Was verborgen war, wurde nach Hause gerufen
Elodie hatte die Stille schon immer gemocht.
Nicht die hohle, leere Art von Stille. Sondern jene, die sich wie eine warme Decke über sie legte und sie einhüllte, während sie zusammengerollt in der Ecke der Stadtbibliothek saß und ein Buch las. Es war die Stille, die ganz leicht nach altem Papier roch und in der Staubkörner in den Sonnenstrahlen tanzten. Diese Stille gab ihr für einen kurzen Moment das Gefühl, irgendwo dazuzugehören.
Heute Abend fühlte sich die Stille jedoch anders an.
Sie summte in der Luft.
Ein tiefes, vibrierendes Summen ließ ein Kribbeln über ihre Haut laufen, als würde die Welt den Atem anhalten. Sie blickte auf, und es schien, als würde etwas Unsichtbares im Schein des Mondes nur darauf warten, dass sie es bemerkte.
Elodie schob ihre Brille auf der Nase nach oben und versuchte, sich auf ihr Buch zu konzentrieren. Sie las denselben Absatz schon seit zehn Minuten, aber die Worte wollten nicht in ihren Kopf. Ihr silberblondes Haar rutschte ihr immer wieder in die Augen und fing das Mondlicht ein, das durch das Fenster der Bibliothek schien.
Sie strich es hinter ihr Ohr und ließ den Atem aus, den sie angehalten hatte.
„Reiß dich zusammen, Elodie“, flüsterte sie sich selbst zu.
Doch ihr Herz klopfte hektisch und sanft zugleich, wie ein Schmetterling, der unter Glas gefangen war.
Sie schloss das Buch und presste es an ihre Brust. Sie übertrieb es maßlos. Vielleicht war es nur die Nervosität wegen ihres achtzehnten Geburtstags morgen. Ihre Eltern hatten ein kleines Fest geplant, nichts Großes, aber selbst das fühlte sich nach zu viel an. Sie war nie gerne im Mittelpunkt. Sie zog es vor, in stillen Ecken zu verschwinden und sich in Geschichten zu verlieren, die nichts von ihr verlangten.
Sie stand auf, hängte sich ihre Tasche über die Schulter und trat hinaus in die kühle Nachtluft. Der Mond hing tief und voll über den Bäumen, heller, als sie ihn je zuvor wahrgenommen hatte. Er hüllte die Straße in Silber und ließ alles weich und traumhaft wirken.
Elodie blieb auf dem Gehweg stehen, der Atem stockte ihr.
Das Summen in der Luft schien unter ihre Haut zu kriechen und wurde dann stärker.
„Okay … das ist anders“, murmelte sie.
Sie machte einen Schritt in Richtung ihres Zuhauses, blieb dann aber stehen, wie eingefroren.
Eine Wärme breitete sich in ihrer Brust aus, sanft wie ein elektrischer Strom. Ihre Sicht verschwamm für einen Moment und die Welt veränderte sich, als wäre das Mondlicht selbst ein Stück näher an sie herangerückt.
Und dann hörte sie es.
Eine Stimme.
Nicht von der Straße. Nicht aus der Welt um sie herum. Sie kam aus ihrem Inneren.
Elodie …
Sie japste nach Luft und stolperte rückwärts gegen die Wand der Bibliothek. Ihre Tasche rutschte von der Schulter und schlug mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden auf, das in der Stille widerhallte.
Ihr Puls hämmerte in ihren Ohren.
„Wer ist da?“, flüsterte sie, obwohl sie wusste, dass niemand da war, der ihr antworten konnte.
Die Stimme erklang erneut, diesmal leiser, wie ein Flüstern in einer leichten Brise.
Elodie … komm nach Hause.
Ihr ganzer Körper bebte. Eine seltsame, sehnsuchtsvolle Vertrautheit überkam sie. Es war, als hätte sie ihr ganzes Leben darauf gewartet, diese Stimme zu hören, auch wenn sie nicht verstand, was es bedeutete.
Sie legte eine Hand auf ihre Brust und spürte die Wärme, die unter ihrer Handfläche ausging.
„Was … was passiert hier mit mir?“
Die Stimme antwortete nicht. Doch die Wärme blieb, legte sich um ihr Herz und fühlte sich an wie Hoffnung.
Das Mondlicht reichte ihr die Hand und floss in einem weichen, silbernen Glanz über ihre Haut.
Zum ersten Mal in ihrem Leben spürte Elodie etwas Uraltes in sich aufkeimen, etwas Erdverbundenes und Mächtiges, das achtzehn Jahre lang darauf gewartet hatte, erwacht zu werden.
Etwas, das endlich aufgewacht war.
Sie wusste nicht, dass kilometerweit entfernt, im Herzen des Silverwood Pack, ein Alpha mit demselben Haar und denselben Augen auf die Knie gesunken war. Tränen verschleierten seinen Blick, als das Zwillingsband, um das er so viele Jahre getrauert hatte, plötzlich wieder einrastete.
Sie wusste nicht, dass in den Wäldern jenseits der Stadt ein junger Alpha mitten im Schritt erstarrt war, weil er einen leuchtenden Sog zu einem Mädchen spürte, das er noch nie getroffen hatte.
Alles, was sie wusste, war, dass die Stille, die sie immer gekannt hatte, verschwunden war.
Und an ihre Stelle war ein Flüstern getreten, das sich wie Zugehörigkeit anfühlte.
Aiden Silverwood stand am Rand des Silverwood-Waldes, während der Mond mit wachsamen Auge tief über den Baumwipfeln hing. Die Nacht war ruhig und beruhigte ihn normalerweise, doch etwas fühlte sich falsch an.
Oder vielleicht … nicht falsch. Einfach anders.
Er atmete tief ein und ließ die kühle Luft seine Lungen füllen. Der Duft von Kiefern, Tau und gefallenem Laub. Sein Wolf in ihm lief rastlos und unruhig hin und her.
Ganz ruhig, Timber, murmelte er innerlich. Was ist bloß mit dir los?
Sein Wolf antwortete nicht. Er drückte nur fester gegen seine Rippen, als wolle er sich einen Weg nach draußen bahnen.
Aiden runzelte die Stirn.
Er hatte diese Art von Unruhe in Timber seit … nicht mehr gespürt.
Ein plötzlicher, scharfer Puls traf ihn mitten in der Brust.
Er taumelte rückwärts.
Die Welt verschob sich. Ihm stockte der Atem. Er ging auf dem Waldboden in die Knie und stützte eine Hand auf die Erde, während eine Welle der Wärme, stark, leuchtend und schockierend vertraut, durch seinen Körper schoss.
„Nein“, flüsterte er, seine Stimme brach fast in ein Schluchzen aus. „Das kann nicht sein …“
Er spürte ein weiteres Pochen. Stärker. Deutlicher.
Ein Herzschlag, der nicht sein eigener war.
Ein Herzschlag, von dem er gedacht hatte, ihn nie wieder zu hören.
Aidens Sicht verschwamm, als das Band, um das er getrauert, das er tief begraben hatte und das er für immer als durchtrennt geglaubt hatte, in ihm wie eine Supernova explodierte.
„Elodie …“ Seine Stimme brach bei ihrem Namen.
Der Name seiner Zwillingsschwester.
Der Name, den er als Kind in die Dunkelheit geschrien hatte, während er den Mond anflehte, sie ihm zurückzugeben. Ihr Name, den er wie eine Wunde mit sich herumgetragen hatte. Der Name, den er nie aufgehört hatte zu spüren, auch als ihm jeder sagte, sie sei fort.
Tränen brannten in seinen Augen.
Er presste eine zitternde Hand auf seine Brust und spürte das Band erneut. Es war weich, silbern und pulsierte vor Wiedererkennung.
„Sie lebt“, hauchte er. „Göttin … sie lebt.“
Sein Wolf heulte in ihm auf, ein Laut reiner Freude und verzweifelter Sehnsucht.
Aiden hob sein Gesicht zum Mond, Tränen liefen seine Wangen hinunter, und zum ersten Mal seit achtzehn Jahren fühlte er sich ganz.
„Elodie“, flüsterte er in die Nacht. „Halt durch, ich komme zu dir.“
Und dann verwandelte er sich, silbernes Fell brach durch seine Haut, seine Augen leuchteten vor wilder Entschlossenheit, und er rannte los in Richtung seines Rudels. Er wollte dem Band folgen, das endlich, endlich erwacht war, aber er brauchte erst Antworten.