Der Ruf des blauen Mondes

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Zusammenfassung

Sie haben die Wildnis überlebt. Sie haben die Rogues überlebt. Doch nichts konnte sie auf das vorbereiten, was nun kommt. June und Andy sind jahrelang auf der Flucht gewesen – allein, gejagt und dazu gezwungen, viel zu schnell erwachsen zu werden. Als sie endlich Zuflucht bei einem mächtigen Werwolf-Rudel finden, scheint der Albtraum endlich vorbei zu sein. Bis die Angriffe beginnen. Während sich die Streitkräfte der Rogues formieren und etwas weitaus Gefährlicheres in den Schatten erwacht, wird June in eine Welt voller Macht, Loyalität und Schicksal hineingezogen. Eine Welt, in der Stärke alles ist … und in der Liebe das Einzige sein könnte, das sie sich nicht leisten kann. Denn in einem Krieg, der gerade erst beginnt – ist das Überleben nicht garantiert. Und manche Bande sind in Blut geschrieben.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
37
Rating
5.0 1 Bewertung
Altersfreigabe
18+

Kapitel 1 - Schatten der Grenze

Der Wind schnitt wie ein lebendiges Wesen durch die Bäume. Er war so kalt und scharf, dass er auf der Haut brannte. Auf den Zweigen über ihnen lag eine Kruste aus Schnee, die leise raschelte, wenn sie sich löste und in pudrigen Schauern herabfiel. Unter diesem rastlosen Himmel bewegten sich zwei Gestalten durch die Wildnis – müde Schatten inmitten der Kiefern.

Der Wald schien kein Ende zu nehmen. Weiß, Grau und Schwarz erstreckten sich in jede Richtung, und der Himmel war durch die skelettartigen Zweige kaum zu sehen. Jeder Schritt knirschte zu laut. Jeder Atemzug fühlte sich gestohlen an.

Andy drängte mit gekrümmten Schultern durch das Unterholz und musterte den Wald wie ein wildes Tier. Mit seinen vierzehn Jahren wirkte er bereits wie jemand, der doppelt so alt war. Seine Kleidung war von Dornen und harten Kilometern zerfetzt, seine Stiefel waren abgenutzt und sein hagerer Körper vor Hunger ganz drahtig.

Er hatte seit drei Nächten nicht mehr richtig geschlafen.

Hinter ihm stolperte June und hielt sich die Seite. Ihre Wangen waren bis auf die Röte durch die Kälte bleich, und ihr dunkelblondes Haar klebte in wirren Strähnen an ihrem Gesicht. Sie war vorhin am steilen Hang gestürzt und hatte sich vielleicht den Knöchel verdreht, doch sie hatte nichts gesagt. Sie beschwerte sich selten.

Das musste sie auch nicht. Andy konnte das kleine Stocken in ihrem Atem hören und sehen, wie sie einen Fuß schonte. In ihm zog sich alles vor Anspannung zusammen – Angst, Frustration, Wut – alles kochte in ihm hoch, bis seine Stimme schärfer klang, als er beabsichtigt hatte.

„Beweg dich weiter, June“, murmelte er, ohne sich umzusehen. „Wir können hier nicht anhalten.“

„Ich weiß“, flüsterte sie, während ihr Atem in der Luft dampfte.

Sie wusste, dass er nicht auf sie wütend war. Nicht wirklich. Er war wütend auf die Welt. Auf die Streuner, die sie auseinandergetrieben hatten. Auf die Rudel, die alles jagten, was nicht zu ihnen gehörte.

Und auf sich selbst.

Die Bäume um sie herum standen dicht, und der Boden war dick bedeckt mit alten Nadeln und eisglatten Wurzeln. Irgendwo weit entfernt heulte ein Wolf, lang und tief. Junes Hand verkrampfte sich in ihrem Mantel.

Es war nicht die Art von Geheul, das zum Mond rief.

Es war revierfordernd.

Andy blieb plötzlich stehen und seine Nasenflügel bebten. Ein neuer Geruch traf ihn – Moschus, Fell, der kupferne Beigeschmack von altem Blut – und darunter die unverkennbare Spur von Werwölfen.

Grenze.

Sein Puls raste.

Zu spät.

„June“, zischte er, seine Stimme jetzt leise und scharf, „wir müssen hier weg. Sofort.“

Sie erstarrte, als sie den Alarm in seinen grünen Augen sah. „Was ist los?“

„Rudelgebiet“, sagte er. „Zu nah.“ Er packte ihren Arm und zog sie trotz ihres Hinkens mit sich. „Wir müssen uns beeilen, oder sie werden...“

Die Worte blieben ihm im Hals stecken, als sich zwischen den Bäumen vor ihnen etwas bewegte. Dunkle Gestalten, schnell und lautlos, fächerten sich in einem Halbkreis auf. Wölfe.

Große Tiere.

Nicht jung.

Nicht schwach.

Andy schob June hinter sich. „Lauf.“

Sie rannten los.

Zweige peitschten ihnen ins Gesicht. Schnee wirbelte unter ihren Stiefeln auf. Der Wald explodierte hinter ihnen – hämmernde Tatzen, knackende Äste, kehliges Knurren, das von allen Seiten näher kam. June stolperte erneut und wäre fast gefallen. Andy riss sie hoch und zwang sie weiter, während seine Lungen brannten.

Er konnte hören, wie sie aufholten.

Sie versuchten gar nicht mehr, sich zu verstecken.

Sie genossen die Jagd.

„Schneller, June!“, rief er, und Panik schwang in seiner Stimme mit.

Aber sie konnte nicht. Ihr Knöchel gab nach und sie schlug lang hin im Schnee.

Das Geräusch ihres Körpers, der den Boden traf, hallte in Andys Schädel wider wie ein Schuss.

Andy wirbelte herum und stellte sich zwischen sie und die vorrückenden Wölfe. Sein Körper war geduckt, die Zähne gebleckt, obwohl er sich noch nicht verwandelt hatte. Sein Atem dampfte in der kalten Luft, während er sich schützend über sie beugte – ein Schild aus Fleisch, Knochen und Wut.

„Bleib hinter mir“, flüsterte er, ohne sich umzudrehen.

Die Krieger kamen näher, massiv in ihrer Wolfsgestalt, das Fell aufgesträubt, die goldenen Augen blitzten durch die Bäume. Einer verwandelte sich mitten im Schritt, ein Mann nun, groß und mit harten Augen, ein höhnisches Grinsen umspielte seine Lippen.

„Kleine Streuner“, sagte er, die Stimme rau vor Belustigung. „Ein Welpe und ein Abfallprodukt. Was macht ihr auf dem Land der White Tail?“

White Tail.

Junes Magen rutschte in den Keller.

Andy sagte nichts, seine Brust hob und senkte sich schwer, jeder Muskel war gespannt wie ein Flitzebogen.

Der Mann machte einen weiteren Schritt vorwärts, die Stiefel knirschten auf dem gefrorenen Boden. Zwei weitere Krieger verwandelten sich neben ihm und blockierten jeden Fluchtweg.

June kauerte hinter Andy und zitterte. Er spürte, wie sie sich an die Rückseite seiner Jacke klammerte und ihre kleinen Finger den Stoff verdrehten.

Andy bewegte sich nicht.

Das würde er auch nicht.

„Lass uns gehen“, sagte er schließlich, leise und scharf, obwohl seine Stimme ein wenig brüchig klang. „Wir wollten nicht die Grenze übertreten.“

Das Grinsen des Kriegers wurde breiter. „Oh, ihr habt sie übertreten, Junge. Und jetzt gehört ihr uns.“

Gehören. Zum Teufel auch nicht.

Das Wort ließ vor Andys Augen alles rot werden.

Ein weiterer Schritt nach vorn.

Andys Körper spannte sich noch mehr an, seine Lippen zogen sich nun vollends zurück.

Einer der Krieger griff plötzlich vor, viel zu schnell, als wollte er June dort packen, wo sie kniete.

Das brachte das Fass zum Überlaufen. „Lauf, June!“

Andy stürmte vor, und die Verwandlung riss ihn wie ein Schleier aus brechenden Knochen und sträubendem Fell mit sich. Der schlanke, dunkle Wolf schlug mit einem Knurren im Schnee auf und biss nach dem Arm des Mannes, bevor dieser seine Schwester berühren konnte.

Seine Zähne drangen tief ein.

Blut spritzte über den weißen Schnee.

Das Chaos brach los.

Die Krieger agierten als eine Einheit und umzingelten ihn in einem Wirbel aus Schnee und Knurren. Andy kämpfte wie die pure Wut in Fleisch und Blut, Zähne blitzten, Krallen schnitten – ein wilder, junger Wolf gegen erfahrene Killer. Er verschaffte June Sekunden, um rückwärts davon zu kriechen, die Augen weit und voller Entsetzen. Zu starr vor Angst, um so zu laufen, wie Andy es ihr befohlen hatte.

Er kämpfte nicht, um zu gewinnen.

Er kämpfte, um zu überleben.

Oder um zu sterben. Hauptsache, er erkaufte ihr Zeit zur Flucht.

Er sprang eine weitere Kehle an, verfehlte sie jedoch knapp, als ein schwerer Körper in seine Seite krachte. Schnee stob auf. Schmerz flammte in seinen Rippen auf, als Krallen tief in seine Flanke ritzten. Er wand sich mitten im Fall, schnappte zu und riss jemandem Fell von der Schulter.

Ein Stiefel traf ihn hart.

Die Luft entwich seinen Lungen mit einem heftigen Stoß.

Aber er war zu klein. Zu jung. Er war hoffnungslos in der Unterzahl.

Einer drückte ihn nieder. Ein anderer riss mit seinen Krallen über seine Flanke. Er winselte, bäumte sich aber verzweifelt wieder auf, stürzte sich erneut auf eine Kehle, die grünen Augen brannten vor wilder Wut.

Diesmal erwischte er Fleisch.

Der Anführer der Krieger brüllte vor Zorn.

„Genug.“

Der Befehl knackte wie Donner.

„Andy!“, schrie June, ihre Stimme brach.

Ein dritter Krieger schlug von hinten hart zu – ein widerliches dumpfes Geräusch – und Andy sackte zusammen, still und reglos im Schnee. Sein Körper verwandelte sich zurück und lag nun nackt auf dem gefrorenen Boden.

Im Wald wurde es still.

June erstarrte, der Atem stockte ihr in der Brust. Ihre Augen waren weit vor Terror, als sie ihren gefallenen Bruder betrachtete.

Sie konnte ihn nicht atmen hören. Sie unterdrückte ein Schluchzen und zog ihre Gliedmaßen an, machte sich zu einem kleinen Ball, während sie ihren Bruder nicht aus den Augen ließ.

Der Anführer der Krieger verwandelte sich vollständig zurück und stand über Andys schlaffem Körper. Er warf einen Blick auf June und lächelte langsam, mit dunkler Belustigung in den Augen.

Blut tropfte von seinem Unterarm, dort, wo Andy ihn gebissen hatte.

„Bleib ruhig“, sagte er leise, die Stimme war voller Drohungen, „oder der Junge wacht nicht mehr auf.“

Junes ganzer Körper bebte. Sie senkte den Kopf hinter ihre Arme und hielt ihre Augen nur weit genug geöffnet, um ihren Bruder im Blick zu behalten, während sie unter dem Blick des Mannes zitterte. Sie schluckte den Schrei hinunter, der in ihrer Kehle kratzte. Sie nickte.

„Braves Mädchen“, murmelte der Mann, als sie nichts sagte. Er machte eine scharfe Handbewegung. „Nehmt sie mit.“

Raue Hände packten Junes Arme. Sie wehrte sich nicht. Nicht, solange Andy bewusstlos in ihrer Gewalt war.

Ein Krieger schulterte Andys Körper, als würde er nichts wiegen.

June starrte auf das Blut, das den Schnee dort befleckte, wo er gefallen war. Ein anderer Mann trat an sie heran und riss sie grob am Arm hoch. Seine Finger gruben sich grausam in ihre kalte Haut.

Sie schleiften die Zwillinge durch den Schnee in Richtung des Herzens des White-Tail-Territoriums, wo die Schatten des Waldes sie vollständig verschlangen.

Und hinter ihnen löschte der Wind ihre Fußspuren.