Kapitel 1: Schatten der Nacht
London leuchtete im sanften Licht des Abends. Autos bewegten sich über die nassen Straßen und hohe Gebäude spiegelten die flackernden Lichter der Stadt wider.
In einem der Bürogebäude saß Yazhini und erledigte in aller Stille ihre letzte Arbeit des Tages.
Sie sah aus wie jede andere junge Frau, die lange im Büro arbeitete.
Doch Yazhinis Leben war noch nie gewöhnlich gewesen.
Sie war in einem kleinen Waisenhaus aufgewachsen. Sie hatte keine Erinnerung an ihre Eltern und nirgendwo auf der Welt wartete eine Familie auf sie. Das Waisenhaus war das einzige Zuhause, das sie je gekannt hatte.
Dort hatte sie gelernt, zu überleben.
Dort hatte sie den Wert von Freundlichkeit gelernt.
Vielleicht war Yazhini deshalb schon immer anders gewesen.
Selbst nachdem sie endlich einen Job in einem Unternehmen in London bekommen hatte, vergaß sie nie, woher sie stammte.
Jeden Monat schickte sie einen großen Teil ihres Gehalts an das Waisenhaus zurück.
Für die Kinder, die an demselben Ort aufwuchsen, der sie einst großgezogen hatte.
Für die kleinen Leben, die eine Chance auf eine bessere Zukunft verdienten.
Yazhini klappte sanft ihren Laptop zu und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.
Die Büroetage war inzwischen fast leer.
Sie nahm ihr Handy zur Hand und überprüfte die Benachrichtigung, die gerade erschienen war.
„Überweisung erfolgreich.“
Ihre monatliche Spende war gerade verschickt worden.
Ein kleines, friedliches Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Den Kindern zu helfen, gab ihr immer das Gefühl, dass sie noch irgendwo auf dieser Welt dazugehörte.
Nachdem sie ihre Tasche gepackt hatte, verließ Yazhini das Gebäude und trat in die kühle Londoner Nacht hinaus.
Die Straßen waren nun ruhiger; nur noch wenige Autos fuhren vorbei.
Sie machte sich auf den Weg in Richtung der Straße, in der ihre Wohnung lag.
Alles um sie herum wirkte ruhig.
Normal.
Sicher.
Yazhini ahnte nicht...
Dass ihr Leben, noch bevor diese Nacht zu Ende war—
Für immer verändert sein würde.
Ein paar Straßen weiter...
Wurde die nächtliche Stille Londons plötzlich vom ohrenbetäubenden Lärm von Schüssen zerrissen.
Ein Schuss.
Dann noch einer.
Die scharfen Echos hallten von den hohen Betonwänden einer schmalen Industriegasse wider.
Männer schrien.
Schritte hämmerten auf den nassen Boden.
Irgendwo in der Dunkelheit zersprang Glas.
Mitten in diesem Chaos stand ein Mann, der komplett in Schwarz gekleidet war.
Rudhran Dev Varma.
Kalt.
Ruhig.
Unerschütterlich.
Das fahle Straßenlicht über ihm warf einen schwachen Schein auf seine markanten Gesichtszüge, während er langsam die Pistole in seiner Hand hob.
Ein weiterer Schuss hallte durch die Nacht.
Einer der Gegner brach sofort zusammen.
Rudhran blinzelte nicht einmal.
Um ihn herum waren seine Männer in ein brutales Feuergefecht verwickelt. Kugeln durchschlugen die Luft, während beide Seiten mit rücksichtsloser Entschlossenheit kämpften.
Körper prallten auf den Boden.
Blut spritzte auf den nassen Beton.
Doch Rudhran bewegte sich durch die Gewalt wie ein Sturm.
Ein Mann stürmte wild schreiend mit einem Messer auf ihn zu.
Bevor die Klinge ihn überhaupt berühren konnte—
Hatte Rudhran das Handgelenk des Mannes in der Luft gepackt.
Ein kurzer Dreh.
Ein widerwärtiges Knacken hallte durch die Gasse, als der Knochen brach.
Der Mann schrie auf.
Doch der Laut hielt nur eine Sekunde an.
Rudhran drückte ohne Zögern ab.
Ein weiterer Körper fiel zu Boden.
Sein Gesichtsausdruck blieb unverändert.
Fast gelangweilt.
Für ihn war Gewalt kein Chaos.
Sie war Kontrolle.
Seine Männer kämpften erbittert an seiner Seite und schalteten einen Gegner nach dem anderen aus.
Für einen Moment...
Schien es, als wäre der Kampf bereits vorbei.
Doch plötzlich—
Schnitt das ferne Dröhnen von Motoren durch die Nacht.
Scheinwerfer fluteten die schmale Straße.
Mehrere schwarze Fahrzeuge kamen quietschend am Eingang der Gasse zum Stehen.
Türen flogen auf.
Weitere Männer stiegen aus.
Dutzende von ihnen.
Alle bewaffnet.
Alle bereit.
Verstärkung.
Rudhrans Gegner waren mit einer erdrückenden Übermacht zurückgekehrt.
Erneut brach ein Feuergefecht aus.
Diesmal lauter.
Schneller.
Tödlicher.
Rudhrans Männer feuerten zurück und weigerten sich, sich zurückzuziehen.
Doch die Chancen standen nicht mehr zu ihren Gunsten.
Einer seiner Männer fiel.
Dann noch einer.
Ein weiterer Schuss.
Ein weiterer Körper, der zu Boden sank.
Der Kampf, der einst wie ein Sieg ausgesehen hatte, verwandelte sich langsam in eine Falle.
Die Gegner rückten vorsichtig vor und zogen den Kreis um ihn enger.
Sie hoben ihre Waffen.
Einer nach dem anderen.
Bis Dutzende von Läufen direkt auf Rudhrans Brust zielten.
Jetzt...
Stand der Mafia King im Zentrum einer tödlichen Falle.
Ein großer Mann trat aus den Reihen der Gegner hervor.
Ein grausames Lächeln breitete sich langsam auf seinem Gesicht aus.
Hinter ihm stand ein jüngerer Mann mit scharfen Augen und einem arroganten Grinsen.
Victor.
Die Waffen blieben ruhig und zielten direkt auf Rudhran.
Die Gasse versank in einer unheilvollen Stille.
Nur das ferne Heulen von Polizeisirenen hallte leise durch die Stadt.
Zum ersten Mal, seit der Kampf begonnen hatte...
Hielt Rudhran inne.
Umzingelt.
In der Unterzahl.
Mit vorgehaltener Waffe.
Doch der Ausdruck in seinem Gesicht veränderte sich nicht.
Keine Angst.
Keine Panik.
Nur eine ruhige... gefährliche Stille.
Und nur ein paar Straßen weiter—
Nichts ahnend von dem Sturm, der vor ihr lag—
Ging Yazhini direkt darauf zu.
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