Shattered Grace von Jojo

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Zusammenfassung

Jeder trägt Wunden. Die Frage ist, was man mit ihnen macht. Scarlett hat gelernt zu funktionieren. Nachtschichten, Doppeljobs, ein Lächeln, das sitzt, egal wie wenig dahinter steckt. Ihren Schmerz hat sie tief vergraben, so tief, dass sie selbst vergessen hat, wie er aussieht. Als sie Aaron begegnet, erkennt sie in ihm etwas Vertrautes. Risse unter der Oberfläche, die niemand sonst sieht. Und sie beginnt zu glauben, dass seine Rettung vielleicht auch ihre sein könnte. Doch Aaron Payne ist kein Mann, der gerettet werden will. Hinter Ruhm, Kontrolle und einer Fassade, die Millionen bewundern, wartet ein Abgrund und je näher Scarlett kommt, desto mehr droht er, sie beide zu verschlucken. Zoey sieht, wie ihre Schwester sich verliert, und kämpft still darum, nicht denselben Weg zu gehen. Und Detective Liam Callahan, der Dunkelheit oft genug von außen betrachtet hat, muss sich einer Wahrheit stellen, die er längst verdrängt hat: wie vertraut sie sich von innen anfühlt. Vier Menschen. Vier Arten, mit Schmerz umzugehen. Manche wachsen an dem, was sie beinahe zerstört hat. Andere lassen sich fallen und reißen dabei jene mit runter, die versuchen sie zu halten. Wer bist du, wenn der Schmerz dich auf die Probe stellt?

Genre:
Thriller/Romance
Autor:
Jojo
Status:
In Arbeit
Kapitel:
44
Rating
5.0 1 Bewertung
Altersfreigabe
18+

Kapitel 1 - Scarlett

Diese Geschichte bewegt sich in den dunklen Bereichen der menschlichen Psyche.

Sie enthält Themen wie psychische Erkrankungen, Mord, Gewalt, Trauma, Sucht, Suizid sowie sexuellen und körperlichen Missbrauch von Kindern und toxische Dynamiken.

Wenn dich solche Inhalte stark belasten, lies bitte achtsam oder entscheide dich bewusst gegen diese Geschichte. Deine mentale Gesundheit geht immer vor.


Das erste Flüstern

Erste Strophe aus dem Gedicht "When We Two Parted" von George Gordon, Lord Byron (1788-1824)

When we two parted In silence and tears, Half broken-hearted To sever for years, Pale grew thy cheek and cold, Colder thy kiss; Truly that hour foretold Sorrow to this.


Kapitel 1 - Scarlett

Ihr war bereits übel von dem süßen, chemischen Geschmack, der ihr im Mund lag und sich hartnäckig an Gaumen und Zunge festgesetzt hatte, doch sie wusste, dass sie ohne ihn keine weitere Stunde durchstehen würde.

Wach bleiben, irgendwie, egal wie.

Es war kurz nach Mitternacht, die Lichter der Bar warfen ein gedämpftes, warmes Leuchten auf die Arbeitsflächen, und dennoch fühlte sich alles kalt an.

Noch drei Stunden bis Feierabend.

Scarlett hatte das Gefühl, als hätte sie einen Schlag gegen den Kopf bekommen, dumpf und anhaltend, und mit jeder Minute fiel es ihr schwerer, klar zu denken, während sich kleine Fehler häuften, die sie sonst nie gemacht hätte.

Grenadine in einen Whirlpool? Whiskey? Oder doch Rum?

Die Gedanken verschwammen ineinander.

Zu wenig Schlaf. Zu viel Zucker. Zu viel von allem.

Ein Gast an der Theke hob die Hand. “Noch eine Runde Corona Extra, bitte.“

Scarlett nickte automatisch, setzte ein freundliches Lächeln auf, das sie sich über die Jahre antrainiert hatte, und füllte die Gläser.

Einfach genug. Routiniert.

Seit Wochen, eigentlich seit Jahren, lebte sie in genau diesem Rhythmus.

Tagsüber das Studium, abends die Bar, dazwischen das Diner und gelegentliche Putzjobs, immer getaktet, immer auf Abruf, immer funktionierend.

Und immer Zoey.

Nicht, dass sie es je bereut hätte. Zoey war alles, was sie noch hatte, ihr Mittelpunkt, ihr Anker, ihr Grund weiterzumachen. Und doch fragte sie sich manchmal, wann sie das letzte Mal einfach nur geatmet hatte, ohne dabei an Verpflichtungen, Rechnungen oder den nächsten Wecker zu denken.

Sie stellte die Shots auf einem Tablett vor dem Gast ab. „Hier bitte“, sagte sie freundlich, wenn auch etwas knapper als sonst.

Ihre Hände begannen inzwischen zu schmerzen, vom ständigen Kontakt mit kalten Gläsern, vom Schneiden unzähliger Zitronen und Limetten, und als sie sie kurz aneinander rieb, fiel ihr Blick auf ihre Haut.

Zu trocken. Rissig. Fleckig in Blau- und Grüntönen.

Keine Blutergüsse, sondern Farbe, Rückstände von Arbeit, die sich nicht mehr vollständig abwaschen ließ.

„Du siehst scheiße aus, Scar.“

Die Stimme kam von rechts. Scarlett hob den Kopf. André stand neben ihr, ein Tablett unter dem Arm, dieses typische Grinsen im Gesicht, halb spöttisch, halb ehrlich besorgt, wie nur er es hinbekam.

„Danke“, erwiderte sie trocken. „Das höre ich immer wieder gern.“ Sie versuchte zu lächeln, merkte aber selbst, wie müde es wirkte.

Andrés Blick wanderte zu dem fast geleerten Energydrink neben ihr, und er zog eine Augenbraue hoch. „Ist das nicht schon dein dritter?“ fragte er. „Hast du heute überhaupt geschlafen?“

„Zwei Stunden“, sagte sie nach kurzem Zögern. „Vielleicht drei.“

Er sah sie an, die Augen plötzlich weit offen. „Und dann willst du später noch mit deinem Schrottauto fahren?“ Seine Stimme senkte sich, wurde ernster. „Was ist, wenn es wieder mitten auf der Strecke ausgeht und du irgendwo strandest? Du kannst doch kaum noch klar denken.“

André griff nach einem Glas, das Scarlett falsch gemischt und zur Seite gestellt hatte, als sie es bemerkt hatte, und betrachtete den Inhalt kritisch. „Ich meine, sieh dir diese braune Pampe an. Soll ich dich nicht lieber nach Hause fahren?“

Scarlett schüttelte den Kopf. „Ich weiß deine Sorge und dein Angebot wirklich zu schätzen“, sagte sie ruhig und nahm einen Schluck aus ihrer Dose. „Ich kann es nicht einfach stehen lassen.“

Sie hielt kurz inne, dann fügte sie hinzu: „Außerdem ist Elliot mein treuer Freund.“

André musterte sie einen Moment länger. „Irgendwann haut es dich um“, sagte er schließlich. „Energydrinks, Schlafmangel, Stress.“

Er verzog das Gesicht. „Hast du überhaupt noch Zeit zu essen? Du wirst immer dünner. Und dein Auto wird dich irgendwann auch noch umbringen.“

Scarlett stellte die Dose auf der Arbeitsfläche ab. „Ich schaffe das schon“, sagte sie leise. „Bislang hat es mich ja auch noch nicht umgebracht.“ Sie zuckte mit den Schultern.

„Zoey hat jetzt sogar mit einem Minijob angefangen. Wobei ich ihr verboten habe, mehr als einen zu machen.“

Er grinste schief. „Stur wie immer.“ Dann griff er nach seinem Tablett. „Ruf mich, wenn du was brauchst.“

„Mach ich“, sagte sie und zwang sich zu einem Lächeln, das dieses Mal ehrlicher war.

Ihr Blick wanderte zur Uhr über der Tür. Noch 2:42 Stunden.

Sie nahm die Dose, trank den letzten Schluck und warf sie in den Abfall. Als sie sich wieder umdrehte, fiel ihr Blick auf einen der hinteren Tische.

Drei Gäste saßen dort, zwei Männer und eine Frau, laut genug, dass man sie selbst an der Bar hören konnte. „… waren echt in jeder Stadt ausverkauft. Und jetzt Boston als Finale, verdammt.“

„Ich sag’s dir, der Frontmann ist der Wahnsinn“, sagte einer der Männer. „Aaron Payne … der Typ singt dir das Herz raus.“

„Und sieht dabei aus wie ein verdammtes Model“, kicherte die Frau.

Scarlett hielt unwillkürlich inne.

Aaron Payne.

Ihr Herz schlug für einen kurzen Moment schneller.

Sie liebte seine Musik, schon immer. Diese Texte, die etwas in ihr berührten, als würde er ihre Geschichte kennen, seine raue Stimme, die Gänsehaut verursachte und einen nicht mehr losließ.

Oft genug hatte sie sich mit seinen Liedern durch endlose Nachtschichten geschleppt oder sich dabei die Augen aus dem Kopf geweint, wenn alles zu viel geworden war.

Sie zwang sich, weiterzumachen, griff nach frischen Gläsern und begann, die nächste Bestellung vorzubereiten, auch wenn ein Teil von ihr bei dem Gespräch blieb.

„Gibt wohl noch Restkarten“, sagte einer der Männer. „Aber vergiss es, da kommst du nicht mehr ran.“

„Ich kenn jemanden, der wen kennt“, meinte der andere grinsend.

Scarlett lachte bitter in sich hinein.

Sie konnte nur davon träumen, jemals zu einem seiner Konzerte zu gehen. Alles, was sie verdiente, floss in ihr Studium, die Wohnung, Essen, Benzin und Zoey.

Gerade als sie sich wieder der Spüle zuwandte, drang die Stimme der Frau erneut durch die Bar. „… habt ihr gehört? Man weiß ja noch gar nicht, ob das Konzert überhaupt stattfindet.“

„Wieso?“ fragte einer der Männer.

„Aaron Payne ist wohl zusammengebrochen beim letzten Auftritt“, sagte sie. „Manche sagen, er nimmt wieder was. Andere meinen, er sei krank.“

Scarlett hielt unwillkürlich inne.

Zusammengebrochen? Drogen?

Es war bekannt, dass Aaron Payne früher Drogenprobleme gehabt hatte, aber das lag lange zurück.

Seine Stimme klang so klar, so kontrolliert, und in Interviews wirkte er immer gelassen, beinahe unnahbar.

Sie ertappte sich dabei, wie sie sich zu sehr in das Leben anderer hineinziehen ließ.

Es musste unfassbar schwer sein, ständig beobachtet zu werden, selbst in den schwächsten Momenten. Der Fluch des Ruhms: Das eigene Leben gehörte einem nicht mehr selbst.

Die Stunden vergingen.

Scarlett zwang sich, nicht weiter an Aaron Payne oder das Gespräch der Gäste zu denken, konzentrierte sich auf die Arbeit, ließ ihre Hände automatisch Gläser spülen, Flaschen auffüllen, Bestellungen servieren.

Nur funktionieren. Nicht fühlen.

Als schließlich die letzten Gäste gingen und die Bar in Stille versank, wischte sie die Theke ein letztes Mal ab, griff nach ihrer Tasche und verabschiedete sich kurz von André, bevor sie in die Nacht hinaustrat, müde bis in die Knochen.

Draußen war die Luft kühl und feucht, schwer von nächtlicher Nässe, die sich auf Haut und Kleidung legte, und Scarlett zog die Jacke enger um sich, während sie über den dunklen Parkplatz ging, begleitet vom fernen Summen einer Laterne und dem dumpfen Echo ihrer eigenen Schritte.

Ihr alter Wagen, Elliot, stand schief zwischen zwei Laternen, als hätte er sich müde fallen lassen, und Scarlett streichelte flüchtig über das Dach, eine beinahe zärtliche Bewegung, als wolle sie ihn beruhigen oder sich selbst versichern, dass er noch da war.

„Nur noch einmal heim, alter Freund“, murmelte sie leise, mehr zu sich selbst als zu ihm.

Es war eine Angewohnheit von ihr, jedes Mal um eine letzte Fahrt zu bitten, auch wenn das Auto danach weiterhin durchhielt, als bräuchte sie dieses kleine Ritual, um die Angst vor dem Moment zu bannen, in dem er vielleicht endgültig stehen bleiben würde.

Mit etwas kräftigem Ziehen öffnete sie die Tür, und sofort schlug ihr der vertraute Vanilleduft entgegen, ihr Duftbäumchen schaukelte leicht durch die Bewegung und drehte sich träge hin und her.

Scarlett ließ sich auf den Fahrersitz sinken und startete den Motor. Ein kehliges Rattern, rau und widerspenstig, dann sprang er an, als hätte er sich doch noch einmal umentschieden.

Sie atmete hörbar aus, eine Erleichterung, die ihr kurz die Schultern sinken ließ, und lenkte den Wagen vom Parkplatz auf die leere Straße hinaus.

Boston, Massachusetts, schlief.

Die Stadt lag still und dunkel vor ihr, nur unterbrochen vom rhythmischen Brummen des Motors und dem wechselnden Licht der Ampeln, die sie wie stumme Wächter auf dem Weg nach Hause begleiteten.

Die Fahrt zog sich.

Die Lounge lag in einer schöneren Gegend als ihre Wohnung, mit breiteren Straßen, gepflegteren Fassaden und einem Gefühl von Sicherheit - etwas, das sie sich selbst nicht leisten konnte.

Die Gegend, in der sie wohnte, war nicht die schlimmste, aber gerade schlecht genug, um die Miete bezahlbar zu halten, ein Kompromiss, den sie längst nicht mehr hinterfragte.

Als sie schließlich ankam, stieg sie aus, schloss leise ab und ging schwermütig die Treppen hinauf, bemüht, keinen unnötigen Lärm zu machen, während sie versuchte, den Schlüssel so vorsichtig wie möglich ins Schloss zu führen.

Zu ihrer Überraschung brannte Licht in der Wohnküche, und aus dem Inneren der Wohnung drang das gedämpfte Flackern des Fernsehers.

Zoey lag auf dem Sofa, zugedeckt mit der dünnen Decke, die immer im Korb neben der Couch lag, zusammengerollt wie ein schlafendes Kätzchen.

Sie hatte wieder auf sie gewartet.

Scarlett setzte sich leise neben ihre kleine Schwester, ließ sich langsam nieder, als könnte jede falsche Bewegung sie wecken, und strich ihr behutsam die braunen Locken aus dem Gesicht, eine Geste, die sie schon unzählige Male gemacht hatte.

„Hey, Kleines“, flüsterte sie sanft. „Ich bin wieder da.“ Ihre Stimme war weich, fast brüchig. „Geh ins Bett. Sonst wachst du morgen mit einem verspannten Nacken auf.“

Zoey rührte sich kaum, atmete ruhig weiter, und Scarlett blieb noch einen Moment sitzen, die Hand in ihren Haaren, als wäre dieser kleine Augenblick das Einzige, was sie wirklich nach Hause brachte.