1.
„Zieh das Oberteil an, Henley.“ Ihr Manager klingt müde. Sie nimmt es ihm nicht übel, denn sie ist dieses Gespräch auch leid.
Ihr Lappen wischt über die Bar. Das Licht von oben bringt das Glitzern im teuren Ebenholz zum Vorschein. Obwohl es Mittag ist, ist es drinnen ziemlich schummrig. Die Stimme von Jack Johnson schwebt durch die Luft und prallt von den strukturierten schwarz-weißen Wänden ab.
„Ich fühle mich immer noch nicht wohl dabei, wie tief das Dekolleté geschnitten ist.“ Die Lüge rutscht ihr leicht über die Lippen, während sie weiter die Bar abwischt.
„Du hast dem Uniform-Code zugestimmt, als du den Job bekommen hast. Der Besitzer kommt gleich, und er feuert uns beide, wenn du dich nicht daran hältst.“ Bodhi geht auf die andere Seite der Bar und verschränkt seine dünnen Ärmchen vor der Brust. Mit seinen knapp 1,70 Meter und weniger als 55 Kilo wirkt er mit seinen kunstvoll gestylten blauen Haaren ungefähr so bedrohlich wie ein Zahnstocher. „Du weißt doch, dass du meine Lieblingsbarkeeperin bist. Wenn du das Oberteil trägst, solange unser Boss hier ist, werde ich das Thema Uniform nie wieder ansprechen.“
Verlockend. Sehr verlockend. Bodhi verlagert sein Gewicht auf den anderen Fuß und sie nimmt einen überraschenden Geruch wahr. Angst. Er hat ernsthaft Schiss vor ihrem Chef. Wenn ihr seine blauen Haare und die sechs Monate, in denen sie zusammenarbeiten, eines gelehrt haben, dann, dass Bodhi eigentlich nichts Angst einjagt. Dass er also Angst hat … ist kein gutes Zeichen. Sie geht zu dem Ende der Bar, das sie noch nicht geputzt hat, bevor sie antwortet. „Na gut.“
Seine Erleichterung ist so stark, dass sie förmlich in der Luft liegt. Sie kann nicht immer Emotionen riechen, aber bei ihm sprudeln sie geradezu aus jeder Pore.
„Großartig.“ Er versucht, seine Autorität zu wahren, aber beide wissen genau, wer hier die Kontrolle hat. Ihr tierisches Ich sorgt dafür, dass sie ihre Dominanz auf jede erdenkliche Weise ausspielt, und das merkt er auch. Sie wischt die Bar fertig ab, bevor sie durch die Tür in die Küche geht. Sie wirft den Lappen in das Waschbecken, geht in den Pausenraum und öffnet ihr Spind. Am Vortag hatte sie endlich ein Foto von ihr und ihrer Mutter an die Innenseite der Metalltür geklebt – nach sechs Monaten war es endlich „ihr“ Platz. Ihre Fingerspitzen streichen über das Gesicht der Frau auf dem Foto, das sie vor Jahren laminiert hat. Zimtfarbenes Haar umrahmte ein blasses Gesicht und haselnussbraune Augen, die eher grün als braun wirken. Sie war wunderschön, aber es ist ihr ansteckendes Lächeln, das ihre Erinnerungen berührt. Ihr Hals schnürt sich zu und sie wendet den Blick vom Foto ab. Sie schnappt sich das schlichte schwarze Tanktop, das seit ihrem ersten Arbeitstag auf dem Boden ihres Spinds lag, und geht ins Badezimmer. Sie schließt die Tür hinter sich ab und zieht daran, um sicherzugehen, dass sie wirklich zu ist. Wie Bodhi hat sie vor wenigem Angst. Aber in die Enge getrieben zu werden, wenn man sich gerade umzieht, gehört definitiv dazu. Und wenn sie in die Enge getrieben wird, kann sie ihre Reaktion nicht kontrollieren. Sich vom Menschen in einen riesigen Wolf zu verwandeln, nur um jemandem den Kopf abzureißen, der sie im Bad überrascht hat, steht nicht gerade auf ihrer To-Do-Liste. Also ist es besser, die Tür sicher abzuschließen. Ihr Blick schweift über ihr Spiegelbild. Sie hat so viel von ihrer Mutter geerbt. Die haselnussbraunen Augen – auch wenn ihre nie so grün wirkten –, dazu die Gesichts- und Körperform. Was das Lächeln angeht, ist sie sich nicht sicher, wie viel Ähnlichkeit da noch ist. Es ist lange her, dass sie gelächelt hat. Der einzige echte Unterschied ist ihr Haar. Ein juwelenfarbener Rotton, der eigentlich schon fast Pink ist – das muss sie von ihrem Vater haben. Wer immer er auch ist und wo er auch steckt. Das dünne schwarze Oberteil hat am Rücken einen tiefen V-Ausschnitt, der nur von einem schmalen Riemen an den Schulterblättern zusammengehalten wird und den Großteil ihres Rückens entblößt. Vorne schließt es direkt am Hals ab und bedeckt Brust und Schlüsselbein. Mit einem Seufzer zieht sie das Top über den Kopf und wirft es auf die Ablage neben dem Waschbecken. Der schwarze Glitzer im Stein passt zum Look der Bar und bildet einen Kontrast zum verwaschenen Stoff ihres Shirts. Die cremefarbenen Wände lassen das Bad größer und hygienischer wirken als das dunkle Innere des Nachtclubs. Ihr Blick fällt auf das Mal an ihrem Schlüsselbein, das sie seit dreizehn Jahren zu ignorieren versucht. Es ist immer da, ein Brandzeichen, das sie als anders markiert. Ein acht Zentimeter langes, verblasstes und verzerrtes Tattoo in schwarzer Tinte mit einem einzigen Wort: WOLFSBANE. Der Titel, den ihr mit acht Jahren die Dutzenden Werwolf-Alphas gegeben haben, die sich um sie stritten, sie wie eine Trophäe zwischen den Rudeln hin- und herschoben, während sie sich gegenseitig zerfleischten. Sie brannten ihr dieses Wort auf die Haut, damit jeder andere Wolf, der sie sah, sofort wusste, wer und was sie ist. Damals hatte sie schreckliche Angst vor ihnen, doch diese Angst wandelte sich in erbitterten Hass. Die Luft ist schwer in ihrer Lunge, während sie sich das hautenge Tanktop überstreift. Obwohl es ihre durchschnittlich große Oberweite dezent bedeckt, ist das Tattoo nun voll zu sehen. Die Wahrscheinlichkeit, in einem Nachtclub mitten in New York City einem anderen Werwolf über den Weg zu laufen, ist extrem gering, aber sie besteht. Sie zieht das Haar aus dem hohen Pferdeschwanz und schüttelt es aus. Die Strähnen reichen ihr fast bis zum Arsch und sind zum Glück nicht lang genug, um diese komische Delle zu haben, die ein Haargummi manchmal hinterlässt. Nachdem sie ihr Haar so drapiert hat, dass das Tattoo möglichst verdeckt bleibt, lässt sie ihr eigenes Top im Spind und kehrt zur Bar zurück. Bodhi pfeift, als er sie sieht. „Jetzt verstehe ich, warum du die Uniform nicht magst. Jeder heterosexuelle Kerl, der hier reinkommt, wird dich anbaggern.“
Sie verdreht die Augen und wendet sich zwei Kunden zu. Sie sehen aus wie die High Society, so wie fast jeder, der bereit ist, die unverschämten Preise dieses Clubs in Manhattan zu zahlen. „Hallo, Schöne. Dich habe ich hier noch nie gesehen.“ Der Blick des ersten Mannes wandert über ihr Haar zu ihrer Brust. „Warum Wolfsbane?“
Das Haar zieht ihre Blicke an, das Tattoo hält ihre Aufmerksamkeit fest und die Titten erledigen den Rest. „Ich arbeite normalerweise nachts, und das ist privat. Was darf ich euch bringen?“ Sie nimmt ihre Bestellungen auf und verschwindet, um die Drinks zu holen, bevor die beiden noch mehr Fragen stellen können.
„Hab’s dir doch gesagt.“ Bodhi grinst und mixt einen der Drinks, während sie den anderen macht. Er reicht ihn ihr, und sie bringt sie zu den Männern.
Der, der nicht geflirtet hat, bedankt sich und will sich in eine Nische setzen, aber das flirtende Arschloch kapiert den Wink nicht. Er schiebt ihr einen gefalteten 100-Dollar-Schein über die Bar, und seine Mundwinkel heben sich in diesem einstudierten Lächeln, das alle Betrüger perfekt beherrschen. Er ahnt ja nicht, dass er nicht der Einzige ist, der Menschen manipulieren kann. „Erzähl mir die Geschichte hinter dem Tattoo.“
Sie nimmt das Geld, wirft einen kurzen Blick darauf und sieht dann wieder zu dem Typen. Er starrt schon wieder auf ihre Brüste, nervig. Wie die meisten Frauen würde sie lieber in die Augen gesehen bekommen als auf die Nippel. „Mein Privatleben ist deutlich mehr wert als hundert Dollar.“
Der reiche Typ fasst es genau so auf, wie sie es erwartet hat: als Herausforderung. Er schiebt ihr noch einen Hunderter rüber. Sie nimmt ihn, steckt beide Scheine in ihren BH, dreht sich um und geht weg.
„Du schuldest mir eine Geschichte, Braunauge“, ruft der Mann ihr hinterher.
„Kann mich nicht erinnern, eine versprochen zu haben.“ Der Mann hält inne, und sie weiß, dass sie ihn hat. Sie geht zurück zu seinem Tisch und legt einen extra Schwung in ihre Hüften. Wenn sie diesen Typen schon ausnehmen kann, dann richtig. Er nippt langsam an seinem Old Fashioned und schiebt zwei weitere Scheine über den Tresen. Sie wartet, bis er die Finger vom Geld nimmt, aber er bewegt sie nicht. Diesmal fordert er sie heraus. Sie ist nicht der Typ, der vor einer Herausforderung zurückweicht. Na ja, es sei denn, es geht um ihr Leben. „Meine Mutter wurde vor ein paar Monaten ermordet. Das Tattoo erinnert mich daran, gegen die großen, bösen Wölfe zu kämpfen, die zu so was fähig sind.“ Sie lügt. Die Augenbrauen des Mannes wandern nach oben, und er hebt die Finger vom Geld. Sie schnappt es sich und lässt die Scheine zu dem restlichen Trinkgeld in ihren BH gleiten. Den Anteil für die Bar zieht sie am Ende des Tages ab.
„Das tut mir leid.“
Bonus: Ihre Lüge hat seine Flirt-Laune eiskalt abgetötet.
„Genießen Sie Ihren Drink.“ Sie geht wieder weg, und diesmal lässt er sie ziehen.
Sie geht zurück zu Bodhi, um ihm bei den nächsten Drinks zu helfen. Er hält seine Hand unter die Bar, wo es niemand sieht, und sie schlägt ein. „Deshalb bist du mein Lieblingsbarkeeper. Du bist echt gut darin, reiche Typen auszunehmen.“
„Ich habe viel Erfahrung mit Männern, die glauben, die Welt drehe sich nur um sie.“
„Offensichtlich.“
Sie bedient noch ein paar Kunden und findet ihren Rhythmus. Jedes Mal, wenn jemand nach ihren Tattoos fragt, ändert sie die Geschichte ein wenig ab. Niemand erfährt die Wahrheit; das geht niemanden etwas an.
Ein großer, dunkelhaariger Mann kommt am frühen Nachmittag rein und zieht sofort ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sein Geruch liegt in der Luft und ihr Verstand schaltet blitzschnell von Mensch auf Wolf um. Sie unterdrückt die vollständige Verwandlung, bereit, aus der Tür zu rennen, als wäre der Teufel höchstpersönlich hinter ihr her. Bodhi packt ihren Arm, bevor sie fliehen kann, und sie erstarrt, damit bei der Berührung kein Fell durch ihre Haut bricht. Sie hasst es, angefasst zu werden. „Mir ist schlecht, ich muss gehen.“ Sie versucht, ihren Arm vorsichtig aus seinem Griff zu ziehen.
Der andere Werwolf kommt näher und sie muss all ihre Willenskraft aufwenden, um nicht die Form zu wechseln. Die Flucht ist aussichtslos. Menschlich zu bleiben ist allerdings auch unmöglich.
„Mr. Martin.“ Bodhi begrüßt den Werwolf, als dieser sich auf den Barhocker vor ihnen gleiten lässt.
Das ist also der Besitzer des Nachtclubs, das ergibt Sinn. Mit seiner Größe von 1,90 Meter, dem blauen Designerkostüm und dem kunstvoll gegelten Haar trieft der Mann geradezu vor Geld und Selbstbewusstsein. Bodhi hingegen riecht vor Angst. Sie verurteilt ihn nicht dafür. Ihre eigenen Erfahrungen mit dominanten Männern lassen sie genauso sehr rennen wollen wie ihn, wenn nicht sogar noch mehr.
„Bodhi.“ Mr. Martin nickt nicht und lächelt nicht. Seine Augen sind starr auf sie gerichtet. „Und wer sind Sie?“
Sie kann sehen, dass sie auf Mr. Martins Skala gerade Bodhi überholt hat, wenn es darum geht, wer wichtig ist. Wahrscheinlich reicht allein schon ihr Geruch dafür aus. Sie verschränkt die Arme und knietscht die Augen zusammen, als sie den Werwolf vor sich fixiert. Sie kann zwar nicht sagen, ob er ein Alpha ist, aber sie merkt, dass er stark ist. Stärker als sie, zumindest. Männliche Werwölfe haben andere Kräfte als Weibchen, und wenn dieser Typ sie jagt, wird er sie erwischen.
„Das ist Henley Clark, unsere Top-Barkeeperin. Ich hatte Sie am Telefon von ihr erzählt.“ Bodhi wirkt unsicher bei dem, was er da von sich gibt.
„Henley Clark.“ Mr. Martin spricht ihren Namen aus, mustert sie von oben bis unten und seine Augen bleiben an dem „NE“ ihres Tattoos hängen.
„Und Sie wären?“ Sie macht sich nicht die Mühe, nett zu sein.
„Kyler Martin. Bodhi, kann ich kurz ein Wort mit unserer Top-Barkeeperin wechseln?“ Kyler sieht ihn nicht einmal an.
„Klar. Ich meine, wenn es für Henley in Ordnung ist...“, stammelt ihr blauhaariger Freund und sieht zu ihr rüber.
Er ist ihr neuer Lieblingsmensch. Es ist Jahre her, dass sie mal jemand gefragt hat, ob etwas für sie in Ordnung ist.
„Klar. Kannst du die beiden da für mich übernehmen?“ Sie deutet auf das Paar, das am anderen Ende der Bar wartet. Bodhi lässt sie mit Kyler allein.
Als Besitzer weiß der Werwolf natürlich, dass sie seit sechs Monaten für ihn arbeitet. Es bringt also nichts zu behaupten, sie wäre nur zu Besuch in New York oder irgendeinen anderen Scheiß zu erzählen.
„Du dringst seit einem halben Jahr in mein Revier ein. Aus welchem Rudel kommst du? Wölfe müssen sich beim Alpha melden, sobald sie in ein neues Gebiet ziehen.“ Kyler spricht schnell und so leise, dass es niemand sonst hören kann.
„Mein Rudel ist in Washington. Mein Alpha meinte, er würde dich für mich anrufen.“ Sie lügt.
„Hätte er das getan, wärst du hier nicht ungeschützt. Diese Stadt ist kein sicherer Ort für eine Frau, um alleine herumzulaufen.“ Kyler schaut nach links und rechts. Er hat die Fassade des reichen Jungen perfekt drauf und wirkt gelangweilt, während er die Leute im Club mustert.
„Ich melde mich bei deinem Rudel, sobald ich Feierabend habe. Wo finde ich sie?“
„Ganz in der Nähe. Ich bringe dich zum Alpha, wenn ich mit dem Manager fertig bin.“ Er geht von der Bar weg und holt sein Handy aus der Tasche. Seine Finger fliegen über den Bildschirm, während er seinem Alpha schreibt.
Sie wirft einen Blick auf die Küchentür. Ihr Fluchtweg. Die Haare in ihrem Nacken stellen sich auf, und sie muss nicht hinsehen, um zu wissen, dass Kyler sie beobachtet. Zu rennen, während er auf sie achtet, ist weder schlau noch möglich. Der Typ ist ein Wolf; wenn sie rennt, wird er sie jagen und den Spaß seines Lebens dabei haben. Das Gefühl, dass seine Augen auf ihr lasten, verschwindet, als er zu Bodhi hinübergeht, kehrt aber einen Moment später wieder zurück. Es sieht so aus, als würde dieser Typ sie nicht lange aus den Augen lassen. Es ist Zeit, normal zu wirken. Sie bedient noch ein paar Gäste, zockt einen weiteren reichen Kerl für ein fettes Trinkgeld ab – wobei dieses Mal nur 150 Dollar dabei rumkommen, plus eine Ohr voll über irgendeine Boutique, von der sie weiß, dass es dort nichts gibt, was weniger kostet als die gesamte Summe in ihrem BH. Bodhi zeigt Kyler das Gebäude, doch der Werwolf lässt sie keine dreißig Sekunden aus den Augen.
Zu Kylers Rudel zu gehen, ist keine Option. Er scheint zwar nicht zu wissen, was ihr Tattoo bedeutet, aber die Chance ist groß, dass jemand in seinem Rudel es weiß, und das Risiko kann sie nicht eingehen. Als die Männer in Hörweite kommen, winkt sie sie zu sich. „Ich muss kurz aufs Klo“, sagt sie zu ihrem Manager. Bodhi geht hinter die Bar, und sie begegnet Kylers Blick selbstbewusst. Wenn er den kleinsten Grund hat, ihr zu misstrauen, wird er ihr ins Bad folgen. Männliche Wölfe sind unerbittlich, und wenn sie erst mal ein Auge auf etwas – oder jemanden – geworfen haben...
Kyler nickt, und sie unterdrückt gerade so das Augenrollen. Sie schlendert ins Bad und versucht, selbstbewusst zu wirken. Sie nickt dem Barkeeper zu, der Bodhi vertreten wird, wenn sein Meeting vorbei ist, und steuert direkt auf ihren Spind zu. Die Panik schleicht sich endlich ein. Sie schnappt sich ihr Shirt vom Boden, reißt das Foto von der Innenseite der Spindtür, wirft sich ihre Handtasche über die Schulter und rennt los. Durch den Hinterausgang zu schlüpfen ist einfach, aber sie hat kein Auto und nichts, um ihren Geruch zu verdecken, während sie flieht. Es ist schließlich New York. Wenn sie es bis zur U-Bahn schafft, wird sie dieser Begegnung mit ihrer Freiheit in der Tasche entkommen. Es sind nur ein paar Häuserblocks. Sie bereut es, sich nicht sofort nach dem Rausgehen umgezogen zu haben. Obwohl die Sonne noch hoch am Himmel steht und überall Menschenmassen sind, ist es eiskalt. Das Oktoberwetter in New York ist nicht so schlimm wie an anderen Orten, wo sie schon war, aber für ihr Tanktop und die Jeans ist es viel zu kalt.
Sie schafft den ersten Block ohne Probleme und entspannt sich ein wenig. Obwohl die Menschen um sie herum Kylers Witterung verdecken werden, falls er ihr folgt, ist sie sich sicher, dass er sie längst erwischt hätte, wenn er wüsste, wo sie ist und wohin sie geht. Der zweite Block liegt hinter ihr und sie ist fast ausgelassen. Noch ein Block, dann ist sie aus dem Schneider. Nach dem dritten Block atmet sie tief aus und lächelt fast. Fast.
Ihr Fuß setzt gerade zur ersten Stufe hinunter zu den Bahnen an, als eine große Hand ihr Handgelenk packt und sie zurückreißt. Sie wirbelt herum und ihre Brust prallt gegen den Körper des Mannes, der sie festgehalten hat. Sie hebt das Kinn und blickt in ein Paar dunkelblaue Augen. Der Mann hat mehr Muskeln, als sie je bei jemandem gesehen hat. Das Gefühl seiner harten Brust, die gegen ihre weichen Kurven presst, lässt das Tier in ihr wie eine verdammte Katze schnurren. „Henley Clark.“ Seine Stimme ist ein tiefes, sexy Knurren. Er ist jung, wahrscheinlich erst 23 oder 24. Da sie selbst 21 ist, ist das das perfekte Alter für den wohl heißesten Typen, den sie je gesehen hat. Wäre da nicht jede Faser ihres Seins, die ihr sagt, dass er der Anführer des New York Rudels ist. Und Alphas sind Arschlöcher. Ausnahmslos jeder von ihnen.
Sie schüttelt sich innerlich. Egal wie dieser Typ aussieht oder wie sehr sie sich zu ihm hingezogen fühlt, sie muss weg, bevor er merkt, was sie ist und versucht, das auszunutzen. „Lass mich los.“ Sie versucht, bedrohlich zu klingen. Neben dem Alpha und seinen zwei Metern Muskelmasse wirkt ihre schmale Statur von 1,75 Meter vermutlich so gefährlich wie ein Bleistift. Sie schätzt ihre Chancen, losgelassen zu werden, auf etwa -10 zu 1.
Überraschenderweise tritt er zurück und lässt sie los. „Mein Name ist Roman Ellis. Ich bin hier der Alpha.“
„Super. Und jetzt werde ich zurück zu meinem Rudel nach Washington fahren, wenn es nichts ausmacht.“ Sie deutet mit dem Daumen über die Schulter und macht einen Schritt zurück. Irgendwie vergisst sie dabei, dass hinter ihr die Treppe in die Tiefe führt. Ihr Knöchel knickt um, als ihr Fuß die oberste Stufe verfehlt, und sie stürzt rückwärts.
Roman fängt sie um die Taille auf, seine Armmuskeln spannen sich gegen ihren unteren Rücken. „Ich kann dich nicht gehen lassen.“ Er klingt nicht, als täte ihm das leid, sein Blick fällt auf das Tattoo an ihrem Schlüsselbein.
Sie verengt die Augen zu Schlitzen, während sie den riesigen Alpha anstarrt. „Ich kann mich nicht erinnern, dir die Erlaubnis gegeben zu haben, Entscheidungen für mich zu treffen, Alpha.“ Sie entzieht sich seinem Griff, ohne ihm für die Rettung vor einem verstauchten Knöchel zu danken.
„Komm in das Hauptquartier meines Rudels. Wir werden eine Vereinbarung treffen, die für uns beide funktioniert, Wolfsbane.“
Er hat kein Problem damit, ihr die Stirn zu bieten.
Bleistift trifft Felsbrocken.
„Kann ich vielleicht ein ‚Bitte‘ haben?“
Der Alpha verdreht die Augen, greift nach ihrem Handgelenk und zieht sie in die Richtung, aus der sie gekommen ist. Seine Augen dunkeln nach, als sie auf die schiefen Knöchel ihres Ring- und kleinen Fingers an der rechten Hand fallen. Wie ihre Narben sind sie eine Trophäe aus der Hölle, die sie überlebt hat. „Bitte.“
Sie sind schon wieder unterwegs, als er es sagt, aber aus irgendeinem Grund fühlt es sich trotzdem gut an.