Kapitel 1
Ich halte seine Hand fest umschlungen, während wir über das Feld rennen. Die Sonne steht hoch am Himmel. Der Himmel ist strahlend blau. Die Luft riecht nach Erde und sonnenwarmem Stroh. Das hohe Gras gleitet mir federleicht durch die Finger. Alles, was ich hören kann, ist mein keuchender Atem und ein Lachen. Es ist sein Lachen, die reine und ungezügelte Freude eines kleinen Jungen.
Das helle Licht des Sonnenaufgangs stiehlt sich durch eine schiefe Jalousie. Ein goldener Strahl trifft mich direkt im Gesicht und weckt mich auf. Langsam blinzle ich meine Augen offen und strecke mich.
In letzter Zeit habe ich oft von ihm geträumt. Ich finde das beunruhigend, wenn man bedenkt, dass ich ihn seit Jahren nicht mehr gesehen habe.
Ich kann mich nicht an diese eine spezielle Erinnerung erinnern. Wir sind so oft Hand in Hand über dieses Feld gerannt, außer Atem und lachend, dass ich es nicht mehr zählen kann.
Das allererste Mal waren wir elf. Wir hatten den geheimen Süßigkeiten-Vorrat seiner Großmutter geklaut. Wir rannten über das Feld zur alten Scheune am Rand ihres Grundstücks, die in der Nähe eines großen Teiches lag. Wir aßen alles auf einmal auf. Den ganzen Abend lang war uns danach hundeelend.
Wir ahnten ja nicht, dass sie diesen Vorrat schon seit über zehn Jahren gebunkert hatte.
Ein anderes Mal waren wir dreizehn. Als wir von der Schule nach Hause kamen, erwischten wir seine Mutter dabei, wie sie einen Mann in ihrem Auto küsste. Sie war stinksauer auf uns.
„Verschwindet von hier, ihr kleinen Schnüffler!“, schrie sie uns hinterher, während wir davonrannten.
Es war nicht das erste Mal, dass sie plötzlich wieder auftauchte, nachdem sie tagelang weg gewesen war. Diesmal sahen wir nur zufällig, warum.
Er packte meine Hand. Wir rannten und rannten, bis wir die alte Scheune erreichten.
Es war das erste Mal, dass ich echte Leidenschaft im wahren Leben sah – nicht nur im Fernseher in unserem Wohnzimmer, wo meine Mutter ihre Serien schaute.
Das war der Moment, in dem wir unseren ersten Kuss hatten.
Wir kamen an der Scheune an, hielten uns immer noch an den Händen und schnappten vornübergebeugt und lachend nach Luft.
„Igitt, wie eklig. Ich fass es nicht, dass die das im Auto gemacht haben!“, keuchte ich lächelnd. „Und das am helllichten Tag!“
Er richtete sich auf und sah mich an. Er lächelte nicht. Er starrte mich einfach nur an. Es war ein anderer Blick als sonst, etwas, das ich nicht verstehen konnte.
„Darf ich dich küssen, Etty?“, platzte er heraus. „Ich meine, weißt du, nur damit man die Sache mit dem ersten Kuss hinter sich hat.“
Er ließ meine Hand los und wischte seine eigene an seinem Oberschenkel ab. Er sah weg und rieb sich den Nacken, während ihm eine leichte Röte in die Wangen stieg.
„Ich meine, nur wenn du willst... Macey Lashinski versucht ständig, mit mir ins Kino zu gehen. Ich dachte, wenn ich schon weiß, wie man küsst, dann... na ja, du weißt schon.“ Er verzog das Gesicht.
„Ja... warum eigentlich nicht.“
Ich war enttäuscht. Ich hoffte, dass man es mir nicht ansah. Ich wünschte mir, er hätte mich meinetwegen küssen wollen.
Schon damals, mit dreizehn, war er mit seinen dunklen, zerzausten Haaren und den blauen Augen der schönste Junge, den ich je gesehen hatte. Er war hager und irgendwie unbeholfen.
Ich holte tief Luft und zuckte mit den Schultern. „Bringen wir es hinter uns.“ Ich schloss die Augen und wartete.
Ich wartete, lehnte an der alten Scheune, die Augen geschlossen und das Kinn nach oben gereckt.
Er hatte über den Sommer einen Wachstumsschub gemacht. Er war inzwischen fast einen ganzen Kopf größer als ich.
Das Knirschen des Kieses verriet mir, dass er näher kam. Ich konnte seine Körperwärme durch mein Shirt spüren. Dann spürte ich seinen Atem auf meinen Lippen und schließlich seine Lippen auf meinen. Ich konnte das Salz von seinem Schweiß schmecken, oder war es meiner?
Ich öffnete die Augen und sah, dass er seine geschlossen hatte. Ich konnte nicht anders und fing an zu lachen.
Er wich zurück und sagte: „Ja, das war echt komisch.“
„Komisch? Komisch ist gar kein Ausdruck“, sagte ich zwischen zwei Kicherern. „Ich weiß gar nicht, warum alle so ein Theater ums Küssen machen, so toll ist das nun auch wieder nicht.“
So viele Erinnerungen hängen an diesem Feld, dieser Scheune und dem Teich. Sie scheinen mich zu verfolgen.
Mein Wecker reißt mich zurück in die Realität.
Ich stöhne und rolle mich aus dem Bett.
Heute findet die jährliche Party der Firma zur „Mitarbeitermotivation“ statt. Es gibt Gerüchte über eine große Ankündigung.
Mit neunundzwanzig bin ich Senior Brand Strategist bei der Nyvek Group. Nachdem ich mich fünf Jahre lang für diesen Laden kaputtgeschuftet habe, bin ich bereit, dass sie endlich das Wort Partner aussprechen.
Ich rüste mich für den Tag: ein marineblauer Bleistiftrock aus Satin, eine weiße Bluse mit U-Boot-Ausschnitt und meine geliebte Balmain-Jacke. Den Look runde ich mit klassischen Louboutin-Pumps ab.
Ich betrachte mich im Spiegel. Kastanienbraunes Haar fällt glatt und ordentlich meinen Rücken hinunter. Ich trage ein wenig kupferfarbenen Lidschatten auf, um meine grünen Augen zum Strahlen zu bringen. Dann noch kurz den roten Lippenstift nachziehen und ab durch die Tür.
Bevor ich ins Büro fahre, schlüpfe ich noch schnell in einen Coffeeshop. Als ich mit den Kaffeebechern in der Hand ankomme, herrscht im Büro reges Treiben. Alle rätseln, was die große Ankündigung heute sein wird.
„Ich bin da!“, rufe ich Mara, unserer Junior Brand Strategist, über die Menge hinweg zu. Ich bahne mir einen Weg durch die Mitte zu meinem Büro. Ich stelle ihr den Kaffee auf den Schreibtisch und verschwinde in meinem Zimmer.
„Wie, kein Kaffee für mich?“, fragt eine tiefe, sanfte Stimme an meiner Tür. Ich drehe mich um.
„Hast du dafür nicht eine Assistentin?“
Er lächelt und schließt die Tür hinter sich. Die Glaswände bieten allerdings keine echte Privatsphäre.
Liam Nyvek – Managing Director of Client Strategy. Der Sohn vom Chef. Charmant, irritierend kompetent und jemand, den ich besser kenne, als ich wahrscheinlich sollte.
„Lass mich raten – du bist hier, um mich in die Ankündigung einzuweihen?“, sage ich und tue so, als wäre ich nicht interessiert. „Hat Papi dir verraten, was los ist?“
Liam verdreht die Augen. Er hasst es, wenn die Leute glauben, er hätte sich nur auf seinem Nachnamen ausgeruht. Wir wissen beide, dass das nicht stimmt. Er ist verdammt gut in seinem Job – auf eine nervige Art.
„Nein. Eigentlich nicht“, sagt er, während er sein Designer-Jackett glattzieht und sich ein unsichtbares Staubkorn von der Schulter wischt. „Ich war nur neugierig, was du nach der Party vorhast.“
„Ah.“ Ich tippe mir mit dem Finger ans Kinn und kneife die Augen zusammen. „Ich dachte, du triffst dich mit diesem Model.“
Liam schnaubt. „Das hat sich erledigt.“
„Hm...“ Ich tue so, als würde ich darüber nachdenken. „Ich schätze, ich könnte heute Abend Zeit haben.“ Ich lächle ihn an. „Sie sind entlassen, Mr. Nyvek“, sage ich mit meiner besten tiefen, autoritären Stimme.
Liam greift sich ans Herz und tut so, als wäre er tödlich beleidigt. „Du kränkst mich. Mr. Nyvek ist mein Vater, aber du darfst mich gerne Daddy nennen.“ Er zwinkert mir zu, dreht sich um und geht.
Ich schüttle den Kopf, während ich ihm nachsehe. Kurz darauf kommt Mara rein. „Danke für den Kaffee! Und was war das gerade eben? Hast du Infos aus erster Hand?“, fragt sie mit vor Erwartung geweiteten Augen.
„Nein, wir haben nur über einen möglichen Neukunden gesprochen. Hast du die Unterlagen für unseren Termin um halb elf?“
Um halb acht ist das Büro leer. Alle sind auf dem Weg zum Cipriani Wall Street. Ich schnappe mir meine Jacke und mache mich ebenfalls auf den Weg. Wenig überraschend sitzt Liam noch in seinem Büro. Ich klopfe an seine offene Tür. „Willst du dir ein Taxi teilen?“
Er sieht auf und lächelt. „Ich dachte schon, Sie fragen nie, Ms. Bellefontaine.“
Die prachtvollen Marmorhallen und die unvorstellbar hohen Decken verschlagen mir den Atem. Alles hier glänzt – die Steinböden sind auf Hochglanz poliert und das sanfte, goldene Licht bricht sich in Kristall und Glas. Liam geht ein paar Schritte hinter mir.
Kellner bahnen sich ihren Weg durch die Menge und servieren Champagner auf Tabletts. Ich nehme mir ein Glas im Vorbeigehen.
William Nyvek tritt ans Podium. Sofort verstummt die Menge. Alle Augen sind auf ihn gerichtet, als er seine einstudierte Rede über Wachstum, Margen und das außergewöhnliche Jahr beginnt.
Ich tausche mein leeres Glas gegen ein neues aus, als ein Kellner an mir vorbeigleitet.
„Ich bin stolz verkünden zu dürfen, dass wir expandieren und ein neues Büro in Chicago eröffnen werden“, sagt Mr. Nyvek mit deutlichem Stolz in der Stimme. „In den kommenden Wochen werden wir wichtige Leistungsträger und Teammitglieder versetzen, um dieses Wachstum zu unterstützen. Ich freue mich darauf, mit Ihnen allen dieses nächste Kapitel aufzuschlagen.“
Chicago.
Mein Magen zieht sich zusammen, bevor ich es verhindern kann.
Das ist so nah an meiner Heimat. An dem, was mal meine Heimat war. Eine kleine Farmerstadt in der Nähe von Chicago. Meine Eltern sind kurz nach mir weggezogen.
„Colette.“ Mr. Nyvek ruft mich und reißt mich aus meinen Gedanken. Er bahnt sich den Weg durch die Menge zu mir, gefolgt von Liam und ein paar Partnern.
„Mr. Nyvek. Eine wunderbare Rede“, sage ich.
„Colette, wenn ich mich recht entsinne, kommen Sie aus Chicago, richtig?“
„Nicht ganz, aus einer kleinen Stadt etwa eine Stunde außerhalb“, antworte ich. „Aber ich war seit Jahren nicht mehr dort.“
„Nun, ich denke, Sie sollten die Bekanntschaft auffrischen“, sagt er lächelnd. „Ich brauche Sie in Chicago. Es würde sich gut machen, wenn Sie dort ein paar Abschlüsse erzielen könnten. Die Partner und ich wären sehr beeindruckt.“
Ich weiß genau, worauf dieses Gespräch hinausläuft. Es ist ein Test, um mich auf den Weg zur Partnerschaft zu bringen. Eigentlich graut mir davor, aber ich versuche mein Bestes, meine widersprüchlichen Gefühle zu verbergen.
Ich setze ein Lächeln auf, das meine Augen nicht ganz erreicht. „Ich bin ein Teamplayer. Ich gehe dorthin, wo ich gebraucht werde und am nützlichsten bin.“
„Wunderbar“, sagt er. „Amüsieren Sie sich heute Abend. Über die Logistik sprechen wir morgen früh.“ Damit verabschiedet sich Mr. Nyvek.
„Sieht so aus, als würden wir heute Abend feiern“, sagt Liam und reicht mir noch ein Glas Champagner.
„Sieht so aus“, sage ich und leere das Glas in einem Zug.
Liam beobachtet mich genau. „Genau so wird man Partner“, sagt er. „Das weißt du.“
„Ja“, schnaube ich. „Ich hätte nur nicht gedacht, dass ich dafür umziehen muss.“
„Chicago ist eine tolle Stadt. Ein Neuanfang. Ein großer Markt.“
„Ich weiß es nicht. Ehrlich gesagt habe ich dort kaum Zeit verbracht.“
„Na ja, du hast Glück“, sagt er grinsend. „Ich werde ja da sein, um dafür zu sorgen, dass du es nicht hasst.“
„Du gehst auch?“ Ich lächle, und diesmal erreicht es auch meine Augen.
Er beugt sich nah zu mir und flüstert mir ins Ohr: „Wem sonst würde mein Herr Vater wohl zutrauen, auf seine geliebte Firma aufzupassen?“ Wir lachen gemeinsam.
Wir nehmen ein Taxi zu ihm nach Hause. Zu ihm, damit ich später ohne peinliche Gespräche wieder gehen kann.
Ich bin noch nicht ganz durch die Tür seiner Wohnung, da spüre ich schon die kühle Wand in meinem Rücken. Liams muskulöser Körper drückt gegen meinen, und sein Aftershave berauscht meine Sinne.
Seine Bartstoppeln kratzen an meinem Hals, während seine Lippen den Weg zu meinem Mund suchen. Seine Zunge findet meine. Der Geschmack von Champagner liegt zwischen uns, berauschend und schwer.
Meine Finger zittern an seiner Gürtelschnalle; das Verlangen und der Champagner machen mich ungeschickt.
Mit einem tiefen Knurren zieht er mich von der Wand weg. Seine starken Hände packen meine Taille und führen mich durch den Flur.
Bevor ich auf sein Bett sinke, verursachen die Seidenlaken auf meinen nackten Oberschenkeln eine Gänsehaut auf meiner Haut.
Mein Kleid ist weg. Jetzt gibt es nichts mehr zwischen uns außer der Hitze der Erwartung.
Liams Blick verdunkelt sich, während er auf mich zukriecht und die Matratze unter seinem Gewicht nachgibt. Ich wölbe mich ihm entgegen, als sein Körper meinen bedeckt. Seine Haut brennt auf meiner, und unsere Herzschläge rasen im Gleichklang.
Seine Finger tasten nach dem Nachttisch, während seine Lippen keine Sekunde von meinen lassen. Er streift sich schnell ein Kondom über und dringt dann mit einem einzigen, heftigen Stoß in mich ein. Ich bin feucht und verzehre mich nach ihm. Das wohlige Gefühl, ausgefüllt zu sein, entlockt mir ein Stöhnen. Reine, überwältigende Lust flutet durch mich hindurch.
Er ist unerbittlich und gnadenlos. Jeder kraftvolle Stoß trifft genau dort, wo ich ihn brauche. Mein Körper bäumt sich auf, ich nehme alles an, was er mir gibt, und verlange nach mehr.
Als ich die Augen öffne, ist es still in der Stadt. Ich muss eingeschlafen sein. Sicher liegt es am Champagner. Ich spüre die Wärme seines Körpers neben mir; er schläft. So leise wie möglich stehe ich auf und suche meine Kleider. Er regt sich.
„Bleib doch einfach hier, es ist bestimmt schon super spät“, murmelt er in sein Kissen.
„Ich habe morgen früh ein wichtiges Meeting und muss fit aussehen“, flüstere ich, während ich in meine Schuhe schlüpfe. „Wir sehen uns morgen.“ Ich schleiche mich aus dem Zimmer, bevor er noch weiter protestieren kann.