Kapitel 1
Der Regen fällt warm und schwer, beinahe träge, als würde er zum Sommer gehören. Er tropft mir ins Haar, über die Stirn, über die Wangen, sammelt sich in kleinen Rinnsalen am Nacken und verschwindet irgendwo unter dem dünnen Stoff meines Kleides. Die Luft riecht nach feuchter Erde und welken Rosen, süß und dumpf, und alles an diesem Ort klebt an mir wie Schweiß. Selbst der Himmel über Verona wirkt müde, als hätte auch er genug von diesem Tag.
Ich stehe da, inmitten von schiefen Grabsteinen und flackernden Kerzen, und starre auf den frisch aufgeworfenen Hügel vor mir. Die Erde ist noch dunkel, sie riecht feucht und Dampf steigt aus ihr auf, als wäre sie noch lebendig. Der Stein darüber ist schwarz und glatt; die goldenen Buchstaben leuchten so hell, dass ich sie kaum ansehen kann.
Lucia De Santis.
Geliebt und niemals vergessen.
Meine Mutter. Meine Familie. Mein Zuhause. Und jetzt ist sie nichts weiter als ein in Stein gemeißelter Name, eingraviert zwischen all den anderen, die der Regen längst weggewaschen hat. Ich lese ihn immer wieder, während die Stimmen hinter mir zu einem einzigen leisen Gemurmel verschwimmen.
Meine Hände hängen schlaff an meinen Seiten. Ich spüre, wie der Regen mein Kleid an den Rücken klebt, wie das Wasser an meinen Armen entlangläuft und von meinen Fingern tropft. Unter meinen Füßen verwandelt sich der Kies in Schlamm. Aber ich bewege mich nicht. Ich kann es nicht.
Hinter mir murmeln sie. Leute mit Regenschirmen, in sauberen Schuhen, mit Blicken, die mich wie Klingen treffen. „So jung, so allein …“, höre ich eine Tante flüstern, und jemand anderes sagt: „… und diese Schulden …“, und dann: „… niemand mehr für sie da.“ Ich presse die Lippen zusammen, bis es wehtut, und umklammere den Griff meiner Handtasche so fest, dass meine Knöchel weiß hervortreten. Ich drehe mich nicht um. Ich schaue sie nicht an. Ich will ihre Gesichter nicht sehen.
Der Priester sagt etwas über Staub und den Himmel und darüber, dass wir eines Tages alle wieder eins werden. Seine Worte perlen an mir ab wie der Regen am Stein. Dann höre ich das dumpfe Geräusch der ersten Schaufel Erde, die auf den Sarg trifft. Ein Schlag. Noch einer. Jeder so schwer, dass sich mein Herz zusammenkrampft. Jeder wie ein Tritt gegen meine Rippen.
Ich beiße mir auf die Zunge, nur um die Tränen noch einen Moment zurückzuhalten. Sie kommen trotzdem. Warm, salzig, vermischen sich mit dem Regen, und ich spüre sie auf meiner Haut, während sie meinen Hals hinunterlaufen. Ich habe alles getan. Jede Rechnung bezahlt, jede Nacht an ihrem Bett verbracht, jede Schicht gearbeitet, die ich kriegen konnte. Und trotzdem stehe ich jetzt hier.
Allein. Ohne sie.
„Ich hätte mehr tun sollen“, flüstere ich in die schwere Luft, so leise, dass nur der Wind es hören kann. „Es tut mir leid.“
Die letzte Schaufel Erde bedeckt den Sarg, und die wenigen Menschen hinter mir beginnen zu gehen. Ich höre das Rascheln ihrer Schritte auf dem Kies, das leise Schließen der Regenschirme, das Nicken des Priesters, als er verschwindet. Ich bleibe stehen. Reglos. Weil ich nicht weiß, wohin ich sonst gehen sollte. Weil ich nicht weiß, wie ich sie hier zurücklassen soll.
Langsam gehe ich in die Hocke, lege meine Hand auf den kalten Stein, spüre das Wasser, das darüber läuft, und die Buchstaben, die sich rau unter meinen Fingern anfühlen. „Ich habe es versucht, Mamma“, sage ich, und meine Stimme bricht. „Das ist alles, was ich tun konnte. Es tut mir leid.“
Die Worte hängen in der warmen, schweren Luft, und niemand antwortet. Der Friedhof ist still, nur der Regen tropft weiter. Meine Knie schmerzen, aber ich bleibe noch einen Augenblick länger, bis die Kerzen auf den Gräbern erlöschen, bis die Stadt um mich herum zu nichts weiter als einem fernen Gedanken wird.
Dann stehe ich auf. Meine Beine sind schwer, meine Haut klebrig, mein Kleid klebt an meinem Rücken, als wäre es ein Teil von mir geworden. Ich wische mir über das Gesicht, obwohl ich nicht mehr weiß, ob es Regen oder Tränen sind.
Ich gehe. Langsam, Schritt für Schritt, den schmalen Kiesweg zurück zum Tor. Die Steine glitzern vor Tropfen, und in jeder Pfütze spiegelt sich der Himmel, schwarz und zerrissen. Ich drehe mich nicht noch einmal um, als ich das schwere schmiedeeiserne Tor hinter mir zuziehe.
Die Luft draußen ist auch nicht besser. Immer noch klebrig, immer noch warm, immer noch voller Regen. Die Stadt liegt da, als würde sie den Atem anhalten. Etwas in mir ist zerbrochen, leise, für immer. Aber ich weiß, dass ich weitermachen muss. Irgendwie. Denn welche Wahl habe ich schon?
Mit gesenktem Kopf und nassem Haar mache ich mich auf den Weg, zurück durch die Gassen von Verona, zurück in ein Leben, das sich plötzlich so fremd anfühlt, als hätte es nie zu mir gehört.
Die Tür fällt schwer hinter mir ins Schloss, mit einem dumpfen Knall, der durch die kleine Wohnung hallt. Für einen Moment lehne ich mich mit dem Rücken dagegen und schließe die Augen. Der Regen hat nachgelassen, nur ein leises Trommeln ist jetzt noch gegen die Fenster zu hören. Mein Kleid klebt kalt auf meiner Haut, der feuchte Stoff drückt unangenehm auf meine Schultern. Der Geruch nach feuchter Erde haftet noch immer an mir, süß und schwer, wie der Friedhof selbst.
Langsam schlüpfe ich aus meinen Sandalen, stelle sie achtlos neben die Tür und ziehe mir das Kleid über den Kopf. Es landet in einem dunklen, feuchten Haufen auf dem Boden. Ich stehe im Flur, barfuß, in meiner Unterwäsche, und spüre den kalten Stein unter meinen Füßen. Überall riecht es nach Staub und billigem Waschmittel.
Im Badezimmer drehe ich das Wasser so heiß auf, wie ich es gerade noch aushalten kann. Dampf erfüllt sofort die kleine Duschkabine und legt sich wie ein Vorhang um mich. Ich steige unter die Dusche, schließe die Augen und lasse das Wasser über mich laufen. Minutenlang stehe ich einfach nur da, während der Schmutz, der Regen und der süße, erdige Geruch von mir abgewaschen werden. Es fühlt sich an, als könnte ich endlich wieder atmen.
Als ich fertig bin, trockne ich mich ab und gehe ins Schlafzimmer. Ich hole etwas Trockenes aus dem Schrank: schwarze Leggings, ein altes graues T-Shirt. Die Kleidung klebt nicht mehr, aber der Druck in meiner Brust bleibt. Das Zimmer ist still, nur das leise Rattern eines Motorrollers ist zu hören, der draußen durch die enge Gasse fährt.
In der Küche schalte ich das kleine Licht über der Spüle ein und greife nach der offenen Weinflasche auf dem Tisch. Sie steht dort schon seit vorgestern, der Korken steckt kaum noch darin. Ich ziehe ihn heraus und gieße mir ein Glas ein. Dunkelrot, fast schwarz.
Ich setze mich an den Tisch, die nackten Füße gegen die Querstange gestützt, und nehme einen tiefen Schluck. Er ist zu warm, zu schwer, aber das ist mir egal. Der Wein brennt in meinem Hals, und für einen Moment spüre ich nichts als Hitze.
Mein Blick schweift über den Tisch. Sie liegen immer noch da, ordentlich gestapelt: Rechnungen. Gelbe Umschläge. Mahnungen. Der dickste Brief von der Bank liegt ganz oben. Ich schiebe ihn mit der Fingerspitze beiseite, als könnte das die Zahl darauf kleiner machen.
„Wie?“, frage ich leise in den Raum. Meine Stimme klingt brüchig, fremd. Wie soll ich das jemals bezahlen? Es sind nicht nur die letzten Krankenhauskosten. Es ist alles. Miete. Kredite. Zinsen, die ich nicht einmal mehr verstehe. Ich könnte zehn Jahre lang Tag und Nacht arbeiten und es wäre immer noch nicht genug.
Ich nehme noch einen Schluck Wein, diesmal einen größeren. Es fühlt sich an, als steckten alle Schulden, alle leeren Versprechungen, jedes Scheitern zwischen meinen Rippen fest, und der Wein wird nicht ausreichen, um es wegzuwaschen.
Wenn Mamma mich jetzt sehen könnte, hätte sie wieder diesen weichen Blick, stolz und traurig zugleich. „Du bist stark, Aurora“, hat sie immer gesagt. Aber ich glaube es nicht mehr.
Draußen fängt es wieder an zu regnen, stärker jetzt. Er trommelt gegen die Fenster und füllt die Stille im Zimmer. Ich lehne mich zurück, den Blick starr an die Decke gerichtet. „Morgen“, sage ich leise. „Morgen werde ich etwas tun. Morgen …“
Aber dann fallen meine Augen auf den Boden. Zwischen den Briefen liegt ein Umschlag, den ich vorher nicht bemerkt hatte. Weiß. Schwer. Kein Absender. Das goldene Siegel, das ihn verschließt, schimmert im fahlen Küchenlicht, als würde es sich bewegen.
Eine lange Zeit sitze ich nur da und starre darauf. Als müsste ich mich erst davon überzeugen, dass er wirklich da ist. Dass ich mir das nicht einbilde. Schließlich stelle ich das Weinglas ab, beuge mich vor und hebe ihn auf. Das Papier fühlt sich kühl und fest an, das Siegel unter meinen Fingern glatt, beinahe weich. Ich drehe ihn in meinen Händen, halte ihn ins Licht. Die goldene Prägung sieht aus wie ein Kreis, der von feinen Linien durchzogen ist, deren Bedeutung ich nicht verstehe.
Langsam fahre ich mit dem Daumen darüber, und das Wachs bricht mit einem leisen Knacken. Für einen Moment zögere ich. Dann ziehe ich das dicke, cremefarbene Papier aus dem Umschlag. Es riecht seltsam süß, wie Rosenblätter, die zu lange in der Sonne gelegen haben.
Die Handschrift ist elegant, dunkelblau, sanft geschwungen:
Liebe Frau De Santis,
Herzlichen Glückwunsch. Sie wurden ausgewählt, an unserem exklusiven Auswahlverfahren teilzunehmen.
Im Rahmen dieses Programms haben Sie die Gelegenheit, zwanzig sorgfältig ausgesuchte Männer kennenzulernen und im Laufe eines einzigartigen Prozesses Ihre Entscheidung zu treffen. Jeder Teilnehmer verfügt über besondere Qualitäten, die Sie im Laufe der Zeit entdecken werden.
Für Ihre Teilnahme erhalten Sie ein Honorar von 20.000 €, das noch vor Beginn des Programms ausgezahlt wird. Der Restbetrag wird nach Abschluss der Sendung überwiesen.
Bitte erscheinen Sie morgen bei Sonnenuntergang am südlichen Zugang der Ponte Pietra. Ein Mitarbeiter wird dort auf Sie warten, um Sie in Empfang zu nehmen und den weiteren Ablauf zu erläutern.
Bitte bringen Sie nichts mit als sich selbst und die Bereitschaft, sich auf das Unerwartete einzulassen.
Wir freuen uns auf Ihre Ankunft,
The Circle of Choice
Meine Augen wandern über die Worte. Immer und immer wieder.
Zwanzig Männer.
Eine Wahl.
Zwanzigtausend Euro.
Ich lese die Zeilen noch einmal. Diesmal langsamer. Die Zahlen stehen da, klar und unnachgiebig. Und doch kommt mir das alles so absurd vor, dass ich ein kurzes Lachen ausstoße – ein trockenes, brüchiges Geräusch. Vielleicht ist das ein geschmackloser Scherz. Vielleicht ein Fehler.
Ich drehe das Blatt um, prüfe die Rückseite, aber sie ist leer. Ich halte es gegen das Licht, als könnte irgendwo eine geheime Nachricht auftauchen, aber es bleibt ein Brief. Ein seltsamer Brief, der nach Rosen duftet und in meiner Hand zittert.
Langsam lege ich ihn zurück auf den Tisch. Meine Finger verweilen auf dem Papier, als könnte ich irgendwie erkennen, ob das alles wirklich ist. Aber die Erschöpfung in meinen Gliedern wird schwerer und zieht mich tiefer in den Stuhl.
Ich schließe die Augen und atme tief durch. Es ist zu viel für einen einzigen Tag. Zu viel Tod, zu viel Regen, zu viel Stille. Zu viele Fragen.
Mit einer fahrigen Bewegung schiebe ich den Umschlag und den Brief ein Stück von mir weg, lasse den Stapel Rechnungen darüber gleiten, als könnten sie ihn verstecken. Dann drücke ich mich vom Tisch ab, stehe fast mechanisch auf und gehe ins Schlafzimmer.
Ich sinke aufs Bett, ohne das Licht auszuschalten, und ziehe die Beine an, bis ich kaum noch Platz einnehme. Die Worte aus dem Brief kreisen weiter in meinem Kopf, brennen sich in mich ein, während der Regen draußen gegen die Fenster peitscht.
Vielleicht ist es ein Scherz. Vielleicht nicht. Vielleicht spielt das auch gar keine Rolle.
Mit einem letzten Blick zur Tür schließe ich die Augen.
Und dieses Mal wehre ich mich nicht mehr gegen den Schlaf.