Pushing Limits

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Zusammenfassung

Über zwei Menschen, die erst miteinander schlafen und sich danach kennenlernen. Und auf tiefe Abgründe treffen. Die Chemie schien doch perfekt zu stimmen. Aber wieso meldete sie sich dann nicht? Wieso hakt er sie dann doch so schnell ab? Und warum - und von wem - wird er ständig brutal zusammen geschlagen? Und ist es nur Zufall, dass sich ihre Wege ständig kreuzen?

Genre:
Drama
Autor:
Lijah_del_mar
Status:
In Arbeit
Kapitel:
18
Rating
n/a
Altersfreigabe
18+

September I

Die Party war in vollem Gange und Ari hasste jede Sekunde, die sie bereits auf ihr verbracht hatte. Obwohl der Abend bereits fortgeschritten war, war es für eine Nacht im September noch immer hochsommerlich warm. Und schwül. Der Klimawandel hat auch seine angenehmen Seiten. Auch wenn ich gerade lieber einen Rollkragenpulli als dieses schulterfreie Kleid tragen würde …

Ari und die meisten ihrer Kommilitoninnen, vor allem jene, die in knappen, hauchzarten Sommerkleidchen für reiche, alte Männer hübsch anzusehen waren, sind von ihrer Dekanin, Prof. Dr. Roxana Casius, praktisch gezwungen worden, die jährliche Wohltätigkeitsveranstaltung der Hochschule zu unterstützen. Das Motiv war natürlich von vornherein klar: Die Mädels sollten mit den reichen Gönnern flirten, um die Spenden anzukurbeln. Und bisher sah alles danach aus, dass der Plan der Dekanin aufging. In einer gläsernen Urne im Zentrum des geschmückten Gartens befanden sich bereits zahlreiche Schecks.

Der Großteil der Gäste war inzwischen einigermaßen betrunken und viele der Mädels ebenfalls. Unter anderem Ari. Anfangs fühlte sie sich noch geschmeichelt, wenn die Herren ihr Komplimente über ihr Kleid, ihre Frisur oder ihr gesamtes Erscheinungsbild machten und Cocktails und Sekt ausgaben. Doch mit zunehmendem Alkoholkonsum registrierte sie genervt auch immer häufiger fremde Hände auf ihrem Hintern, die sie bisweilen sogar in die Backen kniffen. Empört und nur mit Mühe beherrscht hatte sich die junge Studentin dann höflich aus den Gesprächen gewunden.

Nach einem besonders penetranten Herrn, der sie über eine Stunde an sich gebunden und schamlos, wenn auch unauffällig, befummelt hatte, ist der jungen Frau jedoch der Kragen geplatzt. Aus Versehen schüttete sie dem alten Sack ihr halb volles Sektglas über das weiße Hemd. Aufgeregt entschuldigte sie sich sofort tausendfach und rannte davon, um trockene Tücher zu holen. Das war nun eine Viertelstunde her und Ari stand inzwischen auf dem Dach eines fünfstöckigen Wohnheims, gleich neben dem Garten, in dem die Party stattfand, und sah auf das Spektakel herab.

Ob er immer noch auf sie wartete? Ari kicherte, hoffte aber, dass der Alte sich ihren Namen nicht gemerkt hatte, um sich am Ende bei Prof. Casius über sie zu beschweren.

„Was ist so lustig?“

Halb zu Tode erschrocken, fuhr das Mädchen zusammen und stieß einen leisen Schrei aus. Ari hatte angenommen, sie wäre allein auf dem Dach. Doch als sie durch die Tür getreten war, hatte sie sich auch nicht besonders aufmerksam umgesehen, sondern ist direkt auf die brusthohe Mauer am Rand getreten. Nun stand wie aus dem Nichts, kaum einen Meter neben ihr, ein hochgewachsener junger Mann. Sie schätzte ihn auf Anfang zwanzig, ungefähr so alt wie sie selbst. Vermutlich auch ein Student, der in diesem Wohnheim sein Zimmer hatte.

Er musterte sie langsam von oben bis unten. Sein missbilligender Blick sprach Bände. Nach seiner Ansicht war sie wohl kaum besser als eine Nutte.

„Solltest du nicht langsam zurück und dich auf billigen Champagner und Cocktails einladen lassen, um dir deinen Studienplatz zu sichern?“, forderte er sie unfreundlich auf, als fühlte er sich von ihrer bloßen Anwesenheit belästigt.

„Nö“, antwortete sie unbeeindruckt, griff nach ihrer kleinen Umhängetasche und förderte ein schmales Tabakpäckchen zutage. „Scheiß drauf!“

Erstaunt zog der Mann die Augenbrauen fast bis zum Haaransatz. Doch während er beobachtete, wie sich das Mädchen eine Zigarette drehte, regte sich ein Grinsen auf seinem Gesicht.

Den dünnen Filter noch zwischen den Lippen, rollte Ari ihre Kippe und sah den Kerl ohne Scheu an. Das schiefe Grinsen stand ihm ausgezeichnet, gestand sie sich schmunzelnd ein.

„Auch eine?“, fragte sie gut gelaunt.

„Gern“, erwiderte er nach einem kurzen, skeptischen Zögern. Ari reichte ihm die fertige Selbstgedrehte und begann eine zweite für sich. Der junge Mann wartete, bis sie fertig war, und bot ihr anschließend Feuer an. Nachdem beide Zigaretten entflammt waren, streckte Ari ihm ihre Hand entgegen.

„Ich bin Ari. Hab nur gerade über meine Flucht von der Party gelacht“, feixte die Studentin. „Thomas, aber nenn mich Tom“, erwiderte er plötzlich viel freundlicher und ergriff mit fragendem Blick ihre Hand. Ari inhalierte einen Zug, bevor sie ihm von ihrer Finte erzählte, und anschließend lachten beide darüber.

„Du bist echt eine ungewöhnliche Erscheinung“, meinte Tom nach einer Weile.

„Was meinst du?“ Ari legte ihren Kopf leicht auf die Seite und sah ihn aufmerksam an. Er trug ein schwarzes Band-Shirt einer Gruppe, die sie nicht kannte, eine knielange schwarze Hose und ein paar der zeitlosen Sk8-Hi Vans, von denen sie selbst ein paar im Schrank hatte. Seine dunklen Haare verschmolzen mit der Nacht. Doch seine muskulöse Gestalt konnte die mondlose Nacht nicht verbergen. Wirklich ein gut aussehender Kerl!

„Naja, verzeih mir die Wortwahl, aber in diesem Fummel siehst du aus wie eine relativ teure Prostituierte. Das Kleid ist echt furchtbar und diese Schuhe …“ Er machte eine Pause, als würde er nach Worten für eine diplomatische Beschreibung derselben suchen, gab es dann aber scheinbar auf. „Wie konntest du mit denen auf dem Rasen überhaupt laufen?“

Sein Ton verriet deutlich, dass er, im Gegensatz zu den alten Geldsäcken, von ihrem Outfit nicht sehr angetan war.

„Hm. Na, immerhin relativ teuer. Und das sind, nebenbei bemerkt, Stehschuhe“, scherzte sie. Sie nahm ihm seine Ansicht nicht übel. Wenn sie es sich hätte aussuchen können, wäre sie auch nicht in weißen, acht Zentimeter hohen Highheels und einem engen weißen Satinkleid, das ihr zwar bis zu den Knien reichte, jedoch ziemlich hoch geschlitzt war, erschienen. Doch es gab einen Dresscode und das Motto lautete „Engel in Weiß“ – passend für die medizinischen Fakultäten. Und dieses war das einzige Outfit, das nicht nur passte, sondern das sie auch besaß. Ein einmalig getragenes Relikt, von irgendeiner Feier voller Schnösel und Schlipsträger, irgendeiner Bekannten ihrer Mutter. Außerdem hatte sie nicht extra einkaufen gehen wollen.

„Aber hier stehst du, drehst selbst, statt komplett weiße und dünne Zigaretten mit Zigarettenspitze zu rauchen, nimmst nicht sehr damenhafte Ausdrücke in den Mund und freust dich schelmisch, dass du einem fetten Typ ein Schnippchen geschlagen hast.“ Er schüttelte den Kopf und hob die Schultern, als wäre er völlig ratlos, wie so eine Kombination nur zustande kommen konnte. Doch er lächelte auch.

„Tja“, machte Ari, zupfte ihr Kleid geziert zurecht, stemmte die Hände in die Hüfte, die Zigarette im Mundwinkel, und sah ziemlich zufrieden mit sich aus. „Und du? Versteckst du dich auch auf dem Dach?“

„Nee“, erwiderte er und deutete mit dem Kopf hinter sich. Ari beugte sich etwas zur Seite, spähte um ihn herum und entdeckte ein Teleskop. Interessiert näherte sie sich und sah nun auch eine Kamera, die am Okular befestigt war.

„Perfekte Nacht“, erklärte Tom, der ihr gefolgt war. „Durch die tiefe Dunkelheit bei Neumond sieht man die Sterne viel besser. Außerdem sieht man in dieser Jahreszeit die Milchstraße in unseren Breiten besonders gut.“

Ari legte den Kopf in den Nacken und strich sich eine widerspenstige, kupferne Strähne aus der Stirn. Über ihren Köpfen breitete sich das helle Sternenband aus. Wunderschön. Unten, bei der Party, waren die Sterne durch die vielen Fackeln und Lampions kaum zu erkennen gewesen, doch auf dem Dach war der Anblick atemberaubend.

Von Westen nahten jedoch schon die vom Wetterdienst angesagten Regenwolken heran. Es hatte eine Gewitterwarnung in den Medien gegeben und alle hatten schon um das Fest gebangt. Da aber auch am frühen Abend, als alle Vorbereitungen endlich abgeschlossen waren, sich noch kein Wölkchen am Himmel gezeigt hatte, wollte die Hochschulleitung die Benefizveranstaltung nicht absagen. Obwohl das Mädchen diesem gut aussehenden Sternbeobachter einen klaren Himmel gönnte, wünschte sie sich das Gewitter sehnlichst herbei, um endlich verschwinden und nach Hause abhauen zu können.

„Fast perfekt“, murmelte Ari.

„Ja“, seufzte der junge Mann. „Ich bin ehrlich gesagt schon begeistert, dass der Himmel so lange klar geblieben ist. Und die Kamera ist bald fertig.“ Thomas zog ein Smartphone aus seiner Tasche und betrachtete nickend den Bildschirm. „Ich hab eine App, mit der ich die Belichtungsreihen steuern und auslösen kann. Schon der kleinste Wackler, wie manuelles Auslösen, zerstört stundenlange Arbeit“, dozierte er.

„Cooles Hobby“, war alles, was Ari beisteuern konnte. Die einzige Kamera, die sie besaß, befand sich an ihrem Handy. Doch sie war schon immer von Deep-Sky-Fotos fasziniert gewesen. Nur eben nicht genug, um sich über nötiges Equipment Gedanken zu machen. Außerdem litt sie an chronischem Geldmangel.

„Stört denn beim Aufnehmen nicht das Licht von unten?“ Sie zog an ihrer Zigarette und das helle Aufleuchten der Glut fiel auf. „Oder das von den Zigaretten?“

„Rauchen stört nicht. Und das Licht von unten … naja, eigentlich auch nicht, da ich mit dem Reflektor ja ziemlich weit zoome. Und die Kamera macht nach jedem Bild ein automatisches Dunkelbild. Gegen fehlerhafte Pixel und so.“

„Wow. Echt abgefahren. Was hast du schon alles so fotografiert? Hast du schon fertige Bilder?“

„Klar, ich hab ein paar Nebel und Sternhaufen und unseren Mond“, antwortete er enthusiastisch und ehrlich erfreut. „Ich würde dir die ja Bilder zeigen, aber musst du nicht zurück?“

„Aaach … ich muss mich, ehrlich gesagt, nicht weiter von irgendwelchen alten, besoffenen Typen begrapschen lassen.“ Sie setzte ihr süßestes Lächeln auf. „Komm schon, rette mich!“

Tom lachte und schnippte die aufgerauchte Kippe über die Mauer. „Na dann los.“

„Yay!“, jauchzte sie und gemeinsam verließen sie das Dach.

Sie traten durch die große Flügeltür und als sie den Bewegungsmelder passierten, sprang sofort das Licht an. Ari kniff die Augen zusammen und blinzelte gegen die plötzliche und ungewohnte Helligkeit. Die Absätze ihrer Schuhe klackerten laut auf den grauen Fliesen. Es war ihr unangenehm. Zum Glück wohnte Tom nur eine Etage tiefer und sie nahmen die Treppe. Bevor Ari die Stufen betrat, zog sie die Heels aus und trug sie in der Hand. Tom grinste und schüttelte leicht den Kopf, enthielt sich aber jeden Kommentars. Auf dem richtigen Flur angekommen, befanden sich rechts und links jeweils fünf Türen. Ari schätzte die Länge des Flures auf höchstens 30 Meter und fragte sich, wie winzig dann erst die Zimmer wären, während sie bis zur letzten Tür auf der linken Seite zuschritten. Ihre Vermutung von einem etwa 15 Quadratmeter messenden Raum, inklusive Nasszelle, bestätigte sich. In der hinteren Ecke stand ein schmales Einzelbett, eingekeilt vom Schreibtisch und einem Bücherregal am Fußende. Das Mädchen beglückwünschte sich innerlich zu der Entscheidung, weiter bei ihrer Mutter zu wohnen. In einem deutlich größeren Zimmer, mit Doppelbett und eigenem Bad. Ansonsten herrschte in dem kleinen Raum das Chaos. Überall lagen Klamotten, Pfandflaschen und Bücher herum, der Schreibtisch war voller Kleinkram, leerer Teller, Becher und einer großen Kaffeetasse.

„Gemütlich!“, kommentierte Ari und grinste, als Thomas verlegen den Blick senkte.

„Ich konnte ja nicht ahnen, dass äh … ich noch Damenbesuch haben würde.“

„Wenn deine Kommilitonen durch ihre Türspione geguckt hätten, würden sie sicher was anderes denken“, feixte Ari und warf sich theatralisch ihren langen, kompliziert geflochtenen Zopf über die Schulter.

„Auch wenn es nur relativ teuer ist, könnte ich mir dich trotzdem nicht leisten“, ging er lachend darauf ein.

„Tja, Geldsorgen sind bei uns Studenten wohl ein generelles Problem.“

„Ach, du studierst wirklich hier?“, fragte Tom verwundert.

„Ja! Du hast doch nicht wirklich gedacht, ich wär …“ Geschockt sah sie ihn nun doch etwas gekränkt an.

„Nein! Nein, ich dachte, du wärst vielleicht eine Hostess oder so … Äh, also Medizinstudentin, was?“, stammelte er und versuchte, vom Thema abzulenken.

„Naja, ja. „Aber nicht für Humanmedizin“, sagte sie und fragte sich, ob es nicht eigentlich sogar ein Kompliment war, für eine relativ teure Bordsteinschwalbe gehalten worden zu sein. Immerhin sind die, die es nicht für Drogen oder Ähnliches tun, gemeinhin ziemlich hübsch.

„Also wirst du Tierärztin?“, unterbrach er ihre Grübelei und grinste. „Was? Oh, äh, ja. Tierärztin“, beeilte sie sich zu antworten, als ihr auffiel, dass er sie das bereits zum zweiten Mal gefragt hatte. Während sie ihn gedankenverloren angestarrt hatte. Sie hoffte, dass ihr kein Sabberfaden im Mundwinkel hing. Um sich aus der Affäre zu ziehen, wechselte sie ohne weitere Umschweife das Thema: „Also. Deine Sternenfotos.“

„Ah stimmt. Es gab einen Grund, wieso wir hergekommen sind.“

Er stellte sich vor ein schmales Bücherregal, das hauptsächlich mit Ringordnern, Heftern und Mappen gefüllt war, und beugte sich zum untersten Fach. Aris’ Blick blieb an seinem Hintern hängen, während er eine Mappe hervorzog. Als er sich wieder aufrichtete, hatte sich das Mädchen bereits wieder im Griff, lächelte unschuldig und trat rasch neben den attraktiven Studenten.

„Was studierst du eigentlich? Physik?“, hakte sie nach.

„Nee, aber gut geschlussfolgert“, antwortete er anerkennend. „Astrophysik wär schon geil, aber gibt’s hier leider nur nicht. Ich mache Fotojournalismus und Dokumentarfotografie. Hat also auch was mit Fotografieren zu tun.“ Er zwinkerte ihr zu und lächelte sie einen Moment länger an, als es für eine sittsame Unterhaltung üblich gewesen wäre. Ari spürte sofort, wie ihre Wangen Feuer fingen, doch das Lächeln, das sich hartnäckig auf ihren Lippen hielt, konnte sie auch nicht unterdrücken.

Er brach den Blickkontakt zuerst und Ari war dankbar dafür. Sie konnte in diesem Aufzug unmöglich über diesen unverschämt heißen Kerl herfallen, vor allem da sie wusste, wie wenig sie ihm darin gefiel. Oh Mann … Ist das nur der Alkohol? Ich muss ganz dringend ins Bett. Oder unter die Dusche. Ich hoffe, die Batterien sind noch voll genug …