Kapitel 1 – Fluch des Wolfes
Hastige Schritte eilten über den von Laub bedeckten Boden. Trotz des spärlichen Lichts vom Vollmond bewegte sich die Gestalt zielstrebig und ohne große Mühe. Sie kannte sich in diesem Wald aus, sodass sie kein einziges Mal zögerte.
Die Luft kündete von einem kommenden Winter und ließ den Atem als kleine Wölkchen zu Tage treten. Auch der erste Raureif bildete sich auf den Blättern und Gräsern. Verwandelte die Umgebung in ein mystisches Reich, das zum Träumen einlud.
Doch dies alles bemerkte die Kreatur nicht. Sie rannte zielstrebig weiter. Die Krallen ihrer Pfoten gruben sich unnachgiebig in den Boden. Gaben Halt und sorgten so dafür, dass sie sich mit aller Kraft, ohne zu stürzte, nach vorne bewegen konnte. Egal wie steil die Kurven auch waren.
Ihr Ziel war ein kleines Dorf, das sich zwischen die Bäume zwängte und hoffte, dass der Wald es vor der Welt dort draußen schützte. Doch vor diesem Wesen gab es keinen Schutz, denn es näherte sich unnachgiebig der kleinen Ansammlung. Es verlangsamte seine Schritte erst als es die Reihen der Bäume verlassen hatte und in den flackernden Schein der Straßenlaternen trat.
Die Kerzen in den Gestellen spendeten nur wenig Licht und erzeugten eher noch mehr unheimliche Schatten, als sie zu vertreiben. Doch die Menschen in den einfachen Häusern aus Holz und Lehm schienen nur froh darüber zu sein, dass sie in der Nacht nicht in völliger Dunkelheit unterwegs sein mussten.
Die gekrümmte Gestalt nutzte jedoch das tanzende Licht, um sich in den neuen Schatten zu bewegen. Sie hatte nichts zu befürchten. Ihr Körper war zu kräftig als dass ihr Irgendeiner der hier anwesenden Menschen etwas anhaben könnte. Dennoch wollte sie unbemerkt bleiben.
Der Wolf wollte jetzt keine Aufmerksamkeit erhaschen. Die Unruhe würde ihm eher schaden als nutzen, sodass er sich weiterhin möglichst leise fortbewegte. Die gefrorene Erde ließ dies allerdings zu einer fast unlösbaren Aufgabe werden. Immer wieder scharrten seine Krallen über den harten Boden. Zeugten so von Unheil und ließen die Gefahr spürbar werden.
Doch ihm kam keine Menschenseele entgegen. Nur hier und da huschte er unter dem erleuchtenden Fenster eines einzelnen Gebäudes hindurch und hörte die gesenkten Stimmen, die vor Angst leicht zitterten.
„Ob es heute Nacht wieder zuschlägt?“
„Wir haben doch kaum noch Vieh.“
„Wenn es noch mehr frisst, dann werden wir verhungern.“
Diese Worte sollten ihn traurig stimmen, doch so konnte er nicht empfinden. Niemand hegte auch nur einen Funken Mitleid für ihn und er hatte es sich nicht einmal ausgesucht. Nein, er wurde bestraft.
Bestraft für die Tatsache, dass er jemand helfen wollte, dem man nicht mehr helfen konnte. Also versuchte er, die schimpfenden Stimmen zu ignorieren. Sie hatten nicht einmal den Hauch einer Ahnung, was die Wahrheit war.
Sein Ziel war ein Haus, das herunter gekommen war und von dem ganzen Dorf gemieden wurde. Es wirkte trotz seiner zentralen Lage sehr einsam, denn der Abstand zu den Nachbarhäusern war größer als üblich. Als würde man sich vor dem Unheil, das in diesen vier Wänden wohnte, fürchten.
Doch er musste dorthin. Dorthin und einen Weg aus seinem Fluch finden, sodass er sich zielstrebig dem Gebäude näherte. Kaum ließ er die letzte Hütte hinter sich, wurden seine Glieder schwerer. Ein gewaltiger Druck breitete sich auf seiner Lunge aus und erschwerte ihm das Atmen - fast unmöglich machte.
Doch er wollte nicht aufgeben. Heute nicht. So oft hatte er es schon versucht. Aber jedes Mal war er umgekehrt. Aber jetzt nicht. Er wollte zum Fenster und endlich Klarheit erlangen.
Sein Bauch berührte den kalten Boden, als er sich nur noch kriechend fortbewegte, doch er hielt nicht an. Der Schmerz, der sich immer tiefer in seinem Körper grub, überlud sämtliche Nerven und ließ Schweißperlen aus seinen Poren dringen, dennoch versuchte er, sich weiter nach vorne zu ziehen.
Näher heran. Nur noch ein wenig näher heran. Ein letztes Mal durch dieses Fenster sehen und vielleicht dadurch endlich verstehen. Er stemmte sich verzweifelt hoch, als er sein Ziel erreichte.
Der Schmerz benebelte seine Sinne und er erkannte nur noch Schemen. Doch es hatte sich nichts verändert. Die Couch. Das Kaminfeuer. Die kauernde Gestalt. So wie an dem Tag, als sein Grauen begann.
Hass breitete sich in seinem Inneren aus. Hass auf dieses Haus. Die Gestalt und alles, was ihn dies angetan hatte, doch er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten.
Ein gleißender Schmerz durchschoss ihn, der ihn gepeinigt aufjaulen und seine Wirbelsäule ungesund krümmen ließ.
„Kevin.“ Die Stimme war schneidend und kühl. Er sah über seine Schulter zurück und erkannte einen jungen Mann, der mit ausgestreckter Hand hinter ihm stand. Sein Gesicht war vor Abscheu und Zorn verzerrt. Er krümmte seine Finger weiter und entfachte neuen Schmerz im Körper des Wolfes.
„Was suchst du hier? Du weißt doch, dass du hier nicht willkommen bist. Wann werdet ihr törichten Menschen das endlich verstehen? Dieses Haus gehört mir und ich werde jeden bestrafen, der es unbefugt betritt.“ Der Neuankömmling schnaubte abfällig. Der Angesprochene verlor dabei langsam den Boden unter den Füßen.
Im nächsten Moment wurde er schon durch die Luft geschleudert und schlug hart an der nächsten Wand auf. Ein schmerzhaftes Jaulen wurde aus seinen Lungen gepresst und er zitterte am ganzen Körper. Seine Glieder wollten ihm nicht gehorchen und dennoch versuchte er, sich wieder aufzurichten. Ohne Erfolg. Er sank zurück und konnte unter den Schmerzen kaum noch klar denken, dennoch gab er nicht auf.
„Also, lauf, Wölfchen. Lauf so schnell du kannst. Und komm nie mehr zurück. Denn hier wirst du nur deinen Tod finden.“ Der Magier lachte. Kevin stemmte sich gänzlich in die Höhe, bevor er sich abwandte, und das Dorf, so schnell es sein momentaner Zustand zuließ, verließ.
Er humpelte und immer wieder brachen seine Beine unter seinem Gewicht zusammen, wodurch er stürzte. Doch er blieb nicht lange liegen, sondern eilte weiter. Weg von diesem verfluchten Haus. Hinein in den schützenden Wald.
Wie sollte er es schaffen? Wie konnte er den Fluch brechen? Wie nur? Eine einzelne Träne der Verzweiflung rollte über seine Wangen, als er ein leises Jaulen ausstieß. War er für immer verloren? Hoffentlich nicht. Irgendwo musste es doch Rettung geben. Es musste ein Ausweg existieren. Aber Kevin konnte ihn nicht sehen und die Verzweiflung kam zurück. Warum? Warum er? Er wollte doch nur helfen. Nur nett sein.
Er ließ sich in einer kleinen Höhle auf den Boden fallen. Seine Glieder zitterten immer noch unter den letzten Wellen der Schmerzen, doch sein Körper begann schon mit der Heilung. Nichts konnte ihn töten. Er war hier gefangen. Für alle Zeit. Warum ist er damals nur gegangen? Er hätte auf seine Mutter hören sollen. Dieses eine Mal hätte er hören sollen, dann wäre er jetzt noch ein normaler Mensch und kein Monster. Kein Monster, das niemand töten konnte. Kein Monster, das nur morden kann und nicht sterben wird. Niemals...