Kapitel 1 – Ein verwundeter Don
Lyanna betrat das Schlafzimmer ihres Sohnes. Sie hörte das ständige Piepen der Maschinen und spürte eine seltsame Stille in der Luft.
Dann sah sie ihn im Bett liegen. Er war völlig reglos, die Augen geschlossen und wirkte fast leblos.
Sie kämpfte gegen die Tränen an, während sie durch das Zimmer ging. Sie setzte sich zu ihm auf die Bettkante.
Vorsichtig streckte sie die Hand aus. Mit mütterlicher Zärtlichkeit fuhr sie ihm sanft über den Kopf.
„Oh Liebling… warum bist du bloß dort reingegangen?“, flüsterte sie leise. Ihre Stimme war voller Trauer.
„Du bist doch so klug… warum tust du so etwas Gefährliches? Warum nur?“
Sie begann zu weinen und schloss die Augen. Die Sorge um ihn überwältigte sie völlig.
Vincenzo hörte sie weinen und öffnete langsam seine bernsteinfarbenen Augen. Er sah seine Mutter neben sich sitzen und wusste, was sie jetzt brauchte: ein Zeichen, dass alles gut wird.
Seine rechte Hand glitt über die Matratze. Er legte sie auf ihre Hand, um ihr zu zeigen, dass er wach war.
„Vincenzo… oh, du bist wach“, sagte sie und lächelte schwach.
„Wie fühlst du dich, mein Schatz?“
„Ich war schon mal besser drauf“, gab er mit einem schiefen Grinsen zu.
Sie schüttelte den Kopf und sah ihn streng an. „Du hast mir solche Angst gemacht. Einen Moment lang dachte ich, ich verliere dich auch noch.“
Vincenzo verzog das Gesicht und drückte fest ihre Hand.
„Ich gehe nirgendwohin, Mutter. Das verspreche ich dir“, erklärte er.
Tränen traten ihr in die Augen. Sie zwang sich zu einem Lächeln und nickte.
„Das mit Natalia tut mir so leid… ich hatte keine Ahnung, was sie durchmacht. Es macht mich krank, dass dieser Bastard sie immer noch in seinen Fingern hat…“, gestand Lyanna und schniefte.
Vincenzos Blick wurde hart. Er starrte starr geradeaus und war tief in Gedanken versunken.
Es tat ihm weh zu wissen, dass Armando sich Natalia aufzwang, und das ständig.
Es zerfraß ihn innerlich.
Heute Morgen im Café hatte er sie gefragt, ob er ihr wehgetan hätte. Sie hatte Nein gesagt; sie hatte ihn angelogen.
Warum?
Warum sagte sie ihm nicht die Wahrheit? Dass sie grausam vergewaltigt wurde?
Je mehr er darüber nachdachte, desto schneller schlug sein Herz. Das Piepen des Monitors wurde deutlich schneller, was sogar Lyanna bemerkte.
„Vincenzo, du musst dich ausruhen“, bestimmte sie und stand auf.
„Schlaf noch ein bisschen. Grüble nicht so viel nach, wenn es geht. Du kannst ihr erst helfen, wenn du wieder gesund bist, mein Sohn. Vergiss das nicht.“
Mit einem letzten Lächeln drehte sie sich um und verließ das Zimmer.
Vincenzo rief ihr hinterher: „Mutter… ich muss sie zurückholen.“
Lyanna drehte sich noch einmal um und lächelte warm. „Und das wirst du auch. Sobald du dich erholt hast.“
Dann ging sie hinaus und schloss die Tür. Sie wollte ihrem Sohn die Ruhe gönnen, die er zum Heilen brauchte.
Nachdem sie Mrs. Moretti verabschiedet hatten, machten sich Maxwell, Carlo und Hunter auf den Weg zum Schlafzimmer ihres Bosses.
Auch wenn der Don sich ausruhte, brauchten sie Befehle.
Sie mussten wissen, was der nächste Schritt war.
„Wie wird er wohl reagieren, wenn er erfährt, dass Natalia wieder entführt wurde?“, fragte Carlo.
„Wie würdest du wohl reagieren?“, entgegnete Maxwell.
„Er wird verdammt wütend sein. So wie ich Vince kenne, wird es schwer, ihn im Bett zu halten. Er wird sofort losziehen wollen, um sie zu suchen.“
Carlo seufzte.
„Da hast du recht… was machen wir also?“, fragte er.
„Wir müssen was unternehmen. Wir müssen sie finden. Wer weiß, was dieser Bastard mit ihr anstellt.“
„Ganz meine Meinung“, sagte Maxwell und nickte.
„Wir müssen handeln… die Frage ist nur… wie?“
„Sag mal, wissen die De Lucas eigentlich schon, dass ihre Tochter entführt wurde?“, wollte Hunter wissen.
„Davon wissen sie, ja. Aber wir haben ihnen noch nicht gesagt, was heute Morgen passiert ist“, erklärte Maxwell.
„Sie wollen auch angreifen, sobald wir sicher wissen, wo Natalia festgehalten wird“, fügte Carlo hinzu.
„Ich habe den starken Verdacht, dass Armando sie in der Villa gefangen hält. In der, wo Oliver getötet wurde“, verkündete Maxwell.
„Armando ist schlauer, als er aussieht. Er wird sie so nah wie möglich bei sich haben wollen. Es ergibt Sinn, wenn sie dort irgendwo in der Villa versteckt ist.“
„Ja, aber wir brauchen Beweise, bevor wir einen Angriff starten können“, gab Carlo zu bedenken.
„Und wie beweisen wir es?“, fragte Maxwell und sah die anderen an, als sie vor Vincenzos Tür stehen blieben.
Sowohl Hunter als auch Carlo zuckten mit den Schultern. Maxwell seufzte.
Die bittere Wahrheit war: Sie hatten gar nichts in der Hand.
Maxwell drückte die Klinke nach unten und schob die Tür auf.
Doch kaum waren die drei Männer im Zimmer, erstarrten sie vor Schreck.
„Boss! Was zur Hölle treiben Sie da?“, rief Maxwell entsetzt.
Vincenzo war aufgestanden. Er trug seinen seidenen Morgenmantel und saß am Schreibtisch vor seinem Laptop.
Er arbeitete, obwohl er erst vor wenigen Stunden schwer operiert worden war!
„Bewegen Sie Ihren Arsch sofort zurück ins Bett! Ich meine das ernst“, befahl Carlo ihm und zeigte auf das Bett.
„Ich überhöre jetzt mal, dass du mir gerade Befehle gegeben hast“, sagte Vincenzo leiser als sonst. Er tippte einfach weiter.
„Boss, bitte… wenn Ihre Mutter Sie so sehen würde –“, versuchte Maxwell einzuwenden.
„– Sie ist nach Hause gefahren. Problem gelöst“, fiel Vincenzo ihm ins Wort.
„Im Ernst, können Sie nicht wenigstens vom Bett aus surfen?“, flehte Hunter.
„Bitte, Boss. Tun Sie es für uns.“
Vincenzo überlegte kurz. Es ergab eigentlich Sinn.
Er konnte sich ausruhen und gleichzeitig recherchieren.
„Na gut“, sagte er schließlich. Er klappte den Laptop zu und wollte aufstehen.
Doch in dem Moment stieß er einen schmerzgeplagten Laut aus. Er kniff die Augen zusammen und sackte in den Stuhl zurück. „AH!“
„Scheiße…“, fluchte Maxwell. Alle drei eilten herbei, um ihrem Don zurück ins Bett zu helfen.
Maxwell stützte ihn unter dem linken Arm, Carlo unter dem rechten. Hunter machte den Weg frei und schüttelte die Kissen auf, während die anderen beiden Vincenzo vorsichtig zum Bett führten.
Als er wieder lag, deckte Maxwell ihn zu. Vincenzo nahm sofort wieder seinen Laptop auf den Schoß und öffnete ihn.
„Wie zum Teufel sind Sie überhaupt bis zum Schreibtisch gekommen?“, wollte Hunter wissen.
„Diese Schmerzmittel sind einsame Spitze“, sagte Vincenzo mit einem Grinsen.
Man sah ihm an, dass er gerade ziemlich high war.
Seine Männer seufzten und schüttelten synchron den Kopf.
„Was ist denn so wichtig, dass es direkt nach einer OP erledigt werden muss?“, fragte Maxwell.
„Obwohl Sie sich eigentlich ausruhen sollten?“, fügte Carlo hinzu.
„Ich glaube, ich bin da an etwas dran“, verkündete Vincenzo.
„Ich habe ein paar Spione bei Armando. Sie sollten in den letzten Tagen alles beobachten, was in der Villa rein und raus geht. Gerade eben haben sie mir gemeldet, dass Armando eine komplette Garderobe dorthin liefern ließ.“
Die drei Männer runzelten die Stirn.
„Und?“, drängte Hunter.
„Was hat das zu bedeuten?“, hakte Carlo nach.
Vincenzo hob den Kopf und sah sie an.
„Es war eine Damengarderobe“, sagte der Don mit einem selbstbewussten Lächeln.
Schlagartig änderte sich ihre Mienen.
„Da ist unser Beweis!“, rief Maxwell erfreut.
„Jetzt können wir zuschlagen“, stimmte Hunter zu.
„Und was genau haben Sie jetzt vor?“, fragte Carlo.
„Ich suche nach einem Weg, wie wir in die Villa kommen, ohne dass es gleich eine riesige Schießerei gibt“, erklärte Vincenzo und tippte weiter.
„Und?“, bohrte Maxwell nach.
„Haben Sie schon einen Plan, Boss?“
„Eine Idee, die gerade verrückt genug ist, um zu funktionieren“, verkündete der Don.
„Wir hören zu…“, sagte Maxwell erwartungsvoll.