Chapter 1
Die große Halle der Festung Velmora war auf eine Weise kalt, die wenig mit dem Stein der Wände zu tun hatte. Es war die schwere Luft, die auf jedem lastete, der sich darin aufhielt. Die Feuer brannten tief in ihren Kaminen und schleuderten rötliche Funken über die alten Wandteppiche, auf denen blutige Schlachten mit verblassenden Fäden verewigt waren. Doch die Kälte blieb.
Lord Boris von Velmora war noch nie ein geduldiger Mann gewesen. In diesem Moment schien es, als würde die Ungeduld unter seiner Haut kochen.
Der Schlag kam ohne Vorwarnung. Er durchschnitt die Luft mit einer Schnelligkeit, die keine Verteidigung zuließ.
Seine Hand – breit, schwer und mit einem massiven, nach innen gedrehten Goldring besetzt – traf Muras Wange mit einem kurzen, harten Knacken. Ihr Kopf schnellte so heftig zur Seite, dass sich für einen Augenblick die ganze Halle um sie drehte. Der metallische Geschmack von Blut füllte augenblicklich ihren Mund. Dann folgte die feuchte Wärme, die sich auf ihrer Zunge sammelte, und die bittere, brutale Erkenntnis, dass ihre Haut aufgerissen war.
Ein dünnes, rotes Band sickerte aus ihrem Mundwinkel und zeichnete eine hartnäckige Linie an ihrem Kinn hinab.
Die beiden Wachen, die ihre Arme festhielten, drückten instinktiv fester zu. Sie fürchteten wohl, sie könnte zu Boden sinken. Doch sie blieb aufrecht stehen, die Schultern zurückgezogen, die Knie durchgedrückt. Sie wollte ihm nicht die Genugtuung ihres Zusammenbruchs gönnen.
„Wagst du es, mir zu trotzen?“, brüllte Boris. Seine Stimme stieg bis zur gewölbten Decke und prallte wie ein wütendes Echo zurück. „Wagst du es, mir Nein zu sagen?“
Mura hob ihren Blick langsam, ohne Hast, als wäre jede Bewegung ein reiner Akt ihres Willens.
Sie weinte nicht, obwohl ihre Augen brannten. Sie zitterte nicht, obwohl ihre Arme grausam hinter ihren Rücken verdreht wurden.
Sie sah ihn direkt an, eingehüllt in ein Schweigen, das so stur war, dass es an Trotz grenzte.
Und dieses Schweigen machte ihn wütender als jeder Protest oder jedes Flehen es jemals könnte.
„Sprich!“, platzte es aus ihm heraus. Er packte ihr Kinn und drückte zu, bis Blut über seine Finger rann. „Hast du vergessen, wer dich aufgezogen hat? Hast du vergessen, dass du nur atmest, weil ich es erlaubt habe?“
Mura richtete sich so weit auf, wie sie konnte, trotz des pochenden Schmerzes in ihrer Wange und der Wachen, die ihre Arme nach hinten drückten. In ihren Augen lag nicht der leiseste Schatten von Unterwerfung – nur ein kalter, wortloser Entschluss.
„Ich habe nichts vergessen“, sagte sie leise und klar, ohne ihren Blick zu senken.
Der nächste Schlag kam fast sofort – härter als der erste – und ihr Kopf wurde wieder zur Seite geschleudert. Ihre Lippe platzte diesmal vollständig auf, und Blut füllte ihren Mund so schnell, dass sie es auf den Boden spucken musste, direkt vor seine Füße.
Ein unruhiges Murmeln ging durch die Halle, doch niemand wagte einzugreifen.
Lord Boris stand einen Moment lang völlig regungslos. Dann verdunkelten sich seine Augen – kalt und von einem schmutzigen Grauton – noch mehr, als ob ihn ihr Schweigen tiefer beleidigte als jeder Widerstand.
„Wenn du nicht akzeptierst, bist du für mich gestorben, Mura“, sagte er bedächtig. Er trat so nah an sie heran, dass sie seinen Atem auf ihrem Gesicht spüren konnte. „Tot. Du wirst keinen Namen haben, keinen Rang, keine Familie. Du wirst gar nichts haben.“
Familie. Was für ein seltsames Wort für Mura, die ihre wahre Bedeutung nie gekannt hatte. Solange sie zurückdenken konnte, war ihre einzige Familie das Monster gewesen, das jetzt vor ihr stand und sie ohne Zögern schlug.
Ihr Vater war gestorben, bevor sie geboren wurde. Er war auf einem Schlachtfeld gefallen, in einem Krieg, der ihm weder Ruhm noch Sieg gebracht hatte – nur eine junge, schwangere Witwe, die allein in einer Welt zurückblieb, die Schwäche nicht verzieh. Ihre Mutter, zerbrechlich und verängstigt, hatte dem engsten Gefährten ihres Mannes vertraut, als dieser schwor, sie zu beschützen und sich um das Kind zu kümmern, das sie unter dem Herzen trug. Aus Angst – vielleicht auch aus Hilflosigkeit – nahm sie ihn als neuen Ehemann an, ohne zu ahnen, welches Leben sie erwartete.
Anfangs spielte Boris den Beschützer. Doch schon bald enthüllte er sein wahres Gesicht, und das Haus, das ein Zufluchtsort hätte sein sollen, wurde zum Gefängnis. Muras Mutter wurde fast jedes Jahr schwanger, doch kein Kind erlebte das Licht der Welt. Seine häufigen Schläge und Wutanfälle erzwangen eine Fehlgeburt nach der anderen, bis ihr schwacher Körper eines Nachts nicht mehr konnte. Sie starb zusammen mit dem Säugling, der vielleicht der Einzige gewesen wäre, der einem Leben voller Qualen an seiner Seite entkommen wäre.
Mura war allein auf der Welt, schutzlos ausgeliefert dem Henker, der ihr Stiefvater war. Doch als Kind war sie für ihn fast unsichtbar, denn sie hatte in seinen Augen keinen Wert. Sie wuchs größtenteils bei den Bediensteten der Burg auf, unterstützt vom Mitleid der Köche, Diener und alternden Soldaten, die ihr eine Brotkruste, ein nettes Wort oder einen wärmeren Umhang im Winter zusteckten. Die Jahre vergingen, ohne dass Boris sie eines Blickes würdigte.
Erst als sie zur Frau heranwuchs – als ihre Schönheit begann, Aufmerksamkeit zu erregen und er erkannte, dass sie als Tauschobjekt dienen konnte – erinnerte er sich daran, dass sie existierte. Von diesem Moment an war Mura kein Schatten mehr, der durch die Korridore glitt, sondern ein wertvolles Spielsteinchen in einem Spiel, das er schon lange vorbereitet hatte.
Boris begann, vor ihr auf und ab zu gehen, mit weiten, unruhigen Schritten. Er gestikulierte scharf, während er sprach, wie ein Mann, der bereits zusieht, wie seine Pläne in die Tat umgesetzt werden.
„Lord Dimitri von Avaran braucht eine Frau“, fuhr er fort und erhob die Stimme. „Sieben Söhne und eine Ehefrau sind in nur wenigen Tagen an diesem verdammten Roten Fieber gestorben. Weißt du, was das bedeutet? Er ist verzweifelt auf der Suche nach einem Erben – und er würde alles dafür geben. Er hat Gold, er hat Armeen, seine Kornspeicher bersten vor Vorräten und sein Land reicht so weit das Auge reicht.“
Das Rote Fieber war ein Albtraum für den ganzen Norden gewesen – eine Krankheit, die mit rasender Hitze und roten Flecken auf der Haut begann, dann zu Delirium führte und meist innerhalb weniger Tage den Tod brachte. Zurück blieben leere Dörfer und Familien, die in einem einzigen Atemzug ausgelöscht wurden.
„Er ist alt, ja“, sagte Boris mit einem schiefen Lächeln, „aber er ist noch fähig. Und er begehrt noch immer. Und er will dich – weil du jung, schön und gesund genug bist, ihm ein Kind zu gebären.“
Sein Blick glitt schamlos über ihren Körper. Mura spürte, wie sich ihr Kiefer anspannte, doch sie bewegte sich nicht.
„Du wirst ihm ein Kind schenken. Und wenn dieses Kind geboren ist, wird alles, was ihm gehört, auf die eine oder andere Weise an mich fallen.“
Da war es – die Wahrheit.
Das war nicht bloß ein Bündnis. Keine einfache arrangierte Ehe, um ein Gebiet zu sichern oder die Kornspeicher zu füllen. Es war sein alter Traum – stur, fast fiebrig – ein Traum, den er hegte, seit er jung und ehrgeizig war.
Boris träumte schon von Drakovia, seit er seine Rüstung mit Stolz trug und glaubte, die Welt könne durch Schwert und Feuer erobert werden. Er träumte von einem Zugang zum Meer, von offenen Häfen, in denen Schiffe voller Gewürze und Gold ohne Angst anlegen konnten; von Bergen, die reich an Eisen und Silber waren und eine ganze Armee versorgen konnten; von endlosen Wäldern und tiefen Flüssen, die das Land durchzogen. Aber vor allem träumte er von diesen Ebenen – schwarze, fruchtbare Erde, die im Überfluss Ertrag brachte und Drakovia zu einem Reich machte, um das ihn jeder beneidete.
„Diese Ehe ist ein strategisches Bündnis“, sagte er jetzt ruhiger und trat wieder nah an Mura heran, als würde er etwas Einfaches und Vernünftiges erklären. „Du wirst Dimitri ein Kind gebären, und danach werden sich die Dinge von selbst regeln. Alte Männer sterben. Unfälle geschehen. Und ich weiß, wie man dafür sorgt, dass bestimmte Dinge zur rechten Zeit passieren. Du wirst unter meine Vormundschaft zurückkehren, und wenn nötig, werde ich dich wieder verheiraten, wo auch immer meine Interessen es verlangen.“
Seine Augen fixierten sie mit erstickender Intensität – nicht so, wie man eine Tochter ansieht, sondern wie man einen sorgfältig abgewogenen Besitz beurteilt.
„Du bist viel zu wertvoll, um verschwendet zu werden.“
In diesem Moment verstand Mura – mit einer schmerzhaften, stechenden Klarheit –, dass sie für ihn nie eine Tochter gewesen war. Sie war immer nur etwas gewesen, das man benutzen konnte, wenn die Notwendigkeit es erforderte.
Ein Gut, das man eintauschen konnte. Eine Spielfigur auf seinem Brett. Eine Klinge, die nur aus der Scheide gezogen wurde, wenn sie seinem Zweck diente.
„Sag Ja“, flüsterte er und beugte sich so nah vor, dass sein Atem ihr Gesicht streifte und der Geruch von Wein sich mit dem des Blutes vermischte. „Oder ich schwöre, dass du bis zum Sonnenuntergang aufhören wirst zu existieren, und niemand wird sich daran erinnern, dass du jemals hier warst.“
Die Wachen verstärkten wieder ihren Griff, und der Schmerz schoss ihr in die Schultern. Doch ihr Verstand blieb klar.
Während er sie anstarrte und auf Unterwerfung wartete, rechnete Mura bereits in der Stille. Mit kalter Klarheit wog sie jede Möglichkeit ab.
Wenn sie zustimmte, würde sie leben. Und wenn sie lebte, gab es immer noch eine Chance zur Flucht – selbst wenn das bedeutete, ihren Titel, ihren Reichtum und alles, was sie ihrer Meinung nach ausmachte, zu verlieren.
Sie würde fliehen.
Lieber frei und mit nichts als für immer gefangen in dem Haus, in dem sie wie ein Käfigtier aufgezogen worden war.
Sie leckte sich das Blut ohne Hast von den Lippen und begegnete seinem Blick direkt.
„Ja“, sagte sie, und ihre Stimme war so kalt, dass sogar Boris kurz verwirrt blinzelte.
„Lauter“, forderte er unzufrieden.
„Ja, Vater“, wiederholte sie fest.
Ein zufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen, und jenes kalte Leuchten erschien in seinen Augen – der Blick eines Mannes, der glaubt, gewonnen zu haben.
„Das ist besser. Und du wirst fröhlich sein“, fügte er hinzu. „Dimitri muss glauben, dass er begehrt wird, nicht, dass er sich eine Braut mit Gewalt nimmt.“
Mura erwiderte seinen Blick, ohne mit der Wimper zu zucken.
„Ich werde meine Rolle spielen“, sagte sie ruhig, denn sie wusste, dass Überleben manchmal mit einer gut gespielten Rolle beginnt.
Dann lehnte sie sich leicht vor und spuckte ihm, während ihre Lippe noch blutete, ohne Zögern direkt ins Gesicht.
„Eines Tages werde ich dich töten“, fügte sie hinzu.
Und die Worte klangen nicht wie eine wütende Drohung, sondern wie ein Versprechen.
Die Halle wurde still, und selbst die Feuer in den Kaminen schienen leiser zu knistern.
Boris brach in schallendes Gelächter aus – ein dumpfer, verächtlicher Klang.
„Wenn du lange genug lebst“, erwiderte er, überzeugt davon, dass die Zeit auf seiner Seite stand.
Er rieb sich zufrieden die Hände.
„Du brichst bei Sonnenaufgang auf“, sagte er kurz angebunden.
Im Morgengrauen, als der Nebel noch an den Festungsmauern entlangzog und die Pferde gerade erst den kalten Dunst aus ihren Nüstern schüttelten, brach die Karawane in Richtung Avaran auf. Die Wagenräder mahlen über den feuchten Stein und trugen sie weg von dem Ort, an dem sie aufgewachsen war.
Mura blickte nicht zurück.
Sie wusste, dass hinter ihr die Mauern standen, die ihr sowohl Heim als auch Gefängnis gewesen waren, doch sie weigerte sich, auch nur einen Funken Schwäche in ihre Seele zu lassen.
Unter ihrem schweren Umhang waren ihre Finger so fest geballt, dass ihre Nägel in ihre Handflächen gruben. Sie fühlte den Schmerz nicht. Ihr ganzer Körper wurde von dem kalten Entschluss beherrscht, der ihren Rücken gerade hielt.
Sie weinte nicht, und sie hatte es auch nicht vor. Tränen würden nicht zurückbringen, was sie verloren hatte, noch würden sie das Schicksal ändern, das auf sie wartete.
Das Gelübde, das sie abgelegt hatte, brannte in ihr heißer als jedes Rote Fieber, tiefer als jede Wunde. Dieser Gedanke hielt ihren Verstand klar.
Sie würde fliehen – egal wie lange es dauerte, egal was sie bis dahin ertragen musste.
Und eines Tages, wenn es niemand erwartete, würde Velmora brennen. Und dieses Feuer würde nicht nur den steinernen Mauern gehören. Es würde jeder Ungerechtigkeit gelten, die sie im Schatten hatte aufwachsen lassen.