Hollow Moon

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Zusammenfassung

Die Königin beauftragt Alpha Felix damit, die Bastarde des ehemaligen Königs zu finden. Doch seine Jagd enthüllt eine in Ungnade gefallene Omega, die sein Wolf als Gefährtin beansprucht. Und was, wenn sie obendrein noch die königliche Erbin ist?

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
48
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Altersfreigabe
18+

Chapter 1 - Genocide

Sie kehrten zurück wie Götter: blutüberströmt, laut und triumphierend.

Die Krieger des Desert Moon drängten unter einem eisenfarbenen Himmel in das Dorf, während die letzten Sonnenstrahlen noch wie blutende Adern am Horizont hingen. Staub bedeckte ihre Pfoten, klebte an ihrem Fell und setzte sich in ihren Nasenflügeln fest. Es sah aus wie Ruhm. Und so roch es auch: nach Schweiß, Eisen und Rauch, so beißend, dass es im Hals brannte.

Tamsin beobachtete, wie sie näher kamen. Einige Wölfe humpelten. Manche trugen Fleischreste zwischen den Zähnen. Jede Schnauze war feucht. Jede Pfote rot verschmiert. Ihr Magen zog sich zusammen.

Und wenn das Blut noch kein Beweis genug war, dann waren es die Kriegsbeuten, die sie mitführten. Bündel mit Vorräten waren auf ihre Rücken geschnallt; eine Reihe von von Wölfen gezogenen Karren, bis oben hin voll mit Waren, bildete das Ende des Zugs. Selbst die geschnitzten Holzpfosten, die einst die Gebietsgrenzen von Dark Moon markiert hatten, wurden wie Trophäen herumgezeigt. Kriegsbeute. Der Beweis für einen vollendeten Genozid.

Schon rannten die jüngeren Wölfe los, um die zurückkehrenden Krieger zu begrüßen. Kinder quietschten vor Freude, während die Väter in ihre menschliche Gestalt wechselten – nackt wie an ihrem ersten Tag – und die Welpen auf ihre breiten Schultern hoben. Älteste des Rudels kamen aus den Häusern und nickten anerkennend. Jemand rollte Fässer mit Ale und Liquave aus dem Lagerhaus. Holz für ein Freudenfeuer wurde am Strand aufgeschichtet.

Sie warfen alles auf den Steinaltar in der Mitte des Marktplatzes, direkt am Rande des Strandes: Klingen von Dark Moon, die Scharten hatten und geschwärzt waren, aufgebrochene Vorratskisten, ein Banner, das in der Mitte zerfetzt und an den Rändern versengt war. Das Siegel war unter den Brandflecken noch zu erkennen.

Sie erkannte es. Ihr stockte der Atem.

Gelächter donnerte durch das Lager, rau und laut. Jemand fing an, eine Trommel zu schlagen, erst langsam, dann schneller. Der Rhythmus kroch ihr unter die Haut. Ein Fass wurde mit einem zischenden Geräusch aufgeschlagen, und der Schaum ergoss sich über gierige Hände.

Das Rudel brach in Jubel aus.

Tamsin stand am Rand der Feier, halb versteckt hinter einem Stapel Brennholz. Ihr Atem saß fest in ihrer Brust, als hätte sie einen Stein verschluckt. Sie jubelte nicht. Sie konnte es nicht. Ihre Kehle weigerte sich, einen Ton von sich zu geben.

Die Luft war schwer von tief hängendem Rauch. Metall und Blut lagen in der Hitze, und die pure Kraft vibrierte darin. Der Sieg hatte einen Geschmack. Bitter. Elektrisch.

Sie wusste, was sie getan hatten.

Kein Gefecht. Kein Überfall. Sie hatten ein ganzes Rudel ausgelöscht. Ein Genozid.

Sie erinnerte sich an ein kleines Mädchen von Dark Moon. Sie kannte ihren Namen nicht mehr, nur noch, wie das Kind sich bei den Mittsommermärkten Muscheln ins Haar flocht. Wie es gelacht hatte, als Tamsin über ein Fischernetz gestolpert war.

Dieses Mädchen war jetzt tot. Verbrannt. Zerfleischt. Oder unter Sand begraben, der sich nie an sie erinnern würde.

Tamsin schluckte.

Nicht nur die Krieger. Nicht nur die Anführer. Alle. Kinder. Mütter. Älteste.

Fort.

Sie nannten es Gerechtigkeit. Sie wusste es besser.

Das Entsetzen lag wie ein schwerer Stein in ihrer Brust, den sie nicht herunterwürgen konnte. Und doch rührte sich unter dem Grauen etwas in ihr, das sich in ihrem Bauch zusammenrollte wie ein lebendiges Wesen, losgelöst von ihr selbst. Macht, die Macht erkannte. Und damit...

Etwas entfaltete sich in ihr. Kein Verlangen. Nicht zuerst.

Ein Druck. Ein Zusammenziehen. Eine Hitze, die nichts mit ihrer Trauer zu tun hatte.

Ihre Hände ballten sich an ihren Seiten zu Fäusten, die Fingernägel bohrten sich in ihre Handflächen. Sie spürte es nicht. Ihr Körper war viel zu sehr damit beschäftigt, auf etwas anderes zu reagieren. Etwas Verräterisches, Lebendiges und Erschreckendes. Etwas, das sie hasste und doch begehrte.

Ihr Körper schmerzte schon davon. Ein tiefes, unerbittliches Verlangen, das nichts mit dem Sieg zu tun hatte, sondern alles mit dem, was nach der Feier folgen würde. Nach dem Lagerfeuer. Nach dem Trinken. Wenn die Krieger berauscht waren von Ale, Sieg und Blutlust, würden sie Erleichterung suchen.

Sie würden sie wollen.

Sie wollten sie immer.

Und sie – Götter helft ihr, Götter verdammt sie – sie wollte es auch.

Denn der Schmerz zog sich bereits in ihrem Unterleib zusammen. Sie war schon feucht vor Verlangen. Sie konnte den Schweiß, das Salz und etwas Dunkleres bereits schmecken. Sie spürte das phantomhafte Gewicht von Händen, Mündern und Körpern, die sie bedrängten, bis sie nicht mehr denken konnte.

Ein Schwall Feuchtigkeit sammelte sich in ihrer Unterwäsche. Sie konnte sich selbst riechen.

Diese Erkenntnis traf sie wie ein Schlag.

Desert Moon brüllte wie die Sieger. Hinter ihr flammte das Feuer auf, die Flammen leckten wie Opfergaben an etwas Uraltes und Hungriges gen Himmel. Funken wirbelten nach oben und verschwanden in der Dunkelheit.

Ihre Schenkel spannten sich an.

Die Scham kam sofort danach, heiß und scharf, und überflutete ihre Brust. Ihre Haut kribbelte, als könnte jeder sehen, riechen und genau wissen, was ihr Körper als Reaktion auf das Massaker tat.

Was stimmt nicht mit dir?

Sie wich in die Schatten zurück, jeder Schritt bewusst gesetzt. Mit der leisen Hoffnung, dass sie sie noch nicht bemerkt hatten.

Und der Hoffnung, dass sie es bereits getan hatten.

Das Pochen in ihrem Bauch war tief und beharrlich, wie ein zweiter Herzschlag. Hitze rollte sich dort zusammen, breitete sich nach außen aus, ihre Schenkel hinab, ihre Wirbelsäule hinauf. Sie war noch nicht einmal berührt worden. Nicht einmal richtig angesehen.

Noch nicht.

Ihre Finger krallten sich in die Rinde einer halb verkohlten Kokospalme in ihrem Rücken. Das Holz war rau und splitterte unter ihrem Griff. Scharfe Spitzen bohrten sich in ihre Haut und setzten sich unter ihren Nägeln fest. Sie begrüßte es. Sie ließ es brennen.

Es half nicht. Es konnte den eigentlichen Schmerz nicht erreichen.

Oder die Hitze.

Irgendetwas stimmt nicht mit mir.

Der Gedanke kam wieder: ungebeten, voll Panik. Sie biss sich so fest auf die Lippe, bis sie Blut schmeckte. Der Schmerz war rein und direkt. Er erdete sie.

Normale Frauen fühlten sich nicht so, oder?

Normale Frauen hatten Selbstbeherrschung.

Normale Frauen sehnten sich nicht nach den Folgen eines Schlachtfestes.

Keine der anderen unverpaarten Weibchen warf sich so an die Männchen wie sie. Warum? Warum konnte sie nicht aufhören?

Sie pulsierten nicht vor Bedürfnis, während der Gestank von Asche und Blut noch in der Luft lag und Schreie noch im Gedächtnis hallten, selbst wenn sie sie nicht selbst gehört hatten.

Doch ihre Haut fühlte sich zu eng an, zu empfindlich, als wären alle Nerven nach außen gekehrt. Ihr Puls raste. Ihr Körper verriet sie und stellte sich bereits das Gewicht von ihnen vor... einer, zwei, mehr... die sie bedrängten, mit rauen Händen, heißen Mündern und leisen, zufriedenen Stimmen.

Die sie benutzten.

Die sie priesen.

Zähne an ihrem Hals. Knurren in ihrem Ohr.

Ihr Magen drehte sich um. Sie schluckte schwer, während Galle in ihrem Hals brannte.

„Du bist widerlich“, flüsterte sie, kaum lauter als das Knistern des Feuers.

Die Nacht antwortete mit einer Brise. Sie glitt kühl über ihre erhitzte Haut und trug neue Düfte mit sich.

Männlich. Vertraut.

Gavin, der Sohn des Betas. Alles Leder und Ale, scharf und sauber; Devlon, Rauch und Stahl; Jace, warm, animalisch, unverkennbar.

Ihr Körper reagierte sofort. Ein Schauer lief ihren Rücken hinunter.

Sie hatte sie alle gehabt.

Das Lagerhaus blitzte ihr ohne Vorwarnung vor Augen. Kühler Stein an ihrem Rücken. Ein Fass, das in ihre Wirbelsäule drückte. Gavins heißer Atem an ihrem Hals, als er ihre Handgelenke festnagelte. Jace und Devlon hinter ihr, die sich abwechselten, ihren Platz einnahmen und sie ausfüllten, bis sie nicht mehr klar denken konnte.

Danach konnte sie kaum noch laufen. Aber sie konnte nicht aufhören zu lächeln.

Das war das dritte Mal in dieser Woche gewesen. Andere Kombinationen. Gleiches Ergebnis. Immer Ja sagen. Immer nach mehr hungern.

Sie hasste es, wie leicht es war, sich zu erinnern. Wie lebhaft ihr Körper jedes Gefühl abrief. Wie wenig Scham er behielt, wenn das Verlangen aufstieg.

Ihre Mutter war stinksauer. Natürlich war sie das. Obwohl sie nicht verstehen konnte, warum sie immer noch von Tamsins sexuellen Eskapaden überrascht war. Das war ja nichts Neues. Seit ihrer Verwandlung in eine Frau mit fünfzehn war sie unersättlich.

Sie erinnerte sich an die Reaktion ihrer Mutter an jenem Tag und zuckte fast zusammen bei der Stimme, die wie ein Messer durch die Erinnerung schnitt, als wäre sie jetzt hier.

„Drei Männer an einem Nachmittag. Schon wieder.“

Ilyra hatte gewartet, als Tamsin in ihre kleine Bleibe am Rande des Lagers zurückkehrte: die Haare zerzaust, die Haut gerötet, das Kleid völlig zerknittert und nach Sex stinkend. Sie stand starr im Türrahmen, den Rücken gerade, die Hände so fest geballt, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.

Sie sah aus, als würde sie sich nur mit purer Gewalt zusammenhalten.

Tamsin erinnerte sich an die blauen Flecken auf ihren Knien. Das Wundsein zwischen ihren Schenkeln. Die schwache, bleibende Wärme, die sie locker, leicht und unbereuend fühlen ließ.

Es war ihr egal gewesen.

„Du magst ein Werwolf sein, aber du bist kein Tier, Tamsin“, hatte ihre Mutter gesagt, die Stimme fest, trotz ihrer Kontrolle zitternd. „Du bist meine Tochter.“

Die Worte waren an etwas Hartem in ihr abgeprallt.

„Ich kann nichts dafür, Mutter. Ich brauche es. Das weißt du!“

Sie hatte es so gemeint. Jedes Wort.

Etwas in Ilyras Augen hatte sich verändert, der Schock wich etwas Dunklerem. Vielleicht, weil Tamsin zum ersten Mal nicht versucht hatte, irgendetwas zu leugnen. Oder Angst, vielleicht. Oder ein Wiedererkennen, das sie nicht wahrhaben wollte.

„Hast du nicht dasselbe gefühlt?“, hatte Tamsin rücksichtslos und bitter nachgesetzt. „Hast du es nicht genossen, als diese Soldaten dich hatten?“

Der Schlag kam schnell.

Er krachte wie ein Donner durch den Raum. Tamsins Kopf schnellte zur Seite. Ihre Wange brannte. Ihre Ohren klingelten.

Ihr Herz blieb ungerührt.

„Nein, Tamsin.“ Ilyras Stimme hatte gebebt, die Kontrolle war endgültig zerbrochen. „Was sie mir angetan haben, war falsch. Falsch. Gegen meinen Willen. Aber du… du erniedrigst dich absichtlich. Hör auf, dich so wegzuwerfen, als wärst du nichts wert.“

Die Worte saßen tief.

„Vielleicht bin ich das ja auch.“

Die Stille, die darauf folgte, war ohrenbetäubend.

Das hatte ihre Mutter zum Schweigen gebracht.

Tamsin war gegangen, den Rücken gerade, die Schritte fest. Sie hatte nicht zurückgeblickt.

Aber ihre Brust war eng geblieben. Eingeschnürt. Als wäre etwas Lebensnotwendiges zu fest zusammengedrückt worden und hätte sich nie ganz erholt. Sie war ein Bastard. Audun nannten die Desert Moon ihre Bastarde. Sie hatte es flüstern hören, seit sie alt genug war, den Tonfall zu verstehen.

Niemand wusste, wer ihr Vater war. Nicht einmal Ilyra.

Vielleicht war das der Fluch.

Oder vielleicht –

Sie starrte auf das Feuer, auf die Krieger, die nun näher kreisten, die Augen hell vor Trunkenheit und Sieg.

Vielleicht war sie einfach kaputt. Oder vielleicht war sie genau das, wozu dieses Rudel sie gemacht hatte.

Sie trat in den Kreis des Lagerfeuerlichts und setzte ein Lächeln auf ihr allzu hübsches Gesicht.