Kapitel 1 - Teil 1
Jemand beobachtete mich, während ich den Rest meines Biers runterkippte. Ich war es gewohnt, angestarrt zu werden. Meine Jeans saß so eng, als wäre sie aufgemalt, und das winzige Top ließ kaum Raum für Fantasie. In meinem Leben lief nicht viel zusammen, aber auf mein Aussehen war Verlass. Wenn es brenzlig wurde, half mir mein Gesicht aus der Patsche. Und wenn gar nichts mehr ging, waren Tränen mein letzter Ausweg.
Langsam sah ich über meine Schulter. Mein Blick traf auf die klarsten eisblauen Augen, die ich je gesehen hatte. Sein Ausdruck war eiskalt, während er mich weiterhin unverfroren anstarrte. Das Spiel konnten wir zu zweit spielen. Ich musterte ihn ganz offen, seine markanten Kieferknochen und das seidige, dunkle Haar, das knapp über seinen Ohren endete. Mein Blick blieb an seinem Mund hängen. Kurz fragte ich mich, ob er wohl gut küssen konnte. Er strahlte pures Selbstbewusstsein und Sexappeal aus. Aber ich hatte schon genug Pretty Boys erlebt, die beim Küssen gesabbert hatten.
Die meisten Typen waren nicht so direkt. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war er kein Fan von mir.
Er saß mit einer Gruppe in einer Nische. Sie schienen alle im selben Alter zu sein, vielleicht ein paar Jahre älter als ich. Aber ich wettete, dass ich mehr Lebenserfahrung hatte als sie alle zusammen. Was sollte man in diesem Kaff auch groß anstellen? Es gab nur eine Hauptstraße. Wenn man einmal blinzelte, hatte man sie schon verpasst.
Ein Mädchen saß ganz eng neben ihm. Es war für jeden offensichtlich, dass er vergeben war. Zumindest für diese Nacht.
Ich lächelte vor mich hin. Ich nahm mir, was ich wollte, egal ob er vergeben war oder nicht. Das Mädchen neben ihm lächelte ihn süß an. Bestimmt war sie eins von diesen braven Mädchen, die nie fluchten oder sich einen Fehltritt erlaubten. Ihr langes blondes Haar saß perfekt, ihr Make-up war dezent und sie trug verdammt noch mal ein blumiges weißes Oberteil. Wer zieht sowas bitteschön an? Ich schüttelte den Kopf.
Sie war das krasse Gegenteil von mir. In mir gab es keine Unschuld mehr, die hatte man mir schon als Kind geraubt. Meine schulterlangen, pechschwarzen Haare und die dunkelbraunen Augen waren nicht nur optisch das Gegenteil von ihr. Ich wettete, sie hatte noch nie eine echte harte Zeit durchgemacht.
Ich wollte einfach loslassen und Spaß haben. Ich ging auf die kleine Tanzfläche, wo ein paar Leute tanzten. Ich schloss die Augen, legte die Hände auf meine Hüften und fing an, mich zur Musik zu bewegen.
In diesem Moment vergaß ich alles außer der Musik. Die anderen Leute waren mir egal. Vor allem der Typ, der mich immer noch beobachtete. Ich konnte die Hitze seines Blickes auf meiner Haut spüren.
Als das Lied zu Ende war, ging ich zur Bar. Ich wusste genau, dass er mich immer noch im Visier hatte. Der Typ auf dem Barhocker schenkte mir ein flirty Lächeln, und ich lächelte zurück.
„Was trinkst du?“, fragte er vielsagend.
Ich sagte es ihm und er bestellte mir noch ein Bier. Bis jetzt hatte ich für keinen meiner Drinks selbst bezahlt.
„Bleibst du länger?“, fragte der Mann. Er war viel älter als ich, locker alt genug, um mein Vater zu sein.
Ich hatte meine Eltern nie kennengelernt. Ich hatte keine Ahnung, wer sie waren. In einer stürmischen Nacht vor achtzehn Jahren wurde ich auf den Stufen einer Kirche ausgesetzt. Ich kannte nicht mal mein Geburtsdatum. Mein Leben war auf jede erdenkliche Weise fucked up. Verlassen und ungeliebt.
„Kommt ganz drauf an.“ Ich zwinkerte ihm zu und rückte etwas näher. Dabei achtete ich darauf, mein Dekolleté mehr in Szene zu setzen. Das war ein Trick, der bei Männern eigentlich immer zog.
Ich berührte leicht seinen Arm und sein Grinsen wurde breiter.
Es gehörte alles zum Plan. Es war viel los, aber ich sah noch einmal über die Schulter, um zu prüfen, ob ich immer noch beobachtet wurde. Der Typ mit den blauen Augen war gerade mit dem Mädchen neben ihm beschäftigt. Ich angelte mir meine Opfer mit einem Versprechen auf mehr. Dann lenkte ich sie lange genug ab, um ihnen das Portemonnaie aus der Gesäßtasche zu ziehen.
Der Typ an der Bar war so von meinem verführerischen Lächeln gefesselt, dass er nicht merkte, wie ich die Scheine aus seinem Portemonnaie fischte. Ich steckte es zurück und schob das Geld in meine Jeans. Es war perfekt gelaufen, wie aus einem Guss.
Ich nahm einen Schluck von meinem Bier. „Danke.“
Das galt nicht nur für den Drink. Es war auch für das Geld, das er unwissentlich für mein Zimmer im nahen Motel gespendet hatte. Wegen meiner kriminellen Vergangenheit war es leider schwer, einen Job zu finden. Also musste ich mit meinen weniger legalen Talenten über die Runden kommen.
Plötzlich schloss sich eine große Hand fest um mein Handgelenk. Ich runzelte die Stirn und musste zu den bekannten eisblauen Augen aufsehen.
„Gib es zurück“, befahl er barsch.
Ich zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht, wovon du redest.“
Ich war aufgeflogen, aber ich würde es trotzdem nicht zugeben. In solchen Situationen hatte ich gelernt zu lügen. Und wenn das nicht half, log man einfach noch mehr. Wenn gar nichts mehr ging, war es Zeit für die Tränen-Nummer.
Bei Männern funktionierte das normalerweise gut. Aber ich bezweifelte, dass dieser Typ auf meine Tricks reinfallen würde. Sein Blick wich nicht von meinem Gesicht ab. Er warf keinen heimlichen Blick auf mein üppiges Dekolleté, wie es die meisten anderen Männer getan hätten. Das zeigte mir, dass ich ihn weder verführen noch einwickeln konnte. Es kam selten vor, dass ich jemanden nicht manipulieren konnte.
„Sofort“, befahl er leise und drückte fester zu.
Er war stark. Es gab keine Chance, mich loszureißen und zu flüchten. Ich hasste diesen Kontrollverlust in diesem Moment.
Der Mann auf dem Barhocker schaute verwirrt. „Was ist hier los, Maverick?“
Maverick. Der Name passte zu dem Arschloch.
Er zog mich näher zu sich. „Der Sheriff sitzt drei Plätze weiter. Wenn du die Nacht im Knast verbringen willst, kann ich das gerne arrangieren.“
Das passte mir gerade gar nicht in den Kram. Ich hatte wirklich keine Lust, meine ohnehin schon lange Liste an Vorstrafen zu erweitern. Außerdem wollte ich keine Nacht länger in diesem Kaff bleiben als unbedingt nötig.
Ich warf Maverick einen vernichtenden Blick zu, holte das Geld heraus und legte es widerwillig auf die Bar.
„Es ist Zeit für dich zu verschwinden“, flüsterte Maverick hart. Ich funkelte ihn an und versuchte, keine Szene zu machen. Aber es war fast unmöglich, die Wut zu zügeln, die in mir hochkochte.
Ich riss meine Hand los, konnte aber seinen Griff um meine Taille immer noch spüren. „Du bist ein echter Spielverderber“, murmelte ich. Dann setzte ich ein leichtes Lächeln auf, um den brodelnden Zorn unter der Oberfläche zu verbergen.
Ich beeilte mich nicht. Stattdessen schlenderte ich ganz gemächlich zum Ausgang. Ich öffnete die Tür und ging, ohne mich noch einmal umzusehen, obwohl ich es eigentlich wollte. Es war eine reine Sache der Kontrolle. Wenn ich dem Drang nachgegeben hätte, ihn noch einmal anzusehen, hätte ich ihm die Macht überlassen. Es ging immer nur darum, die Situation zu beherrschen.
Die Momente ohne Kontrolle machten mir am meisten Angst. Sie weckten Erinnerungen an das kleine Mädchen, das nie über ihr eigenes Leben bestimmen durfte. Zumindest bis sie vor einem Jahr aus dem Waisenhaus abgehauen war.
Draußen war es kalt und ich zitterte. „Sexy“ beinhaltete leider keine warme Jacke, aber ich musste eben tun, was nötig war, um zu überleben. Die Wut von vorhin brannte immer noch in mir. Ich wollte Rache. Ich wollte ihm dieses arrogante Grinsen aus dem Gesicht wischen. Das Gefühl übermannte mich fast. Ich musste im Kopf bis zehn zählen, um mich wieder zu fangen. Sonst hätte mich das wieder in Teufels Küche gebracht. Und das endete für mich meistens böse.
Ich machte mich auf den kurzen Weg zu meinem Motel.
Das Geräusch eines herannahenden Autos beachtete ich kaum. Erst als es mit quietschenden Reifen direkt neben mir anhielt, blieb ich stehen. Es war dunkel, aber ich erkannte Maverick sofort, als er von der Beifahrerseite des Trucks ausstieg.
„Steig ein“, befahl er kalt, während sich die hintere Tür des Trucks öffnete.
Ich sah den Typen an, der hinten saß. Er wirkte genauso wenig einladend wie Maverick.
„Nicht im Traum“, sagte ich und schüttelte den Kopf. „Ich gehe nirgendwo mit euch hin.“
Wer zum Teufel glaubte er eigentlich, wer er war?
„Ich habe es im Guten versucht“, murmelte er, bevor er mich packte. Ich stemmte mich mit aller Kraft gegen ihn, aber er war einfach zu stark.
Jemand kam von hinten und hielt mir ein Tuch über den Mund, während ich mich wehrte. Es roch nach Chemikalien. Ich versuchte zu entkommen, aber dann schluckte mich die Dunkelheit.