Kapitel 1
Die Kälte war fast körperlich spürbar, ein lebendiges Etwas, das durch Rains fadenscheinigen Mantel bis auf ihre Knochen drang. Es war eine tiefe, feuchte Kälte, wie sie nur eine Stadt hervorbringt, in der es seit Tagen ununterbrochen nieselte. Sie roch nach feuchtem Beton, verrottendem Müll und Abgasen. Jeder Atemzug fühlte sich an, als würde sie Glasscherben einatmen.
Ihr Magen war ein hohles, schmerzendes Loch. Der einfache Hunger war längst in eine Art dumpfe, ständige Übelkeit übergegangen. Sie umklammerte sich selbst, doch ihr schmaler Körper bot kaum Schutz gegen den Wind, der durch die enge Gasse peitschte. Sie suchte nur einen Platz zum Schlafen, ohne dabei zu sterben. Ein Türrahmen, ein Lüftungsschacht, irgendein kleines Versteck, wo ihr der Wind nicht so zusetzen konnte.
Sie bog um eine Ecke und wurde fündig: eine flache Nische hinter einem verrosteten Müllcontainer, von zwei Seiten durch Ziegelmauern geschützt. Es war nicht viel, aber besser als nichts. Während sie darauf zuging und ihre abgetragenen Turnschuhe feuchte Abdrücke auf dem Asphalt hinterließen, begann es.
Es war kein Geräusch. Es war kein Anblick. Es war ein Kribbeln im Nacken, eine plötzliche, instinktive Stille in dem Teil ihres Gehirns, der nur noch aus Tier und Überlebensdrang bestand. Das Gefühl, beobachtet zu werden.
Rain erstarrte, ihr Herz hämmerte plötzlich schmerzhaft gegen ihre Rippen. Sie drückte sich flach gegen den kalten Ziegelstein und versuchte, mit dem Schatten zu verschmelzen. Ihre großen violetten Augen, das Einzige, was in dem Düster lebendig wirkte, suchten den Eingang der Gasse ab. Die Straßenlaternen warfen lange, verzerrte Schatten, aber sie sah nichts. Keine Bewegung. Keine Gestalt, die im Verborgenen lauerte. Nur der normale, einsame Verkehr einer Stadt, die nichts von ihrer Existenz wusste.
Doch das Gefühl verschwand nicht. Es verstärkte sich und verdichtete sich zu einem greifbaren Druck. Das war kein flüchtiger Blick eines Passanten. Das hier war gezielt. Absichtsvoll. Es war das Gefühl eines Raubtiers, das seine Beute bereits fixiert hatte und den Moment vor dem Sprung auskostete. Eine kalte Angst, noch kälter als der Wind, überkam sie. Es war eine andere Art von Kälte, die nichts mit der Temperatur zu tun hatte, sondern mit einer tiefen, bedrohlichen Gefahr.
Ihre Hand schnellte hoch – ein nervöser Tick, den sie nicht kontrollieren konnte – und schob eine Strähne ihres tintenschwarzen Haares hinter ihr Ohr. Sie kniff für eine Sekunde die Augen zu und zwang sie dann wieder auf. Nichts.
Hatte sie Halluzinationen? Machte der Hunger sie paranoid? Es war möglich. Sie hatte schon früher Dinge gesehen, Bewegungen in ihren Augenwinkeln, die gar nicht da waren. Aber das hier fühlte sich anders an. Das hier fühlte sich echt an.
Sie musste weg. An einem Ort zu bleiben, machte sie zum Ziel. Sie stieß sich von der Wand ab, wobei ihr Körper bei jeder Bewegung protestierte, und ging weiter die Gasse entlang. Das Gefühl, beobachtet zu werden, folgte ihr wie ein lautloser, schwerer Mantel. Es war nicht nur ein Paar Augen, dachte sie mit aufkeimendem Entsetzen. Es fühlte sich an wie mehrere Blicke, die sich alle auf sie richteten – von den Dächern, aus den Schatten auf der anderen Straßenseite. Sie peilten ihre Position ein und spielten mit ihr.
Sie erreichte das Ende der Gasse und spähte auf die nächste Straße. Sie war genauso verlassen. Der Drang zu rennen, einfach loszustürmen, war überwältigend, doch ihre Beine waren zu schwach, ihre Energie zu erschöpft. Alles, was sie tun konnte, war gehen.
Sie wählte eine andere Gasse, noch enger und dunkler als die letzte. Die Wände schienen sich zu ihr herabzuneigen und drückten die Dunkelheit um sie herum zusammen. Der Blick war immer noch da, jetzt näher, intimer. Er fühlte sich an, als würde er ihre Haut liebkosen, die Linie ihres Halses nachzeichnen, die Kurve ihrer Hüfte. Es war ein Übergriff, verletzend und erschreckend besitzergreifend.
Schließlich hielt sie es nicht mehr aus. Ihre Nerven versagten. Sie wirbelte herum und keuchte: „Wer ist da?“ Ihre Stimme war dünn und krächzend und wurde sofort von der drückenden Stille der Gasse verschluckt. Die einzige Antwort war das ferne Heulen einer Sirene und das Tropf, Tropf, Tropf von Wasser aus einem defekten Rohr.
Da war niemand. Doch während sie zitternd und allein dort stand, kam eine neue Wahrnehmung hinzu. Es war ein Duft, unmöglich schwach, vom Wind herangetragen. Er roch nach altem Geld, nach trockener, alter Erde und noch etwas anderem... etwas Metallischem, das verlockend süß war, wie der kupferne Geruch von Blut.
Sie wurde gejagt. Und die Jäger waren sehr, sehr nah. Sie wusste es nur noch nicht. Mit einem letzten, verzweifelten Blick in die erstickende Finsternis drehte sie sich um und floh, ohne zu ahnen, dass sie genau dorthin rannte, wo sie sie haben wollten.
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Vom Dach aus war die Stadt wie eine Schaltplatine aus toten Lichtern und flackerndem Leben. Talon stand regungslos da, eine Statue aus Schatten und Ungeduld gehauen; der beißende Wind war für seinen unsterblichen Körper kaum mehr als ein lästiges Detail. Unter ihm war das Mädchen, Rain, ein Aufflackern verzweifelter Bewegung. Er beobachtete sie nun schon seit drei Nächten. Drei Nächte, in denen er ihren langsamen Verfall mitverfolgt hatte.
Neben ihm lehnte Lucien an einem schmierigen Lüftungsschacht, seine übliche verspielte Energie war einer wachsamen Stille gewichen. „Sie ist zäh, das muss man ihr lassen. Die meisten hätten längst einen netten, warmen Platz gefunden, um sich zusammenzurollen und zu sterben.“
„Widerstandsfähigkeit ist eine gute Eigenschaft“, Talons Stimme war ein tiefes Grollen, frei von Wärme. „Sie deutet auf eine starke Lebenskraft hin. Ein robuster Jahrgang.“ Er sah Lucien nicht an, sein Blick blieb auf die kleine Gestalt unter ihm fixiert. Ihr Geist interessierte ihn nicht; ihn interessierte ihr Nutzen. Eine Energiequelle, die nicht gleich nach der ersten Mahlzeit zerbrach.
Auf seiner anderen Seite stand Xavier, ein Monolith aus Schweigen, dessen schiere Masse das Licht um ihn herum zu verschlucken schien. Die goldenen Augen des ehemaligen Wikingers waren weich, getrübt von etwas, das Talon vor langer Zeit als Schwäche abgetan hatte: Mitleid. „Sie ist so klein“, brummte Xavier, ein Geräusch wie mahlendes Gestein. „Die Kälte ist grausam zu ihr.“
„Grausamkeit ist ein Teil der Natur“, sagte Talon scharf. „Wir nutzen sie lediglich aus. Werde nicht anhänglich. Sie ist eine Ressource. Ein Haustier, nichts weiter.“ Er benutzte das Wort bewusst, als Erinnerung – für sich selbst genauso wie für die anderen. Bindung war eine Schwachstelle. Kontrolle war der einzige Schutz gegen den Schmerz des Verlusts. Diese Lektion hatte er vor tausend Jahren gelernt, auf einem Schlachtfeld, das im Blut seines Königreichs getränkt war. Er würde sie nicht vergessen.
Er sah zu, wie sie den Nischeneingang fand. Eine vorhersehbare Entscheidung. Ihr Verstand funktionierte noch auf einer primitiven Ebene und suchte nach Schutz. Er konnte das schwache, hektische Pochen ihres Herzschlags von hier oben spüren – ein verzweifeltes Trommeln des Lebens gegen das gleichgültige Summen der Stadt. Es war ein Sirenenruf für seinesgleichen.
Dann erstarrten ihre Bewegungen. Sie spürte es. Natürlich tat sie das. Beute ahnte das Raubtier immer, bevor sie es sah. Talon ließ einen Splitter seiner Macht hervorschießen, eine psychische Ranke aus purer, fokussierter Absicht. Er musste sie nicht sehen, um ihre Reaktion zu kennen: den Angstschub, das Weiten dieser bemerkenswerten violetten Augen. Er konnte es in der Luft schmecken, scharf und elektrisierend.
Lucien veränderte seine Haltung, in der ein Raubtierhunger mitschwang. „Sie ist schnell. Sie spürt uns schon.“
„Ich verberge unsere Anwesenheit nicht“, stellte Talon trocken fest. „Ich will, dass sie es spürt. Ich will, dass ihre Angst mariniert, dass sie das Bouquet verstärkt. Ein verängstigtes Herz schlägt schneller. Die Energie ist gehaltvoller.“ Das war die Kunst dabei. Die Jagd bestand nicht nur aus dem Fangen; sie bestand aus der Vorbereitung.
Er beobachtete, wie sie sich flach gegen die Wand drückte, eine erbärmliche, zerbrechliche Kreatur, die versuchte, mit dem Stein zu verschmelzen. Er sah die verräterische Geste, als ihre Hand nach oben fuhr, um ihr Haar hinter das Ohr zu klemmen. Er hatte ihre nervösen Angewohnheiten katalogisiert. Er katalogisierte alles. So behielt er die Kontrolle. Indem er jede Variable kannte, konnte er jedes Ergebnis vorhersagen.
„Sie sucht“, murmelte Lucien, mit einem Hauch von einem Lächeln in der Stimme. „Sie wird uns nicht sehen.“
„Nein“, stimmte Talon zu, „sie wird nur die Leere sehen, wo wir sind. Das allein ist schon ein ganz eigener Terror.“ Er ließ seinen Blick über sie schweifen. Er stellte sich vor, wie sie es wie eine physische Berührung spürte, eine kalte Hand im Nacken. Er war der Herrscher über dieses Revier, der ungesehene König dieses Betondschungels, und sie war seine Untertanin. Dieses eine hungernde Mädchen war in diesem Moment seine ganze Welt, ein Rätsel, das es zu lösen galt, eine Beute, die es zu gewinnen galt.
Als sie sich schließlich bewegte, war ihr Gang ruckartig und verzweifelt. Er konnte ihre Erschöpfung spüren, das Zittern in ihren Gliedmaßen. Es war fast soweit.
„Ihr Wille bricht“, bemerkte Xavier, seine Stimme durchzogen von derselben ermüdenden Anteilnahme.
„Gut“, schnitt Talon das Wort ab. „Das macht die Aneignung einfacher.“ Er hob die Hand und fuhr sich durch das schwarze Haar. Ein Aufflackern alten Stresses, der Geist eines Königs, der alles verloren hatte, tauchte kurz auf, bevor er es tief in seinem Inneren erstickte. Das hier war anders. Das hier war kein Königreich, das er verlieren konnte. Das hier war ein Besitz.
Er beobachtete, wie sie in die nächste, dunklere Gasse einbog. Eine perfekte Falle.
„Jetzt“, sagte er, seine Stimme sank zu einem fast unhörbaren Flüstern herab. „Lucien, ans andere Ende. Blockiere ihren Rückweg. Xavier, du kommst von der Straßenseite. Ich will, dass sie sich eingekesselt fühlt. Ich will, dass sie versteht, dass es kein Entkommen gibt.“
Während sich die anderen mit der lautlosen, unmöglichen Geschwindigkeit ihresgleichen bewegten, blieb Talon zurück. Er war die Achse ihrer Angst. Er sah zu, wie sie sich herumwirbelte und mit dünner Stimme in die Dunkelheit rief. Eine vergebliche, aber reizende Geste.
Er ließ sie die volle Schwere von drei uralten Blicken spüren. Er ließ sie das Versprechen von etwas Uraltem und Mächtigem auf dem Wind riechen. Er ließ sie laufen, denn ihre Flucht war kein Entkommen. Es war ein Pfad, und er führte direkt zu ihm und zu dem Heim, das er vorbereitet hatte. Er war kein Monster. Er war ein Sammler. Und sein neues Haustier war endlich bereit, in sein Gefüge aufgenommen zu werden.