Prolog
Zuerst war das Gefühl einfach falsch.
Kein Schmerz, nicht einmal Angst, sondern die stille Orientierungslosigkeit, an einem Ort aufzuwachen, der ihr fremd war. Isla Merrick kämpfte sich langsam durch die dichte Schwere des Schlafs nach oben. Ihre Gedanken bewegten sich durch eine Dunkelheit, die tiefer wirkte als gewöhnliche Erschöpfung. Ihr Körper schien sich gegen die leisen Signale zu wehren, die ihr Geist ihm sandte. Die seltsame Schwere in ihren Gliedern ließ sie für einen Moment unsicher sein, ob sie erst Minuten oder schon Stunden geschlafen hatte. Ein paar Sekunden lang blieb sie in dieser nebligen Zwischenwelt aus Schlaf und Wachen gefangen, nur das weiche Gefühl unter ihrem Rücken und der schwache Druck von Stoff auf ihrer Haut nahmen ihre Sinne wahr.
Dann begann sie die Stille wahrzunehmen.
Es war nicht die angenehme Ruhe eines vertrauten Zimmers, sondern etwas Vollkommeneres. Es war die Art von Stille, die Geräusche eher aufzusaugen schien, anstatt nur keine zuzulassen. Irgendwo in der Ferne tickte eine Uhr. Der schwache, mechanische Rhythmus war beständig genug, um ihre treibenden Gedanken zu verankern.
Tick.
Tick.
Das Geräusch wiederholte sich mit geduldiger Sicherheit. Jede Sekunde zog sie ein Stück weiter zurück ins Bewusstsein. Ihre Stirn legte sich leicht in Falten, als die Erinnerung in verstreuten Fragmenten zurückkehrte, die noch nicht so recht zusammenpassten. Musik. Helles Licht. Der Druck der Menschen, die sich in der stickigen Wärme einer Bar um sie drängten. Klara, die neben ihr lachte. Die herbe Süße von etwas Starkem mit Zitrusnote in einem hohen Glas.
Mono.
Upper Street.
Ihre Freunde.
Die Erinnerung veränderte sich schlagartig.
Die Bar.
Ein Mann, der neben ihr daran lehnte.
Jared.
Für einen Moment blieb dieses Bild mit überraschender Deutlichkeit bestehen. Das lässige Selbstvertrauen in seinem Lächeln, die Art, wie er nah genug an sie herangetreten war, um sie über die Musik hinweg zu hören, die kurze Wärme seiner Hand an ihrem unteren Rücken, als jemand hinter ihr vorbeidrängte.
Danach wurden die Erinnerungen lückenhaft.
Das Auto.
Champagner.
Eine plötzliche Schwere, die wie zu schnell einsetzende Müdigkeit durch ihre Glieder kroch.
Und dann –
Nichts.
Isla öffnete die Augen.
Einige Sekunden lang bewegte sie sich nicht. Die Decke über ihr war fremd. Ihre Farbe war tiefer als das blasse Weiß, das sie erwartet hätte, wenn sie zu Hause aufgewacht wäre. Auch der schwache Duft in der Luft war anders; etwas Üppigeres als der saubere, gewöhnliche Geruch ihrer kleinen Wohnung. Ihre Gedanken mühten sich, die Bruchstücke der Nacht zu einer sinnvollen Abfolge zusammenzusetzen, doch die Lücke zwischen dem Auto und diesem Zimmer blieb hartnäckig leer.
Ein Anflug von Unbehagen machte sich leise in ihrer Brust bemerkbar.
Sie setzte sich langsam auf und stützte sich mit einer Hand auf dem Samt unter ihr ab, um das Gleichgewicht zu halten, während sich der Raum um sie herum stabilisierte. Der Stoff fühlte sich unter ihren Fingern weich an, auf eine Art, die sofort bestätigte, was ihr Verstand bereits zu ahnen begann.
Sie war nicht da, wo sie sein sollte.
Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie nicht allein war.
Die Erkenntnis kam ohne Vorwarnung, eher als eine subtile Veränderung ihres Instinkts und nicht durch etwas, das sie sofort sah. Die Luft im Raum wirkte belegt, was die feinen Härchen in ihrem Nacken aufstehen ließ, noch bevor sie vollends verstand, warum.
Isla drehte den Kopf.
Auf der anderen Seite des Zimmers saß ein Mann in einem Sessel und beobachtete sie.
Einen Moment lang weigerte sich ihr Geist, das zu deuten, was ihre Augen sahen. Die Situation war zu seltsam und zu weit entfernt von allem, was sie nach dem Erwachen erwartet hätte. Er ragte nicht über ihr auf, bewegte sich nicht auf sie zu und sprach nicht. Er saß einfach nur da, mit der stillen Gelassenheit eines Menschen, der geduldig darauf gewartet hatte, dass sie die Augen öffnete.
Der gewohnte Reflex der Höflichkeit stieg instinktiv in ihr auf, noch bevor die tiefere Angst Zeit hatte, sich zu formen.
Sie holte Luft und sprach.
„Wo bin ich?“
Für einen Moment antwortete der Mann nicht, und in der Stille, die darauf folgte, begriff Isla etwas, das sie mehr beunruhigte als das fremde Zimmer selbst.
Er sah aus, als hätte er nur darauf gewartet zu sehen, was sie tun würde, wenn sie die Augen aufschlug.