Ein Schweigen aus Wölfen und Blättern

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Zusammenfassung

Eine mächtige Hexe, die keine Zaubersprüche spricht. Ein in Ungnade gefallener Werwolf-Alpha mit einem menschlichen Kind, das es zu beschützen gilt. Eine Verbindung, die eigentlich unmöglich sein sollte. Eridesce, die Stumme Weise, verbirgt sich seit einem Jahrhundert in ihrem Wald. Ihre Magie erfordert keine Beschwörungen, nur Willen – eine Kraft, die so gewaltig ist, dass sie sie isoliert. Marco, ein verratener Alpha, hat nur ein Ziel: seine Adoptivtochter Lucia vor dem Rudel in Sicherheit zu bringen, das sie jagt. Als Lucia in Eridesces Wälder abirrt, schmiedet eine einzige Berührung ein unzerbrechliches, tief in der Seele verankertes Band zwischen der Hexe und dem Wolf. Es ist eine Verbindung, die beide in Angst versetzt – Marco, weil sie ihn an eine weitere gefährliche Magienutzerin bindet, Eridesce, weil ihr Geheimnis nun der Welt offenbart wurde... und den rachsüchtigen Feinden auf Marcos Fährte. Gezwungen zu einer unbehaglichen Allianz, müssen der stumme Wächter und der verwundete Krieger lernen, ihrem ungewollten Band zu vertrauen. Denn um das Kind, das sie beide lieben, und den Zufluchtsort, den sie sich aufbauen, zu verteidigen, müssen sie sich korrupten Rudeln, einem misstrauischen magischen Council und einer Vergangenheit stellen, die sie verschlingen will. Ihre einzige Hoffnung liegt in der stummen Sprache, die zwischen ihnen wächst – eine Kraft, die ihre neugefundene Familie entweder retten oder alles zerstören könnte, wofür sie gekämpft haben. Eine atemberaubende Verschmelzung von Epic Fantasy und Paranormal Romance, perfekt für Fans von Slow-Burn Romance, grimmigen Beschützern und Magie, die direkt aus dem Herzen blüht.

Genre:
Fantasy
Autor:
Erigin
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
30
Rating
5.0 2 Bewertungen
Altersfreigabe
13+

Kapitel 1: Die Stille vor dem Sturm

Kapitel 1: Die Stille vor dem Sturm

Der Wald kannte sie, noch bevor sie sich selbst kannte.

Eridesce bewegte sich durch die dämmrigen Wälder, wie sie es schon seit Jahrzehnten tat. Sie war ein lautloser Schatten zwischen alten Eichen. Ihre nackten Füße hinterließen keinen Abdruck auf dem moosigen Boden. Um sie herum spielte die übliche Abendmusik. Der letzte Vogelgesang des Tages wich dem ersten Zirpen der Grillen. Die Blätter flüsterten im Wind, der immer nach feuchter Erde und blühendem Nachtschatten roch. Für jeden Beobachter war sie einfach ein Teil der Natur. Eine schlanke Frau mit kastanienbraunem Haar, das von silbernen Strähnen durchzogen war und wie ein Vorhang bis zu ihrer Taille fiel. Sie trug eine einfache Leinenhose und eine Tunika in der Farbe von Baumrinde.

Aber der Wald ließ sich nicht täuschen. Er kannte die Kraft, die in ihrer Stille verborgen lag.

Wenn sie vorbeiging, öffneten die Fingerhüte schüchtern wieder ihre glockenförmigen Blüten, obwohl sie sich für die Nacht bereits geschlossen hatten. Eine Kaninchenfamilie flüchtete nicht, sondern hielt beim Fressen inne. Sie drehten die Köpfe in ihre Richtung, als würden sie einen stummen Segen empfangen. Die Luft um sie herum summte vor Energie. Das war keine knisternde, prahlerische Macht wie bei Hexen, die Zaubersprüche schreien. Es war das tiefe, klangvolle Beben der Erde selbst.

Zuhause, dachte sie wortlos. Das Gefühl blühte in ihrem Geist auf wie eine ihrer Nachtblumen. Dies war ihr Zufluchtsort, ihr Reich des Schweigens. Hier war sie nicht die Dritte Weise des Himmlischen Rates. Dort war sie mit Aufgaben belastet, die ihr in vollen Räumen die Kehle zuschnürten. Hier war sie einfach Eridesce, die schweigende Hexe der Flüsterwälder.

Sie erreichte ihre Lieblingslichtung, als gerade die letzten roten Streifen des Sonnenuntergangs am Himmel verblassten. In der Mitte stand der Herzbaum. Es war eine Eiche, die so alt war, dass sich ihr Stamm in drei Teile gespalten hatte. Diese wanden sich in sechs Metern Höhe wieder zusammen und bildeten eine natürliche Kathedrale aus lebendem Holz. Hierher kam sie, um ihre Mitte zu finden. Hier erinnerte sie sich daran, warum sie dieses Exil gewählt hatte und der Welt der sprechenden Hexen den Rücken kehrte.

Eridesce schloss die Augen und weitete ihre Sinne aus. Ohne ein einziges Wort zu sagen, wob sie einen einfachen Schutzzauber um die Lichtung. Es war keine komplizierte Magie mit vielen Schichten, wie ihre Ratskollegen sie nutzten. Es war etwas Grundlegenderes – eine sanfte Bitte an den Wald selbst.

Halte diesen Ort sicher. Führe jene weg, die Böses im Schilde führen. Beschütze jene, die in Frieden kommen.

Die Magie floss aus ihr heraus wie ein leises Ausatmen. Sie war nur als ein kurzes Flimmern in der Luft zu sehen, das fast sofort wieder verschwand. Keine Beschwörungsformel, keine dramatischen Gesten. Es war einfach Wille, der Gestalt annahm.

Das war ihre Gabe – und ihr Fluch. Andere Hexen lenkten ihre Kraft durch Worte und veränderten die Realität mit Reimen und Sprüchen. Doch Eridesces Magie reagierte auf etwas Tieferes: auf Absicht, auf Gefühl und auf die stille Sprache der Seele. Der Rat nannte es ein seltenes Talent. Ihre Kollegen fanden es unheimlich. Sie selbst nannte es den einzigen Weg, um zu atmen, ohne dass sich ihre Brust vor Panik wie in einem Käfig zuschnürte.

Eine plötzliche Veränderung in der Energie des Waldes riss sie aus ihren Gedanken.

Es war nicht der übliche Wechsel am Abend. Das hier fühlte sich falsch an. Ein falscher Ton in der Melodie.

Eridesce riss die Augen auf und erstarrte völlig. Sie legte den Kopf schief und lauschte nicht mit den Ohren, sondern mit ihrem Urinstinkt. Da war es – im Osten, vielleicht einen halben Kilometer entfernt. Ein Schauer der Angst. Menschliche Angst, scharf und hell wie eine angeschlagene Glocke. Und darunter lag etwas Dunkleres. Etwas, das nach nassem Fell und Mondwahnsinn roch.

Ein Werwolf.

Dieses Wissen kam nicht durch Nachdenken zu ihr, sondern als Gewissheit. Der Wald selbst hatte es ihr in den Geist gepflanzt. Die Bäume teilten ihre Wahrnehmung mit ihr, wie sie es oft für ihre stille Wächterin taten.

Sie sollte es ignorieren. Das war die Regel und die Abmachung mit sich selbst, als sie sich hierher zurückzog. Keine Einmischung in die Außenwelt. Keine Kontakte, die sie zwingen könnten zu sprechen, zu erklären oder zu interagieren. Der Rat kümmerte sich um übernatürliche Streitigkeiten. Sollen sie sich doch mit dem Wolf befassen, der sich in ihr Gebiet verirrt hatte.

Doch dann kam ein weiterer Impuls. Er war kleiner, heller und auf eine Art verängstigt, die rein und herzzerreißend kindlich war.

Ein Junges? Nein, ein Menschenkind.

Eridesce ballte die Fäuste an ihren Seiten. Die Grenzen ihres Zufluchtsorts waren klar durch Schutzzauber markiert, die Eindringlinge sanft abwiesen. Wenn jemand – besonders ein Kind – so tief eindrang, musste er wirklich verloren oder verzweifelt sein.

Gegen jeden Selbsterhaltungstrieb wandte sie sich der Störung zu.

Marcos Herz hämmerte gegen seine Rippen wie ein gefangener Vogel. Er stürmte durch das Unterholz und jeder seiner Sinne war bis zum Zerreißen gespannt.

„Lucia! Lucia!

Seine Stimme war heiser vom Schreien. Sie schwankte zwischen menschlicher Sprache und dem Knurren, das in seiner Kehle aufstieg. Der Wolf unter seiner Haut wollte raus. Er wollte auf vier Beinen durch diesen verfluchten Wald jagen, die Nase am Boden, und der Fährte folgen. Aber er durfte sich nicht verwandeln. Vielleicht waren Jäger in der Nähe. Außerdem würde die Verwandlung wertvolle Minuten kosten, die er nicht hatte.

Bitte, mein Schatz, antworte mir!“

Drei Stunden waren vergangen. Vor drei Stunden hatte er den Rücken für eine Minute zugedreht, um die Umgebung ihres Lagers zu prüfen. Drei Stunden, seit seine fünfjährige Tochter in diesen viel zu stillen, lauernden Wäldern verschwunden war.

Der Verrat lag nicht nur in Lucias Verschwinden – er lag im Wald selbst. Marco war seit zweiunddreißig seiner siebenunddreißig Jahre ein Werwolf. Zehn Jahre davon war er ein Alpha. Er kannte Wälder. Er wusste, wie man sie liest und wie man sich darin bewegt.

Aber diese Wälder hier... sie hielten sich an keine Regeln.

Pfade, die er gerade erst gegangen war, schienen plötzlich im Kreis zu führen. Orientierungspunkte veränderten sich, wenn er gerade nicht hinsah. Sogar sein Orientierungssinn, der sonst so sicher wie eine Kompassnadel war, versagte völlig. Es war, als würden sich die Bäume verschwören, um ihn von seinem Kind fernzuhalten.

Magie, knurrte sein innerer Wolf. Hexenmagie.

Dieser Gedanke löste eine neue Welle der Wut in ihm aus. Hexen. Er hatte genug von Magienutzern. Kirsten hatte für ein ganzes Leben gereicht. Die schöne, listige Kirsten mit ihren honigsüßen Lügen und ihrem Ehrgeiz, der kälter brannte als jeder Winter. Sie hatte ihn gelehrt, was es kostete, jenen zu vertrauen, die Macht mit Worten ausübten.

„Lucia!“, brüllte er erneut. Der Name endete in etwas, das fast wie ein Jaulen klang.

Er zwang sich zum Anhalten und Atmen. Er musste wie der Alpha denken, der er einmal war, und nicht wie der panische Vater. Er schloss die Augen und suchte nach dem Rudelband. Das war die psychische Verbindung, die ihn normalerweise mit seinen Betas und seinen Kriegern verband.

Nichts.

Nur gähnende Leere an der Stelle, wo das Echo seines Rudels hätte sein sollen. Die Stille schmerzte immer noch, selbst nach zwei Jahren. Er hatte dieses Exil selbst gewählt. Er war auf der Flucht mit einem Menschenkind, das ihn voller Vertrauen Papa nannte.

Er hatte versagt. Die Erkenntnis lag ihm wie ein Stein im Magen.

Ein Windhauch bewegte die Blätter über ihm. Er trug einen Geruch herbei, der sein Blut gefrieren ließ: Eisen und Salz. Blut. Menschenblut.

Nein. Nein, nein, nein...

Er rannte los, noch bevor der Gedanke fertig war. Er krachte durch Farne und über Baumstämme, ohne auf Heimlichkeit zu achten. Der Geruch wurde stärker. Er mischte sich nun mit dem metallischen Geschmack von Angstschweiß. Dem Angstschweiß eines Kindes.

Er stürmte auf eine kleine Lichtung und sah es – ein Stück Stoff, sonnengelb. Es war Lucias Lieblingshemd. Sie hatte darauf bestanden, es zu tragen, obwohl es für die kühlen Herbstabende zu dünn war. Es hing zerrissen an einem Brombeerstrauch.

Und es war mit Blut befleckt.

Ein Brüllen entriss sich Marcos Kehle, halb Mensch, halb Wolf, voller Qual. Die Verwandlung zerrte an ihm. Sie versprach Stärke, Schnelligkeit und geschärfte Sinne. Er kämpfte sie nieder, obwohl seine Krallen bereits aus den Fingerspitzen traten. Wenn er sich jetzt in dieser Panik verwandelte, würde er vielleicht nicht zurückkehren. Der Wolf könnte die volle Kontrolle übernehmen. Und ein wildgewordener Alpha nützte niemandem etwas, am wenigsten einem verlorenen kleinen Mädchen.

„Wer ist da?“, fragte eine kleine, zittrige Stimme von links.

Marco erstarrte. „Lucia?“

„Papa?“

Sie trat hinter einer gewaltigen Eiche hervor. Ihr lockiges, dunkles Haar war voller Blätter, Tränenspuren zogen sich durch den Dreck auf ihren Wangen. Ein Knie war aufgeschürft und blutete – das war die Quelle des Geruchs, der ihn so erschreckt hatte. Aber ansonsten sah sie unversehrt aus.

Die Erleichterung war so groß, dass Marcos Knie fast nachgaben. Mit drei Schritten war er bei ihr und schloss sie fest in die Arme. Sie war warm und lebendig. Ihr kleines Herz schlug gegen seine Brust.

„Gott sei Dank“, flüsterte er in ihr Haar, seine Stimme brach. „Schatz, ist alles okay? Was ist passiert? Warum bist du weggelaufen?“

„Ich habe ein Häschen gesehen“, murmelte Lucia an seiner Schulter. „Ein weißes mit rosa Augen. Es sah mich an, als sollte ich ihm folgen. Und dann habe ich mich verlaufen.“

Ein weißes Kaninchen. Marcos Sinne waren sofort wieder in Alarmbereitschaft. In übernatürlichen Kreisen waren weiße Tiere selten nur Tiere. Sie waren Boten, Gefährten oder Lockmittel.

„Wir müssen gehen“, sagte er. Er setzte sie ab, hielt ihre Hand aber fest umschlossen. „Jetzt gleich. Dieser Wald ist nicht sicher.“

„Aber die Frau hat mir geholfen“, sagte Lucia und zeigte dorthin, wo sie hergekommen war. „Sie gab mir Wasser aus einem Blatt und hat mein Knie geheilt. Sie ist nett, Papa. Schüchtern, genau wie ich.“

Marco stellten sich alle Nackenhaare auf. „Was für eine Frau?“

Eridesce beobachtete sie aus dem Schatten heraus. Ihr Atem war so flach, dass er kaum die Luft bewegte.

Der Mann – der Werwolf – war genau so, wie der Wald ihn ihr gezeigt hatte: groß, breitschultrig und selbst in menschlicher Gestalt extrem angespannt. Dunkles Haar mit vorzeitigem Silber an den Schläfen. Eine Narbe durch eine Augenbraue verlieh ihm einen dauerhaft finsteren Blick. Und Augen, die die Lichtung mit der Intelligenz eines Raubtiers absuchten.

Nun ja, fast alles. Er hatte sie noch nicht entdeckt.

Das Kind – Lucia – hielt sich an seiner Hand fest. Bei diesem Anblick zog sich Eridesces Herz seltsam zusammen. Sie hatte das Mädchen weinend an einem Bach gefunden, völlig orientierungslos. Es hatte fünfzehn Minuten gedauert, in denen Eridesce nur still und geduldig gewartet hatte. Sie hatte ihr Wasser in einem Blatt angeboten und ihre Wunde mit Magie geheilt. Erst dann hatte Lucia aufgehört zu zittern. Das Mädchen hatte die ganze Zeit geredet. Sie füllte die Stille, die Eridesce nicht brechen konnte, mit Geschichten über ihren Papa und die „bösen Leute“, vor denen sie sich versteckten.

Eridesce wollte sie gerade dorthin zurückführen, wo sie eine andere Präsenz spürte, als das Mädchen plötzlich aufhorchte.

„Papa! Ich höre Papa!“

Und schon war sie losgelaufen und hatte Eridesce einfach an der Hand mitgezogen. Eridesce war Berührungen so wenig gewohnt, dass sie der Kleinen einfach folgte.

Nun stand sie am Rand der Bäume und beobachtete das Wiedersehen. Ihre Aufgabe war erfüllt. Das Kind war sicher. Sie sollte nun im Wald verschwinden, in ihr Baumhaus zurückkehren und alles vergessen.

Aber irgendetwas hielt sie zurück.

Vielleicht war es die pure Liebe im Gesicht des Werwolfs, als er seine Tochter hielt. Vielleicht war es die Art, wie er die Bäume absuchte – nicht nur als Jäger, sondern als Beschützer. Vielleicht erkannte sie auch die Einsamkeit in seiner Haltung wieder. Es war eine Einsamkeit, die ihrer eigenen glich, auch wenn seine aus Verrat und ihre aus einer freien Entscheidung entstanden war.

„Aber die Frau hat mir geholfen“, war Lucias Stimme deutlich zu hören.

Eridesce erstarrte. Nein. Zeig nicht mit dem Finger auf mich. Schau nicht hierher.

Der Kopf des Werwolfs schnalzte nach oben. Sein Blick streifte genau den Abschnitt des Waldes, in dem sie stand. Einen Herzschlag lang trafen sich ihre Augen im dämmrigen Zwielicht.

Seine Augen hatten die Farbe von Gewitterwolken, wie polierter Feuerstein.

Ihre eigenen, das wusste sie, hatten ein ungewöhnliches Silbergrau, das andere Menschen oft verunsicherte.

In diesem erstarrten Moment veränderte sich etwas in der Luft zwischen ihnen. Es war keine Magie – zumindest keine Magie, wie Eridesce sie kannte. Es war etwas Tieferes, etwas Grundlegendes. Es war, als ob ein unsichtbarer Faden plötzlich straff gezogen wurde und ihr Herz direkt mit seinem verband.

Die Abendgeräusche des Waldes verblassten zu einem fernen Summen. Ihr eigener Herzschlag dröhnte wie eine Trommel in ihren Ohren. Die Welt schrumpfte zusammen auf diese grauen Augen, die sie fixierten. Sie weiteten sich in einem Moment unglaublicher Erkenntnis.

Dann traf es sie – ein körperliches Gefühl wie ein Haken hinter ihrem Brustbein, der sie nach vorne riss. Es war die Anziehungskraft zu einem anderen Menschen, von der sie bisher nur in den ältesten Texten des Rates gelesen hatte.

Soul-Anchoring.

Es war die seltenste aller übernatürlichen Verbindungen. Man sagte, sie entstünde nur, wenn zwei ergänzende Mächte ihre andere Hälfte über Raum und Zeit hinweg erkannten.

Ihre Hand fuhr an ihre Brust. Ihre Finger spreizten sich über der plötzlichen, schockierenden Wärme, die sich dort ausbreitete. Ihre Magie, die normalerweise wie ein ruhiger See in ihr lag, peitschte hoch. Sie reagierte auf die Anwesenheit dieses Fremden mit einer freudigen, aber furchteinflößenden Vertrautheit.

Gefährte, flüsterte der Wald auf seine wortlose Art.

Dein Gefährte ist gekommen.

Nein. Unmöglich. Sie war eine Hexe des Celestial Council. Er war ein Werwolf, ein Wesen, das für körperliche Bindungen bekannt war, nicht für spirituelle. Das war ein Fehler. Eine Fehlfunktion. Eine Panikattacke.

Doch das Ziehen wurde nur stärker. Es war ein Drang, die Distanz zwischen ihnen zu überbrücken, auf die Lichtung zu treten und –

„Mein Papi ist hier lang, komm mit!“ Lucias fröhliche Stimme brach den Bann.

Das kleine Mädchen zog wieder an Eridesces Hand. Sie versuchte, sie zu dem Werwolf zu ziehen. Zu ihm.

Eridesce blickte auf die kleine Hand in ihrer hinunter. Dann sah sie zu dem Mann auf, dessen Gesichtsausdruck von Misstrauen zu Schock und schließlich zu einer Art Entsetzen gewechselt war. Er wusste es. So unmöglich es auch war, so sehr es jeder Logik widersprach – er wusste, was dieses Gefühl bedeutete. Werwölfe waren Instinktwesen. Er spürte diese Verbindung in seinem Blut, in seinen Knochen, in dem Wolf, der seine Seele teilte.

Seine Lippen formten ein lautloses Wort: Nein.

Es war die Ablehnung, mit der sie gerechnet hatte. Trotzdem tat es weh, als es passierte. Der Haken in ihrer Brust drehte sich um und wurde zu einer Klinge.

Eridesce tat das Einzige, was sie konnte. Sie tat das, was sie seit einem Jahrhundert tat, wenn ihr die Welt zu viel wurde.

Sie floh.

Sie ließ Lucias Hand mit einem sanften, aber festen Gedanken los, der das Mädchen zu ihrem Vater drängte. Dann drehte sich Eridesce um und stürzte in den Wald. Das war keine anmutige Bewegung mehr, sondern ein verzweifelter Rückzug. Äste verfingen sich in ihren Haaren und Kleidern. Dornen ritzten ihre Arme auf. Es war ihr egal. Sie brauchte Abstand und den Schutz ihrer Zauber. Sie wollte überall sein, nur nicht hier bei dieser unmöglichen Bindung, die in ihren Adern schrie.

Hinter sich hörte sie Lucias verwirrten Ruf: „Lady? Wo gehst du hin?“

Und darunter das leise, am Boden zerstörte Flüstern des Werwolfs. Es war für ihn selbst bestimmt, aber der Wind trug es zu ihr: „Gnade des Mondes. Nicht schon wieder. Bitte, nicht schon wieder.“

Marco starrte auf die Stelle, an der die Frau verschwunden war. Seine ganze Welt stand innerhalb von zehn Herzschlägen Kopf.

Das Gefährtenband – oder was auch immer diese tiefere Version davon war – pulsierte noch immer zwischen ihnen. Es war wie ein silberner Faden, der sich straff durch die Bäume spannte. Er konnte ihre Panik und ihre Flucht so deutlich spüren, als wäre es sein eigener Zustand. Sein Wolf heulte in ihm auf. Er war wütend über den Rückzug und wollte unbedingt hinterherjagen, um sie zu beanspruchen und zu beschützen.

„Wer war das, Papi?“, fragte Lucia und zupfte an seiner Hand. „Sie war nett. Warum ist sie weggerannt?“

„Ich weiß es nicht, Schätzchen“, brachte Marco mit rauer Stimme hervor. Er zwang sich, zu seiner Tochter hinunterzusehen. Er musste sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren. „Aber wir müssen aus diesem Wald verschwinden. Sofort.“

Das Blutband zu Lucia war eine stetige, vertraute Wärme in seiner Brust. Er hatte es geschmiedet, als er sie als Baby verlassen gefunden und beschlossen hatte, sie wie sein eigenes Kind aufzuziehen. Aber diese neue Bindung... sie war, als hätte ein Blitz mitten in sein Wesen eingeschlagen. Es war alles, was die Bindung zu Elara hätte sein sollen, aber nie war: tief, instinktiv und einfach richtig, auf eine Weise, die seine Zähne schmerzen ließ.

Und diese Verbindung bestand zu einer Hexe. Einer mächtigen dazu, wenn man bedachte, wie sich der Wald um sie herum bog. Er hatte ihre Magie gespürt, als sie verschwand. Es war keine auffällige Zauberkraft, sondern etwas Ruhigeres, das alles durchdrang. Es war, als wäre der Wald selbst ein Teil ihres Willens.

„Sie hat mein Knie geheilt“, sagte Lucia und zeigte ihm den Schnitt, der bereits verkrustet war. „Nur mit einem Blick! Können wir danke sagen gehen?“

„Nein.“ Das Wort klang härter, als er gewollt hatte. Er senkte die Stimme. „Nein, mein Schatz. Sie... sie will allein sein. Das müssen wir respektieren.“

Er hoffte inständig bei jedem Gott, von dem er je gehört hatte, dass es stimmte. Dass sie in Ruhe gelassen werden wollte. Dass sie in ihrem Teil des Waldes bleiben würde und er in seinem, damit diese unmögliche Verbindung wie ein böser Traum verblasste.

Doch schon während er das dachte, wusste er, dass es eine Lüge war. Solche Bindungen verblassten nicht. Sie wurden stärker. Sie verlangten danach, anerkannt zu werden.

Er nahm Lucia auf den Arm – wobei er ihr Protestieren ignorierte, dass sie schon ein „großes Mädchen sei und laufen könne“. Marco drehte sich um und suchte den Weg aus der Lichtung. Zumindest versuchte er es. Die Orientierungslosigkeit war jetzt noch schlimmer. Es war, als ob der Wald selbst seine Abreise verhindern wollte. Als wollte er ihn hier behalten, ganz nah bei ihr.

Er kämpfte sich trotzdem durch. Seine Entschlossenheit als Alpha war stärker als die mystische Störung. Im Lager hatten sie Vorräte, so karg sie auch sein mochten. Sie würden packen und bis zum Morgen zehn Meilen weit weg sein. Oder zwanzig. So weit, wie es eben nötig war, damit dieser silberne Faden in seiner Brust locker wurde.

„Papi?“ Lucias Stimme klang ganz klein an seinem Hals. „Ist sie eine von den bösen Leuten?“

Marcos Schritte gerieten ins Stocken. Er dachte an die silbergrauen Augen, die vor Schock und Angst geweitet waren. Er dachte an ihre Präsenz, die sich eher wie ein Zufluchtsort angefühlt hatte als wie eine Bedrohung. Er dachte an eine Hexe, die ein verlorenes Kind heilte, anstatt es auszunutzen.

„Nein“, sagte er, und es war das erste völlig ehrliche Wort, seit die Bindung zugeschnappt war. „Ich glaube nicht, dass sie böse ist.“

Nach seiner Erfahrung machte sie das nur noch unendlich viel gefährlicher.

Eridesce hörte nicht auf zu rennen, bis sie den Fuß ihres Zuhauses erreichte. Es war ein uralter, gewaltiger Mammutbaum, dessen hohler Stamm eine natürliche Wendeltreppe bildete. Sie kletterte mit zitternden Beinen nach oben. Sie benutzte nicht die schwebende Luftscheibe, die sie sonst trug. Sie brauchte das Brennen in ihren Muskeln, um sich wieder zu spüren.

Ihr Baumhaus war weniger ein Haus als eine Reihe von Plattformen und Räumen. Alles war in und um die mächtigen Äste gebaut und durch Seilbrücken verbunden. Es war ein Ort voller stiller Schönheit. Kräuter hingen in Bündeln zum Trocknen, Kristalle fingen das letzte Mondlicht ein, und Bücher schwebten in der Luft und warteten auf sie.

Normalerweise erfüllte sie dieser Ort mit Ruhe. Heute Abend fühlte er sich wie ein Käfig an.

Die Bindung war immer noch da. Wie ein stromführender Draht summte sie in ihrer Brust und zeigte unerbittlich nach Südosten. Zu ihm. Sie konnte seine Bewegung spüren, seinen entschlossenen Rückzug. Eigentlich hätte sie erleichtert sein müssen. Stattdessen fühlte es sich an, als würde etwas in ihr langsam zerreißen.

Dummkopf, schalt sie sich selbst. Sie presste den Handballen gegen ihr Brustbein, als könnte sie die Verbindung physisch wegdrücken.

Du bist die Dritte Weise. Du beherrschst das lautlose Zaubern, das Falten von Dimensionen und das Gespräch mit den Elementen. Und du wirst fertiggemacht von... von was? Einem biologischen Zwang?

Aber es war nichts Biologisches. Das war der beängstigende Teil. Es war keine rein tierische Anziehung. Es war ihre Magie selbst, die ihn erkannte. Ihre Kraft, der Kern ihres Wesens, hatte diesen verletzten, grimmigen, beschützenden Werwolf angesehen und gesagt: Ja. Dieser hier ergänzt dich. Dieser hier macht dich ganz.

Ein sanfter Klang ertönte – einer ihrer Kommunikationskristalle leuchtete bernsteinfarben. Der Rat. Wahrscheinlich Weise Theron, der Siebte, der nach ihrem „Einsiedlerleben“ sah. Normalerweise schickte sie einen kurzen Impuls zurück, ein lautloses Ich lebe, ich bin noch da.

Heute Abend starrte sie den Kristall nur an, bis er wieder dunkel wurde.

Was sollte sie auch sagen?

Ich habe mich aus Versehen mit einem verstoßenen Werwolf-Alpha verbunden. Übrigens hat er ein Menschenkind dabei. Meine Magie spielt verrückt. Schickt Hilfe?

Sie würden sie entweder auslachen oder sofort zur „mentalen Neuausrichtung“ zurückrufen. Beides war nicht akzeptabel.

Sie trat auf die westliche Plattform, von der aus man den tiefsten Teil des Waldes überblicken konnte. Eridesce schlang die Arme um sich und starrte in die Dunkelheit. Irgendwo da draußen war ein Mann, der Magie hasste, durch das magischste aller Bänder an sie gefesselt. Ein Mann mit einer so schmerzhaften Vergangenheit, dass seine Augen Jahrzehnte älter wirkten als sein Gesicht. Ein Mann, der gerade vor ihr weglief, so schnell seine Beine ihn und seine Tochter tragen konnten.

Das Vernünftigste wäre, ihn laufen zu lassen. Ihre Schutzzauber zu verstärken und so tief in ihrer Magie zu versinken, dass die Bindung nur noch ein Hintergrundgeräusch war. In ein oder zwei Jahrhunderten würde sie vielleicht sogar verblassen.

Doch während sie dort stand, tauchte eine Erinnerung auf. Lucias kleine, vertrauensvolle Hand in ihrer. Wie das Mädchen über das Lachen ihres Papis geplappert hatte. Dass er „Pfannkuchen in Wolfsform“ machte und ihr jeden Abend drei Geschichten vorlas, selbst wenn sie im Auto schliefen.

Die bösen Leute suchen uns, hatte Lucia ihr zugeflüstert. Papi sagt, sie wollen mich wegnehmen.

Eridesce schloss die Augen. Das Band pulsierte, ein tiefer, steter Schmerz aus Entschlossenheit und Angst. Seine Entschlossenheit. Seine Angst.

Sie war in diesen Wald gekommen, um der Verantwortung zu entkommen. Um keine Bindungen mehr einzugehen und in einer selbstgewählten Stille zu leben.

Aber das Universum hatte anscheinend andere Pläne. Es hatte einen gebrochenen Alpha und seine strahlende Tochter durch ihre Schutzzauber geschickt. Es hatte eine Verbindung geschmiedet, die ihre mühsam aufgebaute Einsamkeit zerstörte.

So sehr jeder Instinkt auch schrie, sich zu verstecken, sich zu verbarrikadieren und den Sturm abzuwarten...

Eridesce hatte das ungute, sichere Gefühl, dass der Sturm gerade erst begonnen hatte. Und er trug den Geruch von Regen, Wolfsfell und dem Lachen eines kleinen Mädchens direkt vor ihre Haustür.

Weit im Südosten, am Rande ihrer Wahrnehmung, pulsierte das Band einmal kräftig auf. Es war ein Aufblitzen beschützender Wut, die nicht gegen sie gerichtet war, sondern gegen eine ferne Bedrohung. Marco war auf etwas gestoßen. Oder auf jemanden.

Ohne nachzudenken, hob Eridesce die Hände. Ihre Finger bewegten sich in einem komplexen, lautlosen Tanz. Die Luft um sie herum schimmerte, als sie einen Fernspähzauber wirkte. Sie schickte ihr Bewusstsein über die Baumwipfel hinweg zu diesem Gefühlsimpuls.

Die Bindung mochte ein Fluch sein. Sie mochte alles auf den Kopf stellen, was sie sich aufgebaut hatte.

Aber wenn sie ihr auch zeigte, wo Gefahr für den Mann und das Kind lauerte, die nun an ihre Seele gebunden waren...

Nun ja. Sie war schließlich eine Weise. Und selbst stille Hexen wussten, wie sie beschützen mussten, was ihnen gehörte.

Auch wenn dieses „Gehören“ ein Konzept war, das bis heute Abend nur für einen Wald und die Einsamkeit gegolten hatte.