Das Haus am Meer
Charakterreferenz
Kathyn

Willym

Ich sah ein Meer,
überdacht von Regenbögen,
Inmitten von jedem
trafen sich zwei Liebende und gingen wieder;
Dann war der Himmel voller Gesichter
mit goldenem Glanz dahinter.
—Ezra Pound, ‚The Sea of Glass‘
Kathyn lebte am Meer, seit er zwölf war. Damals war er mit seiner Mutter und seinem kleinen Bruder in die Hafenstadt Highmouth gezogen. Die achtzehn Jahre, die seitdem vergangen waren, hatten seinen Hass darauf nicht gemindert. Nur sein Bruder hielt ihn dort fest. Er war Seemann und der einzige Mensch, der ihm noch geblieben war. Auch ihr Vater war zur See gefahren, und seinetwegen waren sie überhaupt erst nach Highmouth gekommen – völlig umsonst, denn er war innerhalb eines Jahres nach ihrer Ankunft im Meer geblieben.
Damals hatten sie in einer schäbigen Hütte am Hafen gewohnt. Vom Morgengrauen bis zum Einbruch der Dunkelheit gab es dort weder Ruhe noch Frieden. Überall war der Lärm der Docks: Waren wurden verladen, Männer gingen an Bord oder von Bord. Es gab Schlägereien in Kneipen, Geschrei, Ehemänner schlugen ihre Frauen und Mütter ihre Kinder. Überall roch es nach Fisch, Abwasser und Brennereien. Und im Hintergrund war immer das Rauschen und der Geruch des Meeres.
Kathyns jetzige Wohnung lag hinter einem Innenhof, in dem die höchsten und grünsten Bäume wuchsen, die in dem salzigen Boden gedeihen konnten. Die angrenzenden Häuser bildeten Schutzwände und bewahrten ihn vor dem zehrenden Wind. Er wohnte so weit vom Meer entfernt, wie es in Highmouth nur möglich war. Doch selbst dort konnte man dem Geruch, dem Lärm und dem Geschmack des Salzes nicht entkommen.
Kathyn hielt jedes Fenster fest verschlossen. In den Türspalt stopfte er Papier, um die brackige Luft draußen zu halten. Es half nichts. Das Salz drang trotzdem ein. Es bildete kleine weiße Spuren auf den Fensterbänken und setzte die Scheiben mit Krusten zu, die mühsam zu reinigen waren. Vor Jahren hatte Kathyn damit aufgegeben. Er hatte sich an das gedimmte Licht gewöhnt. Wenn er nähen oder lesen musste, nutzte er eine Öllampe und jede Menge Kerzen. Er bekam sie von einer Nachbarin, deren Mann eine Kerzenfabrik auf Sull besaß. Sie versorgte alle Mieter auf ihrer Etage mit Licht.
Die vom Alter dunklen Treibholzmöbel verstärkten die Düsternis nur noch. Auf Ingelsea war das kostbare Holz aus den Wäldern im Landesinneren für die Admiralität reserviert. Möbel wurden importiert, wenn man reich war, oder man holte sie sich aus dem Meer. Kein Stück glich dem anderen. Jedes Objekt aus verdrehtem und verfärbtem Holz war so kunstvoll zusammengefügt, dass es aussah, als sei es so gewachsen – in einem versunkenen Wald auf dem Meeresgrund. Manche nannten das vielleicht urig, und angeblich war es im Mutterland sehr begehrt. Kathyn fand es nur unbequem und unordentlich. Ganz gleich, wie lange es schon aus der Tiefe geborgen war, der Geruch und die Präsenz des Ozeans hafteten ihm an. Sie prägten es stärker als jedes Handwerkerzeichen.
Wenn man von den Möbeln und den Fenstern absah (was nicht klug wäre, da sie mehr oder weniger das Einzige waren, was er hatte), waren die Zimmer sauber und ruhig. Allein in einem stillen Haus zu sein, genoss Kathyn immer noch wie einen guten Wein. Manchmal saß er einfach nur am Feuer (er verfeuerte Steinkohle, die sauber brannte). Er tat gar nichts, außer den Luxus zu genießen, dass ihn niemand anschrie, sich mit ihm stritt oder von ihm verlangte, dies zu tun oder jenes zu lassen. Nur war das in letzter Zeit weniger befriedigend geworden, und die Stille begann an ihm zu nagen. Er hatte keine Freunde, von denen man sprechen könnte, und keine Familie. Niemanden außer seinem Bruder, der draußen auf See war.
Kathyn hatte keinen Zweifel: Für manche Ehefrauen wären die Wände, das Warten und die Leere der Tage ein Fegefeuer ohne Hoffnung auf Erlösung gewesen, ein Gefängnis ohne Aussicht auf Freiheit. Doch es war Willym, der ein Abenteurerherz besaß. Er sehnte sich nach Wildheit, Neuem, unendlichem Raum und Freiheit. Kathyn brauchte nur Willym. Er hatte Willym seit drei Jahren nicht mehr gesehen oder seine Stimme gehört.