Destino Secreto

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Zusammenfassung

Aria Alborán hat ihr ganzes Leben lang geglaubt, ein ganz gewöhnliches Leben zu führen. Nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter bleiben Fragen offen. Fragen, die niemals beantwortet wurden. Eine im Besonderen beginnt sie zu verfolgen. Sie weiß nicht, wer ihr Vater ist, und ihre Mutter hat darüber immer geschwiegen. Beim Durchsehen der Habseligkeiten ihrer Mutter entdeckt Aria ein altes Foto. Es zeigt ihre Mutter neben einem fremden Mann. Auf der Rückseite steht nur ein einziges Wort: Mataró. Nichts weiter. Doch das Bild lässt sie nicht mehr los. Es ist der erste greifbare Hinweis auf eine Vergangenheit, über die nie gesprochen wurde, und Aria beschließt, dieser Spur zu folgen. Auf den ersten Blick wirkt Mataró ruhig und unauffällig. Die Menschen gehen ihrem Alltag nach, und nichts scheint ungewöhnlich. Und doch spürt Aria vom ersten Moment an eine Spannung, die sie nicht einordnen kann. Die Blicke von Fremden verfolgen sie, Begegnungen fühlen sich seltsam an und vieles bleibt unausgesprochen. Während Aria nach Antworten sucht und versucht zu verstehen, welche Verbindung ihre Mutter zu dieser Stadt hatte, verstrickt sie sich zunehmend in einem Netz aus Geheimnissen und alten Banden. Ohne es zu ahnen, berührt sie eine übernatürliche Welt, an deren Existenz sie niemals geglaubt hätte und zu der sie schon immer gehörte, ohne es jemals zu wissen.

Genre:
Fantasy
Autor:
VitaMia
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
44
Rating
5.0 2 Bewertungen
Altersfreigabe
18+

Aria

„Äh, könntest du mir bitte erklären, warum du all deine Sachen gepackt hast?“

Die panische Stimme meiner besten Freundin drang aus den Lautsprechern meines Autos und ließ mich unwillkürlich das Gesicht verziehen. Ich war froh, dass meine Hände schon fest am Lenkrad lagen, denn im Moment fühlte ich mich alles andere als fähig, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun.

Ich war auf der Autobahn Richtung Mataró unterwegs, noch etwa fünfundvierzig Minuten entfernt, und versuchte verzweifelt, mich darauf zu konzentrieren, keinen Unfall zu bauen. Eine Aufgabe, die mir normalerweise keinerlei Probleme bereitete, heute aber meine volle Aufmerksamkeit forderte, weil meine Nerven schon bis zum Zerreißen gespannt waren. Der Regen prasselte unerbittlich gegen die Windschutzscheibe, als wollte er mich noch einmal daran erinnern, dass heute vielleicht nicht der beste Tag für spontane Lebensentscheidungen war.

Ein kurzer Blick auf das Armaturenbrett verriet mir, dass es genau drei Uhr nachmittags war. Der Himmel hing schwer und grau über der Straße, dicht bewölkt, das Licht gedämpft und kühl. Alles fühlte sich ein bisschen zu still an, ein bisschen zu angespannt, als würde die Welt den Atem anhalten.

„Natalia“, sagte ich und konnte ein leises Lachen nicht unterdrücken, „ich fahre jetzt schon seit fünf Stunden. Und du merkst das erst jetzt?“

Ich zog eine Augenbraue hoch, obwohl sie es natürlich nicht sehen konnte, und konzentrierte mich wieder auf den Verkehr, während meine Finger sich fester um das Lenkrad schlossen.

„Das ist überhaupt nicht witzig, Aria!“, fauchte sie. „Ich war auf der Arbeit. Und dann komme ich nach Hause und sehe, dass du deine Sachen gepackt hast. Alle deine Sachen. Wo zum Teufel steckst du?“

Ihre Stimme klang jetzt schärfer, gereizter, genau in diesem Ton, den sie immer hatte, wenn sie versuchte, die Kontrolle zu behalten. Ich stellte mir vor, wie sie in ihrer Wohnung stand, mitten im Chaos, die Arme verschränkt, und ihr Blick zwischen den leeren Regalen und den offenen Schubladen hin- und hersprang.

Ich atmete tief durch, ließ meine Augen kurz über die nasse Fahrbahn vor mir wandern und räusperte mich.

„Also“, begann ich langsam, fast vorsichtig, „wenn ich dir jetzt rein hypothetisch – wirklich nur rein hypothetisch – erzählen würde, dass ich meine Sachen gepackt habe und gerade irgendwo in der Nähe von Mataró bin … wie sehr würdest du ausflippen?“

Mein Fuß zuckte leicht aufs Gaspedal, während meine Finger nervös gegen das Lenkrad klopften. Ich biss mir auf die Unterlippe und wusste genau, dass ich dieses Gespräch in eine Richtung lenkte, aus der ich nicht so einfach wieder rauskommen würde.

Einen Moment lang kam nichts aus den Lautsprechern. Dann hörte ich Natalias tiefes, gedehntes Stöhnen, dieses eine Geräusch, das mir unmissverständlich verriet, dass sie gerade im Kopf bis zehn zählte. Vielleicht sogar bis zwanzig. Nur für den Fall.

Ich verzog die Lippen zu einem schiefen Grinsen, während mein Blick auf der Straße vor mir ruhte und die Scheibenwischer ihre monotone Arbeit verrichteten.

Oh ja. Das würde eskalieren.

„Aria, ich hoffe inständig, rein hypothetisch, dass das ein verdammter Witz ist!“

Natalias Stimme explodierte förmlich aus den Lautsprechern meines Autos und ließ mich zusammenzucken. Ich biss mir schnell auf die Innenseite der Wange, um nicht laut loszulachen, denn allein die Art, wie sie das Wort *hypothetisch* betonte, verriet mir, dass sie gedanklich schon kurz davor war, unsere Freundschaft zu kündigen.

„Wenn du nur ein paar Wochen gewartet hättest, wären wir zusammen nach Mataró gefahren!“, fuhr sie fort, ohne mir auch nur die geringste Chance zu geben, etwas zu erwidern. „Aber nein, natürlich konntest du nicht warten. Nein, Aria entscheidet sich mal wieder für spontane Selbstzerstörung! Am liebsten würde ich jetzt in mein Auto steigen, dir hinterherfahren und dich persönlich aus diesem Wagen zerren, nur um dich zurück nach San Sebastián zu schleifen!“

Ich verzog leicht das Gesicht, mehr aus Gewohnheit als aus echtem Bedauern, und zuckte mit den Schultern, obwohl sie es nicht sehen konnte. Meine Finger krallten sich fester um das Lenkrad, während ich versuchte, ernst zu wirken und gleichzeitig das aufkeimende Amüsement in mir zu unterdrücken. Eine Kombination, in der ich noch nie besonders gut gewesen war.

„Ääääääh“, dehnte ich und ließ absichtlich eine viel zu lange Pause entstehen. „Also … ich bin ja schon fast da. Und … du kannst ja bald nachkommen, Schatz“, fügte ich in einem zuckersüßen Tonfall hinzu, in der aufrichtigen Hoffnung, dass genau diese Stimme sie entweder beruhigen oder komplett in die Luft jagen würde. Beide Optionen wären unterhaltsam gewesen.

Ich warf einen schnellen Blick auf die Straße vor mir und seufzte leise. Viel zu viele Autos krochen im Schneckentempo dahin, als hätten sich alle spontan dazu entschieden, genau heute, genau jetzt, genau hier unterwegs zu sein. Meine Finger trommelten ungeduldig aufs Lenkrad, während mein Blick zwischen Rückspiegel, Verkehr und grauem Himmel hin- und hersprang.

Toll.

Nicht nur, dass ich meine beste Freundin mit einer überstürzten Entscheidung gerade an den Rand des Wahnsinns trieb, nein, jetzt hatte sich auch noch der Verkehr dazu entschlossen, mir auf die Nerven zu gehen. Die Autos schoben sich quälend langsam vorwärts, und jedes einzelne rote Bremslicht fühlte sich wie eine persönliche Provokation an, während meine Geduld mit jeder Minute ein bisschen mehr schwand.

„Was genau ist dein Plan? Du hast das Foto doch erst gestern gefunden und …“ Natalias Stimme brach mitten im Satz ab, als wäre ihr selbst klar geworden, dass es auf diese Frage keine einfache Antwort gab.

Ich schwieg einen Moment, atmete langsam aus und hatte das deutliche Gefühl, dass dieser Tag beschlossen hatte, alles an Chaos und emotionaler Überlastung zu geben, was er zu bieten hatte.

Kurz darauf tauchte ein Schild in meinem Blickfeld auf, auf dem *Mataró* stand, darunter die Angabe, wie viele Kilometer noch übrig waren. Eine nervöse Aufregung regte sich in mir, und mein Herz begann ein bisschen zu schnell zu schlagen, während ich meinen Blick zwischen dem Schild und der Straße hin- und herwandern ließ.

Meine Gedanken schweiften unweigerlich zurück zum gestrigen Tag, zu dem Moment, als Natalia und ich die Wohnung meiner Mutter ausgeräumt hatten. Jede Kiste, die wir packten, hatte sich angefühlt, als würde sie ein Stück der Vergangenheit verschlucken, und genau dort hatte ich dieses Foto gefunden, das mein ohnehin schon wackeliges Leben erneut aus dem Gleichgewicht gebracht hatte.

Meine Mutter war vor drei Wochen gestorben, und selbst jetzt konnte ich kaum glauben, dass diese Tatsache real war. Ob ich getrauert hatte, stand außer Frage – ich hatte endlos geweint und mich in Natalias Wohnung verkrochen, als könnte ich mich dort vor einer Welt verstecken, die einfach weiterlief, ohne meine Mutter.

Für mich war alles zusammengebrochen, denn ich hatte meine Mutter über alles geliebt, und plötzlich war sie mir ohne jede Vorwarnung genommen worden. Als wäre das nicht schon genug gewesen, hatte ich dann dieses Foto von ihr gefunden, auf dem sie neben einem fremden Mann stand, dessen Gesicht mir völlig unbekannt war.

Das Bild musste etwa vierundzwanzig Jahre alt sein, und zunächst hatte ich kaum darauf reagiert, als würde mein Verstand sich weigern, die Bedeutung zu begreifen. Doch dann hatte ich diesen Mann immer genauer betrachtet, bis er alles andere aus meinen Gedanken verdrängt hatte.

Mein ganzes Leben lang hatte meine Mutter mir nie gesagt, wer mein Vater war, und jedes Mal, wenn ich sie danach gefragt hatte, war sie in Tränen ausgebrochen. In ihren Augen hatte so viel Schmerz gelegen, dass ich es nie über mich gebracht hatte, weiter nachzuhaken, obwohl mich diese Ungewissheit mein ganzes Leben lang begleitet hatte.

Und dann hatte ich dieses Foto gesehen, und in einem einzigen Augenblick hatte alles, was ich mühsam im Gleichgewicht gehalten hatte, wieder zu wackeln begonnen.

„Ich werde diesen Mann suchen, Natalia. Ich muss wissen, ob ich noch Familie habe und …“

Meine Stimme wurde leiser, brüchiger, und der Satz verhallte, bevor ich ihn beenden konnte. Ich starrte auf die Straße vor mir, als könnte der graue Asphalt mir die fehlenden Worte liefern. Meine Finger spannten sich um das Lenkrad, während ich kurz die Lippen zusammenpresste, um mich zu fangen.

„Ich habe im Internet ein Fotostudio in Mataró gefunden“, fuhr ich schließlich fort und versuchte, entschlossener zu klingen, als ich mich fühlte. „Ich werde dort erst mal nach einem Job fragen und dann diesen Mann suchen, Natalia.“

Diesmal klang meine Stimme fester, klarer, als hätte ich mir die Entschlossenheit beim Sprechen selbst eingepflanzt. Es war kein perfekter Plan, aber es war ein Plan, und im Moment fühlte sich das an wie alles, was ich brauchte.

Natalia schwieg einen Moment, bevor sie antwortete, und als sie es tat, klang ihre Stimme gleichzeitig sanft und traurig. „Ich kann dir nicht sagen, was richtig oder falsch ist, Aria. Aber ich hätte gern an deiner Seite gestanden, während du nach deinem Vater suchst.“

Ein warmes Ziehen breitete sich in meiner Brust aus, und ich musste schlucken, bevor ich antworten konnte. „Du hast mich in den letzten drei Wochen unterstützt und mir geholfen wie niemand sonst, Natalia“, sagte ich leise. „Genieß die Wochen ohne mich“, fügte ich hinzu und zwang mich zu einem kleinen Lächeln, obwohl sie es nicht sehen konnte.

„Du bist meine beste Freundin!“, platzte sie sofort heraus, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern. „Natürlich bin ich für dich da, und ich komme bald nach.“ Einen Moment später wurde ihre Stimme leiser, fast geflüstert. „Ich finde es nur nicht gut, dass du ohne mich losgefahren bist.“

Ich schnaubte leise und spürte, wie sich trotz allem ein sanftes Lächeln auf meine Lippen stahl. Selbst mitten im Chaos, mitten in all diesem Schmerz, war es tröstlich zu wissen, dass zumindest eine Konstante in meinem Leben nicht einfach verschwand.

„Du bist die Beste, Natalia. Vergiss das nie“, sagte ich und ließ meinen Blick kurz über die Straße schweifen, als ein weiteres Schild auftauchte, das mir verriet, dass ich bald in Mataró sein würde. „Aber jetzt genieß deinen Abend“, fügte ich hinzu, mit einem leisen Unterton aus Erschöpfung und Zuneigung zugleich.

„Ja, ja! Klar bin ich die Beste“, erwiderte sie prompt, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern. „Und jaaa, ich geh jetzt ins Bett. Ich bin sooo müde, Schatz.“ Ihre Stimme wurde plötzlich ernster, auch wenn sie versuchte, es locker klingen zu lassen. „Pass bitte auf dich auf und schreib mir regelmäßig. Und wenn dir was passiert, finde ich denjenigen, der es war, und bringe ihn um … tschüssiiii!“

Dann war die Leitung tot.

Ich kicherte leise, schüttelte den Kopf und konnte mir ein breiteres Grinsen nicht verkneifen. Natalia war ohne Zweifel die verrückteste Frau der Welt. Und genau dafür liebte ich sie.

Ich schaltete den Blinker ein, folgte der ruhigen Stimme meines Navis und bemerkte, wie sich die Umgebung langsam veränderte. Laut Anzeige sollte ich in etwa fünfzehn Minuten ankommen, und tatsächlich wurden die Straßen leerer. Die Autos um mich herum wurden weniger, der Verkehr entspannter, fast so, als würde die Welt um mich herum einen Gang runterschalten.

Von Mataró selbst war noch nicht viel zu sehen, aber allein die Tatsache, dass ich so nah dran war, ließ meine Aufregung wieder steigen. Mein Magen zog sich leicht zusammen, während mein Blick jede neue Abfahrt aufmerksam verfolgte.

Dann fing es wieder an zu regnen. Die ersten Tropfen klatschten gegen die Windschutzscheibe, gefolgt von immer mehr, bis die Wischer erneut ihr eintöniges Hin und Her aufnahmen.

„Super“, murmelte ich und stöhnte genervt. „Ich hasse Regen.“

Und doch hatte ich das seltsame Gefühl, dass dieser Regen nicht einfach nur Wetter war, sondern eine Art stummer Begleiter auf den letzten Kilometern in eine Stadt, die für mich viel mehr bereithielt, als ich ahnte.