Der Wächter von Appalachia

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Zusammenfassung

Als Scarlet Turner die Buchhandlung ihres Onkels in einer verschlafenen Bergstadt erbt, erwartet sie staubige Regale und ruhige Tage – und nicht den Albtraum, der bereits auf sie wartet. Etwas jagt sie durch ihre Träume. Etwas Kaltes, Geduldiges und unvorstellbar Hungriges. Die Einheimischen nennen sie die „Borrowed“ – Kreaturen, die durch die dünnen Stellen schlüpfen, an denen die Realität ausfranst, angezogen von jenen, die die Zwischenräume der Welten spüren können. Menschen wie Scarlet. Hollis Grey weiß, was sie ist, noch bevor sie es selbst erkennt. Als einer der Wächter, die geschworen haben, diese Berge vor Dingen zu schützen, die nicht existieren sollten, hat er schon früher schwellensensible Menschen gesehen. Er hat nur noch nie jemanden so begehrt wie sie. Nun ist Scarlet zwischen zwei Unmöglichkeiten gefangen: dem Monster, das darauf fixiert ist, sie zu beanspruchen, und dem Mann, dessen Wolf sie als die Seine erkennt. Um zu überleben, muss sie aufhören, vor der übernatürlichen Welt wegzulaufen, in die sie hineingestolpert ist – und die Kraft annehmen, die sie zu einem Ziel macht. Denn die Borrowed geben nicht auf. Und Hollis auch nicht.

Genre:
Romance
Autor:
MariaLark
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
32
Rating
4.7 3 Bewertungen
Altersfreigabe
18+

Prolog

Cora Hale war bereits in Bewegung, als die Erde bebte.

Es war kein Geräusch, sondern Druck. Ein stechender Zug unter ihren Rippen, als hätte sich ein Angelhaken tief in ihr Fleisch gebohrt. Sie hielt mitten im Schritt auf dem nassen Asphalt vor Mable’s Diner inne. Ihre Hand klammerte sich fester um den Riemen ihrer abgenutzten Ledertasche, als das Gefühl erneut aufwallte, diesmal noch stärker.

Nein.

Das Wort bildete sich hinter ihren Zähnen, so bitter wie verbrannter Salbei.

Nicht schon wieder.

Die Stadt lag still unter einem Schleier aus Winterregen. Die Straßenlaternen warfen weiche Lichtkränze in die Dunkelheit. Doch Cora spürte, wie sich das Unheil durch die Bergluft zog. Es war ihr vertraut wie eine alte Narbe und so unerwünscht wie ein Geist.

Ohne nachzudenken, wandte sie sich der Buchhandlung zu. Ihre Stiefel schlugen auf das Pflaster, sie wurde schneller. Das Land sprach nicht mit Worten. Es sprach durch Last. Durch Warnung.

Und sie hatte vor Jahrzehnten auf die harte Tour gelernt, was geschah, wenn man diese Warnungen ignorierte.

Das Mädchen wusste von nichts. Ihre Großmutter hatte dafür gesorgt. Sie hatte sie unschuldig gehalten, in Sicherheit gewiegt. Und blind.

Coras Kiefer spannte sich an.

Die Buchhandlung tauchte im Regen auf. Die Fenster waren dunkel, die Tür stand offen wie ein gähnender Schlund.

Cora fluchte leise und begann zu rennen.

Das Glöckchen läutete, als sie die Schwelle übertrat. Der Klang war zu hell, zu fröhlich für die Schwere, die auf ihrer Brust lastete. Drinnen fühlte sich die Luft falsch an. Still. Erwartungsvoll. Der Geruch von feuchter Erde klebte an den Dielen, schwach, aber unverkennbar.

Dann traf es sie: Ein metallischer Beigeschmack lag in der Luft.

Etwas war hier gewesen.

Etwas Geduldiges.

Cora kniete direkt hinter dem Eingang nieder und legte ihre flache Hand auf das alte Holz. Es summte unter ihrer Berührung – unruhig, wie ein angehaltener Atemzug.

„Verdammt noch mal.“

Dieser Ort war einst geschützt worden. Sorgfältig. Still. Lange bevor die Frau, die ihn geerbt hatte, überhaupt ahnte, worauf sie stand. Aber Schutzzauber verblassen, wenn man sie nicht pflegt.

Ein Zittern ging durch den Raum. Subtil. Absichtlich.

Es war kein Angriff.

Es war eine Einladung.

Cora griff in ihre Tasche. Ihre Finger lockerten schnell die Kordel eines kleinen Beutels. Der Duft von Erde und getrockneten Kräutern – Rosmarin, Salz und etwas Älteres – stieg auf, als sie eine Prise zwischen die Finger nahm. Sie ging in jede Ecke des Raumes und drückte die Mischung in das Holz, in die Ritzen zwischen Wand und Boden. Dabei formten ihre Lippen Worte, die eher wie Wind als wie Sprache klangen. Alte Worte. Wahre Worte.

Die Luft veränderte sich und wurde dichter, als der Schutz griff.

„Das sollte reichen“, murmelte sie und klopfte sich die Hände sauber. „Fürs Erste.“

Doch noch während sie es aussprach, spürte sie die Wahrheit: Das hier war nur ein Pflaster, keine Heilung. Ein kurzes Luftholen, keine Lösung.

Sie holte ihr Handy aus der Tasche. Ihr Daumen schwebte über einem Kontakt, den sie seit Monaten nicht angerufen hatte.

„Sie müssen es wissen.“

Etwas erwachte.

Und diesmal hatte es ein Leuchtfeuer.