Neuanfang in Dunkeld
Es war jetzt drei Wochen her, dass meine Eltern und ich einen schweren Autounfall hatten. Ich habe mit etwas Glück überlebt. Ich hatte lediglich einige Prellungen, aber meine Eltern erlagen ihren Verletzungen auf dem Weg zum Krankenhaus.
Jetzt war ich auf dem Weg nach Schottland, wo meine Tante Arlena lebt. Meine Großeltern gibt es leider nicht mehr. Für mich ging es in einen Ort namens Dunkeld. Wenn ich daran denke, klingt es nach Dunkelheit, als gäbe es dort keine Sonne oder Ähnliches. Naja, jetzt würde mein Leben dort stattfinden, anstelle im Herzen von London. Ich vermisste jetzt schon mein Tanzstudio und hoffte, dass ich dort auch ein Tanzstudio finden würde, wo ich weitermachen konnte. Einfach aufhören kam nicht infrage. Aufgeben kam nicht infrage. Es war schon immer mein Traum gewesen, eine bekannte Ballerina zu werden. Und fast hätte es geklappt, aber dann kam der Unfall und mein Leben nahm eine Wendung zu meinem Nachteil.
Als ich meine Gedanken an die Vergangenheit abwenden konnte, erklang eine Durchsage vom Piloten, dass wir im Landeanflug sein würden. Ein Seufzen entkam meiner Kehle, dies war nicht das Leben, was ich mir gewünscht oder erhofft hatte. Laut Google würde ich in Edinburgh landen, um dann weiter nach Dunkeld zu fahren, und das würden nochmal eineinhalb Stunden Fahrt bedeuten, Zeit, um alles nochmal nachzudenken, was passiert war.
Am liebsten würde ich einfach abhauen, aber so war ich eigentlich nicht. Und meine Eltern würden das auch nicht von mir wollen. Bestimmt war Arlena nett, immerhin war sie die Schwester meiner Mutter. Zumindest hoffte ich, sie war so warmherzig wie meine Mutter, die immer hinter mir stand. Egal mit was ich zu ihr kam, sie brachte mir immer Verständnis entgegen. Mein Vater war derjenige, der immer dem Ballett etwas kühl gegenüber war. Vermutlich, weil Männer nicht verstanden, welche Disziplin dahinter lag, welche Kontrolle man über seinen Körper haben musste. Ein Fehler könnte fatal enden. Und deswegen machte ich keine Fehler.
Ich holte meinen Koffer vom Gepäckband und schleppte ihn zu einem Taxi, bis eine weibliche Stimme meinen Namen rief. Als die Frau, zu der die Stimme gehörte, mich erreicht hatte, sah ich die Ähnlichkeit zu meine Mutter. Das rotblonde Haar, das auch ich geerbt hatte, es war fast, als stand meine Mutter mir wieder vor mir. Ein Stich in meinem Herzen war zu spüren und ich kämpfte direkt mit den Tränen, ich war nicht so gut mit Gefühlen, aber gerade war es, als drohte ich die Kontrolle darüber zu verlieren. „Du musst Arlena sein, meine...“, begann ich, doch Arlena unterbrach mich direkt. „Elara, es tut mir unendlich leid.“, sagte Arlena mit fast schon gebrochener Stimme, und als ich sie ansah, wurde mir bewusst, ich hatte nicht als einzige etwas verloren, sondern auch sie. Sie hat ihre kleine Schwester verloren. Ich wusste nur aus Erzählungen von Arlena und dass sie älter war als meine Mutter, mehr hatte meine Mutter allerdings nicht gesagt. Ich vermutete einfach, dass ihr Verhältnis nicht so gut war oder irgendwann hatte sich etwas geändert.
Arlena hievte meinen Koffer ins Auto und hatte noch immer diesen schmerzerfüllten Blick, als wäre sie schuld daran, doch der Geisterfahrer war an allem schuld. Ich stieg hinten ein und nahm meine Kopfhörer und mein Handy aus der Tasche. Mir war gerade nicht nach reden, im Allgemeinen tat ich mir schwer, über Gefühle und so zu reden. Gerade als ich meine Kopfhörer aufgesetzt hatte und sich das Auto in Bewegung setzte, wollte Arlena etwas sagen, doch ich wollte nichts hören. Schnell machte ich Sleep Token an und richtete meinen Blick nach draußen.
Die ganze Fahrt über sah ich mir die neue Landschaft an, ich musste zugeben, dass Schottland schon etwas hatte, es war weniger trist wie London, auch wenn mir der Tumult dort weniger fehlte. Meine größte Sorge war es, dort kein Tanzstudio zu finden, das war ein immer wiederkehrender Gedanke, der mir seit Tagen im Kopf herumschwirrte.
Als ich dann das Ortsschild von Dunkeld sah, wusste ich, dass wir fast da waren, mein neues Zuhause. Meine Freude hielt sich in Grenzen, wie sollte es auch anders sein, wenn man in eine neue Umgebung kam, all seine Freunde in London zurücklassen musste und sich alles wieder neu aufbauen musste. Ein kurzer Blick auf mein Handy verriet mir, dass Tatum mir geschrieben hat, meine beste Freundin oder jemand, dem ich am meisten vertraue. „Na, hast du mich schon vergessen?“ Als ich die Worte las, musste ich etwas schmunzeln. „Haha, witzig wie eh und je. Natürlich hab ich dich nicht vergessen. Wie auch. Dich kann man nicht vergessen, dafür hast du gründlich gesorgt.“, schrieb ich ihr zurück und legte mein Handy in meine Jackentasche, bevor ich aus dem Auto stieg.
Arlena war in der Zwischenzeit am Haus angekommen und parkte in der Einfahrt. „So, da wären wir. Dein neues Zuhause. Mein Mann und mein Sohn brennen schon drauf, dich endlich kennen zu lernen.“, meinte meine Tante, und da wurde mir bewusst, dass ich doch noch sowas wie Familie hatte, nicht nur meine Tante, sondern auch einen Onkel und sogar einen Cousin.
Kaum hatte ich das Haus betreten, kam mir ein Junge entgegen, er war etwas jünger als ich, aber deutlich größer als ich. Wenn ich schätzen musste, war er um die 15 oder 16 Jahre alt. Das war dann wohl der Sohn von Arlena. „Sorry, ich muss leider los.“, sagte er und stürmte aus der Haustür, wo ich hinter mir nur Arlena etwas Unverständliches fluchen hörte. Zumindest klang es wie eine andere Sprache, und da erinnerte ich mich an meine Mutter, sie stammen ja von hier, also musste es gälisch gewesen sein. Als ich mich umdrehte, sah ich einen Mann mit Drei-Tage-Bart und dunkelbrauen, fast schwarzen Haaren. Es war das genaue Gegenteil zu Arlena und dem Jungen, der mehr blondes Haar hatte statt des Rottons von Arlena und meiner Mutter. Man könnte meinen, dass die Gene ihres Mannes das Rot verschreckte haben. Der Gedanke brachte mich kurz zum Schmunzeln, ehe mein Blick wieder zu dem Mann vor mir ging. „Guten Tag, Mister Dunveil.“, sagte ich höflich und stellte meine Tasche auf den Boden neben die Garderobe. „Ach nicht so förmlich, meine Gute. Wir sind doch Familie.“, sagte der Mann von Arlena. „Nenn mich doch bitte Grayson.“ Damit war es offiziell das ich wieder sowas wie Familie hatte, jedoch war meine Welt noch immer zerbrochen. Die Familie die ich seit 19 Jahren kannte gab es nicht mehr. Und ich wusste nicht ob ich damit meinen Frieden finden könne. Es war schwer mir das vorzustellen. Alles was ich kannte, bestand immer aus meiner Mutter, meinem Vater und mir. Nur wir drei gegen den Rest der Welt.
Doch das gehörte nun der Vergangenheit an. Und das musste ich nun schmerzlich feststellen. Wollte ich überhaupt eine neue Familie. Nein eigentlich nicht. Ich war im Grunde nicht bereit für sowas, ich schaffte es gerade so klar denken zu können nach allem was passiert war. Und jetzt musste ich mich zwingen in einer Familie zu leben die ich nicht kannte, von deren Existenz ich nicht mal wusste.
Wie sollte das weitergehen, ein Neuanfang und wieder von Null anfangen? Irgendwo im nirgendwo. Alles was mir blieb war mein Wille nie aufzugeben. Für meine Eltern. Für meine Mutter um sie stolz zu machen.