KAPITEL 1
Abigail
Ich bin spät dran.
Schon wieder.
Diese Erkenntnis trifft mich mitten auf der Main Street. Meine Stiefel klatschen auf den Asphalt, während ich mich durch die kleinen Gruppen von Leuten schlängele, die die späte Nachmittagssonne genießen. Silver Ridge ist nicht gerade der Ort, an dem sich die Leute hetzen – aber im Moment bin ich definitiv die Ausnahme.
Meine Tasche rutscht mir ständig von der Schulter, mein Atem geht unregelmäßig, und in Gedanken verfluche ich die Gruppendiskussion, die sich irgendwie von dreißig Minuten auf fast zwei Stunden hingezogen hat.
„Nur noch fünf Minuten“, hatte mein Professor gesagt.
Das war gelogen.
Endlich erreiche ich den Laden und drücke die Glastür mit mehr Kraft auf, als nötig wäre. Die kleine Glocke darüber bimmelt laut und kündigt mein chaotisches Erscheinen an.
„Es tut mir so leid, Mom –“
Ich bleibe direkt hinter der Tür stehen, leicht vorgebeugt, die Hände auf den Knien, während ich versuche, zu Atem zu kommen.
Meine Mom blickt hinter dem Tresen hervor, völlig unbeeindruckt.
„Abigail“, sagt sie ruhig, so als wäre ich nicht gerade hier hereingestürmt, als hinge mein Leben davon ab. „Erst atmen. Später entschuldigen.“
Ich richte mich auf und streiche mir die losen Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Im Ernst, ich wollte nicht so spät sein. Die Gruppendiskussion hat einfach –“
„– länger gedauert als erwartet“, vollendet sie den Satz für mich und lächelt wissend.
Ich blinzle. „Woher wusstest du –“
„Weil du diesen Satz in diesem Semester schon mindestens zehnmal gesagt hast.“
Ich muss kurz lachen und gehe zum Tresen hinüber. „Okay, fair.“
Sie streckt die Hand aus und streicht mir sanft übers Haar, so wie sie es schon getan hat, seit ich ein Kind war. „Du siehst erschöpft aus.“
„Ich fühle mich auch erschöpft“, gebe ich zu.
Sie mustert mich einen Moment lang, ihr Ausdruck wird weicher. „Weißt du, ich hätte Mrs. Henley bitten können, auf den Laden aufzupassen. Du musstest dich nicht so abhetzen.“
„Ich wollte es aber“, sage ich schnell und lehne mich gegen den Tresen. „Es ist schon gut, wirklich. Ich bin gerne hier.“
Und das bin ich auch.
Dieser Ort hat etwas Beruhigendes – der vertraute Duft von Blumen, das leise Gemurmel von Gesprächen, die Art, wie das Sonnenlicht am späten Nachmittag durch die vorderen Fenster fällt. Es ist berechenbar. Sicher.
Es ist ein Zuhause.
Meine Mom legt den Kopf ein wenig schief, als würde sie versuchen, zwischen den Zeilen zu lesen. „Bist du sicher, dass es nicht zu viel wird? Die Uni, das Lernen, mir hier zu helfen...“
„Ich schaffe das schon“, beruhige ich sie. Dann füge ich leiser hinzu: „Ich will ja helfen.“
Ihre Augen leuchten bei diesen Worten auf, und für eine Sekunde sagt keine von uns etwas. Sie greift einfach herüber und drückt meine Hand.
„Ich bin stolz auf dich, das weißt du, oder?“, sagt sie leise.
Mein Brustkorb zieht sich ein wenig zusammen. „Mom...“
„Ich meine es ernst, Abby. Du hast so hart für alles gearbeitet, was du hast. Das Stipendium ist dir nicht einfach in den Schoß gefallen.“
Ich lächle, ein wenig schüchtern unter ihrem Blick. „Ich weiß. Aber ich hatte Hilfe.“
„Du hattest Entschlossenheit“, korrigiert sie mich sanft. „Das ist allein dein Verdienst.“
Ich widerspreche nicht, aber ganz zustimmen kann ich auch nicht. Trotzdem beuge ich mich über den Tresen und umarme sie, wobei ich meine Arme um ihre Schultern lege.
„Ich hab dich lieb“, murmle ich in ihr Haar.
Sie lacht leise und drückt mich zurück. „Ich hab dich auch lieb, Schatz.“
Nach einem Moment löst sie sich von mir und klatscht leicht in die Hände. „So, ich sollte dann mal los. Das Abendessen macht sich schließlich nicht von alleine.“
„Tragisch“, sage ich trocken.
Sie deutet mit dem Finger auf mich. „Werde nicht frech. Schließ um sechs ab und vergiss nicht, etwas zu essen.“
„Ja, Ma’am.“
Sie schnappt sich ihre Tasche, schenkt mir ein letztes Lächeln und geht zur Tür hinaus. Die Glocke bimmelt erneut, diesmal leiser.
Und so bin ich wieder alleine.
*****
Ich lasse mich hinter dem Tresen nieder und hole mein Buch und mein Notizbuch heraus. Die Wörter verschwimmen kurz, bevor ich mich zum Konzentrieren zwinge.
Zwei Wochen.
So lange habe ich noch bis zu meiner nächsten Prüfung. Zwei Wochen, um sicherzustellen, dass ich die eine Sache nicht vermassle, die alles verändern könnte. Ich blättere eine Seite um und unterstreiche einen Satz, doch meine Gedanken driften trotzdem ab.
Das Stipendium. Ich habe so hart gearbeitet, um dieses Stipendium zu bekommen.
Manchmal fühlt es sich immer noch unwirklich an – dass ich es so weit geschafft habe, dass ich hier rausgekommen bin, auch wenn nur ein kleines Stück. Silver Ridge ist kein schlechter Ort. Er ist ruhig. Er ist warm. Er ist auf jede erdenkliche Art vertraut.
Aber manchmal...
Manchmal frage ich mich, was es da draußen noch gibt.
Wie es wäre, an einem größeren Ort zu leben. Lebendiger. An einem Ort, bei dem man nicht das Gefühl hat, dass er schon jede Version von einem selbst kennt.
Ich will mehr. Nicht weil das, was ich habe, nicht genug ist – sondern weil ich weiß, dass ich zu mehr fähig bin. Trotzdem... wenn das mein ganzes Leben sein sollte, denke ich, wäre ich damit zufrieden. Dieser Gedanke beruhigt und erschreckt mich zugleich.
Die Glocke über der Tür bimmelt wieder und reißt mich aus meinen Gedanken.
„Abby!“
Ich muss nicht einmal hochschauen.
Becca schwebt praktisch in den Laden, ihre Armbänder klimpern leise bei jeder Bewegung, während die Schichten ihrer Kristalle das Licht einfangen. Direkt hinter ihr kommt Darryl herein, als würde ihm der Laden gehören – was er, ehrlich gesagt, mittlerweile fast tut.
„Na sieh mal einer an, wer beschlossen hat, uns mit ihrer Anwesenheit zu beglücken“, sagt Darryl und lehnt sich dramatisch gegen ein Verkaufsregal. „Miss ‚Ich habe Verantwortungen‘.“
Ich verdrehe die Augen, muss aber schon lächeln. „Ich habe nun mal Verantwortungen.“
„Langweilig“, entgegnet er sofort.
Becca beugt sich über den Tresen und lässt ihren Blick über mein aufgeschlagenes Buch wandern. „Schon wieder am Lernen?“
„Wann lerne ich denn mal nicht?“, kontere ich.
Sie summt nachdenklich. „Du brauchst Ausgleich, Abby. Das Universum gedeiht durch Ausgleich.“
Darryl schnaubt. „Das Universum gedeiht auch durch Spaß, woran du eindeutig nicht glaubst.“
„Ich glaube sehr wohl an Spaß“, protestiere ich. „Nur eben... nach meinen Prüfungen.“
„Nach deinen Prüfungen“, wiederholt er langsam, als würden ihn die Worte beleidigen. „Das sagst du schon dein ganzes Leben lang.“
„Das liegt daran, dass es immer eine Prüfung gibt.“
Becca kichert leise, während Darryl nur den Kopf schüttelt.
„Heute Abend ist eine Party“, sagt er und richtet sich auf. „Und bevor du auch nur den Mund aufmachst – ja, du kommst mit.“
„Nein, tue ich nicht.“
„Abby –“
„Ich muss lernen.“
„Du musst immer lernen!“
„Weil mir meine Zukunft wichtig ist“, schieße ich zurück.
„Und mir ist dein Liebesleben wichtig“, sagt er dramatisch. „Das übrigens nicht existent ist.“
Ich funkle ihn böse an. „Ich brauche im Moment kein Liebesleben.“
„Du brauchst irgendwas“, murmelt er.
Becca stößt ihn sanft an. „Lass sie in Ruhe.“
„Ich sag ja nur“, fährt er fort und ignoriert sie, „da könnten süße Typen sein. Potenzielle Ehemänner. Man weiß ja nie.“
„Ich bin einundzwanzig, nicht verzweifelt.“
„Das ist Ansichtssache.“
„Darryl!“
Er lacht und hebt die Hände. „Okay, okay. Ich lass es ja schon.“
Ich kneife die Augen zusammen. „Danke.“
„– vorerst“, fügt er leise hinzu.
Ich stöhne.
Becca klatscht leise in die Hände und wechselt das Thema. „Okay, wichtigeres: Mein Geburtstag.“
Das weckt sofort meine Aufmerksamkeit. „Ja! Was machen wir?“
Darryl blüht auf. „Etwas Legendäres, offensichtlich.“
„Ausnahmsweise stimme ich dir zu“, sage ich.
Becca lächelt, ihre Augen leuchten. „Ich dachte an etwas Kleines. Vielleicht ein Lagerfeuer am Bach? Nur wir und ein paar enge Freunde.“
„Das klingt eigentlich perfekt“, sage ich.
Darryl täuscht Nachdenken vor. „Hmm... akzeptabel. Aber wir machen uns trotzdem schick.“
„Für ein Lagerfeuer?“, lache ich.
„Besonders für ein Lagerfeuer.“
Wir drei vertiefen uns danach in ein lockeres Gespräch, werfen Ideen in die Runde, lachen und necken uns, wie wir es immer getan haben.
Es ist mühelos. Das war es schon immer. Irgendwann müssen sie jedoch gehen.
„Arbeite nicht zu hart“, sagt Becca und umarmt mich.
„Keine Versprechen“, antworte ich.
Darryl deutet auf mich, während er rückwärts zur Tür geht. „Ich bin mit dir noch nicht fertig. Wir werden dich aus diesem Laden hier rauskriegen.“
„Das werden wir ja sehen.“
Sie verschwinden durch die Tür, die Glocke bimmelt ein letztes Mal.
Und dann ist es wieder still.
*****
Der Rest des Nachmittags vergeht langsam.
Kunden kommen und gehen, und ich helfe, wo ich kann – beantworte Fragen, kassiere Einkäufe ab, fülle Regale auf. Zwischendurch lerne ich.
Unterstreichen. Markieren. Wiederholen.
Als die Sonne tiefer sinkt und einen goldenen Schimmer durch die Fenster wirft, schließe ich endlich mein Buch und lehne mich in meinem Stuhl zurück.
Es war ein langer Tag. Aber ein guter.
Einfach. Vertraut.
Sicher.
Ich blicke mich im Laden um, ein kleines Lächeln zupft an meinen Lippen. Für den Moment... reicht das hier. Auch wenn ich tief in meinem Inneren weiß, dass es vielleicht nicht immer so bleiben wird.