Kapitel Eins — Zu spät
Warmes Blut lief Zhéyán Suiren in die Augen.
Mit letzter Kraft schleppte er sich rückwärts über den kalten Jadeboden. Seine Handflächen rutschten auf dem roten Boden aus, seine Seidengewänder waren zerfetzt und sein Atem rasselte feucht in seiner Kehle. Blut sickerte aus seiner Nase, seinen Augenwinkeln und seinen Ohren. Es zog dünne, schreckliche Linien über sein Gesicht, die wie die Maske eines Sterbenden wirkten. Jede Bewegung löste eine neue Welle quälenden Schmerzes in ihm aus.
Über ihm stand Mín Ruqiao und lachte.
Die Tochter des Premierministers sah im Licht der hängenden Laternen des zerstörten Saals fast wunderschön aus. Ihr Haar war noch immer mit Gold festgesteckt, und ihre Roben waren von dem Blutbad um sie herum kaum berührt. Das Schwert in ihrer Hand glänzte bis zum Heft scharlachrot.
Ihr Lachen klang zu hoch, zu schrill und zu voller Freude.
„Suiren“, sang sie und stieg über die Leiche eines Palastwächters, als wäre es nur ein Stein im Garten. „Du siehst mich an, als hätte ich dich verraten.“
Er starrte zu ihr auf. Seine Pupillen zitterten, und er fand nicht die Kraft, etwas zu sagen.
Sie legte den Kopf schief und lächelte so süß, dass es beinahe monströs wirkte. „Starr mich nicht so an. Du solltest mir danken. Ich werde mich ausgezeichnet um deinen Thron kümmern. Um das Reich musst du dir keine Sorgen mehr machen.“
Seine Finger krallten sich schwach in den Boden.
Der innere Saal des Chengming-Palastes war zu einer Schlachtbank geworden. Gefallene Wachen in purpurnen Rüstungen lagen neben zerschmetterten Säulen. Die Weihrauchbrenner waren schon vor langer Zeit umgestürzt, und ihre Asche hatte sich mit dem Blut vermischt. Zerrissene Vorhänge bewegten sich im Nachtwind, der durch die zerbrochenen Gitterfenster drang. Irgendwo draußen klang noch immer Stahl auf Stahl, doch hier – im Zentrum der privaten Empfangshalle des Prinzen – war nur das Geräusch von Mín Ruqiaos Atem und sein eigener Todeskampf zu hören.
Hinter ihr lehnte ihr Vater, Premierminister Mín Zhenhuai, an den mit Drachen verzierten Stufen. Ein Arm war abgetrennt und seine Brust nach einem früheren Schlag eingedrückt. Er war bereits tot, doch seine Augen starrten noch immer ungläubig ins Leere. Neben einer Säule war General Qásu Renguo, der Onkel von Qásu Yanmei mütterlicherseits, mit drei Pfeilen in der Kehle gestorben. In der Nähe des westlichen Wandschirms lag Hofminister Lín Weishao, der Cousin von Lín Shuhuai, bäuchlings in seinem eigenen Blut.
Die Rebellion hatte sich vor seinen Augen selbst verschlungen.
Nur Mín Ruqiao stand noch. Sie hob ihr Schwert und drückte die Spitze gegen seine Brust. Ihr Lächeln wurde breiter. „Ruh dich aus, Eure Hoheit.“ Dann stieß sie die Klinge hinein.
Glühend heißer Schmerz explodierte in seinem Inneren.
Zhéyán Suiren erstickte an einem abgehackten Laut, als das Schwert Fleisch und Knochen durchbohrte. Blut schoss ihm heiß und dick die Kehle hoch und quoll über seine Lippen.
Mín Ruqiao atmete genüsslich aus und beugte sich über ihn, als würde sie einen Segen spenden. „Wie schade“, flüsterte sie. „Du hättest ein ordentlicher Kaiser sein können, wenn du weniger blind gewesen wärst.“
Dann …
Eine ohrenbetäubende Explosion erschütterte den Saal.
Die Tore des Chengming-Palastes brachen mit einem gewaltigen Knall nach innen auf. Holzsplitter flogen durch den Raum. Die Bronzescharniere rissen ab, und eine Tür prallte so hart gegen eine Säule, dass diese entzweibrach.
Mín Ruqiao wirbelte herum.
Zuerst drang Wind herein – schwer von Asche, Blut und dem metallischen Geruch des Schlachtens.
Dann trat sie ein.
Eine Frau schritt über die zerbrochene Schwelle. Sie trug dunkelrote und purpurne Gewänder, deren Säume schwarz vom Blut waren. Ihre Ärmel hingen in zerrissener Eleganz herab, und jede Falte der Seide wirkte wie von der Schlacht gezeichnet. Blut beschmierte ihren Hals, ihre Hände und die scharfe Linie ihres Kiefers. Dunkle Adern zogen sich von ihrem Halsansatz nach oben und verbreiteten sich wie schwarze Zweige auf ihrer Haut. Sie wanden sich über ihr Gesicht wie Risse in Porzellan. Es hätte ihre Schönheit verderben sollen.
Doch das tat es nicht. Sie wirkte erschreckend göttlich. Wie eine Dämonenkönigin, die den Ruinen eines Albtraums entstiegen war. Ihr Blick fegte einmal durch den Saal. Hinter ihr lagen überall Leichen.
Die Eunuchen, die vor dem Gemach Wache gehalten hatten, waren tot. Die Elitegarde des östlichen Korridors war tot. Die Schattenwachen, die Suiren persönlich für seine inneren Räume abgestellt hatte, waren tot. Die Männer, die Mín Ruqiao mitgebracht hatte – Söldner vom Schwarzen Banner der Tiansha, die Rebellen unter dem Kommando von Wei Kunjin, selbst die zwei Geisterbogenschützen der Familie Qiu –, sie alle waren tot.
Niemand hatte sie überlebt.
Mín Ruqiao taumelte zurück und umklammerte ihr Schwert fester. Zum ersten Mal an diesem Abend zeigte sich echte Angst auf ihrem Gesicht.
„Wachen!“, schrie sie. „Wachen, kommt sofort!“
Niemand antwortete.
Die Frau machte einen weiteren Schritt in den zerstörten Saal. Ihre Stimme war so leise und kalt, dass sie das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Ich habe dir den Kronprinzen anvertraut.“
Ihr Blick fixierte Mín Ruqiao. „Und so zahlst du es mir heim?“
Mín Ruqiaos Lippen bebten. „Wer – wer bist du?“
Der Gesichtsausdruck der Frau änderte sich nicht. „Nicht nur, dass du dich nicht um ihn gekümmert hast“, sagte sie, wobei jedes Wort wie eine Klinge klang, die aus der Scheide glitt, „du stehst hier und ermordest ihn.“
Mín Ruqiao wich zum Podest zurück. Ihre Augen huschten hektisch zu den Leichen, als könnte eine von ihnen aufstehen, um sie zu retten. „Ich kenne dich nicht“, stieß sie hervor, auch wenn ihre Stimme zitterte. „Wer bist du, dass du mich beschuldigst?“
Für einen schrecklichen Moment blieb es im Saal vollkommen still.
Dann sagte die Frau: „Hast du mein Gesicht vergessen?“
Zhéyán Suiren, dessen Sinne unter der Last des Schmerzes schwanden, zwang seinen verschwommenen Blick nach oben.
Sie stand im Licht der zerbrochenen Laternen, schwarz geädert und blutverschmiert. Sie wirkte weniger wie ein Mensch, sondern wie die fleischgewordene Rache. „Tag für Tag hast du mich gedemütigt“, sagte sie leise. „Du hast denjenigen, den ich liebte, gegen mich aufgebracht.“
Mín Ruqiao erstarrte.
Zuerst blitzte Verwirrung in ihr auf. Dann Unglaube. Und schließlich, ganz langsam, etwas wie Erkenntnis. „Nein…“, flüsterte sie.
Die Frau ging weiter auf sie zu.
Mín Ruqiaos Atem stockte. „Yueling?“, stammelte sie. „T-Tóu Yueling?“
Bei diesem Namen stieß die Frau ein kurzes, höhnisches Lachen aus, das von Ekel und altem Schmerz durchdrungen war. Doch sie antwortete nicht.
Diese Stille war schlimmer als eine Bestätigung.
Mín Ruqiao hob zitternd ihr Schwert. „Bleib zurück!“
Die Frau blieb nur wenige Schritte entfernt stehen.
Für einen Herzschlag sah Suiren das Ornament in ihrem Haar: eine dunkelrote Haarnadel, die durch die schwarze Seide gesteckt war.
Dann bewegte sie sich.
Ein tiefes Summen erzitterte in der Luft.
Die Haarnadel blitzte auf, verlängerte sich und entfaltete sich im Bruchteil einer Sekunde zu einer schmalen, purpurroten Klinge.
Bloodwake.
Der Name tauchte grundlos in seinem Geist auf, als hätte seine Seele ihn schon immer gekannt.
Mín Ruqiao hatte kaum Zeit, nach Luft zu schnappen.
Shiyue bewegte sich nur ein einziges Mal.
Das war alles.
Kein dramatischer Schnörkel. Keine verschwendete Bewegung. Nur ein einziger, sauberer Schnitt, zu schnell für das menschliche Auge.
Mín Ruqiao versteifte sich. Dann spaltete sich ihr Körper in einer perfekten Linie vom Scheitel bis zum Schritt. Für einen einzigen Moment blieb sie stehen, das Grauen auf ihrem Gesicht gefroren. Dann fielen beide Hälften auseinander und schlugen feucht auf den Boden auf.
Stille verschlang den Saal.
Die rote Klinge summte erneut und schrumpfte, während die blutverschmierte Schneide sich wieder zur Form einer Haarnadel zusammenfaltete. Sie schwebte durch die Luft und kehrte so geschickt in das Haar der Frau zurück, als wäre sie nie fort gewesen.
Sie würdigte die Leiche keines weiteren Blickes.
Stattdessen schritt sie über den blutgetränkten Boden und sank neben Zhéyán Suiren auf die Knie.
In dem Moment, als ihre Hände ihn berührten, zitterten sie.
Die kalte Henkerin, die Mín Ruqiao eben noch wie reifes Getreide niedergemäht hatte, war verschwunden. An ihrer Stelle war eine Frau, deren Beherrschung zu bröckeln begann.
Sie nahm ihn vorsichtig in ihre Arme, stützte mit einer Hand seinen Kopf und presste die andere auf die Wunde in seiner Brust. Spirituelle Energie strömte verzweifelt aus ihrer Handfläche in seinen Körper, sickerte durch zerrissene Meridiane, zertrümmerte Rippen und verletzte Organe.
Ihr Atem stockte.
Ihr Gesicht veränderte sich.
Suiren sah den genauen Moment, in dem die Hoffnung in ihren Augen starb.
Der Schaden war zu groß.
Sein Dantian war zertrümmert. Sein Herzmeridian zerrissen. Das Gift hatte sich bereits tief in seine Energiebahnen ausgebreitet. Selbst wenn sie die Blutung stillte, selbst wenn sie ihm ihre eigene Lebenskraft gab, selbst wenn sie den Mond vom Himmel holte und den Himmel selbst zwang sich zu beugen – es gab kein Zurück mehr.
Tränen traten in ihre Augen. „Ich kam zu spät“, flüsterte sie.
Blut sprudelte aus seinem Mund.
Sie beugte sich tiefer über ihn, und eine ihrer Tränen löste sich und fiel warm auf sein Gesicht. „Ich hätte niemals von deiner Seite weichen dürfen.“
Bei dem letzten Wort brach ihre Stimme.
In diesem Moment kehrten seine Erinnerungen vollständig zurück.
Nicht nur das vage Bild eines Waisenmädchens, das still am Rande des Pavillons stand. Nicht nur ein halb vergessenes Gesicht, das sich unter Hohn und Spott gesenkt hatte. Alles kehrte zurück wie Messerstiche.
Tóu Yueling.
Das Waisenmädchen, das ihm mit stiller Hingabe gefolgt war. Diejenige, die gelächelt hatte, wann immer er sie ansah. Diejenige, die sich in Gefahr gebracht hatte, um ihn zu retten. Diejenige, die er mit Misstrauen belohnt hatte. Mit Demütigung. Mit Kälte. Mit Wunden, die niemals von seiner Hand hätten stammen dürfen.
Sie war aus der Hauptstadt vertrieben worden, weil er zugelassen hatte, dass andere seine Gedanken vergifteten, bis er ihr Herz nicht mehr sehen konnte. Und jetzt – jetzt war sie hier.
Hier, an der Schwelle seines Todes, hielt sie ihn, als wäre er kostbar. Seine Finger zuckten. Mit großer Anstrengung hob er seine zitternde Hand und umschloss ihre blutverschmierte Wange.
Sie verharrte völlig reglos.
Er wischte ihre Tränen weg, doch er verschmierte nur das Blut auf ihrer Haut. Ihre Augen weiteten sich, glasig und rot umrandet, und starrten ihn an, als könnte sie den Anblick nicht ertragen.
Seine Stimme klang gebrochen, kaum mehr als ein Hauch. „Wenn… der Himmel mir ein weiteres Leben gewährt…“ Ein neuer Schwall Blut quoll aus seinen Lippen. Er hustete und bebte am ganzen Körper.
Ihre Hand schloss sich über seine und presste sie an ihr Gesicht. „Sprich nicht“, flüsterte sie verzweifelt. „Verschwende deinen Atem nicht. Ich kann noch—’“
Er zwang sich die Worte ab. „Wenn ich zurückkehre…“ Sein Blick trübte sich an den Rändern. „Werde ich dich wählen.“
Die Halle verschwamm zu einem unscharfen Fleck.
„In meinem nächsten Leben… Shiyue…“
Es war das erste Mal, dass er ihren wahren Namen aussprach, obwohl er nicht wusste, woher er ihn kannte.
Er sah, wie der Schock ihren Schmerz durchbrach.
Dann entwich ihm sein letzter Atemzug.
Unter dem Rauschen des Blutes in seinen Ohren hörte er, wie sie seinen Namen schrie: „Zhéyán Suiren!“
Der Schrei zerriss den zerstörten Palast, als hätte er ein Eigenleben.
Dann wurde alles still.
*
Für einen unmöglichen Augenblick glaubte Suiren, er sei endgültig im Nichts versunken. Stattdessen fand er sich stehend wieder. Oder etwas, das sich wie Stehen anfühlte.
Unter ihm lag sein eigener Leichnam, schlaff in Guān Shiyues Armen.
Die Welt wirkte blass und silbrig, Geräusche klangen fremd und fern, als würde er sie unter Wasser hören. Das Licht der Laternen wärmte nicht mehr. Das Blut auf dem Boden roch nicht mehr nach Eisen. Er sah auf seine eigenen durchsichtigen Hände und spürte keinen Puls, keinen Atem, kein Gewicht.
Sein Geist hatte seinen Körper verlassen.
Er konnte sich nicht weit entfernen. Ein letzter Faden schien ihn an die Halle zu binden und zwang ihn zuzusehen.
Shiyue ließ ihn zunächst nicht los.
Sie beugte sich zitternd über seinen Leichnam, die Stirn auf seine Brust gepresst, als könnte sie den Herzschlag hören, wenn sie nur genau genug lauschte. Ihre Schultern bebten einmal. Zweimal.
Dann hob sie den Kopf.
Was er in ihrem Gesicht sah, ließ sogar seine Seele zurückweichen.
Der Schmerz hatte ihre Schönheit nicht gemindert.
Er hatte ihre Menschlichkeit ausgelöscht.
Die schwarzen Adern breiteten sich weiter aus und verdunkelten ihren Hals und eine Wange, als hätte sich eine verfluchte Kraft in ihr losgerissen. Ihre Augen, bereits rot geweint, schienen nun fast von innen heraus zu leuchten.
Vorsichtig – so vorsichtig, als würde sie ein schlafendes Kind niederlegen – bettete sie seinen Körper auf den Boden. Dann stand sie auf.
Bloodwake glitt mit einem metallischen Kreischen aus ihrem Haar in ihre wartende Hand.
Als sie den Chengming-Palast verließ, hatte das Morden bereits wieder begonnen.
*
Der Erste, der starb, war Mín Ruqiaos jüngerer Bruder, Mín Shaozhen, der in der Nähe des östlichen Hofes überlebende Rebellen um sich geschart hatte. Er brachte nur einen entsetzten Schrei hervor, bevor Bloodwake ihm den Kopf von den Schultern trennte.
Die Zweite war Lady Mín Xiarou, Ruqiaos Mutter. Sie wurde in der Ahnenhalle hinter dem Flügel des Premierministers gefunden, wie sie eine Kiste mit Siegeln umklammerte und zu Göttern betete, die nicht antworteten.
Shiyue hielt nicht einmal inne.
Sie durchschnitt das Anwesen des Premierministers wie ein roter Sturm und schlachtete jedes Mitglied der Mín-Blutlinie ab, das in die Verschwörung verwickelt war.
Mín Yusheng, der älteste Onkel. Mín Qiaolan, die verheiratete Cousine, die Briefe an Rebellenführer geschmuggelt hatte. Mín Tairuo, der Verwalter, der die Vorratstore des Palastes geöffnet hatte. Mín Jichen, der uneheliche Sohn, der die westliche Wache bestochen hatte. Die alte Madam Mín Suyin, die die private Armee außerhalb der Hauptstadt finanziert hatte.
Einer nach dem anderen.
Nicht alle starben durch das Schwert.
Einige tötete sie mit Techniken, die er noch nie zuvor gesehen hatte – uralte Siegel, geschrieben in Blut und Geisterlicht, die das Herz kollabieren ließen, den Verstand zerquetschten und den Atem augenblicklich stoppten. Andere zerriss sie mit einer anderen Waffe, einer langen, silbrig-weißen Peitsche, die aufblitzte wie mondbeschienenes Seidenband: Silk of Returning Spring, doch in ihren Händen sah nichts daran barmherzig aus.
Die Hauptstadt erwachte durch Schreie.
Dann kamen die anderen an die Reihe.
Kommandant Wei Kunjin, der den Durchbruch der Rebellen am Zinnobertor angeführt hatte, versuchte zu Pferd aus der Stadt zu fliehen. Shiyue stellte ihn an der Lan-Brücke und spaltete Reiter und Pferd mit einem einzigen Schlag.
Der Vize-Finanzminister Pei Zheshan, der militärische Gelder an die Rebellen geleitet hatte, starb in seinem versteckten Tresor unter dem Finanzministerium.
Eunuch Gao Lishun, der über Monate das Medikament des Prinzen vergiftet hatte, wurde aus einem Abwasserkanal unter den Palastküchen gezerrt und mit schwarzen Talismanen an den Stein genagelt, bevor Shiyue ihm die Kehle durchschnitt.
Kommandant He Yanzuo, Hauptmann der westlichen Palastwache und heimlicher Mitverschwörer, starb bettelnd.
Madam Qásu Wenli, Tante von Qásu Yanmei, kam um, als Shiyue Beweise dafür fand, dass sie frühere Angriffe arrangiert hatte, um den Prinzen von loyalen Generälen zu isolieren.
Lín Weitao, der ältere Bruder von Lín Shuhuai und Kurier falscher Dekrete, wurde noch vor Sonnenaufgang an der südlichen Mauer niedergemetzelt.
Suirens Geist folgte ihr hilflos, vom letzten Rest seiner sterbenden Bindung an sie gezogen.
Er sah zu, wie sie in einer einzigen Nacht zur blutigen Legende wurde.
Er sah, wie sich die Straßen beim Klang ihrer Schritte leerten.
Er sah, wie abgehärtete Soldaten beim Anblick ihres schwarz geäderten Gesichts und ihrer karmesinroten Roben jeglichen Mut verloren.
Er sah, wie sie Verräter aus Verstecken zerrte, von denen kein gewöhnlicher Rächer hätte wissen können.
Sie kannte jeden Namen.
Jede Tür.
Jede Lüge.
Jede Hand, die das Messer geführt hatte, das in sein Leben gestoßen worden war.
Im Morgengrauen stand sie vor den Toren des Hauses des Premierministers, umgeben von Leichen und zerbrochenen Bannern, Bloodwake bis zum Heft blutrot.
Die aufgehende Sonne berührte ihr Gesicht.
Zum ersten Mal seit seinem Tod wirkte sie müde. Nicht schwach. Einfach nur… leer.
Als hätte die Rache alles in ihr verbrannt und darunter keinen Frieden gefunden.
Sie blickte zum Palast.
Zum Chengming-Palast.
Dorthin, wo sein Körper noch immer lag.
Dann flüsterte sie so leise, dass nur ein Geist es hören konnte: „Ich habe dich gerächt.“
Ihr Griff um das Schwert zitterte. „Aber du bist immer noch nicht hier.“
Diese Worte rissen ihn innerlich aus.
Er hatte sein Leben damit verbracht, blind für ihr Herz zu sein, und nun, da er es endlich verstand, hatte er keinen Körper mehr, um ihr zu antworten.
Shiyue wandte sich ab und ging allein durch die blutgetränkten Straßen der Hauptstadt, die Stille wie eine Trauer mit sich führend.
Und Zhéyán Suiren, Prinz von Yanlüe, folgte der Frau, die ihn bis in den Tod und darüber hinaus geliebt hatte – hilflos, voller Schmerz und mit nur einem letzten Gedanken in seiner Seele: Wenn der Himmel noch nicht mit ihm fertig war, würde er sie wiederfinden.
Und beim nächsten Mal würde er sie nicht wieder gehen lassen.