Kapitel 1 – Das Wilde jenseits der Mauern
Es war fünf Jahre her, seit die Welt untergegangen war.
Fünf Jahre, seit die Städte verstummt waren. Fünf Jahre, seit die Toten nicht mehr tot blieben. Fünf Jahre, seit Shara aufgehört hatte zu glauben, dass noch jemand anderes am Leben war. Die Zeit hatte sich seitdem auf seltsame Weise gedehnt – die Tage verschwammen im Überlebenskampf, Überlebenskampf verschmolz mit Instinkt, bis sich das Konzept eines „Davor“ eher wie ein Traum anfühlte, als wie etwas, das sie wirklich erlebt hatte.
Die Straßen waren jetzt ruhiger.
Nicht sicher – niemals sicher – aber auf eine Weise ruhiger, die sich unnatürlich anfühlte. Als würde die Welt selbst den Atem anhalten. Shara bewegte sich vorsichtig zwischen den verlassenen Autos. Ihre Stiefel machten kaum ein Geräusch auf dem rissigen Asphalt. Rost klebte am Metall, Fensterscheiben waren zersplittert und Weinreben hatten begonnen, sich die Straße zurückzuerobern. Sie wanden sich durch den zerbröckelten Beton, als wollte die Erde selbst auslöschen, was die Menschheit einst gewesen war.
Ihre Hand umklammerte das Messer an ihrem Oberschenkel etwas fester. Ihre Finger strichen über den vertrauten Griff, ohne dass sie hinsehen musste.
Sie war heute nicht wegen Vorräten hier.
Sie war wegen etwas hier, das sie schon lange nicht mehr gefunden hatte. Etwas, das weitaus gefährlicher war als alles, was sie hätte mitnehmen können.
Ein Zeichen.
Eine Spur.
Irgendetwas, das bewies, dass sie nicht die Letzte war.
Da sah sie ihn.
Er lag mit dem Gesicht nach unten mitten auf der Straße. Er bewegte sich überhaupt nicht. Sein Körper war auf dem rissigen Asphalt ausgestreckt, als wäre er mitten im Gehen einfach zusammengebrochen. Zu still.
Shara erstarrte sofort.
Ihr ganzer Körper spannte sich an, während ihre Augen die Umgebung absuchten – Fenster, Dächer, Gassen, jeder mögliche Ort, an dem sich etwas verstecken konnte. Nichts bewegte sich. Keine Schatten, keine Gestalten in der Ferne, kein Geräusch außer dem leisen Flüstern des Windes, der durch die leeren Gebäude zog.
Er war gestern nicht hier gewesen.
Sie hätte ihn gesehen.
Langsam und vorsichtig griff sie nach einem abgebrochenen Stück Holz in der Nähe. Ihre Bewegungen waren überlegt und kontrolliert. Jeder Schritt auf ihn zu war abgemessen. Sie verlagerte ihr Gewicht, bereit, bei der kleinsten Bewegung zurückzuweichen oder zuzuschlagen.
„Nicht bewegen …“, flüsterte sie, mehr um sich selbst zu beruhigen, als um ihm einen Befehl zu geben.
Als sie nah genug war, streckte sie den Stock aus und stupste ihn an der Schulter an.
Nichts.
Kein Zucken. Kein Knurren. Kein plötzlicher, gewaltsamer Ausfallschritt.
Immer noch … nichts.
Ihr Herzschlag wurde nicht langsamer.
Draußen passierte das nie.
Vorsichtig ging sie um ihn herum und ging in die Hocke. Ihre Augen ließen ihn nicht eine Sekunde aus den Augen. Sie benutzte den Stock erneut, diesmal mit mehr Druck, und drehte ihn gerade so weit, dass sie sein Gesicht sehen konnte.
Nicht verwest.
Nicht infiziert.
Einfach nur … ein Mensch.
Ihr stockte der Atem, bevor sie es verhindern konnte.
Es war schon eine Ewigkeit her, seit sie einen gesehen hatte.
Sie ließ den Stock fallen und trat näher. Sie bewegte sich nun schneller, aber nicht weniger wachsam. Ihre Finger drückten sanft gegen seinen Hals. Sie suchte und wartete –
Ein Puls.
Schwach … aber da.
„Hey …“, sagte sie und schüttelte ihn leicht an der Schulter. Ihre Stimme war leise, aber dringlich. „Hey – hörst du mich?“
Keine Antwort.
Seine Haut war warm unter ihren Fingern. Sein Atem war flach, aber beständig genug, um durchzuhalten.
Am Leben.
Sharas Augen huschten schnell über ihn. Sie suchte seine Arme, seinen Hals und seine Hände ab – sie suchte nach dem einen Ding, das alles andere in den Schatten stellte.
Ein Biss.
Ein Kratzer.
Irgendetwas.
Aber da war nichts.
Keine sichtbare Infektion.
Sie atmete langsam aus, aber die Spannung wich nicht aus ihrem Körper. Noch nicht. Nicht, bevor sie sich ganz sicher war.
Ihn zurückzuholen war nicht einfach.
Als sie den Rand des Dschungels erreichte, klebte Schweiß an ihrer Haut und ihre Arme brannten vor Anstrengung, weil sie sein Gewicht über den unebenen Boden geschleift hatte. Mit jedem Schritt tiefer in das Grün verschlang der Wald die Welt hinter ihr. Die Stadt verblasste, bis sie nichts weiter als eine Erinnerung war, begraben unter Schichten von Blättern und Schatten.
Die Luft veränderte sich.
Das Geräusch änderte sich.
Die Gefahr… änderte sich.
Und dann, als würde sie eine unsichtbare Grenze überschreiten –
Ihre Welt kehrte zurück.
Versteckt im Dschungel wartete ihr Zufluchtsort.
Ihr Haus.
Glas, Holz und Stein fügten sich nahtlos in die Umgebung ein, als wäre das Haus dort gewachsen und nicht gebaut worden. Sonnenlicht drang durch das Blätterdach über ihr und warf wechselnde Muster auf die offenen Flächen. Das leise Plätschern von Wasser in der Nähe hüllte das gesamte Gebäude in einen ruhigen, lebendigen Rhythmus.
Frieden.
Kontrolle.
Sicherheit.
Zumindest… so weit sie es sich selbst zu glauben erlaubte.
Sie brachte ihn vorsichtig hinein und legte ihn mit mehr Sorgfalt aufs Bett, als sie sich selbst zugetraut hätte. Einen kurzen Moment stand sie einfach nur da und betrachtete ihn in der Stille ihres Raumes.
Dann übernahm wieder ihr Instinkt.
Sie machte sich an die Arbeit.
Sie untersuchte ihn erneut – diesmal gründlicher. Jeden Zentimeter. Jede Möglichkeit. Ihre Bewegungen waren effizient und routiniert, aber darunter lag etwas Angespannteres, etwas Entschlosseneres.
Immer noch nichts.
Kein Biss.
Kein Anzeichen.
Keine Gewissheit.
Aus einem in die Wand eingelassenen Schrank holte sie ein kleines Erste-Hilfe-Set – eines der wenigen Dinge, die sie vor Jahren geborgen hatte und die noch echten Wert besaßen.
Der Test.
Sie zögerte nur eine Sekunde, bevor sie seinen Finger einstach.
Ein Tropfen Blut.
Ein leiser Atemzug.
Warten.
Diese wenigen Sekunden zogen sich länger hin als alles, was sie draußen in der Welt erlebt hatte; länger als jede brenzlige Situation oder knappe Flucht.
Dann –
Negativ.
Shara lehnte sich ein wenig zurück, eine kleine, aber unbestreitbare Veränderung.
Nicht infiziert.
Nicht tot.
Nicht allein.
Später, nachdem sie den Schmutz von seinem Gesicht und seinen Händen gewaschen, ihm die Stiefel ausgezogen und Wasser in Reichweite gestellt hatte, trat sie einen Schritt zurück und betrachtete ihn einfach nur.
Ein Fremder.
In ihrem Haus.
In ihrer Welt.
Das hatte sie nicht geplant. Darauf war sie nicht vorbereitet gewesen. Sie wusste nicht, was es zu bedeuten hatte.
Die Zeit verging in ruhigen, gewohnten Rhythmen. Sie überprüfte die Umgebung. Waschte sich die Hände. Trank Wasser. Machte etwas Einfaches – etwas Warmes.
Etwas Menschliches.
Als sie in den Raum zurückkehrte, fühlte sich die Stille… anders an.
Nicht leer.
Verändert.
Sie stellte die Schüssel sanft ab; das leise Geräusch hallte kaum im Raum wider. Dann setzte sie sich neben ihn. Ihre Haltung war entspannt, aber sie blieb hellwach und beobachtete ihn, wie sie alles beobachtete – vorsichtig und vollkommen.
Warten.
Und dann –
Eine Regung.
Ein Atemzug.
Bewegung.
Seine Stirn zog sich leicht zusammen, als würde er sich durch etwas Schweres zurückkämpfen, etwas, das ihn nicht gehen lassen wollte.
Shara beugte sich ein Stück vor. Ihre Stimme war jetzt sanfter, aber kein bisschen weniger fest.
„Hey…“
Er öffnete langsam die Augen.
Verwirrt. Orientierungslos.
Am Leben.
„…Wo bin ich?“, murmelte er mit rauer Stimme, die in diesem Raum, der seit Jahren nur ihre Stille gekannt hatte, fremd klang.
Shara hielt seinem Blick stand, ruhig und unlesbar.
„Du bist in Sicherheit“, sagte sie.
Eine kleine Pause entstand zwischen ihnen.
Dann –
„Wer bist du?“