KAPITEL EINS
PROLOG
Manche Lieben enden nie. Sie warten. Bis man sich wiederfindet.
Sloane: Abschlussjahr an der High School (2015)
Der Bus hätte schon vor zehn Minuten da sein sollen.
Die Hitze liegt bereits auf meinen Schultern wie ein nasses Handtuch. Es ist einer dieser Morgen in Virginia, an denen der Asphalt flimmert und die Luft nach warmen Kupfermünzen schmeckt. Mein Rucksack klebt am Rücken meines T-Shirts fest. Schweiß läuft mir die Wirbelsäule hinunter. Ich verlagere mein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Ich rede mir ein, dass ich nur auf die Uhr schaue und nicht nach ihm Ausschau halte.
Gelogen.
Ein paar Häuser weiter geht die Haustür der Wilsons auf. Jace kommt in einem grauen T-Shirt und abgetragenen Jeans heraus. Er hat den Rucksack über eine Schulter geworfen und hält seine Schlüssel in der Hand. Zuerst sieht er mich nicht. Er hantiert mit seinem Handy und blinzelt auf den Bildschirm. Seine schwarzen Haare stehen so perfekt ab, als wäre er gerade erst aus dem Bett gerollt und direkt in einem Werbespot gelandet.
Jace Wilson ist die Art von Junge, bei der jedes Mädchen das Atmen vergisst. Collegejacke, ein lockeres Lachen und das Selbstbewusstsein eines Siegertypen – das volle High-School-Klischee. Aber für mich ist er nicht nur das. Er ist Jace, mein Nachbar. Der Junge, der früher mit mir an der Bushaltestelle über Harry Potter gefachsimpelt hat.
Er hat diese gewisse Art an sich. Seine schwarzen Haare sind immer zerzaust. Er trägt diesen Dreitagebart, der an einem kaum Achtzehnjährigen eigentlich nicht so gut aussehen dürfte. Und dann sind da noch diese unglaublichen grünen Augen mit Wimpern, die in eine Zeitschrift gehören. Sein Körper ist gestählt vom Training am frühen Morgen und späten Abend, aber irgendwie wirkt er trotzdem immer lässig. Für mich ist er alles – wunderschön, unerreichbar, anziehend.
Wir sind seit sechs Jahren Nachbarn. Eine Zeit lang fühlte er sich wie mein Jace an – wegen der gemeinsamen Busfahrten und unserer Insider-Witze. Auch die jährliche Party zum 4. Juli bei meinen Eltern brachte ihn in mein Leben. Aber als er in der neunten Klasse ins Football-Team kam, wurde seine Welt größer und meine verschwand irgendwo hinter ihm. Das Warten auf den Bus war die einzige Zeit, in der er noch mit mir sprach. Er entschied sich dann, bei Patrick Jameson zu sitzen, einem anderen Typen aus dem Team. Patrick wurde schnell sein neuer bester Freund. In der Cafeteria sah ich ihn zwischen Teamkollegen und bildhübschen Mädchen sitzen – lachend, selbstbewusst und unerreichbar. Doch jedes Mal, wenn sich unsere Blicke trafen, fühlte es sich für einen Herzschlag lang wie Hoffnung an. So ging es ein paar Jahre lang. Ich verliebte mich still und heimlich, und er bemerkte es nur im Vorbeigehen.
Er blickt auf, als er die Tür seines Trucks öffnet, und bemerkt mich. Ich winke ihm kurz zu und er winkt zurück. Ich beobachte, wie der rote Truck aus der Einfahrt setzt. Dann wende ich schnell den Blick ab, damit es nicht so aussieht, als würde ich ihn anstarren. Aber ich schaue doch wieder hin. Denn anstatt an mir vorbeizufahren, bleibt der Wagen direkt vor mir stehen.
„Soll ich dich mitnehmen?“, ruft er aus dem Fenster und ein schiefes Lächeln umspielt seine Lippen.
Mein Herz macht einen Sprung. „Bist du... sicher? Holst du nicht normalerweise Patrick ab?“ Innerlich zucke ich zusammen, weil ich seinen besten Freund erwähnt habe. Ich fühle mich wie ein Stalker, weil ich genau weiß, dass er Patrick immer abholt. Aber andererseits weiß jeder, dass die beiden unzertrennlich sind. Das halbe Team schart sich vor der Schule um Jaces Truck.
„Nee, Pat fährt heute bei seiner Freundin mit. Außerdem sind wir früher jeden Tag zusammen Bus gefahren. Wie wär’s, wenn ich dich heute fahre, Lovegood? Der alten Zeiten wegen?“, antwortet er und benutzt seinen alten Spitznamen für mich. Dieser Name – Gott, den habe ich seit Jahren nicht gehört.
„Den kramst du also wieder aus der Kiste aus? Na gut“, sage ich. Ich lächle, bevor ich mich bremsen kann, und steige auf den Beifahrersitz.
Einen Moment lang sagt keiner von uns etwas. Das Brummen des Motors und das Gewicht ungesagter Erinnerungen hängen in der Luft. Dann scheint er zu merken, dass ich die Stille nicht mag, und macht das Radio an. Carrie Underwoods All-American Girl klingt aus den Lautsprechern.
Ein Lächeln stiehlt sich auf mein Gesicht.
„Immer noch ein Fan?“, fragt er und wirft mir einen kurzen Blick zu.
„Du setzt heute wohl voll auf Nostalgie“, necke ich ihn. „Ja, ich liebe sie immer noch. Ich war letztes Jahr auf einem Konzert in Nashville.“
Er lacht. Es ist dieses tiefe, warme Lachen, das ich immer in meiner Brust spüre. „Manche Dinge ändern sich wohl nie. Singst du beim Karaoke immer noch nur ihre Lieder?“
„Wow. Dein Gedächtnis ist ja besser als ich dachte.“
„Sowas vergisst man schwer“, sagt er leise. „Deine Stimme hätte jedes Lied geschafft.“
Ich versuche, die Röte in meinem Gesicht zu verstecken. „Bitte. Da erinnerst du dich ganz klar falsch, Mister Schiefe Töne.“
Er grinst und seine Augen leuchten. „Dann muss ich dir wohl auf die Sprünge helfen.“ Er lacht kurz auf und stupst mich spielerisch an der Schulter an. Dann legt er seine Hand auf meinen Oberschenkel. Mir schießt die Röte in die Wangen.
Das nächste Lied beginnt – Morgan Wallens Whiskey Glasses. Jace singt mit und ich erstarre fast. Die Pubertät war nicht nur zu seinem Körper gut; seine Stimme ist tief, voll und sicher. Genau richtig für Country-Songs. Sein Daumen, der leicht auf meinem Oberschenkel ruht, klopft den Rhythmus. Jede Berührung fühlt sich an wie ein elektrischer Schlag unter meiner Haut.
„I’ma need some whiskey glasses ‘cause I don’t wanna see the truth. She’s probably makin’ out on the couch right now with someone new. Yeah, I’ma need some whiskey glasses if I’m gonna make it through. If I’ma be single I’ma need a double shot of that heartbreak proof“, singt er.
Ich starre ihn mit leicht offenem Mund an, während ich ihm zuhöre. Seine Finger trommeln den Takt auf meinem Bein und drücken hier und da sanft zu. Mein Herz rast. Ich will seine Hand halten und meine Finger mit seinen verschränken. Aber stattdessen lege ich meine Hände brav neben mich und versuche, ganz locker zu wirken.
Als das Lied zu Ende ist, kriege ich kaum noch Luft.
„Und?“, fragt er und bremst langsam an einer roten Ampel. Er sieht mich grinsend an. „Immer noch laut und schief?“
Ein Auto fährt vorbei. Bevor ich antworten kann, beugt er sich vor, nimmt mein Gesicht in seine Hände und küsst mich. Er küsst mich hungrig und bestimmt, als hätte er Jahre auf diesen Moment gewartet.
Ich küsse ihn zurück, bis uns das Hupen eines anderen Autos auseinanderreißt. Die Ampel ist wieder grün. Er fährt weiter. Es ist still im Wagen, abgesehen von seinem unregelmäßigen Atem und dem leisen Radio. Mein Puls dröhnt so laut, dass er alles andere übertönt.
Und einfach so gehört mein Herz ihm ganz allein.