Der Keks und die Zwerge
Der Eismann hatte gesagt, es sei "ein bisschen stärker als normal". Jon hätte vielleicht nachfragen sollen, was "normal" in diesem Zusammenhang überhaupt bedeutet.
Jetzt saß er auf seinem Sofa und versuchte, sich daran zu erinnern, warum die Tapete plötzlich atmete. Es war eine unangenehme Art zu atmen – keuchend, wie ein Marathonläufer kurz vor dem Kollaps. "Das ist nicht gut", murmelte Jon und drückte die Hände gegen die Augen. Als er sie wieder öffnete, standen zwei Gartenzwerge vor ihm.
Einer trug einen Helm aus Alufolie, der andere hatte eine Zahnstocherlanze in der Hand. "Endlich bist du wach!", sagte der mit dem Helm. Seine Stimme klang, als hätte er jahrelang nur Kieselsteine gegessen. "Wir müssen reden. Es geht um die Flamingos."
Jon blinzelte. "Ich hab gar keine Flamingos."
"Na klar hast du keine", fauchte der zweite Zwerg. "Weil sie sich *versteckt halten*. Sie sind überall, Jon. In deinem Rhododendron. Hinter der Gartenbank. Sie *planen* etwas." Er stach mit seiner Lanze in die Luft, als würde er unsichtbare Feinde bekämpfen. "Und wenn wir sie nicht aufhalten, ist es aus. Für uns alle."
Jon versuchte, sich auf das Wichtigste zu konzentrieren. "Warum ausgerechnet ich?"
Die Zwerge tauschten einen Blick aus. "Weil du der Auserwählte bist", sagte der erste feierlich.
"Nein, warte", unterbrach der zweite. "Eigentlich weil du der Einzige bist, der uns sehen kann."
"Ach so." Jon nickte langsam. Das erklärte einiges. Oder auch nichts.
Der Zwerg mit der Alufolienrüstung trat ungeduldig von einem Stiefel auf den anderen. "Wir haben keine Zeit für philosophische Diskussionen. Die Flamingos haben bereits Spione in deinem Küchenschrank stationiert!" Er deutete dramatisch in Richtung Küche, wo tatsächlich ein leises Rascheln zu hören war. Jon drehte den Kopf – und bereute es sofort. Die Tür des Schranks stand einen Spaltbreit offen, und im Dunkeln glühten zwei winzige pinke Augen.
"Das ist nur meine Katze", murmelte Jon, während sich sein Magen vor Angst zusammenzog. Oder war es der Keks?
"DEINE KATZE IST EIN FLAMINGO!" brüllte der zweite Zwerg und begann wild mit seiner Zahnstocherlanze zu fuchteln. Dabei stach er sich versehentlich selbst in den Fuß und hüpfte fluchend im Kreis. "Verfluchte Elfenarbeit!"
Der erste Zwerg seufzte. "Seit 400 Jahren kämpfen wir gegen diese Federvieh-Pest. Sie haben unsere Festungen zerstört, unsere Zwergenpubs in Starbucks umgewandelt und... schlimmeres." Er senkte die Stimme zu einem bedrohlichen Flüstern. "Letzte Woche haben sie einen ganzen Schwarm in den *Gartencenter-Überraschungseiern* versteckt. Nächstes Frühjahr wird die Hölle los sein."
Jon versuchte verzweifelt, seine Gedanken zu sortieren. Die Tapete keuchte jetzt in einem bedenklichen Rhythmus, und aus der Ecke des Wohnzimmers begann die Couch leise das Lied *Barbie Girl* zu summen. Das konnte nicht gut sein.
"Okay", sagte er schließlich. "Angenommen, ich helfe euch. Was genau soll ich tun?"
Die Zwerge strahlten. Der mit dem Helm klopfte Jon anerkennend gegen das Knie. "Erstens: Wir brauchen Waffen. Hast du irgendwo eine Heißklebepistole?"
"Zweitens", fügte der andere hinzu und warf einen nervösen Blick zur Küche, wo die pinken Augen immer noch unheilvoll glühten, "wir müssen das Flamingo-Hauptquartier finden. Es soll sich irgendwo in deinem Gartenteich befinden."
Jon starrte sie an. "Ich habe keinen Gartenteich."
Die Zwerge erstarrten. "Oh", sagte der erste kleinlaut. "Dann... dann ist es schlimmer als wir dachten."
In diesem Moment explodierte der Toaster.
Nicht im wörtlichen Sinne. Aber er begann, pfeifend rosafarbenen Rauch auszustoßen, der sich langsam zu einer perfekten Flamingo-Silhouette formte. Die Zwerge kreischten.
Jon beschloss, dass er vielleicht doch lieber ins Bett gehen sollte.
Doch als er aufstand, entdeckte er, dass seine Beine sich geweigert hatten, diese Entscheidung zu akzeptieren. Sie zitterten wie Espenlaub, während der Boden unter seinen Füßen die Konsistenz von warmem Pudding annahm. "Das ist nicht ideal", stellte er fest, während er sich am Couchtisch festhielt – der sich prompt in eine gigantische Brezel verwandelte. Die Zwerge schienen das nicht weiter zu stören.
"Das ist ihre Nebelwand!" Der Helm-Zwerg wedelte wild mit seinen kurzen Armen. "Sie versuchen, unsere Sinne zu verwirren! Typische Flamingo-Taktik!" Er riss ein Stück von der Couchtisch-Brezel ab und warf es in Richtung des rauchenden Toasters. Es landete mit einem melancholischen *Plop* im nun plötzlich existierenden Gartenteich, der sich zwischen Fernseher und Bücherregal ausgebreitet hatte. Ein paar Enten aus Porzellan – von denen Jon sicher war, dass er sie nie besessen hatte – quakten empört.
"Gut geworfen!" Der Lanzen-Zwerg klatschte begeistert in die Hände, bevor ihm einfiel, dass er eigentlich eine Lanze hielt und sich damit erneut selbst ins Knie stach. "Aua! Verdammte Elfen! Verdammte Flamingos! Verdammte... Holzspieße!"
Jon rieb sich die Augen. Der Teich pulsierte jetzt in Regenbogenfarben, und die Enten hatten angefangen, in perfektem Synchron-Schwimmen eine Choreographie zu *Stayin' Alive* zu performen. "Ich glaube, ich brauche ein Glas Wasser", murmelte er.
"NEIN!" Die Zwerge sprangen ihm entgegen. "Wasser ist genau das, was sie wollen!" Der eine deutete panisch auf den Teich, in dem sich mittlerweile eine Armada von pinken Mini-Flamingos aus Toasternebel formiert hatte. Sie trugen winzige Kampfhelme aus Zahnstochern und starteten gerade einen Angriff auf die synchron schwimmenden Enten.
Jon versuchte sich an den Brezeltisch zu klammern, der sich jedoch in einen schlurfenden Faultierkörper verwandelte und ihn langsam zu Boden gleiten ließ. "Warum... Wasser?", keuchte er, während ihm einfiel, dass sein Mund seit fünf Minuten wie ein Aschenbecher schmeckte.
"Sie hydrieren sich!", kreischte der Lanzenzwerg und trampelte auf einem angreifenden Flamingo herum, der sich prompt in eine federleichte Marshmallow-Wolke auflöste. "Jeder Tropfen gibt ihnen Macht! Hast du nie zugehört, wenn dein Rasensprenger flüstert?!"
In diesem Moment begann die Zimmerdecke zu regnen. Nicht Wasser – Gummibärchen. Hunderte von ihnen prasselten herab. Die Zwerge heulten wie Verrückte und versuchten, sich unter Jons plötzlich glühend heiß gewordener Schreibtischlampe zu verstecken, die jetzt als einzige Lichtquelle eine Disko-Kugel ersetzt hatte.
Jon kroch auf allen vieren Richtung Küche, getrieben von einem plötzlichen, unwiderstehlichen Verlangen nach Salz. Irgendwo in seinem betäubten Gehirn schrie eine winzige nüchterne Stimme, dass dies wahrscheinlich keine gute Idee war. Die andere, deutlich größere und pinker leuchtende Stimme flüsterte hingegen, dass Salz vielleicht die Enten beruhigen könnte, die gerade anfingen, Kinderlieder zu rappen.
Als er die Küchentür erreichte, knallte sie von selbst auf – und enthüllte seine Katze Mr. Fluffington, die kerzengerade auf dem Kühlschrank thronte. Ihr Fell war neonpink. Ihre Augen glühten wie Lava. Und um ihren Hals baumelte ein winziges Schild: "General Flamingo McFluff, Oberbefehlshaber der Flamingo-Invasion".
"Das... das ist nicht meine Katze", stammelte Jon, während die Zwerge hinter ihm panische Kriegsschreie ausstießen.
"Natürlich nicht", zischte General McFluff mit einer Stimme, die klang, als würde jemand einen Synthesizer durch einen Föhn halten. "Deine Katze ist seit Dienstag in unseren Experimentierlaboren. Wir haben... Verbesserungen vorgenommen." Sie leckte sich mit einer erschreckend langen, violetten Zunge über die Pfote. Aus dem Radio neben der Mikrowelle erklang plötzlich der Flamingo-Hymnenchor.
Jon wurde klar, dass das hier mehr war als ein schlechter Trip – es war ein schlecht organisiertes militärisches Debakel mit Zahnstocherwaffen und Gummibärchenmunition. Der Zwerg mit der Alufolienrüstung warf sich vor ihn und schrie: "Rette dich! Wir halten sie auf!" – genau in dem Moment, als ein Schwarm Besteckteile aus der Schublade schoss.
Ein silberner Löffel piekste Jon ins Bein. "AU! Warum tut der Löffel weh?!"
"Sie haben die Essinstrumente indoktriniert!" kreischte der Lanzenzwerg, während er verzweifelt mit einer Gabel focht. "Die Gabeln sind schlimmer, aber wart's ab, bis die Spargelschäler kommen!"
In der Luft über ihnen formten fallende Gummibärchen langsam ein riesiges pinkes Symbol. Jon beschloss, dass entweder die Welt unterging oder er dringend weniger Drogen nehmen musste. Vielleicht beides.
Er griff blind nach dem ersten Gegenstand, den er in der Küche fand – einem abgelaufenen Joghurtbecher – und schleuderte ihn Richtung General McFluff. Der Becher verwandelte sich während seines Fluges in einen lila Delphin, der den Flamingo-General mit einem melodischen "Möööp" vom Kühlschrank fegte.
Ein ohrenbetäubendes Kreischen erfüllte die Küche, als der General gegen die Spülmaschine prallte und sich in eine Wolke aus Glitzer und Zorn auflöste. "IHR WERDET ES BEREUEN!" gellte es aus dem Glitzern, bevor es sich in einen harmlosen Haufen Katzenhaare verwandelte.
Die Zwerge jubelten. Die Löffel fielen klirrend zu Boden. Die Diskokugel-Lampe explodierte in einem Regen von Konfetti. Und Jon fiel auf den Hintern.
"Wir haben gewonnen!", brüllte der Helmzwerg und schwang seine zerbeulte Alufolienrüstung wie eine Trophäe. "Jetzt nur noch schnell alle Flamingo-Rückzugsorte vernichten, bevor sie neue Verstärkung aus dem Gartencenter holen!" Er stürmte zum Kühlschrank – der mittlerweile eine zweidimensionale Zeichnung geworden war – und riss die Tür auf. Drinnen lag ein einzelnes Ei. Pink. Und es pulsierte.
"NEIN! NICHT DAS ÜBERRASCHUNGSEI!", kreischte der Lanzenzwerg und versuchte, sich die Augen mit den Händen zu verdecken, was nicht gut ging, weil er noch immer die Lanze hielt. Wieder aua.
Jon rappelte sich auf und starrte auf das Ei. Es hatte Augen. Kleine, böse Augen. Und es murmelte etwas in einer Sprache, die nach verbranntem Zucker und bösen Versprechungen klang. "Vielleicht sollten wir es einfach... in Ruhe lassen?", schlug er vor.
Die Zwerge erstarrten. "IN RUHE LASSEN?", brüllte der Helmzwerg mit einer Stimme, die in Jons Schädel hämmerte wie ein verirrter Woodpecker. "Das ist, als würde man einen Kaugummi UNTER DEN TISCH KLEBEN und hoffen, dass er sich SELBST LÖST!"
Das Ei begann zu zittern. Ein Riss erschien. Etwas Pinkes schimmerte darunter.
In panischer Eile griff Jon nach der nächsten Waffe – einem verschimmelten Toastbrot, das seit Wochen hinter der Mikrowelle gammelte. Er warf es. Das Brot entfaltete sich zu einem psychedelischen Adler und stürzte sich mit einem Kriegsschrei, der verdächtig nach einem verstimmten Saxophon klang, auf das Ei.
Es gab eine Explosion aus Glitter, Fondant und schlechten Entscheidungen. Als der Rauch sich verzog, lag nur noch ein kleines Plastikmännchen auf dem Boden. Ein Gartenzwerg. Mit einem pink angemalten Schnurrbart.
"Oh", sagte der Helmzwerg kleinlaut. "Das... das ist Peinlich."
Der Lanzenzwerg trat das Plastikmännchen verächtlich beiseite. "Trotzdem! Der Krieg ist noch nicht vorbei! Irgendwo da draußen gibt es noch ganze REGALE voller Überraschungseier!" Seine Stimme brach vor Entsetzen. "Und... und Saisonartikel! Die SCHLIMMSTEN kommen immer als Saisonartikel!"
Jon versuchte sich an der Spüle hochzuziehen. Sein Spiegelbild zwinkerte ihm zu. Mit drei Augen. "Also... äh... was machen wir jetzt?" Er musste laut sprechen, denn die Mikrowelle hatte angefangen, ein Heavy-Metal-Gedudel zu brummen.
Die Zwerge tauschten einen Blick aus. "Wir müssen zum Gartencenter", flüsterte der Helmzwerg. "Direkt ins Herz der Finsternis." Er schauderte. "Dort, wo die Weihnachtssterne im August lagern... wo die Osterhasen im Dezember schlafen... wo die GARTENMÖBEL WARTEN!"