Prolog
Die Dunkelheit war hier kein Freund. In der Villa war sie ein schützender Mantel gewesen, ein Ort der Ruhe, den Draven über Jahrhunderte kultiviert hatte. Hier jedoch, in den tiefen Verliesen unterhalb des Schlosses, in das man ihn verschleppt hatte, war die Finsternis lebendig. Sie fraß sich in seine Poren, flüsterte ihm Lügen von Versagen zu und raubte ihm das Zeitgefühl.
Dravens Kopf sank gegen die kalte Steinwand. Die eisenbeschlagenen Fesseln an seinen Handgelenken waren mit Glyphen versehen, die seine Kraft unterdrückten. Jedes Mal, wenn er versuchte, seine vampirischen Sinne zu sammeln, schoss ein brennender Schmerz durch seine Venen – eine grausame Erinnerung an die Macht, die ihn hier festhielt.
Er schloss die bernsteinfarbenen Augen und versuchte, das einzige Bild heraufzubeschwören, das ihn noch am Verstand hielt.
Runa.
Er sah ihr dunkles Haar vor sich, das wie Seide durch seine Finger geglitten war. Er hörte ihr Lachen, das die Stille der Villa durchbrochen hatte. Doch mit der Erinnerung kam die Angst. Er hatte sie zurückgelassen, um sie zu schützen, doch wer schützte sie jetzt vor dem Wahnsinn, der die Welt der Vampire zu zerreißen drohte?
„Komm nicht zu mir“, flüsterte er mit rissiger Stimme in die Leere der Zelle. „Bitte, Runa, bleib in Sicherheit.“
Er wusste, dass er log. Ein Teil von ihm – der egoistische, dunkle Teil, der sie mehr begehrte als sein eigenes Leben – schrie danach, dass sie die Tür aufbrach. Dass sie ihn ansah mit diesem lila Schimmer in ihren Augen, der ihren Zorn verriet. Dass sie ihm zeigte, dass ihre Bindung stärker war als jede Kette.
Ein fernes Geräusch drang an seine Ohren. Ein metallisches Klirren, gefolgt von einem unterdrückten Schrei. Draven straffte sich. Es war zu früh für die Wachen.
Sein Herz, das sonst so ruhig schlug, hämmerte gegen seine Rippen. Er roch es, bevor er es hörte. Der Duft von Regen, Freiheit und ihr.
Die Schatten in den Ecken der Zelle begannen zu tanzen, als würden sie vor etwas zurückweichen, das mächtiger war als die Dunkelheit selbst. Draven starrte auf die schwere Eisentür.
Sie ist hier.