Prolog
„Er kommt wieder zu sich.“
Oaaahhh...mein Kopf…
Wobei…wessen Kopf? Bin ich noch in Hitlers Körper? Oder wieder Hannes Resle und zurück im Jahr 2026?
„Adolf, wie geht es dir?“
Ich darf also auch weiterhin den Führer geben…Und falls ich nicht für längere Zeit bewusstlos war, schreiben wir heute den 7. Juli 1942, der Zweite Weltkrieg ist seit mehr als einem halben Jahr Geschichte und in der Nähe von Marseille finden die Feierlichkeiten zur Gründung der Eurasischen Union statt. Ich öffne die Augen, und mein allmählich wieder funktionsfähiger Sehsinn registriert ein sich erst langsam näherndes, dann wieder entfernendes Prachtexemplar einer Nase. Kein Zweifel, neben mir kniet mein Freund Charles de Gaulle, Präsident der Französischen Republik. Ich atme erleichtert auf, drehe den Kopf zur anderen Seite - und starre in einen glühend roten Vulkan. Sekundenbruchteile später bläst mir der heiße Atem der Eruption ins Gesicht.
„Adolf Hitler, wie alt bist du? 53 oder 13? Wenn ich dich daran erinnern dürfte: In sechs Monaten wirst du Vater! Dann benimm dich auch wie einer! Du kannst von Glück reden, noch am Leben zu sein! Was ist nur in dich gefahren? Mit einem Fahrrad diesen mannshohen Absatz hinunterzuspringen…“
Wirklich? Sah irgendwie flacher aus.
„Was gibt es da zu grinsen? Man könnte fast meinen, du bist stolz auf deine wahnwitzige Aktion.“
Wenn ich vorstellen dürfte: Meine Frau Sarah Hitler, geborene Clermont. Vor einigen Monaten habe ich zuerst sie aus der Gewalt deutscher Soldaten befreit, und im Gegenzug hat Sarah mich vor ihren Kameraden der Resistance versteckt. Sie und mein treuer Weggefährte Wilhelm Canaris, Chef der vereinigten deutschen und französischen Geheimdienste, sind die einzigen Menschen, die das Geheimnis meiner wahren Identität kennen.
Eine weitere Stimme, gefolgt von einem Gesicht.
„Mein Führer, und dabei hatte ich Sie doch gewarnt. Dieses Bergrad ist ein erster Prototyp und hat bei weitem noch nicht die nötige Stabilität für solch gewagte Aktionen.“
Ernst Telschow, Vorsitzender der deutschen Forschungsgesellschaft, hält in seiner rechten Hand das erste Mountainbike der Geschichte, dessen halbmondförmig gestauchtes Vorderrad einem Gemälde von Dali entsprungen sein könnte.
„Wobei mich Rahmen und Gabel aufs Angenehmste überrascht haben. Sehen Sie…keinerlei Verzug. Wenn wir Felgen und Speichen noch etwas verstärken, bin ich zuversichtlich, dass Sie in Bälde…“
Wenn Blicke töten könnten…zwei eiskalt-grüne Gletscherseen bringen zuerst ihn zum Verstummen, dann bin erneut ich an der Reihe.
„Adolf Hitler…wenn du auch nur entfernt daran denken solltest, dich noch einmal in die Nähe eines solch verrückten Rades zu wagen…“
Jetzt kann nur noch einer helfen, und mein edler Ritter lässt mich nicht im Stich. Gewappnet durch den undurchdringlichen Panzer seines französischen Charmes hakt Charles seine Landsfrau unter und rettet mich mit „Sarah, ich denke wir sollten nach dem Abendessen sehen“ vor der Vollendung ihres Satzes.
Erst nach dem Dessert wage ich mich wieder in ihre Nähe.
„Sarah, ein kleiner Verdauungsspaziergang?“
„Hmpf.“
Ein gutes Zeichen. Immerhin würdigt sie mich einer, wenn auch etwas undefinierbaren, Lautäußerung. Offensichtlich ist ihr Zorn etwas verraucht.
Nach einigen Minuten stoppt sie plötzlich und sieht mich nachdenklich an.
„Hannes, was ist bloß in dich gefahren? Wolltest du das Schicksal herausfordern? Durch einen Radunfall kamst du in unsere Zeit und diesen Körper - reicht das nicht? Willst du nicht mehr bei uns bleiben? Denkst du, woanders wartet eine neue Aufgabe auf dich, in einer anderen Zeit, in einem anderen Körper?“
Ich bin vollkommen verblüfft und stelle wieder einmal fest, wie unterschiedlich Frauen und Männer doch sind. Eine neue Aufgabe? Wirklich nicht…die hier reicht mir vollkommen.
„Sarah…ähhh…ehrlich gesagt habe ich…gar nichts gedacht. Ich wollte einfach das Rad ausprobieren und dann sind die sprichwörtlichen Gäule mit mir durchgegangen.“
„Hannes, und wieder einmal muss ich feststellen, wie unterschiedlich Männer und Frauen doch sind. Wir machen uns zu viele Gedanken - und ihr denkt nicht einmal.“