New Town
Wir waren gerade in die Kleinstadt Westin gezogen. Wegen der Arbeit meines Vaters zogen wir oft um. An keinem Ort konnten wir uns lange zu Hause fühlen. Mein Vater fing an, das Auto auszuladen, während die Umzugshelfer den Laster entluden.
Mama: Du wirst Westin lieben, Schätzchen.
Ich verziehe das Gesicht und schüttle den Kopf. Sie lacht nur, nimmt meine Hand und wir gehen in das neue Haus. Sie zeigt mir mein Zimmer. Meine Augen leuchten auf. Das Bett hatte die Form einer Kutsche.
Mama: Gefällt es der Prinzessin?
Ich: Ja!
Ich renne hinüber und umarme sie. Sie führt mich zum Fenster und zeigt auf den Hinterhof. Dort war ein Baumhaus. Ich schnappe nach Luft.
Ich: Für mich?!
Meine Mutter lächelt und nickt mir zu. Ich stopfe ein paar Spielsachen in einen Rucksack, renne nach unten und durch die Hintertür nach draußen. Ich schaue nach oben und beginne zu klettern. Ich hatte noch nie zuvor ein Baumhaus gehabt. Drinnen angekommen, packe ich meinen Rucksack aus. Ich fange an, meine Spielsachen und Kuscheltiere aufzustellen. Ich höre ein Schluchzen. Ich schaue mich um und schreie erschrocken auf. Meine Mutter eilt nach draußen und ruft nach mir. Der kleine Junge legt einen Finger auf seine Lippen und schüttelt den Kopf.
Ich: I-ich bin okay, Mama! War nur ein Käfer!
Mama: Erschreck mich nicht so, Liebes.
Ich: Entschuldigung, Mama!
Ich höre, wie die Hintertür zufällt. Ich sammle meine Spielsachen ein und bringe sie in eine Ecke. Meine Spielsachen bekommt niemand.
Ich: Warum bist du in meinem Baumhaus?
Junge: Das hier gehört mir.
Ich: Überhaupt nicht. Es steht in unserem Garten, also gehört es uns. Und meine Mama hat es mir gegeben, also gehört es mir.
Junge: Halt die Fresse, du Blöde.
Ich: Du bist blöd! Ich sag's meiner Mama.
Junge: Warte! Bitte nicht. Bitte.
Ich: Warum nicht?
Junge: Einfach nur-- Bitte nicht.
Ich schaue genauer hin. Ich krabbele näher heran. An seinem Arm war ein dunkler Fleck. Ich stupse ihn an, und er zuckt vor Schmerz zurück. Er starrt mich finster an.
Ich: Was ist das?
Junge: Nichts!
Ich: Tut es weh?
Junge: Ein bisschen.
Ich greife nach meiner Tasche und kram darin herum. Ich habe meine Arztausrüstung immer griffbereit. Ich hole meinen Hammer heraus und tippe damit auf den dunklen Fleck. Er zuckt wieder vor Schmerz zurück. Ich hole ein Pflaster heraus, klebe es darauf und gebe ihm einen Kuss.
Ich: So! Alles wieder gut.
Junge: Du hast gar nichts gemacht.
Ich: Doktor Gabby rettet nur Leben.
Er nimmt das Pflaster ab und verlässt das Baumhaus. Bevor er hinunterklettert, hält er inne und sieht mich an.
Junge: Du wärst eine schreckliche Ärztin.
Ich: Ich wollte sowieso nicht deine Ärztin sein. Keiner meiner Patienten ist ein Kackkopf!
Ich strecke ihm die Zunge heraus und mache ein spöttisches Geräusch, während er hinunterklettert. Ich sehe, wie er durch ein paar Gärten abkürzt, bevor er durch eine Hintertür verschwindet. Er wohnt also dort. Ich mache mich wieder daran, meine Spielsachen und Kuscheltiere aufzustellen. Ich hatte das Gefühl, das würde nicht das letzte Mal gewesen sein. Es wird spät und meine Mutter ruft mich zum Abendessen herein. Während des Essens erinnere ich mich an den Fleck und frage meine Eltern danach.
Ich: Papa, was ist eine dunkle Stelle auf der Haut?
Papa: Kommt auf die Situation an, Schätzchen. Ich brauche ein paar mehr Informationen.
Ich: Sie ist so schwarz, rot und violett. Es tut ein bisschen weh, wenn man sie berührt.
Mama: Das klingt nach einem blauen Fleck. Schatz, hast du einen blauen Fleck?
Ich: Nein.
Papa: Woher kommt diese Frage?
Ich: Ich--.
Ich will ihnen nichts von dem Jungen erzählen. Ich erzähle meine erste Lüge überhaupt.
Ich: Ich habe das in einem Buch gesehen.
Papa: Puh. Ich dachte schon, du hättest dich verletzt oder jemand hätte dir wehgetan.
Ich: Bekommt man so blaue Flecken? Wenn einem jemand wehtut?
Mama: Manchmal. Aber man kann auch gegen etwas hartes stoßen, dann bekommt man auch einen blauen Fleck.
Er war also entweder verletzt worden oder hatte sich selbst wehgetan. Ich esse auf und frage, ob ich noch ein paar Minuten im Baumhaus bleiben darf. Sie nicken, also renne ich in die Küche und werfe ein paar Snacks in meinen Rucksack. Ich klettere wieder hoch, aber er war nicht da. Ich hole einen Wachsmalstift und ein Blatt Papier heraus. Ich schreibe darauf: „Mein Name ist Gabriella. Das ist für dich.“
Ich: Hoffentlich kommt er zurück.
Ich lege den Zettel zusammen mit den Snacks hin und gehe wieder hinein. Zurück in meinem Zimmer starre ich aus dem Fenster und sehe, wie er über meinen Hinterhof zum Baumhaus flitzt. Ich höre eine Stimme, die nach ihm schreit. Wer auch immer es war, klang wütend. Ich beobachte alles, bis meine Mutter ins Zimmer kommt und mich zudeckt. Ich versuche einzuschlafen, aber es klappt nicht. Ich schnappe mir eine Decke und schleiche mich nach unten. Gerade als ich die Tür öffnen will, werde ich aufgehalten.
Papa: Wo willst du hin, junge Dame?
Ich: Ich habe mein liebstes Kuscheltier im Baum gelassen.
Papa: Ich hole es.
Ich: Nein!
Mein Papa schaut mich an. Er hebt eine Augenbraue und mustert mich.
Ich: Du weißt doch gar nicht, welches es ist, Papa.
Papa: Okay, aber beeil dich. Du brauchst Schlaf. Morgen ist dein erster Schultag an der neuen Schule.
Ich nicke und renne nach draußen. Ich werfe mir die Decke über die Schulter und klettere auf den Baum. Ich finde ihn zitternd in einer Ecke des Baumhauses kauernd. Ich halte ihm die Decke hin.
Ich: Hier.
Er sieht mich nur an. Ich sehe, dass er das Essen aufgegessen hat. Er dreht sich weg.
Ich: Du wirst erfrieren. Nimm sie.
Junge: Nein.
Ich werfe sie ihm zu. Ich sitze da mit verschränkten Armen. Mein Papa ruft nach mir.
Papa: Gabriella! Schlafenszeit, junge Dame!
Ich: Komme schon, Papa! Ich muss gehen.
Ich schnappe mir ein Kuscheltier und will gerade gehen. Ich schaue noch einmal zu ihm zurück.
Junge: Jin.
Ich: Hä?
Junge: Mein Name ist Jinwoo Park.
Ich: Jinny.
Jin: Igitt. Nenn mich nicht so.
Ich kichere leise. Während ich anfange herunterzuklettern, flüstere ich ihm zu.
Ich: Gute Nacht, Jin.
Ich klettere hinunter und mein Papa begleitet mich zurück ins Haus. Ich gehe nach oben und schlafe endlich ein. Ich hatte gerade meine erste Freundschaft in Westin geschlossen.