnzimmer: „Lass die Finger von der Tür, du Perverser! Das ist meine Schwester!“ Sie stritten sich, dann verschwand er. Serena kam nicht nach mir sehen.
Das Chaos blieb nicht nur in der Wohnung. Es sickerte nach draußen. Mahnungen und Kündigungen stapelten sich unter der Tür. Der Vermieter, ein müder Mann namens Mr. Petrov, kam vorbei. Serena empfing ihn im Seidenmorgenmantel, schwankte und bot ihm einen Drink an. Er ging mit rotem Kopf und fluchte auf Russisch. Die Briefe kamen trotzdem weiter.
Ich fing an, tagsüber rauszugehen und Essen im Eckladen zu stehlen – Brötchen und Käsepackungen. Ich sah andere Kinder in meinem Alter mit ihren Rucksäcken lachen. Sie kamen mir vor wie Wesen von einem anderen Planeten. Meine Welt bestand nur noch aus diesen paar dreckigen Zimmern und der schrecklichen, endlosen Nacht.
Ich dachte ans Weglaufen. Aber wohin? Das Heim-System war wie ein gieriges Maul, das einen verschlang. Die Straße war auch nicht besser. Aber trotz der Angst und des Eckels hatte ich immer noch ein Fünkchen Hoffnung: Wenn ich blieb, konnte ich sie vielleicht retten.
Ich musste es versuchen.
Sie war alles, was ich hatte.
Wir hatten nur uns.