Schatten über unseren Lügen

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Zusammenfassung

Als Ausgleich für die Sünden meiner Familie wurde ich an einen blinden Mafia-Erben verkauft. Mein neuer Ehemann kann mein Gesicht nicht sehen. Er kann die Narben nicht sehen, die sie mir in den Rücken geritzt haben. Und er kann ganz sicher nicht sehen, dass ich meine Rache plane. Um meiner grausamen Familie zu entkommen, willigte ich in die Ehe mit Evander Covelli ein – dem skrupellosen, blinden CEO eines Mafia-Imperiums. Unsere Ehe ist ein Geschäft: sein Schutz gegen mein Schweigen. Um zu kommunizieren, führe ich seine Hände über mein Gesicht – eine gerunzelte Stirn für Wut, ein Lächeln für Glück. Es ist eine intime, zerbrechliche Sprache, die auf seiner Dunkelheit und meinem Schweigen basiert. Doch ich habe ein Geheimnis: Ich glaube nicht, dass er wirklich blind ist. Und er hat ein Geheimnis: Er hat mich geheiratet, um meine Familie zu vernichten. Gefangen in einem goldenen Käfig aus Lügen ist das Einzige, das gefährlicher ist als die Feinde vor unseren Toren, die brennende Anziehung zwischen uns. Er denkt, mein Schweigen mache mich schwach. Er wird bald lernen, dass es meine größte Waffe ist. Und ich werde sie nutzen, um jede einzelne seiner Lügen zu entlarven... selbst wenn es bedeutet, uns beide zu zerstören. Ich bin Story Eleanor Withlock und das hier ist meine Geschichte.

Genre:
Romance
Autor:
Erigin
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
40
Rating
5.0 6 Bewertungen
Altersfreigabe
18+

Kapitel 1: Die Geldeintreiber

Kapitel 1: Die Geldeintreiber

Die Stille in Whitlock Manor war nie wirklich lautlos. Es war eine schwere, teure Stille. Sie bestand aus dem Staub auf den Mahagoniregalen und dem langsamen Verwelken der Blumen in chinesischen Porzellanvasen. In den vielen leeren Räumen hallte die Einsamkeit wider. Story Eleanor Whitlock bewegte sich wie ein Geist durch diese Stille. Sie hielt einen Staubwedel in der Hand. Ihre Füße in den dünnen Strümpfen machten kein Geräusch auf dem Perserteppich.

Ihre Welt bestand aus Oberflächen: die glatte Kälte der Marmorkamine, der staubige Film auf vergessenen Bilderrahmen und die brüchigen Seiten von Büchern, die niemand las. Geräusche waren für sie nur noch eine ferne Erinnerung. Ihre Stimme hatte sie seit drei Jahren nicht mehr benutzt. Sie fühlte sich an wie ein Fossil in ihrer Kehle. Ihre Stiefmutter Clandestine mochte das so. „Ein stilles Mädchen ist ein braves Mädchen“, hatte sie damals geschnurrt. Ihre Stimme war die letzte gewesen, die Story klar gehört hatte, bevor sie verstummte. „Und wir wollen doch brav sein, nicht wahr, Eleanor?“ Die Verwendung ihres vollen Vornamens war immer eine Drohung.

Story staubte gerade die Bibliothek ab. Ein stolzer Name für einen Raum, der nach Vernachlässigung und den alten Zigarren von Richard Whitlock roch. Plötzlich veränderte sich die Welt draußen vor den Fenstern. Story spürte das Knirschen von Kies unter schweren Reifen. Die Vibration drang durch ihre Fußsohlen, noch bevor sie den Wagen sah. Ein langes, schwarzes Auto hielt in der Einfahrt. Es glänzte wie ein Leichenwagen. Das war kein Wagen von den neureichen Geschäftspartnern ihres Vaters. Dieses Fahrzeug flüsterte von altem, dunklem Geld.

Sie erstarrte. Der Staubwedel schwebte über einer Erstausgabe von Dickens. Ihr Herz schlug wie ein gefangener Vogel gegen ihre Rippen. Unangekündigter Besuch brachte nie etwas Gutes. In Whitlock Manor geschah nie etwas Gutes.

Aus der Küche hörte sie das laute Klappern einer Pfanne. Das war Lydia, die Köchin. Sie war die Einzige im Haus, die ihr in schlechten Nächten einen Teller mit Essen vor die Kellertür stellte. Dann hörte sie das schnelle Klackern von Clandestines Absätzen auf dem Parkett. Die Stiefmutter kam eilig aus dem Morgenzimmer. „Richard!“, rief sie mit angespannter Stimme. „Wir haben Besuch. Ungewöhnlichen Besuch.“

Story duckte sich instinktiv weg. Sie verschwand im tiefen Schatten zwischen einem Bücherregal und den schweren Samtvorhängen. Wer gesehen wurde, wurde zur Zielscheibe. Diese Regel saß tief in ihren Knochen.

Durch den Türspalt sah sie ihren Vater die Treppe hinunterkommen. Richard sah erst genervt aus, dann wurde sein Blick wachsam. Er betrachtete das Auto durch das Fenster über der Tür. Er rückte seine seidene Weste zurecht.

Die Türklingel läutete nicht einfach. Es war ein tiefes, dröhnendes Gongsinn, das das ganze Haus zu erschüttern schien.

Richard öffnete selbst die Tür. Im Nachmittagslicht standen zwei Männer. Der vordere war älter und hatte stahlgraues Haar. Er trug einen perfekt sitzenden Anzug. Er wirkte weder modern noch altmodisch, sondern einfach nur mächtig. Hinter ihm stand ein jüngerer, breiterer Mann mit verschränkten Händen. Seine Augen waren hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen. Ein Fahrer, ein Leibwächter, ein Möbelstück aus Fleisch und Blut.

„Richard Whitlock“, sagte der ältere Mann. Seine Stimme war trocken und präzise. Sie enthielt keine Wärme und keine Frage. Es war eine reine Feststellung.

„Ja? Und wer sind Sie?“ Richard sprach wie ein Mann, der es gewohnt war, andere warten zu lassen.

„Ein Bote. Von der Familie Covelli.“ Der Mann sprach den Namen aus wie ein Richter ein Urteil. „Es geht um eine ausstehende Schuld. Eine alte Schuld. Der Vecchio Debito.“

Richard wurde kreidebleich. Story dachte von ihrem Versteck aus, er würde jeden Moment in Ohnmacht fallen. Seine Haut wirkte plötzlich wie krankes Pergament. Seine Hand am Türrahmen verkrampfte sich, bis die Knöchel weiß hervortraten. Den Namen Covelli nannte man nicht in feiner Gesellschaft. Man flüsterte ihn höchstens nach zu viel Brandy. Er war wie ein Fluch oder ein dunkler Schatten über der Stadt. Mit dieser Familie machte man keine Geschäfte. Man ging ihnen aus dem Weg.

„Ich… ich dachte, die Angelegenheit wäre erledigt“, stammelte Richard. Auf seiner Stirn glänzte Schweiß.

„Dieser Gedanke war falsch“, sagte der Bote. Seine Lippen bewegten sich kaum dabei. „Die Schuld wurde aufgeschoben. Nicht erlassen. Cesario Covelli hat entschieden, dass es nun Zeit für die Rückzahlung ist. Und zwar vollständig.“

Bevor Richard antworten konnte, trat Clandestine vor. Sie hatte ihr gelerntes Lächeln aufgesetzt. „Wollen die Herren nicht hereinkommen? Wir können das bei einer Tasse Tee besprechen.“ Ihre Augen musterten den Leibwächter, und ihr Lächeln wurde schmaler.

Der Bote trat über die Schwelle, sein Schatten folgte ihm schweigend. Die Luft im Foyer schien kälter und schwerer zu werden. Sie wurden nicht in das gemütliche Morgenzimmer geführt. Man brachte sie in den formellen Salon – ein kalter Raum in Gold und Creme, den man nur nutzte, um Leute zu beeindrucken, die man verabscheute.

Story schlich zur Durchreiche der Diener. Das war eine kleine Öffnung in der Wand, die hinter einem Farn versteckt war. Von dort aus konnte sie alles sehen und hören.

„Die Bedingungen sind einfach“, begann der Bote. Er lehnte den angebotenen Sherry ab. „Vor siebenundzwanzig Jahren steckte Ihr Onkel Lorenzo Whitlock in einer… brenzligen Lage. Es ging um eine verschwundene Ladung und rivalisierende Familien. Cesario Covelli griff ein. Er rettete Lorenzos Leben und das Vermögen der Whitlocks. Der Preis dafür war ein späterer Gefallen. Eine Schuld aus Blut und Ehre.“

Richard sank in einen Ohrensessel. Er wirkte so klein wie noch nie zuvor. „Ein Gefallen. Was für ein Gefallen?“

„Cesarios Enkel, Evander Wyatt Covelli, ist im heiratsfähigen Alter. Die Schuld wird durch eine Verbindung beglichen. Die Blutlinie der Covellis wird mit der Linie der Whitlocks vereint. Damit gilt die Schuld für immer als getilgt.“

Clandestine lachte hysterisch auf, hielt sich aber sofort den Mund zu. „Eine Hochzeit? Sie wollen eine von unseren…?“ Sie brach ab. In ihrem Kopf ratterte es bereits wegen des Rufmords und der Gefahr.

„Die Details sind nicht verhandelbar. Evander wird eine Braut aus diesem Haus nehmen. Eine Jungfrau mit dem Namen Whitlock.“

In Richards Augen blitzte für einen Moment hässliche Erleichterung auf. Er hatte ein Druckmittel. Sogar zwei. „Meine Tochter Norielle“, sagte er schnell. „Sie ist wunderschön, gebildet, von tadellosem...“

„Der Blinde?“ Norielles Stimme gellte durch den Raum, als sie hereinplatzte. Sie musste an der Tür gelauscht haben. Sie trug ein rosa Kleid, ihre Locken saßen perfekt. Ihr Gesicht war verzerrt vor Wut. „Ich soll den blinden Covelli heiraten? Den, den sie wegsperren, weil er ein hilfloser Krüppel ist? Ich kenne die Gerüchte! Er ist eine Bestie! Ein kaputtes Ding!“

„Norielle, schweig!“, bellte Richard, aber es war zu spät.

Der Blick des Boten blieb starr, aber die Stimmung im Raum wurde noch eisiger. „Der Zustand des Covelli-Erben spielt keine Rolle. Die Schuld besteht. Eine Braut wird verlangt.“

„Ich mache das nicht!“, kreischte Norielle. Ihr stiegen Tränen in die Augen. Sie warf sich dramatisch auf ein Sofa. „Ihr könnt mich nicht zwingen! Lieber sterbe ich! An einen Blinden gekettet sein? Seine Krankenschwester sein, seine Dienerin für den Rest meines Lebens? Nie mehr gesehen, nie mehr bewundert werden? Das ist wie lebendig begraben zu sein!“ Ihr Schluchzen hallte von der hohen Decke wider. Es war theatralisch, aber ihre Angst war diesmal echt.

Panik füllte den Raum. Clandestine eilte zu ihrer Tochter und versuchte sie zu beruhigen. Dabei warf sie Richard hasserfüllte Blicke zu. Richard starrte seine weinende Tochter an. Sie war sein bestes Kapital für eine vornehme Heirat mit einem Reedereierben. Diese Zukunft löste sich gerade in Luft auf.

Sein Blick hastete panisch durch den Raum, als suchte er nach einem Ausweg. Er sah die vergoldeten Spiegel, die hässlichen Gemälde und die leere Karaffe. Dann hielt er inne. Sein Blick glitt am Farn vorbei, direkt durch das Gitter der Durchreiche. Er traf ein anderes Paar Augen.

Die Augen von Story.

Sie war erwischt worden, wie sie sich neugierig vorgebeugt hatte. Einen schrecklichen Moment lang starrten Vater und Tochter sich an. In seinem Blick sah sie, wie er rechnete. Er dachte an den geringen Wert seiner stummen Erstgeborenen. Sie war nur eine Last für ihn, ein stilles Zeichen der Schande mit ihren Narben. Sie erinnerte sich an den Keller, an das Geräusch des Schlosses und wie er immer weggesehen hatte. Er sah in ihr ein Werkzeug, das er nun endlich benutzen konnte.

Die Panik in seinen Augen verwandelte sich in kalte Entschlossenheit.

Er wandte sich wieder an den Boten. Seine Stimme klang nun wieder fest. „Es gab da ein Missverständnis“, sagte er glatt wie Öl. „Sie sagten, eine Jungfrau namens Whitlock. Norielle ist natürlich mein Augapfel. Aber meine verstorbene Frau Eleanor hat mir zuerst eine andere Tochter geschenkt. Story Eleanor Whitlock.“

Danach herrschte totale Stille. Norielles Schluchzen hörte schlagartig auf. Clandestine starrte Richard mit weit aufgerissenen Augen an. Sie begriff sofort, was er vorhatte.

Die Augenbraue des Boten zuckte kurz. „Eine zweite Tochter.“

„Ja. Ein stilles Mädchen. Ergeben. Bescheiden.“ Die Lügen kamen Richard leicht über die Lippen. „Sie wäre mit einer solchen Vereinbarung... einverstanden. Es wäre ihr sogar eine Ehre.“

In ihrem Versteck fühlte Story, wie ihr der Boden unter den Füßen weggerissen wurde. Die Mauern ihrer stummen Welt brachen plötzlich zusammen. Eine Braut für einen blinden Mafia-Erben. Ein Covelli. Die Worte wirbelten in ihrem Kopf herum. Erst ergaben sie keinen Sinn, dann verstand sie alles. Es war ein Todesurteil. Es war ein Monster aus einem Märchen. Es war…

Ein Ausweg.

Der Gedanke kam plötzlich und scharf wie eine Scherbe. Das war die Tür aus dem Keller. Weg von der Grausamkeit, den verschlossenen Türen und dem Pfeifen des Gürtels. Es war ein Weg weg von ihrem gleichgültigen Vater, weg von Clandestines Bosheit und Norielles fiesen Kniffen. Ja, es führte in die Dunkelheit. Eine andere Art von Dunkelheit. Aber es war eine Dunkelheit, die sie noch nicht kannte.

Der Bote musterte Richard lange. „Diese Tochter. Ist sie hier?“

„Natürlich.“ Richard stand selbstbewusst auf. Er ging zur Tür des Salons und rief nach ihr. Nicht freundlich, sondern wie man nach einem Gegenstand ruft. „Story. Komm her.“

Jeder Instinkt in ihr wollte weglaufen und sich verstecken. Doch ein neuer, kalter Instinkt hielt sie fest. Das war der Wendepunkt. Ihr Leben wurde wie eine Ware gehandelt. Wenn sie sich weigerte, blieb sie hier. Und hier zu bleiben bedeutete den langsamen, stillen Tod.

Sie legte den Staubwedel ab. Sie strich ihr graues Wollkleid glatt, das sie von einem alten Dienstmädchen geerbt hatte. Dann drückte sie die Tür auf und trat in das helle Licht des Salons.

Alle starrten sie an. Der prüfende Blick des Boten. Der leere Blick des Leibwächters hinter der Brille. Norielles giftiger Triumph. Clandestines hämisches Lächeln. Und ihr Vater – kalt und erwartungsvoll, ohne jedes Gefühl.

Sie ging in die Mitte des Raums. Sie hielt den Kopf nicht trotzig hoch, aber sie sah geradeaus. Sie traf den Blick des Boten. Sie sah dort keine Güte, aber auch keine unnötige Bosheit. Es war nur ein Geschäft.

„Das ist sie?“, fragte der Bote.

„Ja. Story, dieser Herr vertritt die Familie Covelli. Du wirst ihren Enkel Evander heiraten. Du wirst die Schuld unserer Familie begleichen.“ Richards Stimme ließ keinen Widerspruch zu. Es war ein Befehl.

Story sah von ihrem Vater zum Boten. Sie dachte an die Kälte im Keller. Sie dachte an den Geschmack von Blut auf ihren Lippen. Sie dachte an das Versprechen, das sie jede Nacht der Dunkelheit zugeflüstert hatte: Eines Tages.

Dieser Tag war heute noch nicht da. Aber heute kaufte sie sich die Chance darauf.

Sie nickte nicht. Sie lächelte nicht. Sie sah den Boten einfach nur an. Es war eine stille, furchteinflößende Zustimmung. In dieser Reglosigkeit machte sie den ersten Schritt auf ihrem eigenen Weg. Sie wurde verkauft. Aber in ihrem Herzen kaufte sie sich mit ihrem eigenen Körper die Freiheit.

Das Geschäft war besiegelt.

„Schön“, sagte der Bote und stand auf. „Alles Weitere wird in die Wege geleitet. In einer Woche muss sie bereit sein.“ Er verabschiedete sich nicht. Er drehte sich einfach um und ging mit seinem Leibwächter hinaus.

Die Tür fiel ins Schloss. Die schwere Stille kehrte zurück, nur unterbrochen von Norielles Kichern. „Na ja“, hauchte sie und fächerte sich Luft zu. „Das war ja spannend. Die blinde Bestie und die stumme Maus. Ein tolles Paar.“

Story sah sie nicht an. Sie sah ihren Vater an, doch er wich ihrem Blick aus. Diese Feigheit gab ihr die letzte, eisige Gewissheit. Sie drehte sich um und ging schweigend zurück zur Bibliothek, zurück in den Staub und den Schatten.

Aber in ihrem Inneren brannte jetzt ein Feuer. Es war winzig, kaum ein Funke. Aber es gehörte ihr ganz allein.

Eine Woche, dachte sie. Die Worte waren laut und deutlich in ihrem Kopf. Eine Woche noch, dann bin ich weg. Und eines Tages werde ich es euch allen heimzahlen.

Die Schuld war eingefordert. Der Preis stand fest. Und Story Eleanor Whitlock, der stumme Geist von Whitlock Manor, war soeben zur wertvollsten Figur auf dem Spielfeld geworden.