DER KANARIENVOGEL-KÄFIG
### **WILLKOMMEN IN DER SHADOW CITY: EIN HINWEIS FÜR LESER**
Verehrte Leser,
bevor Sie die Schwelle zu **SINNERS & SHADOWS** überschreiten, müssen Sie wissen, worauf Sie sich einlassen. Dies ist keine Geschichte, in der das Licht das Dunkel besiegt. Es ist die Geschichte von zwei verschiedenen Arten von Finsternis, die einander in einem pechschwarzen Raum erkennen.
**Dies ist keine Dark Romance.**
Es ist eine **Grim Romance.**
Eine Dark Romance verspricht einen Helden mit Fehlern, der im Licht der Liebe Erlösung findet. Eine Grim Romance macht keine solchen Versprechen. Hier gibt es keine Rettung, nur das Überleben. Keine Erlösung, nur das Wiedererkennen. Die „Romanze“ ist kein Balsam. Sie ist der Aufprall zweier gnadenloser Mächte in einer Welt, die Brutalität belohnt.
**Warum „Grim“?** Weil diese Erzählung in der Gosse spielt, in den Chefetagen und überall dazwischen, wo Moral gegen Macht verscherbelt wurde. Es ist eine Studie der Kontraste. Es geht nicht um Sünder gegen Heilige, sondern um verschiedene Schattierungen der Sünde. Die polierte, gefühllose Grausamkeit des Silver Sky trifft auf die dreckige, blutige Gewalt der Shadow City. Beide sind brutal. Beide sind moralisch am Ende. Und Sie werden die Verdorbenheit von beiden erleben.
**Was Sie erwartet:**
- Explizite Szenen von sexueller Gewalt, Erniedrigung und Menschenhandel.
- Psychologische Manipulation und tiefe moralische Abgründe.
- Grafische Gewalt, Folter und Bandenkriminalität.
- Charaktere, die Untreue, Prostitution und erniedrigende Machtspiele als Werkzeuge für Geschäft und Kontrolle nutzen.
- Eine Welt, in der Liebe kein Zufluchtsort ist, sondern ein strategisches Bündnis, das im Feuer geschmiedet wurde.
**Hier gibt es keine Helden.**
Nur Überlebende. Nur Sünder. Die Protagonistin ist nicht „gut“. Sie ist brillant, skrupellos und tief gezeichnet. Der männliche Hauptcharakter ist nicht „läuterungsfähig“. Er ist ein gewalttätiger König, der durch Angst und Loyalität herrscht. Sie wollen keine besseren Menschen werden. Sie wollen *gemeinsam* die mächtigste Version ihres ohnehin schon monsterhaften Ichs werden.
Dieses Buch ist **schonungslos, grafisch und psychologisch intensiv.** Es schreckt nicht vor der Hässlichkeit seiner Welt zurück. Es starrt direkt in den Abgrund – und lädt Sie ein, mit hineinzusehen.
Wenn Sie Zärtlichkeit, Erlösung oder klassische Moral suchen, dann **kehren Sie jetzt um.** Dies ist nicht Ihre Geschichte.
Aber wenn Sie bereit sind für eine Welt ohne Helden, in der die einzig mögliche Liebesgeschichte mit Blut und Codes geschrieben wird… dann lesen Sie weiter.
**Betrachten Sie dies als letzte, deutliche Warnung. Die Schatten sind hungrig. Eintritt auf eigene Gefahr.**
*Willkommen auf der anderen Seite des Märchens.*

(Song zum Kapitel:City of Angels— Reed Wonder)
Die Luft im **The Rusty Nail** wirkte fast lebendig. Sie roch nach billigem Whiskey-Schweiß und fahl abgestandenem Bier. Dazu kam das elektrisch-verbrannte Aroma von altem Neonlicht und der metallische Duft von Blut, der nie ganz aus den Dielen verschwand. Dies war das Revier der Onyx Canary. Ein Königreich aus Leder, Sünde und Dämmerlicht, in dem nur ein Gesetz galt: das von Maxim Knox.
Maxim saß auf seinem üblichen Thron. Es war eine zerschrammte Lederbucht im hinteren Teil des Raumes. Von dort aus hatte er jeden Eingang, jeden Deal und jede Gefahr im Blick. Er war ein Denkmal kontrollierter Bedrohung. Seine breiten Schultern spannten unter einem schlichten schwarzen T-Shirt. Seine Arme waren voller Muskeln, alter Tattoos und noch neuerer Narben. Sein dunkles Haar war militärisch kurz geschnitten und betonte seine harten Gesichtszüge. Eine weiße Narbe zog sich durch seine linke Braue. Er war nicht hübsch, aber auf tödliche Weise attraktiv. Wie eine Klinge, die man rasiermesserscharf geschliffen hatte. Mit Augen in der Farbe von altem Asphalt beobachtete er sein Reich.
Um ihn herum saß sein innerer Kreis. **Fang**, seine rechte Hand, war ein schweigsamer Fels von einem Mann mit kahlem Kopf. Er schärfte rhythmisch ein Messer – *kritsch, kritsch*. **Stella**, seine Stellvertreterin, bestand nur aus Sehnen und Muskeln. Sie trug ein Tanktop und nippte an einem puren Bourbon. Ihre Arme waren über und über tätowiert. **Ash, Jett und Pike** – die Drillinge – standen wie eine Wand an einem Billardtisch. Ihr Lachen war ein gefährliches Grollen, während sie gerade zwei Anfänger um ihren Wochenlohn brachten. **Sean**, drahtig und nervös, hockte über seinem Tablet. Seine Augen huschten über die Bilder der Sicherheitskameras aus den Grenzbezirken.
Der Laden brummte richtig, als sich eine Frau namens Lacey in die Nische neben Maxim schob. Sie war auf eine vorhersehbare Art hübsch. Blondierte Haare, enge Lederhosen und ein Lächeln, das wie eine offene Einladung wirkte. Sie war schon seit einer Stunde um ihn herumgeschlichen.
„Hey, Maxim“, gurrte sie und lehnte sich nah an ihn heran. Ihr Parfüm biss sich mit dem Geruch von Whiskey und Rauch. „Gibst du mir einen aus? Oder wir lassen das Trinken gleich bleiben.“
Stella grinste auf der anderen Tischseite in ihr Glas. Fang blickte nicht einmal von seinem Messer auf.
Maxim nahm einen langsamen Zug von seiner Zigarette. Er sah sie nicht an, sondern beobachtete weiter den Raum. „Nicht heute, Lacey.“
Sie schmollte, ein einstudierter Blick. „Komm schon. Ich will ja keinen Ring. Nur ein bisschen Spaß.“ Ihre Hand glitt in Richtung seines Oberschenkels.
Er packte ihr Handgelenk, bevor sie ihn berührte. Sein Griff war fest, aber nicht grob. „Ich sagte nein.“
Sie zog die Hand zurück. Ihre Wangen röteten sich vor Wut und Scham. „Was ist los? Sparst du dich für jemanden Besonderen auf?“
Ein kalter, leerer Blick war seine einzige Antwort. Lacey kannte die Regeln. Wer Knox zu sehr nervte, flog aus der Bar oder Schlimmeres. Sie murmelte etwas und verschwand in der Menge.
Stella lachte leise. „Sie gibt nicht auf.“
„Ihr ist langweilig“, erwiderte Maxim desinteressiert. „Ihnen allen. Sie sehen nur die Kutte, den Club und das Revier. Den Mann dahinter sehen sie nicht. Sie wollen nur das, was er ihnen geben kann.“ Er drückte seine Zigarette aus. „Oder was sie glauben, sich nehmen zu können.“
Fang sah schließlich auf. Sein Gesichtsausdruck war nicht zu deuten. „Wegen Rav.“
Maxims Kiefer spannte sich an. Er brauchte keine Erinnerung daran. Ravenne Vale hatte ihn gelehrt, dass manche Frauen nicht den Mann wollen, sondern die Macht. Sie hatte ihn angelächelt, als würde sie ihn lieben. Sie hatte ihn geküsst, als meinte sie es ernst. Und dann hatte sie seine Patrouillenpläne an die Black Blades verraten, nur um ihre eigene Gang anzuführen. Zwei gute Männer waren wegen ihr gestorben.
Seitdem ließ Maxim niemanden mehr an sich heran. Leichte Zuneigung bedeutete leichten Verrat. Sex war nur eine Ablenkung. Und Ablenkungen brachten Leute um.
Er war lieber allein, als benutzt zu werden.
„Chef“, sagte Sean, ohne aufzusehen. „Unruhe in Crossfall. Die Black Blades machen Stress. Sieht so aus, als würden sie jemanden jagen.“
Maxim zog an seiner Zigarette, die Glut leuchtete im Halbdunkel auf. „Ist mir scheißegal, was die miteinander machen. Solange sie nicht in unseren Straßen rumbluten. Wenn sie die Grenze überschreiten, schick die Hunde los.“
„Geht klar, Boss“, brummte Ash vom Billardtisch und baute die Kugeln mit einem lauten Knallen neu auf.
Doch Sean wurde plötzlich ganz still. Sein sonst so konzentriertes Gesicht veränderte sich. Er riss die Augen auf. „Boah.“
Maxim sah ihn an. „Was ist los, Sean?“
„Das ist ein verdammter Sportwagen“, murmelte Sean fassungslos. „Ein silberner Ghost. Sie jagen ihn. Der Fahrstil ist… irre.“ Er pfiff leise durch die Zähne. „Ach du Scheiße. Sie haben sie an der Kreuzung eingekesselt. Voll in die Seite gerammt. Fuck, sie ist raus – sie rennt!“
Alle am Tisch sahen jetzt zu Sean. Er lehnte sich weit vor, völlig gebannt von seinem Schirm.
„Spar dir den Kommentar, Sean“, sagte Stella mit ihrer rauchigen Stimme. „Wir schauen hier keinen Kinofilm.“
„Das hier ist besser“, hauchte Sean. Er beobachtete, wie eine kleine Gestalt auf dem Bildschirm in die Gasse einbog, die zwangsläufig zum Nail führte. „Oh, du brillante, verrückte Schlampe. Sie führt sie direkt zur Grenze. Direkt zu uns.“ Er sah auf, seine Augen weit vor Schreck und Bewunderung. „Sie kommt hierher.“
Er ließ das Tablet auf den klebrigen Tisch knallen. Jeder Canary im Raum starrte nun auf die schwere, verstärkte Eingangstür der Bar.
Die Tür flog auf.
Der Lärm in der Bar – der Bass der Musik, das Klacken der Kugeln, das betrunkene Gebrüll – hörte nicht auf, aber er veränderte sich. Ein neugieriges Raunen ging durch die Menge aus Lederjacken und zerrissenen Jeans.
Da stand sie.
**Ebony Siere** wirkte wie ein Hauch von eiskalter Eleganz in diesem Sumpf aus Dreck. Ihr Haar war ein glatter, dunkler Wasserfall, der zu einem strengen Pferdeschwanz gebunden war. Das betonte ihre scharfen Gesichtszüge. Hohe Wangenknochen, eine gerade Nase und Lippen in einem harten Rot. Sie tippte hektisch auf ein glitzerndes Handy in ihrer Hand. Die Verbindung kam nicht zustande. Ein Moment puren Zorns huschte über ihr Gesicht, bevor sie wieder ihre kühle Maske aufsetzte.
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Vom Billardtisch kam Pikes leises Lachen. „Na, leck mich doch fett. Schaut euch das an. Eine reiche Tussi, die keinen Mann braucht.“ Er grinste Jett an und nickte zu Maxim rüber. „Genau der Typ vom Chef.“
Ash schnaubte und visierte eine Kugel an. „Was, bist du jetzt Hellseher?“
Pike zuckte die Achseln, seine Augen blieben auf Ebony. „Nö. Aber ich kenne den Blick. Die ist nicht hier, um beschützt zu werden. Die sieht nicht so aus, als bräuchte sie irgendwen.“
Stella hob ihr Glas und lächelte dünn. „Sie ist die Sorte, die will, dass man sie begehrt, aber nicht braucht.“
Fang, der immer noch sein Messer bearbeitete, brummte zustimmend. „Stimmt.“
Diesmal lachte niemand. Sie beobachteten nur, wie Maxim sich vorlehnte. Seine Ellbogen stützten sich auf seine Knie. Die vergessene Zigarette rauchte zwischen seinen Fingern. Er starrte die Frau an, die gerade in seine Welt spaziert war, als gehöre sie ihr.
Er widersprach seinen Leuten nicht.
Er schaute einfach nur hin.
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„Chef“, zischte Sean, unfähig wegzusehen. „Das ist das Ziel der Black Blades. Die haben sie mit sechs Mann gerammt. Sie ist entwischt, hat die Karre stehen lassen und ist gerannt. Direkt in unsere Arme.“
Sie war eine wandelnde Provokation. Ihr Rock aus Satin war dunkelblau wie ein blauer Fleck und so eng, dass er wie aufgemalt wirkte. Er betonte jede Kurve ihrer Hüften und ihres Hinterns. Ihr schwarzes Oberteil aus Seide war rückenfrei und wurde nur von dünnen Fäden gehalten. Es offenbarte viel Haut und gerade genug Dekolleté, um jeden Blick im Raum zu fangen. Sie sah aus wie eine teure Sünde. Doch ihre kühlen, grauen Augen musterten den Raum wie die eines Generals auf dem Schlachtfeld.
„Alter Falter“, lallte einer der Typen an der Bar mit glasigem Blick. „Schaut euch mal das Dessert an.“
„An dem Dessert holst du dir eine Lebensmittelvergiftung, Kleiner“, murmelte Stella anerkennend. „Die teure Sorte.“
Ebony ging ein paar Schritte hinein. Das harte Klacken ihrer Absätze mit den blutroten Sohlen hallte auf dem schmutzigen Boden wider. Sie suchte nach einem Ausgang oder einer Gasse. Schließlich bewegte sie sich in den Schatten eines alten Getränkeautomaten, dessen Neonlicht flackerte.
Dann bemerkte Maxim es. Die geschulte, winzige Bewegung ihres Körpers. Wie ihre Hand ihren Oberschenkel berührte. Ein Aufblitzen von schwarzer Spitze und poliertem Silber gegen ihre helle Haut.
„Sie ist bewaffnet“, flüsterte Fang heiser. Er hielt mit dem Messer inne. „Strumpfband. Maßanfertigung. Schickes Teil.“
Die Canaries sahen fasziniert zu, wie ein Mann auf sie zu torkelte. Es war kein Blade, sondern nur ein stadtbekannter Säufer namens Grimes. Ein riesiger Typ mit Bart, der nach Gin und Misserfolg stank.
„Na, Prinzessin?“, lallte Grimes und versperrte ihr den Weg. „Hast dich wohl vom Golfclub verirrt? Brauchst du einen echten Mann für eine gute Zeit?“ Er starrte auf ihre Brust. „Ich zahl dir das Doppelte von deinem üblichen Preis.“
Ebonys Gesicht wurde nicht rot vor Scham. Es verzog sich zu einer Maske aus so tiefem Zorn, dass Grimes tatsächlich einen Schritt zurückwich. Sie sagte etwas, doch die Musik war zu laut. Aber ihre Worte waren offensichtlich scharf genug, um Glas zu schneiden.
Grimes starrte plötzlich auf ihre Hände. Sie hatte die silberne Pistole aus dem Holster am Oberschenkel gezogen und hielt sie tief an ihrem Rock. Sie zielte nicht auf ihn. Sie war einfach nur da. Eine Tatsache. Seine Trunkenheit verflog sofort und machte nackter Angst Platz. Er hob die schmutzigen Hände. „Schon gut, Lady. Kein Problem.“ Er stolperte rückwärts und verschwand in der Menge.
„Das war Grimes“, bemerkte Fang amüsiert. „Der hat sich gerade eingepisst.“
„Sollen wir eingreifen?“, fragte Stella und trommelte mit den Fingern auf ihr Glas. Sie beobachtete Ebony wie eine Jägerin eine andere.
Maxim antwortete nicht. Er ließ die Frau nicht aus den Augen. Er saß kerzengerade da, die Zigarette fast vergessen. Er war völlig fasziniert.
Die Tür wurde erneut aufgestoßen.
Diesmal veränderte sich die Stimmung nicht nur, sie zerbrach. Drei Männer stolzierten herein. Sie strahlten Aggression aus. Sie trugen die Kutten der Black Blades. Die Musik stockte. Alle Gespräche verstummten.
„Scheiße“, hauchte Fang und umklammerte sein Messer. „Die sind wirklich eingedrungen.“
Die Blades suchten den Raum ab. Ihre hungrigen Augen blieben an Ebony hängen, die halb hinter dem Automaten stand. Ein grausames Grinsen erschien auf dem Gesicht ihres Anführers. „Da bist du ja, du flinke Fotze.“
Die ganze Bar schaute zu. Das hier war die Show.
Ebony geriet nicht in Panik. Sie holte tief und deutlich sichtbar Luft und machte den Rücken gerade. Dann, zum Entsetzen aller, griff sie hinten in den Bund ihres Rocks und zog eine zweite, kleinere Pistole hervor. Sie sah sich die Waffe an, blickte dann auf die näher kommenden Männer und steckte sie mit einem fast schon philosophischen Achselzucken wieder weg.
„Was zur Hölle macht sie da?“, flüsterte Jett.
Sie rannte nicht weg. Sie wartete.
Der erste Blade stürmte auf sie zu, ein Kraftpaket voller böser Absichten. Ebony setzte der Gewalt keine Gewalt entgegen. Sie wich im letzten Moment aus, ein flüssiges, fast schon humorvolles Ausweichmanöver. Der Mann stolperte an ihr vorbei. Als er brüllend herumwirbelte, drehte sie sich auf einem Absatz und rammte ihm die spitze Vorderseite ihres anderen Schuhs direkt in die Eier.
Das Geräusch, das er von sich gab, war ein hoher, feuchter Schrei. Schlagartig verstummte der letzte Lärm in der Bar. Er sackte zusammen. Noch bevor er auf dem Boden aufschlug, knallte sie ihm ihren Absatz mit einem widerlichen *Knacken* ins Gesicht. Die rote Sohle wurde zur Waffe und bohrte sich in seine Nase.
Der zweite Blade brüllte und stürzte vor. Ebony zuckte nicht einmal mit der Wimper. Sie schnappte sich zwei halbvolle Bierflaschen von einem nahen Tisch – die Besitzer zogen sich erschrocken zurück. In einer fließenden, brutalen Bewegung schlug sie die Flaschen aneinander. Dann rammte sie die gezackten Enden in die zupackenden Hände des Mannes. Er jaulte auf. Sie schwang den verbliebenen Flaschenhals in einem kurzen, heftigen Bogen und erwischte ihn an der Schläfe. Er ging zu Boden wie ein nasser Sack.
Der dritte Blade war nun schlauer und vorsichtiger. Er versuchte, sie tief anzugreifen. Sie wich nicht zurück, sondern warf sich direkt *in* ihn hinein und rutschte zwischen seinen Beinen hindurch, als er zu viel Schwung hatte. Im Handumdrehen war sie hinter ihm, dann auf ihm. Sie sprang hoch, schlang ihre Beine von hinten um seine Taille und legte ihre Arme um seinen Kopf. Es gab ein schreckliches, trockenes *Knacken*.
Im Raum war es totenstill. Die einzigen Geräusche waren das Summen des Neons, das Brummen des Kühlers und das rasselnte, feuchte Atmen des ersten Blades, dessen Gesicht immer noch unter ihrem Absatz lag.
Einer der am Boden liegenden Blades stöhnte und versuchte, sich aufzurichten. Ebony stand immer noch auf dem zertrümmerten Gesicht des ersten Mannes und verlagerte ihr Gewicht. Sie drückte mit dem Absatz nach unten, eine beiläufige, zermalmende Bewegung. Sein Gesicht wurde in den mit Bier und Blut verschmierten Boden gepresst.
„Lass es“, sagte sie. Ihre Stimme war klar, kalt und vollkommen beherrscht. Es war das erste Mal, dass sie alle hörten. „Denk nicht mal dran.“
Die gesamte Onyx-Canary-Truppe war völlig von den Socken. Gewalt war ihre Währung. Blut und gebrochene Knochen gehörten für sie zum Alltag. Aber das hier... das war Kunst. Das war ein verdammtes Ballett der Brutalität, aufgeführt von einer Göttin in Satin und Seide. Es war das Beängstigendste und Erregendste, was sie je gesehen hatten.
Die Männer in der Bar glotzten nicht mehr lüstern. Sie starrten sie mit einer Mischung aus nacktem Verlangen und blankem Entsetzen an. Sie war eine Königin, die gerade in einen Saustall spaziert war und die Schweine mit ihrem eigenen Fraß abgeschlachtet hatte.
Maxim Knox hatte sich nicht bewegt, aber jeder Muskel in seinem Körper war angespannt. Eine langsame, unaufhaltsame Hitze breitete sich in seinem Unterleib aus. Das war mehr als nur einfaches Verlangen. Es war Anerkennung. Er sah kein armes Ding, kein Opfer, sondern eine Naturgewalt. Ein Raubtier, das seine Zähne nur nicht nach außen trug.
Schließlich stand er auf und schälte seinen großen Körper aus der Sitzecke. Jedes Auge folgte seiner Bewegung, auch ihres.
Ebony nahm langsam den Absatz vom Gesicht des am Boden liegenden Mannes. Sie drehte sich um und ließ ihren Blick über die versteinerten, harten Gesichter schweifen, bis er an ihm hängen blieb. Einen Moment lang sahen sie sich einfach nur an.
Er sah die perfekte, unantastbare Gefährlichkeit. Er sah die kühle Berechnung in ihren grauen Augen und das leichte Beben ihrer Nasenflügel, als sie ihn musterte – den König in dieser Wolfshöhle. Sie sah die rohe, ungeschönte Macht. Die brutale Entschlossenheit in seiner Haltung und die Narben, die von einem harten Leben erzählten. Er war alles, was ihre Welt nicht war: unmaskiert, kompromisslos, echt.
Die Stille hielt an, geladen mit Spannung, Gewalt und einem plötzlichen, heftigen Knistern. Es war die Ruhe nach dem Sturm und gleichzeitig die aufgeladene Luft vor einem noch größeren Unwetter.
Maxim machte einen Schritt nach vorn. Seine Stiefel drückten schwer auf den Boden. Als er sprach, klang seine Stimme wie ein tiefes Grollen, das in den Brustkörben aller Anwesenden vibrierte.
„Na,“ sagte er, während seine dunklen Augen sie fixierten. „Du bist mir ja ein hübsches kleines Problem.“
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Die Stille im The Rusty Nail war nicht mehr nur Fassungslosigkeit. Sie war greifbar und gefährlich, geschwängert vom metallischen Geruch nach Blut, verschüttetem Bier und der aufgeladenen Luft nach diesem Knall. Die drei Black Blades lagen am dreckigen Boden. Sie waren das Mahnmal einer Frau, die wie eine Statue aus Eis und Ehrgeiz zwischen ihnen stand.
Ebony Siere rührte sich nicht. Sie hielt Maxims Blick quer durch den Raum stand, das Kinn trotzig erhoben. Ihr Brustkorb hob und senkte sich in ruhigem Takt. Das war das einzige Zeichen für die Anstrengung, die es gekostet hatte, drei riesige Kerle zu erledigen. Sie musterte ihn von oben bis unten – ganz offen und analytisch, weder schüchtern noch verängstigt. Sie sah seine breiten Schultern, seine kraftvolle Haltung und seine vernarbten Hände, die locker an den Seiten hingen. Sie schätzte die Gefahr ein und noch etwas anderes: sein Potenzial.
Ein leises Gemurmel ging durch die Menge. Ein alter Haudegen namens Mags, dem zwei Finger und fast alle Zähne fehlten, leckte sich die Lippen. Er starrte wie gebannt auf Ebonys Hintern im hautengen Satin. „Verdammt noch mal“, lallte er viel zu laut in die Stille hinein. „Ich würde mich zweimal von ihr umbringen lassen, nur um einmal zwischen diese Schenkel zu dürfen.“
Ebony drehte den Kopf, nur ein kleines Stück. Ihre grauen Augen, kalt wie ein Wintermeer, fixierten Mags. Alle hielten den Atem an.
„Wenn du dein Maul noch mal aufmachst,“ sagte sie, und ihre Stimme schnitt wie ein Skalpell durch den Dunst, „dann verpasse ich dir mit meinem Absatz ein zweites Arschloch. Direkt neben dein echtes. Das wird sicher lustig, wenn du deinem Arzt erklären musst, warum du da hinten einen Zwilling hast.“
Es folgte eine noch tiefere Stille. Dann ein unterdrücktes Geräusch. Mags starrte sie mit großen Augen an. In fünfzig Jahren in der Gosse hatte ihn noch nie jemand mit so chirurgischer Präzision beleidigt. Er öffnete und schloss den Mund, dann brach ein heiseres Lachen aus ihm heraus. Es war pure, unfreiwillige Bewunderung. „Na, alter Schwede“, kicherte er und schüttelte den Kopf. Er hob seine Flasche zum Gruß und drehte sich wieder zur Bar um.
Maxim beobachtete das Ganze mit einem amüsierten Funkeln in den Augen. Er setzte sich in Bewegung. Seine Stiefel machten schwere, gezielte Geräusche auf dem Holzboden, während er auf sie zuging. Seine Leute schwärmten hinter ihm aus – Fang wie ein lautloser Schatten, Stella mit neugierigem Blick und die Drillinge wie junge Hunde, die auf einen Befehl warteten.
„Die sind mit Absicht in feindliches Gebiet gekommen“, sagte Maxim mit seiner tiefen Stimme. Er blieb kurz vor ihr stehen. Er war nah genug, um ihr teures Parfüm zu riechen – Jasmin und kalter Stein – unter dem Geruch von Schweiß und Kampf. „Du musst ja was ganz Besonderes sein, wenn sie so ein Risiko eingehen.“
Ebony wandte den Blick endlich von ihm ab und sah abfällig auf die stöhnenden Männer zu ihren Füßen. „Ob ich etwas Besonderes bin, weiß ich nicht“, sagte sie spöttisch. „Aber ich mache die Buchhaltung für Jonah Seth. Die wollten die Disk.“
Der Name schlug ein wie eine Bombe. Jonah Seth. Ein Phantom. Eine Legende. Ein Finanzmann, dessen dunkle Geschäfte jeder in der Unterwelt kannte. Ein Raunen ging durch die Menge. Sean pfiff leise durch die Zähne. Fangs Kiefer spannte sich an. Stella zog die Augenbrauen hoch.
„Jonah Seth“, wiederholte Stella und trat vor. Sie sah Ebony mit ganz anderen Augen an. „Das ändert alles. Du kommst mit mir. Wir müssen reden.“
Ebony zögerte kurz. Man sah ihr an, wie sie die Lage abwog – Risiko, Belohnung, Druckmittel. Sie sah Stella an, dann mit leichtem Ekel auf das Blut an ihrem Absatz. „Na gut“, sagte sie schließlich sachlich. „Dafür muss ich mein verdammtes Handy laden. Falls es noch geht, nachdem ich damit jemanden erschlagen habe.“
Diese völlig normale Bitte nach all dem Gemetzel sorgte für ein paar Lacher bei den Canaries. Diese Frau war echt eine Nummer für sich.
Aber die Spannung war noch da. Sie hatte sich nur im Raum zwischen Maxim und Ebony konzentriert. Die Luft flirrte förmlich vor Elektrizität. Die beiden wirkten wie zwei Magnetpole.
Maxims Blick glitt nach unten, aber nicht auf ihren Körper, sondern auf eine Form an ihrem Schenkel. „Schöne Glock hast du da“, bemerkte er ganz beiläufig, als würde er über das Wetter reden.
Ohne zu zögern hob Ebony ihren Satinrock ein Stück an. Die Bewegung war fast schon intim. An ihrem Oberschenkel klebte in einer schwarzen Spitzenhalterung eine silberne Pistole, deren Griff spiegelglatt poliert war. „Maßanfertigung“, sagte sie und ließ den Stoff wieder fallen. „Was willst du wissen?“
Maxim machte den letzten Schritt und kam ihr sehr nahe. Er überragte sie wie ein Berg. Sie wich nicht zurück. Sie legte den Kopf in den Nacken, um ihm in die Augen zu sehen. Eine Aufforderung. Eine Herausforderung.
„Gar nichts, Ebony“, sagte er. Dass er ihren Namen so selbstverständlich benutzte, ließ sie kurz blinzeln. „Ich weiß bereits alles.“
Sie war überrascht, ihre Fassade bekam einen kleinen Riss. „Sehr effizient. Und Sie sind...?“
„Knox. Maxim Knox.“ Er ließ den Namen wirken. Er griff nach ihr, aber er berührte sie nicht. Stattdessen fischte er einen kleinen Splitter einer Glasflasche aus ihrem Zopf. Er hielt ihn hoch, sodass das Neonlicht darin glänzte, und schnippte ihn weg. „Du bist echt ein Unikat, Ebony.“
Ein freches Grinsen stahl sich auf ihre Lippen. Es verwandelte ihre unterkühlte Schönheit in etwas gefährlich Verlockendes. „Das kann ich nur zurückgeben“, hauchte sie. Sie ließ ihren Blick über die Clubmitglieder um sie herum schweifen – Leder, Tattoos, das Chaos in Uniform. „Wie war das noch gleich... wie hieß eure Goth-Band?“
Maxim lachte laut und rau auf. Das Geräusch war so unerwartet, dass seine eigenen Leute staunten. „Die Goth-Band?“ Er schüttelte den Kopf und ein echtes, kurzes Lächeln erschien auf seinen Lippen. „Gar keine schlechte Idee. Den Look haben wir ja.“ Dann wurde er wieder ernst. „Die Black Blades waren hinter dir her, weil sie die Daten von Jonah Seth wollen. Stimmt’s?“
„Stimmt“, bestätigte sie, und ihr Lächeln wurde wieder geschäftsmäßig kühl.
„Und wie willst du zurück in deinen goldenen Käfig kommen?“
„Keine Ahnung“, gab sie zu, und man sah ihr den Frust kurz an. „Ich muss meinen unfähigen Sekretär Liam erreichen. Mein Auto ist Schrott und mein Fahrer liegt wahrscheinlich mit einer Panikattacke im Graben.“
„Du stehst auf der Abschussliste“, stellte Maxim fest. Er blickte sich im Raum um, als könnte er durch die Wände sehen. „Das heißt, jeder Weg aus der Shadow City raus wird von Blades belagert sein. Die bewachen die Tunnel und Brücken. Du kommst keine zwei Blocks weit, wenn wir sie nicht wegräumen.“
Sie folgte seinem Blick und sah ihn dann neugierig an. „Du kennst sie gut, oder?“
Er zuckte mit den Schultern. „Vielleicht. Wir teilen uns die Stadt. Wir kennen die... Methoden der anderen.“
Ebony trat noch einen Schritt näher. Jetzt musste sie richtig zu ihm aufsehen. Sie reichte ihm gerade mal bis zum Kinn. Er roch nach Leder, Öl und Schweiß – ein krasser Kontrast zu ihrem teuren Parfüm. „Ich habe ein Angebot“, sagte sie so leise, dass es nur für ihn bestimmt war, auch wenn alle anderen gebannt lauschten.
Maxim zog fragend eine Augenbraue hoch.
„Ich will ein paar deiner Leute anheuern“, fuhr sie fort. „Als persönlichen Schutz. Für ein paar Monate. Und du räumst mir den Weg frei. Du schüttelst die Blades ab und sorgst dafür, dass ich heute Abend sicher nach Hause komme.“ Sie machte eine kurze Pause. „Dafür bezahle ich dich. Nenn mir deinen Preis, Knox.“
Dann griff sie nicht nach ihrer Tasche, sondern in den Ausschnitt ihres Oberteils. Sie holte ein dickes Bündel Geldscheine heraus, das mit einer goldenen Klammer zusammengehalten wurde. Sie hielt es ihm hin. Das Geld roch leicht nach ihrem Parfüm und war warm von ihrer Haut.
Maxim würdigte das Geld keines Blickes. Er sah ihr direkt in die Augen, voll brennendem Interesse. Ein räuberisches Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Du hast dein ganzes Oberteil voller Geld?“, fragte er mit rauer Stimme.
Ebony grinste zurück. „Das wüsstest du wohl gerne“, hauchte sie.
Die Spannung zwischen ihnen war fast körperlich spürbar. Es war der Reiz der Jagd und die Anerkennung der gegenseitigen Macht. Er war die grobe Gewalt, sie die feine Kontrolle. Inmitten des Rusty Nail waren sie die einzigen zwei Personen, die zählten.
Fang beobachtete sie regungslos. Stella verschränkte die Arme und lächelte wissend. Die Drillinge tauschten Blicke aus, als würden sie schon Wetten abschließen. Sean schüttelte nur den Kopf. „Das wird ein verdammtes Lauffeuer“, murmelte er.
Maxim bewegte sich schließlich. Er nahm das Geld nicht. Stattdessen umschlossen seine Finger sanft ihr Handgelenk. Sein Daumen strich über ihren Puls, der wie wild raste. Ihre Haut war unglaublich weich. Er hielt einfach nur ihre Hand fest, das Geld lag zwischen ihnen.
„Geschäfte, Miss Siere,“ sagte er so leise, dass es fast ein Flüstern war, „sind eine Frage des Vertrauens. Und Vertrauen...“ Er beugte sich vor, seine Lippen berührten fast ihr Ohr. Sie zuckte nicht zusammen, aber ein Schauer lief über ihren Rücken. „...kauft man sich nicht mit ein paar Scheinen aus dem BH. Vertrauen verdient man sich mit Blut.“
Er ließ sie los und trat einen Schritt zurück, wodurch die elektrische Spannung abriss. „Stella“, sagte er laut und bestimmt. „Besorg ihr ein Ladegerät. Und ein sauberes Glas. Wir haben Details zu besprechen.“ Er lächelte wieder. „Die teure Sorte von Details.“