Kapitel 1
Ich traue meinen Ohren nicht, während die Oberstabsärztin direkt vor mir steht und mir einen vollkommen absurden Vorschlag unterbreitet. Mit wildem Kopfschütteln weigere ich mich, um schließlich ein schlichtes, schrilles und zugleich entsetztes 'Nein!' erklingen zu lassen. Sie redet jedoch ununterbrochen weiter auf mich ein, ohne richtig zuzuhören. Und am Ende bleibt mir nur diese unvermeidliche Angst.
„Es ist zu Ihrem Besten", sagt sie vehement und blickt vielsagend über ihre Brille hinweg.
Das wage ich stark zu bezweifeln, allerdings bringe ich diese Äußerung nicht laut über meine Lippen.
„Sie wären in Sicherheit, bevor wir denjenigen ausfindig machen, der Ihnen das angetan hat."
Sicherheit: ein viel zu großes Versprechen.
„Es ist lediglich für eine kurze Zeit."
Aber selbst diese kurze Dauer könnte mir das Genick brechen.
„Wenn derjenige es erneut versucht, wird er sie beschützen."
Als ob er jemals so weit gehen würde ...
„Sie sollten nicht einfach weiter allein unter den Kameraden schlafen."
Ich befürchte, das ist momentan mein geringstes Problem ...
Dennoch prasselt jede einzelne Aussage, jedes Wort unausweichlich und ohne Unterlass auf mich herein. Mittlerweile starre ich sie äußerst entsetzt an, wobei mir langsam klar wird, dass diese Frau eventuell sogar recht haben könnte. Die Wahrheit und meine Einsicht hinterlassen einen elenden Stich, wie von einem Messer, das sie mit jedem ihrer Worte tiefer in mich bohrt. Es schmerzt. Gleichermaßen bezweifle ich, ob ich bei diesem ziemlich einseitigen Gespräch mit der Oberstabsärztin überhaupt zurechnungsfähig bin!?
Abschließend nicke ich nämlich allenfalls stumm und resigniert. Dann beginne ich unter ihrer Aufsicht, meine Habseligkeiten einzupacken, verfolgt von einem andauernden, mulmigen Gefühl.
Kurze Zeit später stehe ich mit Melina Wagner zusammen vor der Ausgangstür unseres Wohnheims. Sie drückt mir ermutigend lächelnd einen kleinen, grünen Bowlingkugel-Anhänger mit dem silbernen Schlüssel in die Hand und verspricht, bald nachzukommen.
Und hier bin ich jetzt! Mit möglichst vorsichtigen Schritten laufe ich unschlüssig und zugleich aufgeregt in dem hellen, sonnendurchfluteten Wohnzimmer auf und ab. Wow, es ist wirklich schön hier! Mein Blick schweift derweil neugierig umher und inspiziert eine spezielle, sterile Ordnung, die an diesem Ort vorherrscht. Offenbar hat alles genau seinen Platz eingenommen, so dass jeder Zentimeter, um den ein Teil verschoben würde, sofort ins Auge sticht.
Ich beschließe nun doch lieber in der Nähe des Türrahmens zwischen Wohnzimmer und Eingangsflur zu warten. Nicht, dass ich aus Versehen diese Struktur zerstöre. Gerade als ich mir die moderne Einrichtung aus der Ferne weiter anschauen möchte, wird plötzlich die Haustür mit einem Ruck aufgerissen. Abgesehen von einem eisigen Luftzug spüre ich schwere, dumpfe Schritte, die sich rasant nähern. Vor lauter Aufregung halte ich den Atem an, denn es ist leider nicht schwer zu erraten, wer dieser 'Jemand' ist! Oh, Scheiße!
Es vergehen lediglich Sekunden, bevor mir eisblaue Augen aus einem vor Wut verzerrtem Gesicht entgegen starren. Ich schlucke meinen Kloß im Hals hinunter, doch er bildet sich erneut. Der General erweckt in diesem Moment nicht unbedingt den Anschein, als würde er den Vorschlag seiner 'Freundin' begrüßen. Auf gewisse Weise verstehe ich ihn sogar, denn ich werde ihm geradewegs vor die Nase gesetzt. Im Übrigen wäre mir das Wiedersehen bei den Übungen schon peinlich genug gewesen. Und jetzt ...
Oh Gott, hoffentlich denkt er nicht, es ist mein Plan, hier zu sein, weil ich mich ihm vorhin quasi erfolglos an den Hals geworfen hatte. Es vermittelt definitiv Stalker-Vibes. Oh, oh, sieht er deshalb so verdammt grimmig aus und taxiert mich mit diesen 'Killeraugen'? Meine Gedanken geraten abrupt ins Stocken, nachdem Davis unvermittelt vor mir zum Stehen kommt. Ich bin nicht in der Lage zurückzuweichen, sondern tatsächlich an Ort und Stelle gefangen durch seinen hasserfüllten Blick.
Er lässt mir weder Zeit zum Durchatmen noch zum Grüßen, bevor er anfängt, mich unverblümt anzuschreien: „Raus hier, Janssen! Verdammt, raus aus MEINEM Haus! Sie haben bei mir nichts verloren!" Seine heftige Reaktion lässt mich ihn entsetzt und mit großen Augen anstarren. Ich bin weiterhin unfähig, mich zu bewegen. Meine Hände zittern vor Aufregung, Adrenalin oder Angst, ich kann es nicht zuordnen. Die Wutausbrüche des Generals sind zwar nichts Neues, aber eine solch katastrophale Reaktion auf meine Anwesenheit hatte ich irgendwie nicht erwartet. Weiß er überhaupt von dem ...
Hinter ihm steht plötzlich eine atemlose Ärztin, die vor Überraschung hörbar die Luft einsaugt. Seine letzten Worte sind offensichtlich nicht an ihr vorbeigegangen, denn sie ruft nun ungläubig: „Tim! Was ist nur in dich gefahren? Du sollst ihr doch keine Angst machen, sondern sie in der nächsten Zeit beschützen. Und zwar so, wie wir es gerade besprochen haben." Davis weiß also schon, warum ich hier bin – bei ihm, in seinem Haus … Es scheint ihn jedoch wenig zu kümmern.
Seine Mimik wirkt eher noch dunkler und bedrohlicher. Genau deswegen schnappe ich rasch mit bebenden Lippen und eisigen Fingern nach meiner schwarzen Reisetasche und dem Bundeswehrrucksack. Beides liegt in unmittelbarer Nähe neben mir auf dem braunen Eichenparkettboden.
Meine folgenden Worte sind kaum hörbar: „Ist schon gut. Ich gehe lieber, das war irgendwie eine schlechte Idee."
Davis ist nach wie vor außer sich. Zwar hängen seine Arme scheinbar lässig herab, doch die geballten Fäuste deuten anderes an. Zusammengezogene Brauen und kalte, abwertende Augen fixieren mein Gesicht. Es ist ein Déjà-vu, allerdings kein angenehmes. Diesen Blick kann ich partout nicht halten oder gar ertragen.
Ein ungewolltes Frösteln überkommt mich, als der General mit heiserer Stimme zischt: „Wir haben nichts 'besprochen', Mel. Und ja, hau bloß schnell ab. Du weißt schließlich sehr genau, wo die Tür ist."
Bevor ich jedoch mehr als zwei Schritte von ihm zurücktreten und endlich weglaufen kann, stellt sich die Ärztin mit dem Rücken schützend vor mich. Sichtlich wütend baut sie ihre beeindruckende Gestalt vor dem General auf, indem sie schnaubend die Hände in ihre Taille stemmt.
„Stopp! Auf der Stelle! Diese junge Frau braucht deine Hilfe und du wirst sie ihr auf keinen Fall verweigern, verdammt noch mal! Du bist in der Pflicht, etwas zu tun, ob besprochen oder vorgeschlagen. Ich glaube es einfach nicht. Jetzt handle und verhalte dich endlich wie ein Vorgesetzter und deinem Rang entsprechend." Ich hüstele peinlich berührt, denn ich bin mir ganz sicher, dass ihn dieser letzte Satz noch zorniger werden lässt. Er rollt sofort genervt mit den Augen.
„Dann nimm du sie doch“, zischt Davis mürrisch, aber Melina Wagner legt jetzt lediglich ihren Kopf schief. Ich frage mich, was ihr stiller Blickkontakt zu bedeuten hat, da der General nur noch leise vor sich hin grummelt. Ihre seltsame Verbindung ist mir unangenehm zu beobachten, deswegen gleiten meine Augen betreten hinunter und fixieren stattdessen die Henkel der Tasche in meiner Hand.
Endlich wage ich, etwas in die Stille hinein zu sagen. Meine Stimme ist leise, aber fest: „Ich kann gut auf mich selbst aufpassen. Vielen Dank für Ihre Bemühungen, Frau Oberstabsärztin." Flüchtend will ich mich schon an den beiden vorbeischieben, da greift sie sanft nach meinem Unterarm.
„Nein, Janssen, es führt kein Weg daran vorbei. Mir tut es wirklich leid, dass Sie Ihren Vorgesetzten auf diese Weise erleben müssen. Allerdings reißt er sich ab sofort zusammen und achtet auf Sie, solange wir den Täter nicht gefasst haben. Es wäre einfach unverantwortlich, Sie allein mit den ganzen Kameraden zu lassen – ohne die Gewissheit, wie der Angriff einzuschätzen ist. Stimmt's, Herr General?"
Ihre Frage trieft beinahe vor Ironie. Melina Wagner braucht zu diesem Zeitpunkt mit Sicherheit keine Zustimmung seinerseits. Es ist buchstäblich eine direkte Ansage an Davis, und sie lässt ihm keinen Spielraum mehr für erneute Proteste. Trotzdem verlässt jetzt ein verächtliches Geräusch seine Kehle.
„Schön. Aber wehe, ich bemerke Ihre Anwesenheit in MEINEM Haus. Kein Geplapper, kein Besuch, keine Musik. Machen Sie sich am besten unsichtbar. Und Finger weg von meinen Sachen. Kennen Sie Ihren Platz, Frau Stabsgefreiter Janssen!"
Bevor ich mit einem 'Wuff wuff' antworte, das mir auf der Zunge liegt, macht der General eine entnervt fuchtelnde Geste mit seinen Armen in meine Richtung. Dann stapft er quer durch das Wohnzimmer zu einem weiteren angrenzenden Flur, öffnet stürmisch eine der vier abgehenden Türen und verschwindet dahinter. Sekunden später schmeißt er diese mit einem lauten Rums hinter sich ins Schloss.
Schlagartig überflutet eine ohrenbetäubende Stille das gesamte Haus. Die Situation ist mir dermaßen peinlich, so dass ich am liebsten im Boden versinken möchte. Schon wieder! Melina Wagner dreht sich zu mir um und lächelt verlegen.
„Auch das tut mir jetzt sehr leid. Ich weiß gar nicht, was heute mit ihm los ist!? Vermutlich sind es der Schlafmangel, dieser ewige Stress und die zahlreichen Verpflichtungen. Sehen Sie es ihm bitte nach. Er ist mit Sicherheit gleich wieder völlig gelassen und entschuldigt sich für sein unmögliches Verhalten", versucht die Ärztin, mich scheinbar besänftigen zu wollen. Ich nicke bloß. Das Wort 'gelassen' bringe ich mit General Grinch nicht unbedingt in Verbindung, aber was weiß ich schon ...
Unterdessen wirft sie ein entschuldigendes Lächeln in meine Richtung, um mit ihren perfekt manikürten roten Fingernägeln den braunen Pony zurechtzuzupfen. Wahrscheinlich erfüllt sie eine gewisse Vorahnung, dass ich gleich doch noch flüchte. Deshalb nimmt sie mir vorsorglich die Tasche aus der Hand, stellt sie auf den Boden ab und deutet an, es mit meinem großen Bundeswehrrucksack gleichzutun.
„Sie müssen wirklich keine Angst vor ihm haben. Ich kenne Davis bereits seit vielen, vielen Jahren und Hunde, die bellen wie er, beißen nicht. Der General hasst es lediglich, übergangen zu werden. Es liegt keinesfalls an Ihnen ...“ Sie schaut einen Moment auf ihre schlichte, goldene Armbanduhr. „Oh Gott, so spät schon. Ich sollte los zur Visite und zu meiner zweiten Schicht. Aber ich bin mir absolut sicher, dass sie sich im Handumdrehen verstehen werden. Anschließend komme ich natürlich noch einmal vorbei, um nach Ihnen zu sehen."
Ich nicke erneut, bevor sie zum Abschied behutsam meine Schulter tätschelt, nach dem Motto 'Sie schaffen das schon'. Da hat sie wohl mehr Vertrauen als ich! Im nächsten Augenblick ist sie jedoch längst aus der Haustür verschwunden, und mein Schicksal damit besiegelt ...
Ein bisschen verloren stehe ich jetzt in dem fremden Wohnzimmer. Mein Herz pocht laut und unaufhörlich, denn ich bin nunmehr mit Davis allein in seinem Haus. Ich fühle mich wegen dieser Tatsache viel aufgeregter und verwirrter als zuvor, währenddessen er mich noch missbilligend anschrie. Zum Glück weiß die Oberstabsärztin nicht, worüber sie da eben sprach. Schließlich bin ich mir durchaus bewusst, dass seine hitzige Reaktion und der gewollte Rauswurf mit mir zu tun haben – und zwar nur mit mir.
Diese ganze Geschichte ist unfassbar skurril. Der General und ich waren uns in regelmäßigen Abständen näher gekommen, und ausgerechnet seine Freundin nistet mich bei ihm zu Hause ein. Zwischenzeitlich nagt mein schlechtes Gewissen erneut an mir. Kann ich wirklich hier bei ihm bleiben? Zumal mein Vorgesetzter deutlich machte, dass er meinen Aufenthalt niemals gutheißen wird. Er benahm sich so kalt, so abweisend wie eh und je.
Bis vor wenigen Stunden bin ich sogar davon ausgegangen, dass uns die intimen Gespräche und gegenseitigen Geständnisse auf einer tiefer gehenden Ebene einander nähergebracht haben. Doch mit einem Mal fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Davis interessiert sich nicht wirklich für meine Person. Vielmehr verspürt er den Drang, mich vor dem Beruf und meinen Kameraden zu schützen, damit er die Schuldgefühle hinsichtlich seiner Schwester loswird. Dieser Mann benutzt mich bloß, um sich selbst besser zu fühlen. Eine unfassbare Enttäuschung überkommt mich.
Andächtig gehe ich ein paar Schritte durch den mucksmäuschenstillen Raum. Schließlich lasse ich mich langsam auf die weiche, dunkelgraue Ledercouch sinken, die einladend in der Nähe steht. Augenblicklich rollen bittere Tränen meine heißen, geröteten Wangen hinunter. Um jedoch meine aufkommenden Schluchzer zu unterdrücken, presse ich schnell meine Hand vor den Mund.
Ich bin so verdammt blind und bescheuert! Für ihn bin ich ausschließlich eine Wiedergutmachung, nichts weiter und keine Frau, die ihn reizt. Diese quälende Erkenntnis hinterlässt ein mieses Gefühl. Warum brauche ich unbedingt seine Zuneigung? Innerlich erschaudere ich. Ein weiteres, unbehagliches Frösteln zieht peu à peu über meinen gesamten Körper, von den Zehen bis in die Haarspitzen.
Denn zugleich kommt die nagende Frage in mir auf: Bin ich tatsächlich in Gefahr?
Ich bleibe definitiv hier und lieber unter seinem Schutz. Dabei lasse ich mich weder von ihm steuern noch beeinflussen.
Dies beschließe ich voller neuer Energie, nachdem mein kleiner Gefühlsausbruch einigermaßen unter Kontrolle ist. Es liegt bestimmt an diesem schrecklichen Déjà-vu, das meine peinlichen Überreaktionen zutage fördert. Ich ruhe mich dieses Wochenende einfach aus und erhole mich. Dann regelt sich meine chaotische Gefühlswelt wohl von allein.
Zwischenzeitlich lehne ich mich auf der bequemen Couch zurück, atme mehrmals tief durch. In ein paar Stunden nehme ich meine Sachen und suche das Weite. Mike wird im Verlauf der nächsten Tage bestimmt von der Krankenstation entlassen. Er hat wahrscheinlich nichts dagegen, mich ein bisschen zu unterstützen. Den General möchte ich nämlich auf so viel Abstand wie möglich wissen und halten.
Mike … Er gestand mir vorhin offen seine Gefühle. Scheiße! Mein bester Freund möchte mit mir zusammen sein, als ein richtiges Paar. Verdammt! Wenn ich ausgerechnet ihn darum bitte, an meiner Seite zu sein, könnte er es vielleicht ganz falsch verstehen. Pure Verzweiflung macht sich in mir breit.
Ich will ihn unter keinen Umständen als besten Freund verlieren, kann aber auch keine Beziehung mit ihm führen. Das sagt mir zumindest momentan mein Bauchgefühl. Davon abgesehen hatte ich noch nie einen Partner. Mit meinen ganzen 'Macken' mache ich ohnehin keinen Mann glücklich.
Die offensichtliche Zwickmühle, in der ich im Augenblick stecke, kann ich gerade nicht vernünftig lösen. Somit ergebe ich mich laut seufzend meinem verdammten Schicksal. Vorerst bleibe ich wohl ein paar Tage länger hier, als ich es gerade noch geplant und mir zurechtgelegt hatte.
Da der General sein Zimmer nicht mehr verlassen hat, seit er dort wie eine beleidigte Leberwurst hineingerauscht ist, beschließe ich, mir nun selbst eine Führung durch meine neue Unterkunft zu geben. Weit und breit sehe ich keinen Treppenauf- oder -abgang. Folglich muss es ein Bungalow sein. Das war mir von außen gar nicht aufgefallen, wahrscheinlich, weil ich in dem Moment ganz andere Sorgen hatte.
Das Haus scheint zweckmäßig, ist aber gleichzeitig gemütlich und ziemlich modern eingerichtet. Mir wird leicht flau im Magen, wenn ich daran denke, dass die Ärztin eventuell einen gewissen Anteil an der Gestaltung hatte. Trotzdem verwerfe ich den Gedanken schnell wieder. Ich will mich schließlich nicht komplett verrückt machen für die kurze Zeit, in der ich überhaupt in seinem Zuhause anwesend bin.
Mein Blick fällt auf eine hell gepflasterte Terrasse mitsamt einem großen, bequemen Daybed aus Aluminium nebst Dach und Vorhängen. Dahinter erstreckt sich ein gepflegtes Rasenstück. Ich stelle mir vor, wie der General auf allen Vieren jeden Halm einzeln mit seiner Nagelschere zurechtstutzt, damit ja alles minuziös perfekt aussieht. Zumindest vermitteln diese penibel geschnittenen Grünflächen und Buchsbäume, die als Sichtschutz des Grundstücks dienen, genau den Eindruck.
An das sonnendurchflutete Wohnzimmer mit der bodentiefen Fensterfront und dem tollen Ausblick grenzt eine schöne, offene Küche in einem Anthrazit-Ton. Neugierig umrunde ich die großzügige Kochinsel, einschließlich der dazugehörigen Theke und den Hockern. Dabei betrachte ich den riesigen Kühlschrank mit integriertem Eiswürfelfach. Bei den Temperaturen wäre ein kalter Orangensaft geradezu herrlich. Dummerweise bin ich zu feige, um nachzusehen, ob Davis etwas zu trinken im Haus hat. Ich würde mir später einfach eine Flasche Wasser aus dem Getränkeautomaten in der Kantine ziehen.
Mittlerweile fahren meine Finger langsam über die dunkle Granitarbeitsplatte. Sie fühlt sich angenehm kühl an. Meine weiteren Schritte auf dem dunkelbraunen, teuer aussehenden Holzboden sind beinahe lautlos, angepasst an diese vorherrschende Ruhe. Voller Entdeckerfreude schleiche ich jetzt auf Zehenspitzen in den angrenzenden offenen Flur. Er ist zwar relativ schmal, durch viele eingebaute Deckenleuchten jedoch hell gestaltet und führt unweigerlich zu den vier restlichen Räumen.
Vor der ersten Tür rechts verharre ich kurz, lasse sie aber lieber aus, denn dort war die Miesmuschel Davis hineingerauscht. Es wundert mich, dass sich keine brennende Pforte zur Hölle auftut, doch wer hat schon Einblick darin, wie es hinter dem weißen Holz aussieht …
Nach meinen fiesen Gedanken zu urteilen, ist mein Bedarf an ihm wahrhaftig gedeckt. Und das mit Sicherheit für sehr lange Zeit!
Ich gehe lieber weiter, bevor ich gebannt die nächste Tür auf der rechten Seite öffne. Meine Augen weiten sich unwillkürlich. Auch das Badezimmer ist lichtdurchflutet mit einem großen Fenster und bietet einen direkten Blick auf zwei herrliche Kirschbäume. Im Frühling, wenn sie dann in Rosa erblühen und danach Früchte tragen, ergibt das bestimmt eine tolle Aussicht.
Auf gewisse Weise besteht ein absoluter Kontrast zum Inneren, denn hier sind die Töne ebenfalls schlicht in Grau und Weiß gehalten. Dadurch wirkt es modern, gleichzeitig gradlinig und kühl, ohne viel Schnickschnack. Die Einrichtung passt zu meinem Vorgesetzten, keine Frage.
Staunend über die Großzügigkeit des Raumes quietsche ich unwillkürlich vor unsäglicher Vorfreude, die mich plötzlich erfasst. Eine einladende Eckbadewanne mit seitlichen Whirlpool-Düsen überzeugt mich sofort, ebenso wie die riesige Regenschauer-Dusche, einsehbar durch eine gläserne Trennwand. Offenbar hat diese Unterkunft doch einen netten Vorteil …