Botschaft aus dem Totentraum

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Zusammenfassung

Sie sieht ihre letzten Momente. Er jagt gegen die Zeit, um sie zu retten. Doch der letzte Tod, von dem sie träumt … ist seiner. Seit ihrem zehnten Lebensjahr träumt Aurielle Evans von Morden – sie spürt die Angst der Opfer am eigenen Leib und erwacht mit deren Wunden. Gezeichnet von einer Gabe, die sie selbst als Fluch betrachtet, schickt sie anonym Skizzen der Tatorte an die Polizei. Detective Nolan Anderson ist ein logisch denkender Einzelgänger, besessen von Gerechtigkeit. Fall für Fall landen verblüffend präzise Hinweise eines Unbekannten, der in der Stadt nur als "Das Orakel" bekannt ist, auf seinem Schreibtisch. Er geht jeder Spur nach und rettet Leben, während in der Stadt bereits wilde Gerüchte kursieren. Als Aurielles Träume immer gewalttätiger werden und Nolans Ermittlungen sie in die Enge treiben, kreuzen sich ihre Wege in einem ruhigen Café. Mit einem versiegelten Umschlag und einem ganzen Leben voller Geheimnisse tritt sie aus dem Schatten und überbringt ihm eine letzte, persönliche Botschaft: "Detective, ich bin Aurielle. Und ich habe von Ihrem Tod geträumt."

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
30
Rating
5.0 7 Bewertungen
Altersfreigabe
13+

Chapter 1: She but Not She

Chapter 1: Sie, aber doch nicht sie

Die Luft in dem Traum war immer dick und schmeckte nach Metall und Verfall. Aurielle war nicht sie selbst. Sie war jemand anderes – eine junge Frau namens Clara, mit einer abgeblätterten rosa Maniküre und einem rasenden Herzschlag, der gegen ihre Rippen hämmerte.

Sie befand sich in einem Studio-Apartment, der Art mit unverputztem Backstein und Blick auf eine Feuertreppe. Der Raum roch nach kalter Pizza und Verzweiflung. Ein Mann war dort. Er schrie nicht. Sein Schweigen war schlimmer. Er kam auf sie zu, und die Ärmel seiner Lederjacke rutschten hoch. An seinem linken Handgelenk war ein Tattoo – eine sich windende Schlange mit gefletschten Reißzähnen in roter Tinte.

„Bitte“, flüsterte Claras Stimme, Aurielles Stimme in dem Traum. „Ich sage niemandem etwas.“

Die Hände des Mannes schnellten nach oben. Sie waren groß und kräftig. Sie zögerten nicht. Mit einer schrecklichen, geübten Sicherheit fanden sie ihren Hals. Der Druck war sofort da, absolut. Aurielle-Clara zappelte, ihre Finger kratzten an seinen Armen, fanden aber nur harte Muskeln und glattes Leder. Die Welt verengte sich auf die giftigen Augen der Schlange auf seiner Haut. Der metallische Geschmack flutete ihren Mund und wurde zum Rauschen der Stille in ihren Ohren. Ein letzter, bruchstückhafter Gedanke – die Wäsche, ich habe die Wäsche nicht in den Trockner getan – und dann...

Aurielle Adara Evans setzte sich ruckartig in ihrem eigenen Bett auf und stieß ein Wimmern aus, das wie ein rauer, lautloser Schrei aus ihr herausbrach. Ihre Hände flogen an ihren Hals. Die Haut war empfindlich und brannte. Im grauen Licht der Morgendämmerung, das durch ihre Jalousien sickerte, stolperte sie zu dem kleinen Spiegel über ihrer Kommode.

Da waren sie. Die Blüten des Todes. Dunkle, daumengroße Blutergüsse bildeten bereits eine grausame Halskette um ihren blassen Hals. Sie drückte einen Finger darauf, und der Geist des Schmerzes – sein Schmerz, Claras Schmerz – flammte neu auf. Zehn Jahre waren seit dem ersten Traum vergangen, und die körperliche Realität war nie verblasst. Eine Gabe, nannte ihre Mutter es. Ein Erbe einer Reihe von Frauen, die zu viel sahen. Es fühlte sich an wie ein Fluch, der ihr in die Knochen gemeißelt war.

Sie weinte nicht mehr. Tränen waren ein Luxus, den ihr ihre Träume schon vor langer Zeit gestohlen hatten. Stattdessen bewegte sie sich in einer grimmigen, automatisierten Routine. Sie zog einen hochgeschlossenen Pullover an; die weiche Wolle war eine Barriere gegen die Welt und ihre Fragen. An ihrem Zeichentisch, inmitten der Baupläne für ein Studienprojekt – eine Gemeindebücherei – schaffte sie Platz.

Sie öffnete ein Skizzenbuch, das nicht mit architektonischen Formen gefüllt war, sondern mit Gesichtern. Die Gesichter derer, die bald sterben würden, und die Gesichter derer, die sie töten würden.

Ihre Hand war ruhig, als sie einen Kohlestift aufnahm. Sie schloss die Augen, nicht um zu schlafen, sondern um sich zu erinnern. Der grausame Zug um seinen Mund. Das kurz geschorene Haar. Die tief liegenden Augen, die keine Reue kannten, nur eine kalte, auszuführende Aufgabe. Sie zeichnete mit schnellen, sicheren Strichen; die Linien waren scharf und unerbittlich. Der Fokus, der Anker des Bildes, war seine linke Hand, die auf dem Rand des imaginären Rahmens ruhte. Sie stellte das Schlangen-Tattoo akribisch genau dar, wobei die roten Reißzähne wie ein Schock aus blutigem Pastell auf der grauen Seite wirkten.

Unter die Skizze schrieb sie in ihrer präzisen, architektonischen Schrift:

Opfer: Clara Henderson (gilt als vermisst). 24 Jahre. Langes braunes Haar, rosa Maniküre.

Ort: 224B Grove Street, Apt 3. Innenstadt. Unverputzte Backsteinwand, Feuertreppe nach Westen.

Zeit: Wahrscheinlich heute Nacht, zwischen 1 und 3 Uhr.

Ursache: Manuelle Strangulation.

Täter: Weißer Mann, 30–35 Jahre, ca. 1,88 m, 86 kg. Kurz geschorenes dunkles Haar. Auffälliges Tattoo einer rot bezahnten Schlange an der linken Handgelenksinnenseite.

Sie schrieb nicht: „Ich habe es in einem Traum gesehen.“ Das tat sie nie. Die Wahrheit war unerträglich. Sollen die Leute doch denken, sie wäre eine Zeugin, eine verängstigte Komplizin oder ein Medium – alles, nur nicht das, was sie wirklich war.

Sie versiegelte die Skizze und die Notiz in einem einfachen weißen Umschlag. Sie adressierte ihn an niemanden persönlich. Sie adressierte ihn an das 12th Precinct. Kein Absender. Die Briefmarke machte ein leises, endgültiges Geräusch, als sie sie festdrückte.

Der Weg zum Briefkasten an der Ecke war eine Reise durch einen wachen Traum. Die Stadt fing gerade erst an zu erwachen, die Straßenlaternen flackerten aus, während eine blasse Sonne durch den Smog drang. Die kalte Luft biss in die blauen Flecken an ihrem Hals. Sie hielt am blauen Briefkasten inne, den Umschlag zwischen den Fingern. Für einen flüchtigen Moment war das Gewicht unerträglich. Sie schickte ein Stück ihres Albtraums hinaus in die Welt des Tageslichts, eine Welt, die für solche Dinge keinen Platz hatte.

Aber Clara Hendersons ungewaschene Wäsche wartete irgendwo in einer Maschine. Ihre Familie fing wahrscheinlich gerade erst an, sich Sorgen zu machen.

Aurielle ließ den Umschlag aus den Fingern gleiten. Er fiel mit einem Flüstern in den dunklen Schlund des Kastens.

Die Last war vorerst abgeworfen. Sie drehte sich um, zog ihren Pullover enger und ging zurück zu ihrer Wohnung, zu ihrem Tag voller Vorlesungen über tragende Wände und nachhaltiges Design. Sie trug das Echo der Strangulation in ihrem Hals und das ineinander verschlungene Bild einer roten Schlange, das hinter ihren Augen eingebrannt war, während sie darauf wartete, dass der nächste Tod sie in der Nacht heimsuchte.