Kapitel 1: Die Dornenkrone
Kapitel 1: Die Dornenkrone
Die Steine der Burg erinnerten sich noch an das Schreien. Makil wusste das. Er kannte es so, wie man den Geschmack von altem Wein oder das Ziehen eines verheilten Bruchs kennt. Der graue Granit des Ostkorridors bewahrte das Echo, selbst jetzt noch, nach zehn Jahren. Er hielt wie immer am dritten Bogenfenster mit Blick auf den Übungsplatz inne. Seine Finger strichen über das kalte Fensterbrett, wo Charles' Blut einst in den Mörtel gesickert war. Es war unmöglich, es jemals ganz wegzuschrubben.
Es war kein physischer Fleck mehr, denn die Diener hatten ganze Arbeit geleistet. Es war ein Fleck in der Erinnerung. Er war nur für diejenigen sichtbar, die wussten, wo sie suchen mussten. Das hieß, nur Makil konnte ihn sehen.
„Eure Hoheit?“
Makil drehte sich nicht um. Er kannte das respektvolle Schlurfen seines Verwalters Gerald. „Die Kutsche?“
„Sie haben das äußere Torhaus passiert, Sire. In einer Stunde werden sie im Sonnensalon empfangen. Euer Vater bittet jetzt um Eure Anwesenheit.“
„Mein Vater“, sagte Makil mit einer Stimme, die so flach war wie das winterliche Moor hinter dem Glas, „kann die Stunde warten, die sie brauchen, um sich den Straßenstaub von den Unterröcken zu schütteln.“
Schließlich drehte er sich um. Gerald stand da mit der geduldigen Leidensmiene eines Mannes, der seit vierzig Jahren königliche Wutanfälle miterlebte. „Seine Majestät ist... beharrlich. Er möchte Euch vorbereiten.“
„Mich vorbereiten?“ Ein kaltes Lächeln umspielte Makils Lippen, erreichte aber nicht seine Augen. Diese hatten die Farbe eines stürmischen Meeres. „Worauf? Auf die große Viehschau? Ich habe die Akten gelesen, Gerald. Vier Töchter loyaler Vasallen, die zu meiner Begutachtung vorgeführt werden. Welche Vorbereitung braucht man schon, um eine Zuchtstute auszuwählen?“
Geralds Gesicht blieb eine Maske höflicher Neutralität, aber ein kurzes Flackern in seinen Augen verriet sein Missfallen. Er war auch schon zu Charles' Zeiten hier gewesen. Er hatte das Davor und das Danach gesehen. „Es sind Damen von adliger Herkunft, Sire. Das ist die Tradition.“
„Tradition“, echote Makil, und das Wort schmeckte bitter auf seiner Zunge. Tradition war das, was Charles in Seide gekleidet und zum Altar geführt hatte. Tradition war das, was ein öffentliches Spektakel daraus gemacht hatte, ein Herz aus einer lebendigen Brust zu schneiden. „Schön und gut. Gehen wir und seien wir traditionell.“
---Das private Arbeitszimmer des Königs roch nach Leder, altem Papier und Nelkenöl. Mit dem Öl wurde der gewaltige Eichenschreibtisch poliert, von dem aus das Königreich seit drei Generationen regiert wurde. König Alistair war ein Mann wie ein Berg, der an den Rändern etwas weich geworden war. Sein Blick war jedoch immer noch scharf und ließ nichts aus.
„Schmollst du wieder am Fenster?“, fragte Alistair, ohne von einem Schreiben aufzublicken.
„Ich denke über die strukturelle Integrität unserer Blutlinie nach“, antwortete Makil. Er ließ sich in einen hochlehnigen Sessel gegenüber dem Schreibtisch fallen. Er lümmelte sich hin, ein Bild einstudierter Gleichgültigkeit.
Alistair legte seinen Federkiel mit einem Seufzer beiseite, der die Last der Krone selbst zu tragen schien. „Das ist keine Bestrafung, Makil.“
„Es fühlt sich verdammt danach an.“
„Es ist deine Pflicht. Die Krone geht nicht an einen Junggesellen über. Das Volk braucht Beständigkeit. Einen Erben. Eine Königin, die deine... Kanten glätten kann.“ Alistairs Augen hatten das gleiche Grau wie die seines Sohnes, wirkten aber durch die Jahre und ein anderes Temperament wärmer. „Du kannst nicht aus einer Festung regieren, die du selbst gebaut hast.“
„Ich regiere von dort aus eigentlich ganz hervorragend.“
„Du verwaltest. Das ist ein Unterschied.“ Der König lehnte sich vor. „Ich habe diese vier mit Bedacht ausgewählt. Jede bringt etwas Wertvolles mit. Ein politisches Bündnis, Reichtum oder die Verbindung zu einem alten Geschlecht.“
„Und die vierte? Die von der Grenze? Valerius' Tochter.“ Makil hatte die Akten auswendig gelernt. Es war seine Art – er kannte das Schlachtfeld, bevor er es betrat. „Leigh vom Haus Valerius. Eine Familie, die so diskret ist, dass sie praktisch aus Geistern besteht. Was bringt sie mit? Eine Handvoll Gebirgsfelsen und den Ruf, schweigsam zu sein?“
Alistairs Ausdruck wurde wachsam, ein Blick, den Makil gut kannte. Es war der Blick, der unbequemen Wahrheiten vorausging. „Lord Valerius hält den Eisenpass. Er ist die stille Faust, die verhindert, dass die Ostmarken unruhig werden. Seine Loyalität ist absolut, aber sie hat ihren Preis. Er hat eine alte Schuld eingefordert. Ich schulde ihm die Unterbringung seiner Tochter hier.“
„Sie ist also ein Gefallen.“ Makil stieß ein kurzes, humorloses Lachen aus. „Wunderbar. Und wie ist Lady Leigh so? Schreckhaft? Finster? Unterhält sie sich nur im Flüsterton?“
„Ich habe sie nie getroffen. Valerius hält seine Familie unter Verschluss. Der Bericht besagt, sie sei... pflichtbewusst. Gut ausgebildet in den weiblichen Künsten.“
„Die weiblichen Künste“, wiederholte Makil mit triefender Verachtung in der Stimme. „Wandteppiche von verlorenen Schlachten sticken, die sie nie verstehen wird. Oder Harfe spielen zu Liedern über Ruhm, von dem sie nie kosten wird. Wie inspirierend.“
„Makil.“ Die Stimme des Königs klang wie eine letzte Warnung. „Du wirst höflich sein. Du wirst anständig sein. Du wirst jeder Dame eine faire Chance geben. Die Wahl liegt am Ende bei dir. Aber du *wirst* wählen. Die Krönung ist in sechs Monaten. Du wirst eine Braut an deiner Seite haben.“
Die Worte hingen wie ein in Samt gehülltes Ultimatum in der nach Nelken duftenden Luft. Makil spürte, wie die alten, vertrauten Mauern in ihm hochstiegen. Sie wurden höher und dicker, ihr Mörtel war die Erinnerung an die gebrochenen Augen seines Bruders.
„Eine faire Chance“, sagte er und stand auf. „Natürlich, Vater. Ich werde das blühende Beispiel an Ritterlichkeit sein.“
Er ging, bevor der König das Eis sehen konnte, das sich in seiner Seele bildete.---Der Name „Sonnensalon“ war heute unpassend. Das späte Nachmittagslicht war schwach und wurde durch hohe, dünne Wolken gedämpft. Es drang durch die hohen Bleiglasfenster und tat wenig dazu, die erdrückende Pracht des Raumes aufzuhellen. Alles war mit Gold verziert. Wandteppiche mit barmherzig unblutigen Siegen hingen zwischen Regalen voller ledergebundener Bücher, die niemand las. Es war ein Raum für die Show, und die heutige Show war eine Farce.
Makil stand am Kamin, einen kalten Becher unberührten Weins in der Hand, und beobachtete den Einzug der vier Frauen.
Sie waren ein Anblick aus Pastellfarben und parfümierter Erwartung.
Zuerst kam Adelaide vom Haus Bellamy aus den fruchtbaren südlichen Ebenen. Blonde Locken waren kunstvoll arrangiert, ihre Augen so weit und blau wie ein Sommerhimmel. Sie lächelte sofort mit einem geübten, süßen Schwung der Lippen. Ihr Knicks war so tief, dass die Bänder ihres Kleides den polierten Boden berührten. „Eure Hoheit“, hauchte sie mit einer Stimme wie Honig.
Vanessa von Cresthaven folgte ihr. Sie war schlank, hatte dunkles Haar und ein ruhiges, künstlerisches Auftreten. Sie trug ein kleines Skizzenbuch bei sich, als wäre sie bereit, den Moment festzuhalten. Ihr Knicks war anmutig, ihr Lächeln schüchtern. Man sagte, sie male exquisite Miniaturen.
Dann kam Briana aus den westlichen Handelsstädten. Ihr Kleid war das prächtigste und mit echtem Goldfaden bestickt. Ihre Schönheit war scharf und kalkuliert. Ihre Augen musterten den Raum und die Gemächer der künftigen Königin mit einem praktischen, habgierigen Glitzern. Ihr Knicks war präzise, wie ein geschäftlicher Vorgang.
Und zuletzt...
Leigh.
Sie betrat den Raum nicht wie ein Farbtupfer oder eine Parfümwolke. Sie schlich sich eher wie ein Schatten in ein hell erleuchtetes Zimmer – zuerst unbemerkt, dann unmöglich zu ignorieren. Ihr Kleid war tiefblau und schmucklos, der Schnitt im Vergleich zum Schnickschnack der anderen fast streng. Ihr Haar hatte die Farbe von dunkler Eiche. Es war zu einem einfachen, gnadenlosen Knoten gebunden, der die scharfen, klaren Linien ihres Gesichts betonte.
Hohe Wangenknochen, eine gerade Nase und ein Mund, der in einer Miene sanfter Duldung verharrte. Sie war weder klein noch groß, aber sie bewegte sich mit einer beunruhigenden Stille. Ihr Knicks war nur ein kurzes, zweckmäßiges Beugen der Knie. Ihre Augen trafen die seinen für eine flüchtige, völlig desinteressierte Sekunde. Dann musterte sie die Ausgänge des Raums, die Höhe der Fenster und das Gewicht der eisernen Schürhaken am Herd.
Pflichtbewusst, hatte sein Vater gesagt. Sie sah in etwa so pflichtbewusst aus wie eine Klinge in der Scheide.
Der König nahm die formellen Vorstellungen vor. Makil sprach die korrekten, hohlen Begrüßungsworte. Adelaide flatterte mit den Wimpern. Vanessa errötete. Briana machte ein kluges Kompliment über die Architektur. Leigh sagte gar nichts.
Das Ritual begann. Gestelzte Unterhaltungen bei Gewürzwein und Zuckerwandeln. Makil bewegte sich zwischen ihnen und spielte seine Rolle mit distanzierter, chirurgischer Höflichkeit.
Mit Adelaide sprach er über die Ernten im Süden. Sie kannte Erträge und Fruchtfolgen und sprach mit einer echten, wenn auch simplen Leidenschaft. „Das Land gibt uns alles“, sagte sie süß. „Man muss nur sanft und geduldig mit ihm sein.“
„In der Tat“, erwiderte Makil. „Sanftmut ist eine Tugend.“ Er stellte sich Charles vor, sanft und geduldig, wie sein Herz auf dem Silbertablett dieser Tugend dargeboten wurde.
Bei Vanessa betrachtete er ihre Skizzen – zarte Blumen, ein Singvogel. „Ich finde Schönheit in den kleinen, stillen Dingen“, murmelte sie.
„Kleine Dinge lassen sich oft am leichtesten zerquetschen“, sagte er. Sie blinzelte und war sich unsicher, ob das ein Witz war. Er klärte es nicht auf.
Mit Briana sprach er über Handelsrouten. Ihr Verstand war schnell und zahlenorientiert. Sie redete von Zöllen und Effizienz. „Ein Königreich ist im Grunde ein Unternehmen, Eure Hoheit. Gefühle sollten die Geschäftsbücher nicht trüben.“
„Eine erfrischende Perspektive“, pflichtete er ihr bei, obwohl die Kälte darin nur seine eigene widerspiegelte.
Und dann kam er zu Leigh.
Sie stand etwas abseits an einem Fenster. Sie tat nicht so, als würde sie den Wandteppich neben sich bewundern, sondern studierte tatsächlich das Gewebe des Stoffes und die Stabilität der Wandhalterung.
„Lady Leigh“, sagte er mit betont sachlicher Stimme. „Ihr seid sehr still. Ist Euch mein Schloss nicht gut genug? Beleidigt der Luxus Eure... Grenzland-Mentalität?“
Er beabsichtigte es als Provokation. Er wollte das übliche verstörte Dementi hören und die Versicherung ihrer Dankbarkeit.
Sie drehte langsam den Kopf. Ihre Augen waren nicht blau wie Adelaides Himmel, auch nicht braun wie fruchtbare Erde. Sie waren grau. Flintgrau. Die Farbe einer Messerklinge in trübem Licht. In ihnen lag kein Flattern, kein Kalkül, keine Schüchternheit. Nur ein tiefes, brodelndes Reservoir an purem, unverfälschtem Überdruss.
„Das Schloss ist angemessen, Eure Hoheit“, sagte sie. Ihre Stimme war tiefer als erwartet, klar und unmusikalisch. „Der Luxus ist eben da. Ich bin hier, weil mein Vater es befohlen hat. Beleidigtsein spielt dabei keine Rolle.“
Ein Volltreffer. Kein Zögern, keine falsche Bescheidenheit. Nur eine Feststellung von Tatsachen, so hart und schlicht wie ein Grenzstein. Etwas in ihm, tief vergraben unter Schichten von Zynismus, regte sich als Antwort darauf.
„Wie pragmatisch“, dehnte er die Worte und trat einen Schritt näher. Er sah die Anspannung in ihren Schultern. Es war nicht die nervöse Anspannung eines Mädchens vor einem Prinzen, sondern die angespannte Bereitschaft eines Soldaten an einem Kontrollpunkt. „Und seid Ihr den Befehlen Eures Vaters immer so gehorsam? Euch wie eine Preisgans vorführen zu lassen?“
Ein schwaches, fast unsichtbares Zucken ging durch ihren Kiefer. „Ich erfülle meine Pflichten wie gefordert.“
„Pflichten.“ Er ließ das Wort im Raum stehen. „Und was haltet Ihr von dieser speziellen Pflicht? In einem engen Kleid hierzustehen und darauf zu warten, ausgewählt zu werden? Ist das der Gipfel Eurer Ambitionen?“
Da sah er es – einen Riss in ihrer Unnahbarkeit. Ein Funke entzündete sich in diesen flintgrauen Augen, heiß und gefährlich. Es war keine Verlegenheit. Es war Wut.
Sie machte einen halben Schritt auf ihn zu und gab den Schein der Distanz auf. Die Bewegung war kein Schlurfen einer Dame, sondern das Verlagern des Gewichts einer Kämpferin. „Meine Ambitionen, Eure Hoheit“, sagte sie mit noch tieferer Stimme, wie eine vertrauliche Drohung, „gehen Euch gar nichts an. Aber da Ihr so charmant fragt... nein. Das ist nicht der Gipfel. Es ist vielmehr der tiefste Abgrund an Absurdität, in den ich je das Unglück hatte, geworfen zu werden.“
Makil spürte einen Schlag, als hätte er ein stromführendes Kabel berührt. Er beugte sich vor. Seine eigene Maske der Gleichgültigkeit verrutschte und gab den Blick auf die messerscharfe Kante darunter frei. „Ein Abgrund? Findet Ihr die Aussicht, Königin zu werden, so abstoßend?“
Ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, das keinerlei Wärme ausstrahlte. Es war ein Blecken der Zähne. „Ich finde die Aussicht, herumzualbern, zu nähen und über das Wetter zu plaudern, mit einem Mann, der das hier offensichtlich genauso widerlich findet wie ich, eine maßlose Zeitverschwendung. Wenn ich inspiziert, beurteilt und gehandelt werden wollte, würde ich die königlichen Ställe besuchen. Wenigstens haben die Pferde den Anstand zu beißen, wenn sie genervt sind.“
Hinter sich hörte er Adelaides Keuchen. Briana atmete scharf ein. Der König war ganz starr geworden.
Makil starrte sie an. Er sollte wütend sein. Er sollte sie für diese Unverschämtheit aus dem Schloss werfen lassen. Aber ein seltsames, wildes Gefühl stieg in seiner Brust auf und drohte, seine eisige Beherrschung zu brechen. Es war keine Wut.
Es war Wiedererkennen.
Hier war endlich jemand, der das Spiel nicht mitspielte. Jemand, der die Farce sah und sie beim Namen nannte.
Er beugte sich noch näher zu ihr, sodass nur sie seine nächsten Worte hören konnte, die er in einem giftigen Flüsterton sprach. „Ist das so? Und wo wärt Ihr lieber, Mylady? In Euren stillen, unbedeutenden Bergen und würdet Schafe zählen?“
Das sarkastische Lachen, das sie ausstieß, war kurz, hart und völlig freudlos. Es war das Geräusch einer brechenden Fessel.
„Auf einem Schlachtfeld, Eure Hoheit“, sagte sie. Ihre Augen fixierten seine, furchtlos und brennend. „Auf irgendeinem Schlachtfeld. Mit Schmutz unter den Nägeln, einem Schwert in der Hand und einem Problem vor mir, das man mit Kraft und Verstand lösen kann. Nicht in diesem goldenen Käfig, in diesem Folterinstrument von einem Kleid. Nicht wartend auf einen verwöhnten Prinzen, der mein Schicksal nach der Breite meines Lächelns oder dem Flattern meiner Wimpern entscheidet. Ich würde lieber einen Pfeil auf dem Feld kassieren, als noch eine Minute dieser züchtigen, korrekten, sinnlosen Darbietung zu ertragen, nur um das Ego eines Mannes zu beruhigen, der denkt, Liebe sei eine Schwäche und Frauen seien ein Übel, das man erdulden muss.“
Die Stille, die darauf folgte, war absolut. Es war die Stille eines angehaltenen Atems, einer aus den Fugen geratenen Welt, die versuchte, sich wieder einzurenken. Die anderen Damen standen da wie Statuen des Schocks. Das Gesicht des Königs war unlesbar.
Makils Herz hämmerte in einem heftigen, ungewohnten Rhythmus gegen seine Rippen. Jedes Wort, das sie gesagt hatte, war ein Hammerschlag gegen die Festung, die er ein Jahrzehnt lang errichtet hatte. Verwöhnter Prinz. Denkt, Liebe sei eine Schwäche. Frauen sind ein Übel. Sie durchschaute ihn. Sie sah direkt durch die Krone, den Titel und das kalte Gebaren hindurch in den verrotteten Kern seiner Überzeugungen.
Und sie fand es verachtenswert.
Der Schock schlug, wie immer bei ihm, in kalte, defensive Wut um. Das Eis kehrte zurück, dicker als zuvor. Das war nur eine andere Form von Grausamkeit, oder? Vielleicht eine ehrlichere, aber dennoch Grausamkeit. Eine absichtliche Provokation, die ihn entmannen sollte.
Sein Gesicht wurde hart wie eine Skulptur aus Verachtung. Er trat einen bewussten Schritt zurück und schuf eine höfische Distanz zwischen ihnen. Seine Stimme klang kühl und klar durch den fassungslosen Raum.
„Eine faszinierende Fantasie, Lady Leigh. Obwohl ich sicher bin, dass die Realität eines Schlachtfeldes – der Schlamm, das Blut, das Schreien – schnell verblassen würde im Vergleich zu dem Komfort, den Ihr so bereitwillig verschmäht.“ Er ließ seinen Blick über sie alle schweifen, wie ein König, der widerspenstige Untertanen entlässt. „Man wird Euch alle in Eure Gemächer führen. Wir werden diese... Begutachtung morgen fortsetzen. Hoffentlich mit weniger dramatischem Flair.“
Er drehte sich auf dem Absatz um und verließ den Sonnensalon. Das Echo ihres Lachens und das Bild ihrer flintgrauen Augen brannten sich wie ein Brandmal in seinen Geist ein.
Er ging nicht in seine Gemächer. Er ging zum Ostkorridor, zum Fenster mit dem Fleck der Erinnerung. Er umklammerte das steinerne Fensterbrett, bis seine Knöchel weiß wurden, und starrte in die einbrechende Dämmerung.
„Ein verwöhnter Prinz, der denkt, Liebe sei eine Schwäche.“
Sie irrte sich. Er dachte nicht, dass Liebe eine Schwäche war.
Er wusste, dass sie ein Todesurteil war.
Und doch flüsterte ein tückischer, unerwünschter Gedanke durch die Ruinen seiner Gewissheit, während das letzte Licht schwand: Sie hatte ihn angesehen, nicht die Krone. Und zum ersten Mal seit zehn Jahren hatte jemand Makil angesehen und einen Mann gesehen, der den Aufwand eines Kampfes wert war.
Es war das Gefährlichste, was ihm passiert war, seit jenem Tag, an dem das Schreien die Steine befleckte.