Prolog
Der Regen war ein kalter, unerbittlicher Vorhang, der die Gasse in ein verschwommenes Aquarell aus Neonlicht und Schatten verwandelte. Ajax Brogan bewegte sich durch den Regen, als wäre er darin geboren – lautlos, tödlich, jeder Sinn auf das schwache elektromagnetische Summen eingestellt, das ihn heute Nacht hierher gelockt hatte.
Das Syndikat jagte schon seit Monaten Geistersignalen hinterher: Bruchstücke alter Zeit-Technologie, Schwarzmarkt-Experimente, die Verträge umschreiben, Zeugen auslöschen oder Türen öffnen konnten, die kein vernünftiger Mensch anrühren sollte. Er hatte diese Spur selbst verfolgt, das Messer im Stiefel und die Pistole am Rücken, in Erwartung eines weiteren toten Briefkastens oder einer rivalisierenden Gang, die hier mitmischen wollte.
Mit ihr hatte er niemals gerechnet.
In der einen Sekunde war die Gasse leer, bis auf den Müllcontainer und das ferne Pulsieren des Verkehrs von 2026. Im nächsten Moment riss die Luft auf, mit einem Geräusch wie zerreißende Seide und kreischende Elektrizität. Violettes Licht sickerte durch den Riss, gezackt und falsch, und etwas – oder jemand – fiel heraus, wie ein weggeworfenes Gemälde, das aus seinem Rahmen gerissen wurde.
Sie schlug hart auf dem nassen Beton auf.
Ajax erstarrte mitten im Schritt, seine behandschuhte Hand griff bereits nach der Waffe, die sich plötzlich schwer und nutzlos anfühlte.
Lange, gestufte kastanienbraune Locken verteilten sich auf dem Asphalt wie verschüttetes Blut und Feuer, vom Regen dunkel durchtränkt. Ein bauchfreies Top schmiegte sich an ihren Oberkörper und rutschte hoch, sodass ein Streifen blasser Haut an ihrer Taille zum Vorschein kam. Der knallige Rara-Rock – etwas unglaublich, schmerzhaft Achtzigerjahre-Mäßiges – war beim Sturz hochgerutscht und saß nun weit oben an ihren Oberschenkeln, die schwarze Leggings war an einem Knie zerrissen. Sie drückte sich mit zitternden Armen hoch, die haselnussbraunen Augen weit und orientierungslos, der Mund leicht geöffnet zu einem Keuchen, das einen einzelnen Regentropfen über ihre Unterlippe gleiten ließ.
Sie sah … weich aus.
Weich auf eine Art, wie es in seiner Welt seit Jahren nichts mehr gab. Weich wie die Mädchen auf den verblichenen Fotos, die seine Mutter früher aufbewahrte, bevor das Syndikat die Vergangenheit aus ihr herausbrannte. Weich wie jene Unschuld, die Menschen in seinem Job das Leben kostete. Und doch lag etwas Sturköpfiges in der Art, wie sie das Kinn hob, in der Art, wie diese Locken ihr Gesicht umrahmten wie ein Heiligenschein, den er zerstören wollte.
Seine Brust zog sich zusammen. Nicht vor Mitleid. Vor Hunger.
Ein einzelner, bösartiger Gedanke durchbrach die professionelle Distanz, die er seit seinem sechzehnten Lebensjahr wie eine Rüstung trug:
Mein.
Nicht für das Syndikat. Nicht für den Riss, aus dem sie gerade ausgespuckt worden war. Nicht einmal für die Technologie, die ihn unantastbar machen konnte.
Einfach nur … mein.
Er beobachtete, wie sie nasse Strähnen aus ihren Augen strich, eine unschuldige und unbedarfte Bewegung, und etwas Dunkles rollte sich tief in seinem Bauch zusammen. Diese Art von Besitzgier, die absolut nichts in einem Mann zu suchen hatte, der mit Leichen und Verträgen handelte. Er stellte sich vor, wie sich diese Locken um seine Faust wickelten. Er stellte sich vor, wie er sie gegen die Gassenwand drückte, bis dieses naive kleine Keuchen in seinen Namen überging. Er stellte sich vor, wie er sie vor jeder Kugel, jedem Rivalen und jeder dreckigen Hand versteckt hielt, die versuchen würde, das zu berühren, was gerade in seinem Revier gelandet war.
Sie war nicht von hier. Das war offensichtlich, wenn er sah, wie sie auf die holografischen Werbetafeln starrte, die über ihnen flackerten, als hätte sie Licht noch nie zuvor gesehen. Sechsundvierzig Jahre, vielleicht mehr. Der Riss hatte sie ausgespuckt, immer noch gekleidet für ein anderes Jahrzehnt, immer noch mit dem Duft von Terpentin und Hoffnung.
Ajax machte einen Schritt vorwärts, dann noch einen, seine Stiefel lautlos auf dem nassen Asphalt.
Sie sah auf. Diese haselnussbraunen Augen trafen seine, weit vor Angst und mit dieser herzzerreißenden, bodenständigen Verwirrung, und die Neuverdrahtung geschah auf einen Schlag – sauber, unumkehrbar, wie eine Kugel, die auf Knochen trifft.
Dem Auftragskiller, der jahrelang einen Ruf in Blut geschmiedet hatte, war es plötzlich scheißegal, ob der Riss geschlossen wurde.
Er wollte den Riss offen halten, wenn das bedeutete, dass sie blieb.
Er wollte jede Zeitlinie verbrennen, die versuchte, sie zurückzuholen.
Er wollte ihren Namen hören, während er ihr diesen lächerlichen kleinen Rock vom Leib riss und ihr beibrachte, wie Überleben im Jahr 2026 aussah.
„Ganz ruhig, Süße“, sagte er, die Stimme rauer als beabsichtigt, während er den Abstand verringerte. Eine behandschuhte Hand packte ihren Ellenbogen – sanft genug, um keine blauen Flecken zu hinterlassen, aber fest genug, dass sie seinen Anspruch spüren würde. Aus der Nähe roch sie nach Regen, Holzkohle und etwas Süßem, das er nicht benennen konnte. Ihre Locken streiften sein Handgelenk, feucht und schwer.
Sie versuchte, sich loszureißen. Er ließ es nicht zu.
Sein Daumen wischte einen Regentropfen von ihrer Wange, langsam, bewusst, und prägte sich bereits ein, wie ihr Atem stockte.
Wie auch immer ihr Name war, das spielte noch keine Rolle.
Sie war jetzt Freya.
Seine Freya.
Das Mädchen, das mit einem Rara-Rock aus der Zeit gefallen war, zusammen mit all dem Weichen, dessen Verlangen er längst verlernt hatte.
Und Ajax Brogan – der Mann, der niemals etwas behielt, das gegen ihn verwendet werden konnte – hatte gerade beschlossen, dass er sie niemals wieder gehen lassen würde.