Die Drachenkönigin und die Liebe

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Einführung in das Drachenland und in mein Leben
Das Drachenland, in dem ich lebe, ist groß, bunt, schimmernd und voller Leben. Es gibt die höchsten Berge, in denen die Bergdrachen leben und die tiefsten Meere, wo die Meeresdrachen zuhause sind. Es gibt sattgrüne Täler, sprudelnde Bäche, Flüsse mit klarem Wasser und weitläufige Wälder. Eine Besonderheit ist die malerische Sandwüste mit ihren meterhohen Dünen und den erfrischenden Oasen voller Palmen und Dattelbäume. Faszinierend sind die Eiswelten mit den großen Gletschern und Eisbergen. Es wird dich nicht verwundern, dass hier die Eisdrachen bevorzugt zuhause sind. Das Drachenland ist ein Land, in dem die Energiefrequenz sehr hoch ist. Das bedeutet, dass es ausschließlich Kreatives, Lustiges, Ermunterndes, Bejahendes, Stärkendes und Nährendes gibt. Es existiert weder Angst noch Sorge, ein Beurteilen von anderen ist unbekannt, schwere Krankheit existiert nicht. Es gibt kein Geld, alles, das gebraucht wird, ist immer vorhanden. Man stellt es sich vor, und dann materialisiert es sich. Habe ich Durst, dann stelle ich mir einen Krug mit köstlichem, frischem Wasser vor, und schon ist er in meiner Hand. So funktioniert das mit allen Bedürfnissen. Wir Drachen fliegen durch das Land, aber wir können uns auch von einem Ort zum anderen beamen, unsere Vorstellung bringt uns dann dorthin.
Es gibt in unserem Drachenland viele unterschiedlich große Gemeinschaften, die miteinander ihr Leben genießen und teilen. Wir können, wenn wir das wollen, ein paar tausend Jahre alt werden. Neues Leben entsteht im Drachenland, weil eine Gemeinschaft es sich wünscht. Zwei Männer und zwei Frauen der Gemeinschaft erklären sich bereit die Hauptaufgaben beim Wachsen und Lernen zu übernehmen, bis das Drachenkind erwachsen ist.Grundsätzlich sind alle in der Gemeinschaft verantwortlich für das neue Drachenlebewesen, aber jene vier sind das in verstärktem Ausmaß. Wir gehen aus dem Drachenleben, wenn es uns zu einer neuen Erfahrung auf einem anderen Planeten zieht. Dann lösen wir den Körper auf in goldenes Licht, und die Seele manifestiert sich an dem neuen Ort.
Wir haben viele verschiedene Berufe, die uns Spaß machen und der Gemeinschaft dienen. Einer von diesen Berufen ist Königin des Landes zu sein mit der Hauptaufgabe, das Land gut nach außen zu repräsentieren und tragfähige Kooperationen und Vernetzungen herzustellen. Innerhalb des Landes ist es die Aufgabe darauf zu achten, dass alles in Balance ist. Und da das eine große Herausforderung ist, ist mit diesem Beruf verbunden, dass die Königin zwar in einer Gemeinschaft lebt, aber keine Liebesbeziehung eingeht, da sie das zu sehr ablenken könnte. Tja, nun, ich bin diese Drachenkönigin, Ismira ist mein Name. Ich habe perlmuttfarbene Drachenschuppen, bin sehr groß und schlank gebaut.
Ich habe diesen Beruf gewählt, weil es mich fasziniert hat, wie eine meiner Mütter (so nenne ich die beiden weiblichen Drachen, die für mich beim Wachsen zuständig waren) diesen Beruf ausgeübt hat. Oft war ich mit auf Reisen zu anderen Planeten, und es war wunderschön überall herzlich willkommen zu sein. Ich konnte mit den Zwergen, den Elfen, den Feen, genauso wie mit den Walen spielen. Ich liebe alles in meinem Land, und ich liebe auch das Reisen auf andere Planeten.
Es gibt in letzter Zeit etwas das mich besonders beschäftigt und sogar in Unruhe bringt. Ich kann es mit niemandem besprechen, nicht einmal mit Ari, meinem allerbesten Freund, auch nicht mit Mari und Nori, meinen wunderbaren Freundinnen. Das ist sehr unüblich, aber so es ist.
Daher werde ich es dir jetzt erzählen, falls du zuhören magst.
Es gibt in unseren Gemeinschaften alle Formen des Miteinanders, manche leben in einer Liebesbeziehung, andere mit Freundinnen und Freunden oder mit Liebesbeziehung und Freundinnen und Freunden usw. Ich kenne all diese Möglichkeiten, außer jene der Liebesbeziehung, da es für mich als Königin nicht gedacht ist. Dass ich diese Form des Zusammenseins nicht kenne, macht mich seit einigen Wochen unruhig. Ich habe versucht es in der Gemeinschaft anzusprechen und auch mit Mari und Nori, aber das hat nicht funktioniert. Mit Ari wollte ich es nicht besprechen, es kommt mir unpassend vor. Ich glaube, niemand versteht, was ich meine. Wie soll ich die Balance innerhalb des Landes perfekt halten, wenn es etwas gibt, das ich gar nicht wirklich erfühlen kann. Ich erahne es, aber wirklich wissen tut man doch nur, was man fühlt. Und das Fühlen wiederum funktioniert am besten, wenn man es erlebt.
Da ich das unter normalen Umständen im ganzen Drachenland nicht erleben kann, habe ich einen Plan geschmiedet, wie es mir trotzdem gelingen könnte. Leider kann ich diesen Plan nur umsetzen, indem ich etwas schwindle, vielleicht sogar mehr, aber es ist nur für kurze Zeit, und ich denke mir, es kommt letztlich allen zugute, weil ich dann auch diesen Teil unseres Lebens bis in seine Tiefen fühlen kann. Es wird nie jemand erfahren, und ich kann meinen Beruf dann noch besser umsetzen.
Mein Plan ist folgender: Ich gebe vor, ein Monat auf einen anderen Planeten zu reisen zu Austauschzwecken. Da es sich um den sehr vertrauten Planeten der Wale handelt, braucht mich niemand begleiten. Ich werde aber nicht zum Planeten der Wale reisen, sondern werde inkognito in eine unserer Gemeinschaft fliegen und dort alles über Liebesbeziehungen herausfinden. Ich habe mich schon bei einer Gemeinschaft, die weit weg von unserer liegt und wo ich nicht so bekannt bin, als Goldschmiedin beworben. Ich habe herausgefunden, dass es in dieser Gemeinschaft besonders viele Paare gibt, die in einer Liebesbeziehung leben, manche schon seit 500 Jahren, also genau richtig für mein Vorhaben. Ich hoffe, dass es eine Zusage wird, und dann kann das Abenteuer losgehen.
Die Zusage
Oh, meine Göttin, bin ich aufgeregt, ich habe eine Zusage bekommen als Goldschmiedin in der Drachengemeinschaft Schuppenglanz. Ich habe schon alles für meine Abreise vorbereitet. Glücklicherweise schöpft niemand Verdacht, da ich ja noch nie geschummelt habe. Ari scheint etwas zu ahnen, er fragt ungewohnt oft nach, was mein Auftrag ist und was ich vorhabe und scheint sich zu wundern. Aber ich habe, obwohl es mir wirklich schwerfällt, nicht einmal Ari etwas verraten. Morgen geht es los. Ich werde zuerst das Drachenland verlassen, dann heimlich zurückkehren, mich in eine grüne, kleine Drachin verwandeln und nach Schuppenglanz fliegen.
Das neue Leben
Ich habe es geschafft, ich bin schon auf dem Weg nach Schuppenglanz als kleine, grün schimmernde Drachin. Nur meine Augen sind dieselben, die können nicht verwandelt werden. Ich habe stark geformte Augen mit langen, schwarzen Wimpern, und meine Augenfarbe ist Türkis. Daher habe ich mich jetzt für grüne Schuppen entschieden, denn ich dachte mir, das passt gut zu den Augen und wird nicht auffallen. Es hat alles nach Plan funktioniert. Ich bin sogar bis zum Walplaneten gereist, habe kurz einen Besuch beim Walkomitee, das für das Wohl des Landes arbeitet, gemacht und bin dann schnell wieder retourgeflogen. Ich habe rechtzeitig meine Tarnschuppe eingesetzt, die mich unsichtbar macht, und so hat alles funktioniert. Ich freue mich so auf diesen Monat. Außerdem wollte ich schon immer das Goldschmieden lernen. Das ist ein zusätzlicher Bonus. Oh, ich kann Schuppenglanz schon sehen. Es trägt diesen Namen, weil die Hänge in allen Farben schillern, in Grün, Rot, Braun, selbst Blau- und Violetttöne finden sich darin. Die Goldschmiede ist in einem der großen Berge angesiedelt.
Langsam lasse ich mich nach unten gleiten. Hier stehe ich nun, vor einer goldenen Tür. Ich atme tief durch und klopfe. Möge alles gut gehen und mich niemand erkennen. Die Tür öffnet sich, eine Drachin mit blauen Schuppen steht vor mir. Sie schaut mich freundlich an und sagt: „Du musst Ismira sein, schön, dass du da bist, komm herein. Ich bin Frederike, in den ersten fünf Monaten werde ich deine Lehrerin sein. Wie nett, du hast denselben Namen wie unsere Königin.“ Sie schaut mich dabei freundlich an. Ich verberge mein kurzes Erschrecken und nicke. Wir kommen in einen Raum, in dem mehrere Arbeitstische stehen, Werkzeug und Metalle liegen auf den Tischen und am Boden. Einige Drachen sind konzentriert bei der Arbeit. Sie nutzen das eigene Feuer, um die Metalle zu schmelzen und zu bearbeiten. „Gut beobachtet,“ sagt Frederike, „das Feuer im richtigen Ausmaß zu benutzen ist eine Kunst, die man beim Goldschmieden braucht. Du wirst sie von mir lernen.“ Ich schaue Frederike überrascht an, da ich doch gar nichts gesagt hatte. „Es ist faszinierend,“ sage ich. „Du wirst später alle, die hier arbeiten, kennenlernen, aber jetzt zeige ich dir deinen Wohnplatz. So kannst du ankommen, und dann sehen wir weiter.“ Wir verlassen den Arbeitsraum und kommen wieder nach draußen, klettern einige Stufen aufwärts und erreichen eine Felsnische. „Das ist deine Wohnung, ich hoffe, sie gefällt dir.“ Man hat einen herrlichen Blick über das Land von hier. „Danke, es ist wunderschön.“ „In einer Stunde ist Mittagspause, komm dann in die Werkstatt, damit dich alle kennenlernen.“ Ich gehe noch einmal nach draußen und lasse meinen Blick über diese wunderbare Landschaft gleiten. „Hallo, du musst die neue Goldschmiedin sein,“ höre ich eine Frauenstimme, sehe aber niemanden. „Ich bin hier heroben, direkt ober dir.“ Ich mache einen Schritt vorwärts und drehe mich um. Da steht eine große, waldfarbene Drachin. „Ich bin Moos,“ stellt sie sich vor und fliegt neben mich. „Ich lebe mit Markus in der Höhle ober dir.“ „Freut mich sehr dich kennenzulernen, ich bin Ismira.“ Am liebsten würde ich sie fragen, ob sie mit Markus in einer Liebesbeziehung lebt, aber das lasse ich lieber fürs Erste, besser ein bisschen vorsichtig sein. „Bist du auch Goldschmiedin?“ frage ich indessen. Moos lacht und sagt: „Nein, ich bin im Wald zuständig, aber Markus, mein Lebenspartner, arbeitet in der Goldschmiede.“ „Yeah, sie sind ein Liebespaar, und sie wohnen direkt ober mir,“ jubelt eine Stimme in mir. „Wenn du etwas brauchst, dann komm einfach rauf zu uns,“ sagt Moos, und weg ist sie. Ich bin zufrieden, das ist ein guter Start für mein Vorhaben. Meine Höhle ist sehr komfortabel, es gibt ein Wohnzimmer, eine Kochstelle und einen Schlafraum. Am anderen Ende der Höhle ist eine Tür. Das ist ungewöhnlich. Ich versuche sie aufzumachen, sie klemmt etwas, aber da, ich habe sie offen und vor Erstaunen rutsche ich fast aus. Vor mir liegt ein unendlich weites Tal in Grün- und Blautönen durch das sich Flüsse schlängeln, ein Meer aus Grün bis zum Horizont. Ich höre ein Räuspern. Ich drehe mich um, und da ist wieder Moos mit einem Korb voller Obst. „Ein Willkommensgruß für dich,“ sagt sie, „ganz schön beeindruckend der Ausblick hier, oder?“„Es ist unglaublich,“ stammle ich. Sie ist schon wieder am Wegfliegen. „Danke für den Willkommenskorb“ „Gern geschehen.“
Es ist vielleicht für dich noch wichtig zu erwähnen, dass wir kaum Nahrung zu uns nehmen. Da die Energie im Drachenland so hoch ist, brauchen wir kein Essen oder Trinken, aber manchmal essen oder trinken wir trotzdem, einfach, weil es ab und zu Freude machen kann.
Oh, wie das riecht. Im Korb sind frische Mangos, rote und grüne Äpfel und riesige Birnen. Ein Büschel Reisig, das herrlich duftet, steckt ebenfalls darin. Ich stelle den Korb tiefer in die Höhle, damit alles schön frisch bleibt, und mache mich auf den Weg in den Arbeitsraum der Goldschmiede. Frederike winkt mir zu und deutet, dass ich zu ihr kommen soll. „Gleich ist Mittagspause, dann setzen wir uns draußen auf dem Plateau zusammen, du kannst schon mal rausgehen.“ Das Plateau ist wie ein großer Balkon direkt vor dem Arbeitsraum der Goldschmiede. „Hallo“, sagt jemand hinter mir. Ich drehe mich um, und da steht ein goldschimmernder, großer Drache. „Ich bin Markus!“ „Hallo Markus, ich habe Moos auch schon kennengelernt, ich freue mich sehr, dass ihr ober mir wohnt.“ Sein freundliches Gesicht wird durch ein breites Grinsen noch freundlicher. „Moos ist die Beste, auf sie kannst du immer zählen.“ Da kommen auch die anderen, setzen sich in einen Kreis und deuten mir, Platz zu nehmen. Frederike sagt ein paar einleitende Worte und bittet alle sich kurz vorzustellen. Da ist Kuri, eine schwarze Drachin mit einem so glänzenden Fell, dass es einem scheint, als wäre es nass. Wenn sie sich bewegt, dann ist Glitzer von Gold in ihren Schuppen. Neben ihr sitzt Mechthild, ein grau-metallglänzender Drache, der schon etwas älter zu sein scheint. Seine Bewegungen sind etwas langsamer, aber sehr würdevoll. „Ich bin Porti,“ sagt ein junger, silberner Drache, ich bin im dritten Jahr meiner Lehre, und in ein paar Wochen ist meine Abschlussprüfung.“ Nun bin ich an der Reihe. Ich bin nervös, es ist mir auf einmal unangenehm, dass ich nicht die Wahrheit sagen kann. Es scheint plötzlich so absurd, was ich hier vorhabe. Soll ich sagen, dass ich die Königin bin und was mein Vorhaben ist? Alle blicken zu mir. „Ich bin Ismira, ich komme von Bergonien und freue mich sehr, wenn ich hier das Goldschmieden lernen darf,“ sage ich schließlich. „Warum willst du es lernen?“ fragt Kuri. Nun kann ich etwas sagen, das wirklich wahr ist. Ich erzähle, dass es bei uns keine Goldschmiede gibt, aber dass ich all die wunderschönen Arbeiten auf den Krügen, Töpfen, Halsketten so bewundere und immer schon wissen wollte, wie man aus Gold, Silber, Bronze, Kupfer so etwas herstellen kann. Scheinbar war ich sehr überzeugend, denn ich höre Mechthild rufen. „Sie ist aufgenommen, was meint ihr?“ Er blickt in die Runde, und alle nicken zufrieden. Frederike erklärt: „Du musst wissen, wir haben dir zwar eine Zusage gegeben, aber wir nehmen nur jemanden, wo wir uns sicher sind, dass das Feuer für die Goldschmiede brennt. Da das nun klar ist, kann es beginnen. Du hast ein Monat Probezeit, dann kannst du dich und können wir uns final entscheiden.“ Sie klatscht erfreut in ihre Hände und winkt mich zu ihr. „Ich zeige dir jetzt deinen Arbeitsplatz, dann beginnen wir mit den unterschiedlichen Materialien, und vielleicht zeige ich dir noch, wie wir das Feuer einsetzen.“ Ich habe einen Schemel und eine Arbeitsfläche neben Frederikes Arbeitsplatz. Und los geht es mit dem Lernen. Am Abend, als Schluss ist, saust mir der Kopf von all dem neuen Wissen. Ich bedanke mich bei Frederike und gehe in meine Höhle. „Hoffentlich weiß ich das, was ich heute erfahren habe, morgen noch“, sagt eine zweifelnde Stimme in mir. Ich hätte gerne noch einen Abendspaziergang gemacht, aber ich bin so müde, dass ich nicht einmal mehr nach oben zu Moos und Markus lausche, ich schlafe sofort ein.
Es ist noch dunkel, als ich erwache, die Luft ist angenehm kühl und frisch. Was habe ich bis jetzt über Liebesbeziehungen herausgefunden? Moos und Markus scheinen einander sehr gut zu kennen. Es hat Markus kein bisschen überrascht, dass Moos schon vorbeigeschaut hat bei mir, große Vertrautheit und tiefes Mögen ist offensichtlich. Ich habe Lust auf einen Erkundungsflug durch Schuppenglanz. Ich schnappe mir eine Mango, und los gehts. Erste Anzeichen der Dämmerung zeigen sich am Himmel, ein Vogel lässt seine Stimme ertönen, andere antworten. Unter mir ist ein Spielplatz und das Gebäude daneben ist wohl ein Drachenkindergarten mit einem riesigen Schwimmbad und einer atemberaubenden Rutsche. Dahinter kann ich einen Sportplatz erfassen und ein Fitnesscenter. Dann kommen die Töpfer- und Malwerkstätten. Auf einmal ist ein riesiger, wunderschöner Kuppelbau vor mir, der zum Himmel hin große Glasflächen hat. Das muss der Tempel von Schuppenglanz sein. Erfreut lasse ich mich hinuntergleiten zum Eingang. Es gibt kein Tor. Ich schreite durch einen schönen Steinbogen und „Wow“. Ein Meer aus Farben und Formen sehe ich an den Wänden, Tücher und Lianen hängen von der Decke. Die Mitte, wo eine große Seerose als Mosaik den Boden ziert, zieht mich an. Ich stehe dort, spüre mein Herz, meinen Puls und genieße. Es wird immer ruhiger und ruhiger in mir, ich fühle mich so wohl in mir und mit allem um mich herum. Ich BIN, und die Zeit bleibt stehen. Ich atme und genieße diese Ganzheit, die Präsenz, die Stille und die Verbundenheit. Ich kenne diesen Zustand, aber ich hätte nicht geahnt, dass es hier einen Tempel gibt, an dem man dieses herrliche Gefühl so schnell erreichen kann. Ich bleibe, bis es hell wird und die ersten Lichtstrahlen durch die Glasfenster ober mir blitzen.
Ich beschließe zurückzufliegen, ich will pünktlich in der Goldschmiede sein. Da höre ich das Schlagen von Drachenflügeln. Ich schreite durch den Steinbogen, schaue mich um, kann aber niemanden sehen. Hat mich jemand beobachtet? „Na ja, und wenn,“ sage ich mir, „es ist sicher erlaubt, hier an diesem wunderschönen Ort zu verweilen.“ Ich erschrecke, ich habe mich zurückverwandelt in meine normale, perlmuttfarbene Drachengestalt. Wie konnte das sein? Schnell verwandele ich mich wieder in die grünschimmernde, kleine Drachin.„Hat mich jemand gesehen?“ Ich muss herausfinden, was das für ein besonderer Ort ist. Jedenfalls muss ich vorsichtiger sein, das ist gewiss. Als ich mich der Höhle nähere, sehe ich Markus winken. „Komm zum Frühstück zu uns,“ ruft er. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen und lande direkt auf dem Plateau vor ihrer Höhle. Der Steintisch ist gedeckt mit herrlichen Früchten, grünem Gemüse, frischem Salat und duftenden Kräutern. „Wo warst du schon so früh?“ fragt Markus. Ich erzähle vom Tempel. Markus lächelt und sagt: „Ah, es hat dich zu unserem Allerheiligsten gezogen.“ Moos kommt mit Teller heraus und begrüßt mich mit einer Umarmung. „Ismira war im Tempel,“ sagt Markus zu Moos gewandt. „Gute Wahl!“ gibt Moos zur Antwort. Wir setzen uns um den herrlich gedeckten Tisch. Markus und Moos geben einander die Hand und strecken sie auch nach mir aus. Da ich sie verwundert ansehe, erklärt Moos: „Wir segnen unser Essen.“ „Ah, alles klar.“ Ich lege meine Hände in die ihren und genieße den goldenen Segen, der ohne Worte von oben auf und in das Essen strömt. „Das ist schön,“ sage ich nachher. „Macht ihr das nicht zuhause?“ fragt Markus „Du hast noch gar nichts von dir erzählt, wie ist es bei euch so?“ Oh, ich wollte das Gespräch nicht in diese Richtung lenken. Schnell sage ich: „Könnt ihr mir mehr vom Tempel erzählen, es war so schön dort.“ Moos lächelt bestätigend und sagt: „Es ist ein herrlicher Ort, an dem Vieles möglich ist. Die Energie sprudelt wie ein Springbrunnen aus der Erde. Manche sehen sie, andere fühlen sie.Du kannst dort neu auftanken, dich erholen, du kannst klare Gedanken fassen und neue Ideen bekommen,“ sagt Moos. „Und es ist der Ort, wo wir uns unsere Liebe gestanden und beschlossen haben, dass wir zusammenleben wollen,“ ergänzt Markus. „Außerdem ist es ein Ort von Weisheit und Wahrheit,“ höre ich Moos. Ich horche auf, Wahrheit? „Bedeutet das, dass man dort zur Wahrheit findet?“ frage ich nach. „Es kann sich unterschiedlich präsentieren, aber im Tempel existiert nur das, was wahr ist,“ sagt Moos. Nun ist mir klar, warum ich mich zurückverwandelt hatte. Das heißt, dass ich mich am besten nicht im Tempel aufhalten sollte. Etwas in mir ist traurig darüber. „Oh, es ist schon spät, wir sollten zur Goldschmiede,“ sage ich. Die beiden nicken. Rasch räumen wir gemeinsam den Tisch ab, und Markus und ich fliegen runter in die Goldschmiede. Frederike erwartet mich bereits. Gold- Silber- und Kupferplatten liegen am Boden. „Bist du bereit?“ fragt sie mich mit einem strahlenden Lächeln. „Ready!“ sage ich. Es ist wieder ein intensiver Lerntag, der mir so viel Spaß und Freude macht, dass ich völlig überrascht bin, wie schnell er vorbei ist. Ich frage Frederike, ob ich noch länger bleiben kann, aber sie verneint. „Es ist wichtig, sich auszuruhen und Zeit in der Gemeinschaft zu verbringen, dann wird es morgen wieder ein guter Arbeitstag.“ Ich verstehe, was sie meint. „Komm doch am Abend zum Gartenfest“, sagt Frederike. „Gartenfest?“ frage ich. Davon habe ich noch nichts gehört. „Etwas außerhalb liegen wunderschöne Gärten, und manchmal, so wie heute, öffnen die Gartendrachen die Gärten, und wir dürfen die ganze Nacht und den nächsten Tag dort verbringen.“ „Das klingt sehr verlockend, ich werde da sein,“ sage ich. Ein Gemeinschaftsfest, das ist gut für mein Vorhaben, die Liebesbeziehungen genauer zu erspüren. Ich dusche mich und sprühe Rosenduft auf meine Schuppen, dann fliege ich los Richtung Gartenfest. Ich bin keineswegs allein in der Luft unterwegs. Weiter vorne sehe ich Markus und Moos und viele große, mittlere und kleine Drachen sausen durch die Lüfte, der Großteil von ihnen ist eindeutig Richtung Gartenfest unterwegs. Da sind auf einmal Frederike, Mechthild, Porti und Kuri neben mir. „Schön, dass du auch da bist,“ ruft Kuri. Die schwarzen Schuppen glänzen und schimmern noch intensiver als in der Werkstatt. Oh, ich kann die Gärten schon sehen. Mammutbäume, Schlingpflanzen, das muss ein Regenwald sein, weiter hinten sind große Mangobäume zu erkennen. Wir setzen am Rand der Gärten ab. Kuri hackt sich bei mir ein und sagt: „Soll ich dir alles zeigen?“ „Das wäre super.“ Ich hatte eigentlich noch keine Zeit gehabt Kuri, Porti und Mechthild etwas näher kennenzulernen. Wir streifen durch die herrlich duftenden Gärten, immer wieder werde ich jemandem vorgestellt. Ich kann mir die Namen nicht alle merken, weil es so viele sind. Meine Aufmerksamkeit ist vor allem auf die Paare ausgerichtet. Ich sehe Paare, die Hand in Hand durch die Gegend schlendern, ein Paar, das sich küsst, ein anderes das sich glücklich anstrahlt, ein Paar ist so vertieft in ein Gespräch, dass sie die Umgebung gar nicht wahrzunehmen scheinen. „Lebst du zuhause mit deinen Freundinnen und Freunden oder mit deiner Liebe?“ höre ich auf einmal Kuri fragen. Ich bin aus meinen Beobachtungen gerissen und stottere. „Ich lebe mit Freundinnen und Freunden zusammen.“ „Ich habe zehn Jahr mit einem sehr netten Drachen zusammengelebt, aber er wollte gerne mehr Zeit im Drachenmeer verbringen, daher lebe ich jetzt wieder mit meinen Freundinnen und Freunden,“ erzählt Kuri. „War es schwierig, als er wegzog?“ frage ich. „Es war am Anfang ungewohnt, aber wir haben ein schönes Fest der Veränderung gemacht, das hat geholfen. Wir werden uns sicherlich wieder sehen, und wir können uns auch besuchen.“„Würdest du wieder einen Partner wählen?“ frage ich neugierig. Kuri lacht „Das habe ich schon gemacht. Siehst du dort ganz hinten bei den Lianen die silberne Drachin, in sie bin ich verliebt, und ich glaube, sie mag mich auch sehr. Wir verbringen viel Zeit miteinander und genießen es, aber wir haben unsere Zuneigung noch nicht offen ausgesprochen.“ Kuri winkt, und die silberne Drachin winkt uns zu sich. Ich merke, dass ich am liebsten ein wenig allein wäre und sage zu Kuri: „Danke fürs Zeigen von allem, ich möchte gern ein wenig allein sein. Ich glaube, ich schau zum Tempel.“ Kuri nickt verständnisvoll, und weg ist sie. Ich fliege zum Tempel und setze mich heraußen in die Wiese. Ich trau mich nicht reinzugehen, damit ich nicht wieder meine wahre Gestalt annehme. „Hallo!“ ein grau-weißer, sehr alter Drache setzt sich neben mich. „Du musst die neue Goldschmiedin sein,“ sagt er und schaut mich direkt an. Ich nicke freundlich. „Willst du dir den Tempel von innen ansehen? Ich bin der Tempelhüter, ich kann dich begleiten.“ Oh, nur zu gerne hätte ich das gemacht, aber ich konnte nicht. „Vielleicht später, ich war vor einigen Tagen schon im Tempel,“ gebe ich zur Antwort. Er nickt, und es ist mir, als würde er sagen, „Ich weiß.“ Ich fühle mich auf einmal nicht mehr so wohl, es ist mir, als würde ich Fieber bekommen. „Ich glaube, ich muss nachhause,“ sage ich zu dem Tempelhüter. Er schaut mich freundlich an und nickt. Ich fliege Richtung meiner Höhle, und mein Herz fühlt sich so schwer an, dass ich das Gefühl habe, gleich abzustürzen. Mein Atem ist dicht und klebrig, und ich bin froh, als ich endlich die Höhle erreiche. Wie konnte mir so ein verrückter Plan einfallen? Ich will all diese liebenswerten Drachen nicht weiter anlügen. Ich denke an Ari, an Mora und Nori und alle Drachen in meinem Zuhause und im ganzen Land, und je mehr ich an sie denke, umso elender fühle ich mich. Ich habe versagt, als Drachin und in meinem Beruf als Drachenkönigin. Ich öffne die Tür am Ende meiner Höhle und blicke in diese unendliche Weite. Ich merke, wie ich ruhig werde, der Atem beginnt wieder wie ein goldener Fluss durch mich zu strömen. Jetzt weiß ich, was ich zu tun habe und was ich will.
Das Geständnis
In Windeseile packe ich meine Sachen, nehme ein Blatt Papier und schreibe: „Liebe Friederike, es tut mir leid, aber ich muss nachhause fliegen. Ihr hört ganz bald von mir.“ Den Zettel bringe ich runter in die Werkstatt. Ich kann jetzt noch nichts erklären, zuerst muss ich es zuhause beichten, dann hier in Schuppenglanz und am besten gleichzeitig im gesamten Drachenland. Niemand wird mich dann mehr als Königin haben wollen, aber das macht mir nichts aus, besser, als diese Lügengeschichte weiter zu spinnen und immer größer werden zu lassen.
Ich fliege los und fühle mich wieder drachenleicht. Soll ich mich beamen statt fliegen? Nein, es ist gut noch etwas Zeit zu haben, beschließe ich.
Nach einigen Stunden Flug sehe ich Bergonien, ich verwandle mich zurück in die die ich bin und fliege als erstes zu Ari. Er ist in seiner Höhle. Bei ihm ist Mendi, ein kleiner Drache, für den er mit drei anderen die Hauptverantwortung in der Erziehung übernommen hat. Beide sind vertieft in Experimente mit Licht und Geschwindigkeit. Ari ist ein Forscher und erfindet immer wieder Dinge, die für uns im Drachenland wichtig sind. „Hallo!“ sage ich.Beide drehen sich zu mir um, und ich sehe Aris erstauntes Gesicht, das gleichzeitig ein sehr erfreutes ist. „Warum bist du schon zurück?“ fragt er. „Ich muss dir dringend etwas erzählen,“ sage ich. „Jetzt?“ fragt er, die Pipette in der einen Hand, ein Streichholz in der anderen. Ich nicke. „Wenn es möglich wäre?“ „Okay,“ er legt alles zur Seite, erklärt Mendi, was er in der Zwischenzeit machen kann, und wir gehen nach draußen. „Ari, ich habe einen großen Unsinn gemacht.“ Er schaut mich ungläubig an. Ich erzähle alles von Anfang an, von meinen Gedanken, meinem Plan und wie ich ihn umgesetzt habe bis hin zu dem, wie mir dieser unerträglich geworden ist, und ich schnell zurückgeflogen bin und was ich jetzt vorhabe.“ Ari hört mir zu, ohne etwas zu sagen, bis ich ruhig bin. „Oh, du liebes Bisschen,“ er lacht, „da hast du dich in einen ordentlichen Schlamassel manövriert, und das alles, um herauszufinden, wie Liebesbeziehungen sich anfühlen. Da hättest du mich auch fragen können.“ „Wieso dich, du hattest doch noch nie eine Liebesbeziehung?“ rufe ich. „Ich habe eine Liebesbeziehung mit dir, seit ich dich kenne, mit den einzigen Ausnahmen, dass wir es nicht ausgesprochen haben und dass wir nicht zusammenwohnen.“ „Und wir küssen uns auch nicht,“ ergänze ich. „Ja, aber das ist doch nur so, weil du eben Königin bist, und es nicht erlaubt ist,“ sagt Ari. „Du hast recht, je mehr ich die Liebesbeziehungen in Schuppenglanz beobachtet habe, umso öfter ist mir unsere Freundschaft eingefallen. Ich habe keine Unterschiede gefunden.“ Auf einmal ist alles ruhig. Ari und ich schauen einander an, und dann küssen wir uns, zum ersten Mal, ganz selbstverständlich, so, als hätten wir es schon ganz oft gemacht.
„Ich muss jetzt los,“ sage ich, ich habe einiges aufzuklären. „Viel Glück!“ ruft Ari mir hinterher.
Ich beschließe das Drachenkomitee einzuberufen, um dort alles zu berichten und dann werde ich eine landesweite Nachricht telepathisch aussenden, und im Besonderen werde mich in dieser bei den Drachen von Schuppenglanz entschuldigen.
Einige Mitglieder des Drachenkomitees schütteln während meiner Erzählung immer wieder verständnislos den Kopf. Ich sage ihnen, dass ich bereit bin meinen Beruf als Königin aufzugeben, und dass ich es verstehe, wenn sie mich nie wieder als Königin haben wollen. Ich sage ihnen auch, dass ich Ari geküsst habe und vor habe, mit ihm eine offizielle Liebesbeziehung zu leben. Die Vorsitzende, Meranda, eine große Drachin mit goldenen Schuppen, sagt schließlich, dass sich das Komitee drei Tage Bedenkzeit nehmen will, um in Ruhe zu überlegen und zu einem Ergebnis zu kommen, das für alle im Drachenland das Beste ist. Das Komitee befürwortet, dass ich eine telepathische Nachricht an die Drachen des Landes sende und darin auch sage, dass sich das Drachenkomitee absehbar melden wird.
Ich fliege in unseren Nachrichtensender und übermittle telepathisch meine Nachricht an alle im Drachenland, sage auch, dass ich bereit bin meinen Beruf als Königin zu lassen. An die Drachen in Schuppenglanz gerichtet, sage ich: „Ich möchte mich von ganzem Herzen bei euch entschuldigen. Die Zeit bei euch war eine wunderschöne Zeit für mich, jede Sekunde des Lernens in der Goldschmiede wie das Verweilen im Tempel oder in den herrlichen Gärten war einzigartig. Ich habe alle Begegnungen sehr genossen und bin von ganzem Herzen traurig, dass ich euch etwas vorgeschwindelt habe. Bitte verzeiht mir!“
Dann fliege ich zu Ari, und ich merke an seinem ernsten Gesicht, dass er die telepathische Nachricht, die ich ausgesendet habe, bereits erhalten hat. „Gut gemacht,“ sagt er schließlich. „Wenn das Komitee dich weiter als Königin möchte, ist es dann das, was auch du willst?“ fragt er. Ich zucke mit den Schultern. „Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich Königin sein will, selbst, wenn es mir erlaubt wird, mit dir zusammen zu leben. Der Beruf der Tempelwächterin wäre etwas, das mich sehr interessieren würde, glaube ich. Ich könnte die Tempel unseres Landes besuchen und ihre spezielle Energie wahrnehmen, aufzeichnen und für alle im Drachenland zugänglich machen. Ich könnte mit den Tempelwächterinnen und Tempelwächtern sprechen und ihre Erfahrungen aufschreiben.“ „Das fühlt sich gut an,“ höre ich Ari. Auf einmal fühle ich mich super erschöpft. „Ich glaube, ich bin todmüde, kann ich mich kurz auf deine Couch legen?“ „Sicher, ruh dich aus!“ Ari dreht sich zu mir um und muss schmunzeln, denn ich bin schon eingeschlafen.
Die nächsten drei Tage verbringe ich viel Zeit in meiner Höhle, denn ich will, bis alles entschieden und geklärt ist, von niemandem gesehen werden. Ich würde gerne in unseren Tempel fliegen, der mir immer hilft, wenn ich unruhig bin, aber auch das lasse ich lieber sein. Ich meditiere, spiele Trompete, raste mich aus und bin froh, dass Ari immer wieder bei mir vorbeischaut und mich allein durch seine ausgeglichene Präsenz beruhigt. Mari und Nori kommen ebenfalls täglich vorbei, Mari meditiert mit mir, und Nori bringt leckere Sachen zum Essen, und wir singen gemeinsam, was mir guttut.
Die Entscheidung
Am Morgen des dritten Tages falle ich vor Aufregung fast aus dem Bett, denn das Komitee hat einen telepathischen Ruf nach mir ausgesandt. Ich mache mich frisch, atme tief durch und fliege los.
Meranda, die Vorsitzende, steht auf und beginnt zu sprechen. „Königin Ismira, wir sind zu folgenden Entscheidungen gekommen.
Die Bestimmung, dass eine Königin oder ein König keine Liebespartnerin/ keinen Liebespartner wählen soll, weil das zu sehr von der Arbeit ablenken könnte, sehen wir als überholt an. Das, was du gemacht hast, war falsch, das war ein großer Fehler, aber wir spüren deine ehrliche Reue und haben deine Entschuldigung angenommen. Dein Handeln hat uns gezeigt, dass hier eine Änderung erforderlich ist.
Weiters haben wir diese Entscheidung an alle Drachen des Landes geschickt und sie um Ihre Rückmeldung gebeten. Es gab nur zustimmende Rückmeldungen, aus Schuppenglanz wurde uns eine spezielle Nachricht über dein korrektes und sehr positives Benehmen gesandt.
Zukünftig erwarten wir uns hundertprozentige Ehrlichkeit in allen Belangen, auch wenn der Weg unter Umständen schwierig ist. Wenn du das versprechen kannst, dann wollen wir, dass du weiterhin deinen Beruf als Königin ausübst. Was sagst du dazu?“
Ich atme tief durch und stehe auf. Was soll ich bloß antworten? Dass mir die Drachen meines Landes weiterhin ihr Vertrauen schenken würden, berührt mich ganz tief, und dass die Drachen von Schuppenglanz offensichtlich nicht böse sind, erleichtert mich sehr. Will ich weiterhin den Beruf der Königin ausüben oder will ich lieber Tempelwächterin werden?
Alle schauen mich an, durchdringend, erwartungsvoll.
„Liebes Komitee! Ich bedanke von ganzem Herzen für Ihre Mühe und Ihre Entscheidung, auch dafür, dass alle Drachen des Landes eingebunden wurden. Ich übe den Beruf der Königin sehr gerne aus, aber ich würde auch sehr gerne die Tempel unseres herrlichen Landes besuchen und ihre Energie aufnehmen und beobachten. Ich möchte mit den TempelwächterInnen sprechen und die Spezifika jedes Tempels aufzeichnen. Dann erfahren alle Drachen unseres Landes von diesen hochschwingenden Energieorten und können sie je nach Bedarf nutzen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich beide Aufgaben zufriedenstellend erfüllen kann.“
Meranda blickt in die Runde und stellt eine telepathische Frage, die ich nicht verstehe, da sie nur an die Mitglieder gerichtet ist. Die Mitglieder tauschen sich mit ihren SitznachbarInnen aus. Ich beobachte ein zahlreiches Nicken.
Meranda beginnt wieder zu sprechen. „Wir finden das eine sehr gute Idee, dass unsere hochenergetischen Plätze mehr Bedeutung erhalten auf diese Weise. Allerdings glauben wir auch, dass das zu viel für eine Person ist. Daher ist unser Vorschlag, dass zukünftig zwei Personen den Beruf der Königin/des Königs ausüben sollen, damit auch solche bedeutsamen Aufgaben einbezogen werden können. Bist du damit einverstanden?“
Oh, damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Ich überlege kurz und fühle in mich hinein, dann sage ich. „Das finde ich eine großartige Lösung, denn ich habe mir schon sehr oft gewünscht, die Aufgaben, die ich habe, mit jemandem besprechen und teilen zu können, als Team zu entscheiden.“
„Dann ist das ein Ja?“ fragt Meranda.
Aus tiefstem Herzen sage ich „Ja!
Alle applaudieren, und die Nachricht wird sogleich telepathisch ausgesandt ins ganze Drachenland.
Ich bedanke mich nochmals und verlasse die Höhle, in der das Komitee tagt. Da sehe ich, dass Ari schon auf mich wartet. Er schaut glücklich aus und deutet mir – Gut gemacht!
Ich fliege zu ihm, nehme seine Hand und sage: „Lass uns eine gemeinsame Höhle suchen.“ Wir strahlen beide übers ganze Gesicht, unsere Herzen leuchten heller als alle unsere Sonnen, und wir fliegen los.