Das Schweigen von Amberley Court

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Zusammenfassung

Sein Stolz war sein Schutzschild. Ihr Schweigen war die Revolution. Annabel O’Shea kommt auf Amberley Court an, um als Gouvernante ein neues Leben zu beginnen, doch sie findet ein Herrenhaus voller Geheimnisse vor und einen Hausherrn, der mit der Kälte von Granit regiert. Lord Frank Amberley ist ein Mann der Titel und scharfen Kanten, ein „Little King“, der es gewohnt ist, bedient und niemals infrage gestellt zu werden, und der sein verwundetes Herz hinter einer Maske aristokratischer Gleichgültigkeit verbirgt. Was als Zusammenprall zweier willensstarker Charaktere beginnt – einer entschlossenen jungen Lehrerin und eines grüblerischen Lords –, entwickelt sich zu einem gefährlichen Tanz aus Verlangen und Skandalen. Als Frank versucht, Annabels Ruf als Falle zu nutzen, um sie an sich zu binden, entfesselt er einen Sturm, den keiner von beiden kontrollieren kann. Zwischen glanzvollen Galas, in Tagebücher geflüsterten Geheimnissen und den giftigen Zungen der Sussex-Elite muss Annabel entscheiden: Zieht sie die Freiheit der Einsamkeit vor oder das Risiko, einen Mann zu lieben, der verlernt hat, zu fühlen? In einem Haus, in dem die Wände Ohren haben und Liebe als Schwäche gilt – kann das Schweigen von Amberley endlich gebrochen werden?

Genre:
Romance
Autor:
Aria Saint
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
65
Rating
n/a
Altersfreigabe
16+

Kapitel 1 - Die stehengebliebene Uhr

London, Januar 1925

Der Rolls-Royce Silver Ghost stand um fünf vor elf vor dem Royal Theatre. Sein Motor tickte rhythmisch in der beißenden Kälte. Der Regen hatte den Asphalt in eine spiegelglatte Fläche verwandelt, in der sich das Gaslicht zu zitternden, goldenen Pfützen verlor, die in die Rinnsteine abflossen. Im Inneren des Wagens saß Frank Amberley mit starrer, versteinert wirkender Fassung und beobachtete, wie Regentropfen in zackigen Linien die Fensterscheibe hinabliefen.

„Mein Lord?“ Die Stimme des Chauffeurs war vorsichtig, kaum ein Kräuseln in der Stille. „Die Vorstellung hat begonnen.“

Frank sagte nichts. Vor zwei Jahren wäre er der Erste gewesen, der ausgestiegen wäre. Meg hatte das Theater geliebt. Sie liebte die Art, wie sie sich für ein paar Stunden ganz der Geschichte eines anderen hingeben konnte. Er konnte sie fast spüren, ihre Hand als warmes Gewicht in der seinen, ihr lautloses Lachen über die Absurdität einer Wendung im dritten Akt. Jetzt fühlte sich die Aussicht, drei Akte künstlicher Emotionen zu ertragen, wie eine Strafe an. Er sehnte sich nach der grauen Isolation von Sussex, um sich dorthin zurückzuziehen, wo ihn die Welt nicht erreichen konnte.

Aber Brian war unnachgiebig gewesen. „Du kannst dich nicht lebendig begraben, Frank. Die Welt dreht sich weiter, egal ob du bereit bist, dich ihr anzuschließen oder nicht.“

Die Welt. Als ob ihr hektisches Drehen irgendeine Bedeutung hätte.

„Öffnen Sie die Tür, Jim.“

Der Chauffeur gehorchte. Ein Schwall Januarluft drang herein, schwer vom Geruch nasser Wolle und der herben Note von Kohlenrauch. Frank stieg in die Nacht hinaus. Er legte sich seinen Seidenschal mit der distanzierten Effizienz eines Mannes um den Hals, der ein Ritual vollzog, das er nicht mehr fühlte. Er war vierunddreißig Jahre alt, doch er fühlte sich so uralt wie die rußgeschwärzten Steine der Stadt.

Die Türen des Theaters verschlangen ihn vollends.

Im Inneren erstrahlte das Foyer in elektrischem Licht – ein moderner Umbau, der in seiner grellen Art nicht zu seiner Stimmung passte. Frank nahm den Hut ab, nickte dem Platzanweiser kurz und abweisend zu und ging in Richtung der privaten Logen.

„Habe schon gedacht, du tauchst gar nicht mehr auf.“

Brian Martin tauchte neben ihm auf. Sein Abendanzug war tadellos, seine Augen blitzten mit diesem journalistischen Instinkt für eine gute Geschichte – eine Einschätzung, die Frank mit der Zeit verabscheut hatte. Brian sah zu viel. Das hatte er schon immer.

„Meine Uhr ist stehen geblieben.“

„Deine Uhr steht seit zwei Jahren still, Frank.“

Frank würdigte die Bemerkung nicht einmal mit einem Atemzug. Sie stiegen in schwerem Schweigen die Treppen hinauf, peinlich genau darauf bedacht, wie das Flüstern ihnen wie ein Sog folgte.

„— das ist Lord Amberley —“ „— seit seine Frau gestorben ist, ist er nur noch ein Schatten —“ „— zwei Jahre, und immer noch in tiefer Trauer —“

Eine steinerne Anspannung legte sich auf Franks Kiefer. Er hatte vergessen, wie London redete – wie die ton eine Tragödie zerpflückte wie Geier, die einen Kadaver kreisen.

Die Loge war glücklicherweise dunkel. Frank ließ sich auf seinen Platz sinken und starrte auf die Bühne, auch wenn es in seinem Kopf dunkel blieb. Eine französische Komödie, hatte Brian erwähnt. Es spielte keine Rolle. Er war nur hier, weil eine Absage eine weitere Predigt über seine „Verantwortung gegenüber den Lebenden“ nach sich gezogen hätte.

„Du baust immer weiter ab“, sagte Brian leise. Seine Stimme war kaum über dem Bühnenspiel zu hören. „Seit Meg gestorben ist, bist du um ein Jahrzehnt gealtert.“

„Bin ich das?“ Franks Stimme war ein flacher Strich. „Das ist mir nicht aufgefallen.“

„Die Welt geht nicht unter, nur weil wir die verlieren, die wir lieben.“

Frank wandte sich seinem ältesten Freund zu. Sein Ausdruck war starr wie eine Maske. „Tut sie das nicht?“

Er wandte sich wieder der Bühne zu. Die Hauptdarstellerin lachte – ein hoher, porzellanartiger Klang, der an seinen Nerven zerrte. Er hörte nicht den Witz; er hörte nur die erdrückende Stille im Kinderzimmer zu Hause und die Art, wie die Stimmen seiner Kinder verstummten, sobald er den Raum betrat, als wäre er ein Geist, der sein eigenes Erbe heimsuchte.

„Ich fahre im Morgengrauen nach Sussex zurück“, sagte Frank, den Blick fest auf die schweren Samtvorhänge geheftet.

„Im Morgengrauen? Die Gala ist morgen, Frank. Du hast versprochen —“

„Ich habe gar nichts versprochen, Brian. Ich habe London einen Abend geschenkt. Das ist alle Luft, die ich erübrigen kann.“

Die Rückfahrt nach Amberley Court war ein Schleier aus grauem Nebel und skelettartigen, blattlosen Bäumen. Als der Rolls-Royce über den Kiesweg knirschte, war die Sonne nur noch ein bläulich-violetter Schimmer, der gegen den Horizont kämpfte.

Frank trat in die Halle. Das Haus empfing ihn mit seiner vertrauten, erstickenden Umarmung aus Lavendel und kaltem Stein. Es war ein Grab, aber es war seines. Er begann, seinen Mantel aufzuknöpfen, die Bewegungen schwerfällig, bis sein Blick auf einen kleinen, ramponierten Lederkoffer fiel, der neben der Mahagonibank stand.

Er wirkte deplatziert. Er wirkte ... lebendig.

„Die neue Gouvernante ist eingetroffen, während Sie in der Stadt waren, mein Lord.“ Mrs. Higgins erschien aus den Schatten des Korridors. Ihre Schlüssel klimperten wie ein metallischer Herzschlag in der Stille. „Das irische Mädchen. Aus dem Kloster.“

Frank starrte auf den Koffer. Ein ausgefranster Gepäckanhänger baumelte am Griff, mit einem Namen, der in einer strengen, unnachgiebigen Schrift geschrieben war: Annabel S. O’Shea.

„Hat sie sich eingelebt?“, fragte er, nicht aus Interesse, sondern weil die Anwesenheit einer weiteren Seele wie ein Bruch in seinen Verteidigungsanlagen wirkte.

„Im Flügel des Kinderzimmers, Sir. Sie war heute Morgen schon mit den Kindern draußen im Tau. Ein ziemlicher Wirbelwind, die Kleine.“

Frank spürte, wie sich sein Gesichtsausdruck wie gewohnt verhärtete. Ein Wirbelwind war das Letzte, was er in einem Haus duldete, das auf abgestandener Luft gebaut war. Er sah zur großen Treppe hinauf, wo sich die Schatten seiner Vorfahren erwartungsvoll nach vorne zu beugen schienen.

Er ging an dem Koffer vorbei, ohne ihn eines zweiten Blickes zu würdigen. Seine Ledersohlen hallten auf dem polierten Holz. Er wollte sie nicht treffen. Er wollte ihren Namen nicht lernen. Er wollte nur, dass das Ticken der Uhren – jener, die er noch nicht zum Schweigen gebracht hatte – endlich aufhörte.

Oben im Kinderzimmer kämpfte eine Lampe bereits gegen den Anbruch des Tages.

Hinter der schweren Eichentür schlug Annabel O’Shea zum ersten Mal auf englischem Boden ihr Tagebuch auf. Der Duft des Lavendels aus Sussex war allgegenwärtig, doch während sie ihre Feder in die Tinte tauchte, schmeckte sie noch immer das Salz der Irischen See auf ihren Lippen.

14. Januar, schrieb sie. Amberley ist kälter, als ich mir vorgestellt habe. Aber die Kinder haben Augen, die wie gefangene Spatzen umherschwirren, und ich war noch nie eine Frau, die einfach aus einem Käfig davonläuft.

Draußen heulte der Wind über das Moor, doch in ihrem Tagebuch war die Tinte frisch, schwarz und trotzig.