Kapitel 1
PROLOG
Der Regen ist kein Zufall.
Er fällt zu gleichmäßig, zu schwer, als hätte die Stadt beschlossen, alles zu reinigen, bevor es beginnt. Wasser läuft an den Mauern der Gasse hinab, sammelt sich in Rissen, die älter sind als die Lügen, die hier schon gehört wurden. Der Beton glänzt dunkel, fast schwarz, und reflektiert das schwache Licht einer einzelnen Lampe, die über uns hängt und flackert, als hätte auch sie Zweifel.
Ich stehe im Schatten, dort, wo das Licht nicht reicht, um Konturen klar zu machen. Absicht. In dieser Gasse sieht man keine Gesichter. Man hört Stimmen. Man spürt Präsenz. Mehr braucht es nicht.
Sie kommt lautlos.
Nicht schleichend, nicht zögernd – einfach da. Ein Schatten löst sich aus der Dunkelheit am anderen Ende der Gasse, bewegt sich ruhig, kontrolliert, als wäre der Regen ein bekanntes Element, kein Hindernis. Kein Regenschirm. Kein unnötiger Schutz. Jemand, der gelernt hat, dass Aufmerksamkeit gefährlicher ist als Nässe.
Sie bleibt stehen. Drei, vielleicht vier Meter entfernt. Genug Abstand, um nicht als Bedrohung zu wirken. Nah genug, um ernst zu sein.
Wir sehen uns nicht.
Und genau deshalb funktioniert es.
„Maryanna“, sagt sie.
Kein Gruß. Keine Frage. Nur mein Name. Präzise platziert.
Ich antworte nicht sofort. Lasse den Moment hängen, wie man einen Draht spannt, um zu prüfen, wie viel Spannung er trägt. Der Regen füllt die Lücke zwischen uns, trommelt auf Metall, fließt in die Rinnen, verschluckt Geräusche, die sonst verräterisch wären.
„Du weißt, wer ich bin“, sage ich schließlich.
„Ja.“
„Und du weißt, warum ich dich kontaktiert habe.“
Stille. Dann: „Ich weiß, dass du behauptest, etwas zu wissen.“
Gut. Vorsichtig. Sie gibt mir nichts.
Ich trete einen Schritt vor, gerade genug, um den Raum zwischen uns zu verändern. Das Licht erreicht mich nicht, aber ich weiß, dass sie jede Bewegung registriert.
„Sergej glaubt, ich sei tot“, sage ich.
Der Satz ist ein Schlüssel. Ich höre, wie er einrastet – nicht laut, nicht sichtbar, aber endgültig. Sie bewegt sich nicht, doch etwas in ihrer Haltung verändert sich. Aufmerksamkeit schärft sich. Gewicht verlagert sich minimal.
„Sergej ist nicht bekannt für Fehler“, sagt sie.
„Er ist bekannt für Gründlichkeit“, antworte ich. „Und genau das ist sein Fehler.“
Ein Windstoß treibt Regen quer durch die Gasse. Wasser spritzt gegen meine Stiefel. Kälte kriecht hoch, findet ihren Weg durch Stoff und Haut, aber sie kommt zu spät. Diese Kälte kenne ich längst.
„Warum jetzt?“ fragt sie.
„Weil er beobachtet wird.“
Ich lasse mir Zeit mit dem nächsten Teil. „Und weil er es weiß.“
Sie sagt nichts. Wartet. Das ist ihre Art.
„Briefe“, fahre ich fort. „Fotos. Bewegungen, die nicht gemeldet werden. Orte, die nicht mehr sicher sind. Er weiß, dass jemand nah genug ist, um ihn zu sehen, ohne gesehen zu werden.“
„Und du willst, dass ich glaube, dass du das bist.“
„Nein.“ Ich schüttele den Kopf. „Ich will, dass du verstehst, dass es jemanden gibt, der ihm näher ist als jeder seiner Männer.“
Ein kurzer Moment. Dann: „Du.“
Ich lächle, auch wenn sie es nicht sehen kann. „Vielleicht.“
Der Regen wird stärker. Oder die Stille dichter.
„Sergej wird intern suchen“, sagt sie. „Er wird seine Männer prüfen.“
„Und genau das kann er sich nicht leisten.“ Meine Stimme bleibt ruhig. „Zu viele von ihnen wissen zu viel. Zu viele Namen, zu viele Verbindungen. Eine interne Untersuchung würde nicht einen Verräter finden – sie würde ein ganzes System offenlegen.“
„Also wird er extern handeln.“
„Ja.“
„Und er wird jemanden holen, der sauber arbeitet.“
Ich atme einmal tief ein. Der Geruch von nassem Beton, Öl, rostigem Metall. Vergangenheit. Gegenwart. Alles vermischt sich.
„Er wird Ilya holen.“
Diesmal reagiert sie. Nicht sichtbar, nicht offen – aber ich spüre es. Wie ein minimaler Druckwechsel in der Luft.
„Du weißt, was das bedeutet“, sagt sie.
„Ich weiß genau, was das bedeutet.“ Ich sehe vor mir, was sie nicht sehen kann: den Moment, in dem Sergej diesen Namen ausspricht. Den Moment, in dem er glaubt, Kontrolle zurückzugewinnen. „Wenn Ilya kommt, wird er nicht fragen, wer schuld ist. Er wird entscheiden, wer übrig bleibt.“
„Und du glaubst, ich bin Teil dieser Entscheidung.“
„Du bist bereits Teil davon.“ Ich halte inne. „Ob du willst oder nicht.“
Der Regen läuft mir über die Schläfen, tropft von meinem Kinn. Ich wische ihn nicht weg. Bewegungen sind überbewertet.
„Warum ich?“ fragt sie.
Da ist sie. Die eigentliche Frage.
„Weil du nicht offiziell existierst“, sage ich. „Weil du Fälle übernimmst, die zu schmutzig, zu politisch oder zu unbequem sind. Weil du keine Akten brauchst, um zu verstehen, wie Macht funktioniert.“
„Und was willst du von mir?“
Ich zögere nicht. „Ich will, dass du hinsiehst. Bevor er dich findet.“
Ein kurzes, trockenes Lachen. „Er findet jeden.“
„Nicht sofort.“ Ich neige den Kopf. „Und manchmal reicht Zeit.“
„Du willst Rache.“
Ich korrigiere sie nicht. Rache ist ein Wort, das Menschen benutzen, wenn sie den Kern nicht aussprechen wollen.
„Sergej hat mich aus der Welt gelöscht“, sage ich. „Und er glaubt, damit sei alles erledigt. Ich will, dass er lernt, dass Dinge, die man begräbt, nicht verschwinden. Sie warten.“
„Du spielst ein gefährliches Spiel.“
„Ich habe dieses Spiel nicht begonnen.“
Ein Geräusch am Ende der Gasse. Ein Auto, das vorbeifährt. Licht, das kurz die Mauer streift, dann wieder Dunkelheit. Wir bleiben unbeweglich.
„Wenn ich mich darauf einlasse“, sagt sie, „wirst du nicht geschützt.“
„Ich erwarte keinen Schutz.“
„Und wenn Ilya dich findet?“
Ich atme aus. Langsam. „Dann hat Sergej seinen letzten Fehler gemacht.“
Ein langer Moment vergeht. Der Regen dämpft alles, selbst die Zeit.
„Gib mir etwas“, sagt sie schließlich. „Einen Ansatzpunkt.“
Ich ziehe mein Handy aus der Tasche, halte es so, dass das Licht nicht ihr Gesicht erreicht. Ein Bild. Ein Brief. Ein Detail, das nicht öffentlich sein sollte. Sie schaut kurz hin. Sehr kurz.
Es reicht.
„Ich melde mich“, sagt sie.
„Er wird schneller sein“, erwidere ich.
„Das ist er immer.“
Sie dreht sich um, verschwindet im Dunkel, so leise, dass der Regen ihr Geräusch schluckt. Keine Verabschiedung. Kein Versprechen.
Ich bleibe zurück.
Allein in der Gasse, mit dem Wissen, dass Sergej bald handeln wird. Dass er den Namen aussprechen wird, den man nur sagt, wenn es kein Zurück mehr gibt.
Ilya.
Er glaubt, er ruft das Ende.
Dabei ruft er etwas viel Gefährlicheres.
Die Wahrheit.