Kapitel 1 – Die Nacht der Rückkehr
Der Regen hing wie ein dünner Schleier über Honolulu, als Abigail das Taxi verließ. Er war warm, fast körperlich, wie ein Atemzug, der sich auf ihre Haut legte. Tropische Nächte hatten immer etwas Lebendiges an sich, etwas, das sich bewegte, auch wenn alles still war. Doch heute fühlte sich die Luft schwerer an als sonst. Als würde die Stadt sie mustern, prüfen, abwägen, ob sie nach all den Monaten überhaupt noch hierher gehörte.
Sie zog den Rucksack enger an sich und blickte auf das Haus ihrer ehemaligen Freundin. Lichter brannten hinter den halb geöffneten Jalousien, Musik vibrierte gedämpft durch die Wände, und Stimmen mischten sich zu einem unruhigen Summen. Eine Party. Natürlich. Es war immer eine Party.
Abigail atmete tief ein. Sie hatte nicht vorgehabt, heute Abend hier aufzutauchen. Eigentlich hatte sie überhaupt nicht vorgehabt, irgendjemanden zu sehen. Aber ihre ehemalige Freundin — oder was auch immer sie inzwischen füreinander waren — hatte ihr geschrieben, sie solle vorbeikommen. „Nur kurz. Es wäre schön, dich zu sehen.“
Ein Satz, der gleichzeitig warm und kalt war.
Sie strich sich eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht. Ihre Hände zitterten leicht, doch sie zwang sich, die Stufen zur Haustür hinaufzugehen. Jeder Schritt fühlte sich an wie ein Echo aus einer Zeit, die sie hinter sich lassen wollte.
Als sie die Tür öffnete, schlug ihr der Geruch von Alkohol, Parfüm und etwas Süßlichem entgegen, das sie nicht einordnen konnte. Vielleicht Räucherstäbchen. Vielleicht etwas anderes. Die Musik war lauter als erwartet, ein tiefer Bass, der durch den Boden vibrierte.
„Abigail?“
Die Stimme kam von rechts. Ihre ehemalige Freundin, Leilani, stand im Türrahmen zum Wohnzimmer, ein Glas in der Hand, ein Lächeln auf den Lippen, das nicht ganz ihre Augen erreichte.
„Du bist wirklich gekommen“, sagte Leilani und zog sie in eine kurze Umarmung. „Ich hätte nicht gedacht, dass du dich traust.“
„Ich… wollte einfach mal wieder raus.“
Es war nicht gelogen, aber auch nicht die Wahrheit.
Leilani musterte sie einen Moment, als würde sie nach Rissen suchen. „Du siehst gut aus. Etwas blass, aber gut.“
Abigail zwang sich zu einem Lächeln. „Danke.“
„Komm rein. Ich stelle dir ein paar Leute vor. Und… jemand ist auch hier, den du kennenlernen solltest.“
Abigail spürte, wie sich etwas in ihrem Bauch zusammenzog. Ein ungutes Gefühl, das sie nicht benennen konnte. „Wen denn?“
Leilani winkte ab. „Später. Trink erst mal etwas.“
Sie führte Abigail durch das Wohnzimmer, vorbei an Menschen, die sie nicht kannte. Manche warfen ihr neugierige Blicke zu, andere ignorierten sie völlig. Abigail fühlte sich fehl am Platz, wie ein Schatten, der versehentlich in die falsche Welt geraten war.
Sie nahm ein Glas Wasser — Alkohol würde sie heute nur noch verletzlicher machen — und stellte sich an die Wand, von der aus sie den Raum überblicken konnte. Sie beobachtete die Menschen, die lachten, tanzten, redeten. Alles wirkte so leicht für sie. So selbstverständlich.
Und dann sah sie ihn.
Er stand am anderen Ende des Raumes, halb im Schatten, halb im warmen Licht einer Stehlampe. Groß, schlank, mit einer Haltung, die gleichzeitig entspannt und aufmerksam war. Seine dunklen Haare fielen ihm leicht ins Gesicht, und seine Augen — sie konnte die Farbe nicht erkennen, aber sie spürte, wie sie sie musterten. Nicht neugierig. Nicht interessiert. Eher… als würde er sie lesen.
Er hob sein Glas leicht, als hätte er sie erwartet.
Abigail wandte den Blick ab, doch ihr Herz schlug schneller.
Wer war er?
„Ah.“
Leilani tauchte plötzlich neben ihr auf, als hätte sie ihre Gedanken gehört. „Du hast ihn gesehen.“
„Wen?“
„Lou.“
Der Name war wie ein leiser Schlag. Kurz, scharf, fremd.
„Er ist… ein Freund von mir“, sagte Leilani, doch ihre Stimme klang angespannt. „Oder war es. Es ist kompliziert.“
„Warum kompliziert?“
Leilani trank einen Schluck, als bräuchte sie Mut. „Er ist… anders. Du solltest vorsichtig sein.“
Abigail runzelte die Stirn. „Wieso?“
„Weil er Dinge tut, die man nicht versteht.“
Leilani sah sie ernst an. „Und weil er Menschen anzieht, die er nicht anziehen sollte.“
Abigail wollte nachfragen, doch in diesem Moment bewegte sich Lou. Er ging nicht direkt auf sie zu, aber seine Schritte führten ihn in ihre Richtung, langsam, als würde er ihr Zeit geben, zu fliehen, wenn sie wollte.
Sie blieb stehen.
Als er vor ihr stehen blieb, war er näher, als sie erwartet hatte. Er roch nach etwas Dunklem, Warmem — vielleicht Sandelholz, vielleicht etwas, das sie nicht kannte.
„Du musst Abigail sein“, sagte er. Seine Stimme war tief, ruhig, mit einem französischen Akzent, der jedes Wort weicher machte, als es sein sollte.
„Ja“, antwortete sie leise.
Er lächelte nicht. Aber seine Augen — grau, stellte sie fest — wirkten, als würden sie etwas in ihr erkennen, das sie selbst nicht kannte.
„Ich habe viel über dich gehört“, sagte er.
„Von Leilani?“
„Von ihr. Und von anderen.“
Abigail spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. „Von wem denn?“
„Menschen reden“, sagte er nur. „Vor allem über diejenigen, die versuchen, unsichtbar zu sein.“
Sie schluckte. „Ich versuche nicht, unsichtbar zu sein.“
„Doch“, sagte er sanft. „Aber du bist es nicht.“
Leilani trat einen Schritt näher, als wolle sie zwischen sie gehen. „Lou, lass sie in Ruhe.“
Er sah sie an, und für einen Moment lag etwas in seinem Blick, das Abigail nicht deuten konnte. Etwas wie… Bedauern? Oder Warnung?
„Ich tue gar nichts“, sagte er ruhig. „Noch nicht.“
Abigail spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte.
Noch nicht.
„Komm“, sagte Leilani und zog Abigail weg. „Ich habe dir doch gesagt, du sollst vorsichtig sein.“
„Was ist sein Problem?“, flüsterte Abigail, als sie außer Hörweite waren.
Leilani schüttelte den Kopf. „Er ist… in etwas verwickelt. Etwas, das du nicht verstehen willst.“
„Okkult?“, fragte Abigail halb im Scherz.
Leilani erstarrte.
Abigail blinzelte. „Das war ein Witz.“
„Es ist nicht witzig“, sagte Leilani leise. „Nicht bei ihm.“
Bevor Abigail etwas erwidern konnte, fiel der Strom aus.
Ein kollektives Keuchen ging durch den Raum. Die Musik verstummte abrupt, und für einen Moment war alles schwarz. Nur das Rauschen des Regens war zu hören.
Dann — ein Licht.
Ein einzelnes, schwaches Licht, das von irgendwoher kam. Abigail drehte sich um und sah Lou. Er hielt ein Feuerzeug in der Hand, dessen Flamme flackerte. Das Licht war warm, aber es war nicht das Feuerzeug, das sie erschreckte.
Es war der Kreis aus Salz zu seinen Füßen.
Ein perfekter, weißer Ring, den sie vorher nicht bemerkt hatte.
Er stand genau in der Mitte.
Und er sah sie an.
Die Flamme spiegelte sich in seinen Augen, und für einen Moment hatte Abigail das Gefühl, dass die Welt um sie herum stillstand. Kein Geräusch. Kein Atem. Nur er.
Dann ging das Licht wieder an.
Menschen lachten nervös, riefen nach Sicherungen, nach Erklärungen. Die Musik setzte wieder ein. Alles schien normal.
Aber der Kreis aus Salz war verschwunden.
Als hätte er nie existiert.
Lou stand da, als wäre nichts gewesen. Er sah sie an, hob leicht eine Augenbraue — eine stumme Frage, eine stumme Einladung.
Abigail wandte sich ab.
Doch sie wusste, dass etwas begonnen hatte.
Etwas, das sie nicht verstand.
Etwas, das sie vielleicht nie verstehen würde.
Etwas, das mit einem Mann begann, der im Schatten stand und ihren Namen kannte, bevor sie ihn überhaupt ausgesprochen hatte.
Und während der Regen draußen stärker wurde, spürte Abigail, dass diese Nacht nicht einfach nur ihre Rückkehr markierte.
Sie markierte den Anfang von etwas Dunklem.
Etwas Unvermeidlichem.
Etwas, das sie verfolgen würde — wie ein Schatten unter dem Mond.