Das Bad
Weißt du was mich glücklich macht? Ein Bad.
Eine Wanne, gefüllt mit warmem Wasser. Und dazu ein Schuss von diesem ätherischen Öl-Dings, wo “Träume” draufsteht. Und dann lege ich mich rein, spüre das angenehm aufsteigende Gefühl der Zuversicht. Ja! Die nächsten zwanzig Minuten werden toll.
Wenn ich mich hingesetzt habe, lege ich meine Hände ins Wasser und spüre den Fluss des Blutes in meinen Handgelenken - als würde das Wasser in meine Adern langsam eindringen. Für den einen mag das unangenehm klingen, aber glaub mir: Das kann was.
Auf der Waschmaschine steht meine Bluetooth-Box von so einer bekannten Marke. Sie ist kleiner als mein Mobiltelefon, aber hat mehr Bass, als die eingebauten Lautsprecher meines Handys. Ich habe die geschenkt bekommen, hätte sie mir niemals gekauft. “Was soll das schon können?“
Die Klänge des Orchesters mit den Geigen im Vordergrund kommen gut rüber. Die Akustik in meinem Badezimmer hat, ob der kleinen Raumfläche, fast Umgebungsklang.
Plötzlich spüre ich die Entspannung, die meinen Körper eingenommen hat. Und ich möchte eine Zigarette rauchen. Doch die liegen am Balkon. Vielleicht ist das ein Zeichen. Ich meine: Was ist spontan stressauslösender als Nikotin? Ach ja. Mein Leben.
Und da komme ich wieder zur Melancholie zurück, die plakativ auf meiner Geburtsurkunde steht. Die Etikettier-Branche hätte eine Freude mit mir. „Melancholie, das Elixier meines Lebens.“ Natürlich wären die Sticker schwarz oder dunkelgrau, die Schrift weiß, handgeschrieben.
Meine Gedanken gehen aus der Badewanne und trocknen sich ab. Meine Brust verwandelt sich zu Blei. Das dufte Wasser rinnt in die dunklen Gefilden meines Unterbewusstseins. Ich stelle es infrage. “Ist das wirklich notwendig? Funktioniere ich dadurch besser?” Einen Haushalt zu finanzieren ist teuer. Ich denke an jeden Milliliter, in dem ich bade, wie viel er kostet. Und dieses preislich unerschwingliche Öl, das das Wasser fliederfarbig macht. Und dabei ist der Badeschaum nicht einmal langlebig. Obwohl ich gar keinen Wert darauf lege. Aber da bin ich wieder mit meiner Aversion gegen einfach alles. Ich habe mich schon als 14-jähriger gefragt, was das alles soll.
„Sie doch mal das Leben von der Sonnenseite aus!“
„Die Sonne hat eine Million Grad, Mann!“
Locker. Geschmeidig. Immer ein Grinsen im Gesicht. Mag ja schön sein.
Traurig. Schwer. Resting-Asshole-Face. Hilft mir auch nicht weiter.
Ich pfeife drauf und nehme meine ganze Kraft zusammen, um mich aus der Badewanne zu hieven. Da steigt man einmal ins Badewasser und kommt schwerer raus als rein! Muss das Wasser sein, das den Widerstand leistet…
Das Handtuch liegt zerknüllt am Fliesenboden. Ich stehe gerade da und blicke hinab. Ich verdränge den Gedanken mich jetzt bücken zu müssen und mache es einfach. Ein Freund sagte immer: „Du musst tun.“
Nach 20 Jahren habe ich endlich kapiert was das heißen soll. Er war jünger als ich und bilde mir ein, dass er graubärtig war und faltige Haut hatte. Ein weiser, alter Mann sagte zu mir: „Tu.“
Jetzt fühle ich mich nicht mehr so klein und dumm.
Während ich inzwischen abgetrocknet war, löse ich den Ausschaltknopf auf meiner Bluetooth-Box und lausche dem schlürfenden Abfluss. Irgendwo dazwischen hörte ich Wassertropfen runterfallen. Diese Geräuschkulisse mag ich. Vielleicht drängt mich mein Unterbewusstsein nur deshalb in die Badewanne, weil es eigentlich nur hören mag, wie alles zum Teufel geht. Das teure Wasser fließt ab, mitsamt dem ätherischen Öl. Was für eine Verschwendung.
Es ist 11:51. Zirka achtzig Prozent der Bevölkerung gehen in dem Moment einer Tätigkeit nach, die zum Gemeinwohl beiträgt. Sie rackern sich ab, benutzen ihre Körper für irgendwen anderen und zahlen in die Sozialversicherung ein, von der ich seit ein paar Tagen lebe. An dieser Stelle, vielen Dank. Aber Moment! Eine Stimme sagt mir, dass ich selbst lange Zeit eingezahlt habe. So fuck it! Ich kann mich selbst am besten schlecht machen. Kannst du dir einen Reim daraus machen? Das Ich sagt zu meinem Ich, dass ich nicht schlecht bin. Wie kann das sein? Habe ich zwei Gehirne in meinem Schädel?
Damit wäre Teil eins von 1000 geschrieben. Mein Leben hat viele Facetten. Deines auch? Und wie stehst du zu einem guten heißen Bad?