Kupfer und Schatten

Alle Rechte vorbehalten ©

Zusammenfassung

Lucy Lenin ist pleite, ihr gewalttätiger Ehemann wird vermisst und die Gangster, bei denen er Schulden hatte, wollen sich nun an der zurückhaltenden Lucy schadlos halten. Als ihr ein Job in einem Stripclub angeboten wird, greift Lucy zu – das schnelle Geld soll ihr helfen, die Mafia loszuwerden. Dabei findet sie sogar einen Weg, sich mit ihrem Stammkunden, Sheriff Aaron Dwyer, zu arrangieren, der zufällig ihre alte Jugendliebe ist. Aaron Dwyer hat seine eigenen Probleme. Als das öffentliche Gesicht des Bezirks fordert man von ihm Antworten, warum in seinem Zuständigkeitsbereich immer wieder arbeitslose Männer tot aufgefunden werden. Erschwerend kommt hinzu, dass er vor einem Jahr seine Frau verloren hat und nun zwei Töchter allein großzieht. Doch es gibt einen Lichtblick in seinem Leben... Lucy. Können Lucy und Aaron gemeinsam die Morde im Bezirk aufklären, bevor es für einen von ihnen zu spät ist?

Genre:
Romance
Autor:
Tori Ross
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
41
Rating
5.0 2 Bewertungen
Altersfreigabe
18+

Kapitel 1

Lucy – Vor drei Monaten

„Siehst du den Mann da drüben?“, fragt mich das Arschloch, das vor mir steht. Er drückt meine Wangen so fest zusammen, dass es wehtut. Ich bekomme bestimmt blaue Flecken, aber ich wage es nicht, seine Hand wegzuschieben.

Ich nicke, und eine Träne läuft mir über das Gesicht. Wenn vier Männer vor dir stehen und Geld von dir verlangen, bleibt das nicht aus. Mein Blick fällt auf den Mann, auf den er deutet. Ich kann nicht anders, als festzustellen, dass er aussieht wie ein Klischee-Mafioso. Weißer Anzug, schwarze Krawatte. Dunkles Haar, das über die Glatze gekämmt ist. Er trägt eine Brille und hat mindestens dreißig Kilo zu viel auf den Rippen. Er sitzt auf meiner Couch und wirkt völlig fehl am Platz. Es fehlt nur noch eine langhaarige Siamkatze, dann wäre er ein Film-Mafioso wie aus dem Lehrbuch.

„Dieser Mann mag es nicht, wenn man ihn warten lässt, wenn es um Geld geht. Verstanden?“

Ich nicke, während mir eine weitere Träne über die Wange kullert. Er lässt mein Gesicht los. Ich wünschte, er würde mein Kinn noch festhalten, denn seine Hand wandert zu meinem tief ausgeschnittenen Shirt und schiebt sich in meinen BH.

Ich zittere, wage mich aber nicht zu bewegen. Vor allem, weil das Messer, das der Mann in der anderen Hand hält, gefährlich nah an meinen Rippen ist. Sein grinsender Ausdruck verrät mir, dass er keine Probleme damit hätte, es gegen mich einzusetzen. Seine Hände beben vor Aufregung. Das ist nicht das erste Mal, dass er jemanden mit einem Messer bedroht.

Der Mann, der meine Brust umfasst, ist einen Kopf größer als ich. Einer seiner Eckzähne ist ein Goldzahn. Sein dunkles Haar ist zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Er trägt komplett Schwarz, ganz im Gegensatz zu seinem Boss. Die anderen Männer im Raum tragen ebenfalls schwarze Hemden und Hosen. Gibt es eine Gangster-Uniform, um den Boss hervorzuheben? Haben die das per E-Mail oder in einem Gruppenchat beschlossen?

„Wo ist dein Ehemann?“

„Ich habe euch schon gesagt, ich habe keine fucking Ahnung. Er ist weg. Spurlos. Ich kann ihn nicht einmal für die Scheidungspapiere finden.“

Der Mann beißt sich auf die Lippe und zieht das Messer an der Brust hoch, die er unter meinem Shirt betastet. „Welcher Mann würde so eine geile Schnecke einfach sitzen lassen? Ich glaube, du erzählst Scheiße.“

„Absoluter Mist“, stimmt ein anderer Schläger ein. „Vielleicht sollten wir es ihr einfach rausficken.“ Er spielt mit seinem Gürtel, aber der Boss auf der Couch hebt die Hand. Als er sie wieder senkt, tritt der Schläger von mir zurück und nimmt die Hände an die Seiten.

Die Tatsache, dass der Boss seine Leute mit einer bloßen Handbewegung kontrollieren kann, macht mir mehr Angst als der Gedanke an eine Gruppenvergewaltigung. Ich muss an die alten Gladiatorenfilme denken, die mein Vater so mochte. Wird der Boss wohl auch den Daumen senken, wenn einer seiner Männer mir die Kehle durchschneiden soll?

„Das ist nicht nötig. Ihr könnt meine Telefonrechnungen prüfen“, flehe ich und suche in meinen Taschen nach meinem Handy. „Ich habe Nachrichten geschrieben und angerufen. Nichts. Keine Antwort. Ich habe es der Polizei gemeldet, aber die scheint das nicht zu interessieren. Ich schwöre es bei Gott.“

Die Angst bringt die Hühnersuppe, die ich zum Abendessen hatte, in meinem Magen zum Brodeln. Mein Herz hämmert, und mein Fluchtreflex, der sofort einsetzte, als diese Typen meine Tür eintraten, lässt meine Finger zucken. Flucht war keine Option, da jemand an meiner Hintertür stand. Kämpfen war auch keine Option. Notwehr hat bei drei angeheuerten Mafia-Schlägern und einem Boss seine Grenzen.

Neben der Angst schwingt auch Scham in mir mit. Scham darüber, dass ich mich vor ihnen auf die Knie zwingen ließ, während sie mich nach Becks Aufenthaltsort ausfragten. Beck hat mich während unserer Ehe oft genug aus anderen Gründen dazu gezwungen, und ich hatte mir geschworen, nie wieder dazu gezwungen zu werden, irgendetwas auf Knien zu tun, worüber ich keine Kontrolle habe.

Der Mann nimmt seine Hand von meiner Brust und legt sie an mein schmerzendes Kinn. Er kippt es so weit nach oben, dass mein Nacken schmerzt. Er sieht den Boss an, und dieser schnippt mit den Fingern. Was zum Teufel soll das bedeuten? Erwürgen? Sollen sie gehen?

Der Mann, der mein Kinn hält, nickt und beugt sich so weit vor, dass er nur noch wenige Zentimeter von meiner Nase entfernt ist. Sein Atem riecht nach Bier und etwas Scharfem. Tabasco? Nichts geht über einen Eimer Chicken Wings, bevor man eine unschuldige Frau bedroht, die einem nie einen Cent gestohlen hat.

„Das wird jetzt passieren. Hör gut zu, denn wenn wir das nächste Mal wiederkommen, sind wir bei weitem nicht mehr so freundlich. Verstehen wir uns?“

Ich nicke.

„Dein scheiß Ehemann hat sich Geld von meinem Boss da drüben geliehen. Er mag es nicht, wenn Leute ihre Schulden nicht bezahlen, und er mag es ganz sicher nicht, wenn sie verschwinden, bevor die Rechnung beglichen ist.“ Das Messer des Mannes fährt an meiner Wange entlang.

Ich schreie das Universum gedanklich an und flehe den Mann an, das Messer nicht zu benutzen. Nicht mein Gesicht. Ich kann mir nur Suppe leisten und bin pleite. Ich brauche mein Gesicht, um einen Job zu finden. Ich finde keinen, wenn ich eine hässliche Messernarbe im Gesicht habe.

„Beck hat bei meinem Boss noch nie Schulden offen gelassen, und wir wollen wissen, wo er ist“, sagt der Mann spöttisch.

Beck hat schon früher mit diesen Typen Geschäfte gemacht? Großartig. Er hat mich nicht nur während unserer gesamten Ehe täglich geschlagen, sondern auch noch mit der Mafia gemauschelt.

Ich durchsuche meine Erinnerung nach Anzeichen für seine Verstrickungen in organisierte Kriminalität. Gab es auf dem Konto Beweise für Glücksspiel? Nicht, dass ich viel Zugriff auf die Konten hatte. Beck hat das meiste kontrolliert und mir nur eine Kreditkarte gegeben, um Make-up zu kaufen, meine Fitnessstudio-Mitgliedschaft zu zahlen, mich einmal im Jahr aufspritzen zu lassen und Kleidung zu kaufen. Er hat sogar das überwacht, wahrscheinlich damit ich das Geld für Dinge ausgab, die mich für ihn attraktiv machten. Seit er verschwunden ist, habe ich sein Büro durchsucht und ein Kassenbuch gefunden, aber darin steht nichts Ungewöhnliches.

Der Mann streckt die Zunge raus und fährt damit meine Wange entlang. Ich versuche, mich nicht zu übergeben. Ich bleibe einfach ganz still und mache mir Sorgen, wie ich ihr Geld auftreiben soll, wenn sie weg sind. Ruhig bleiben. Meine Hände ballen sich zu Fäusten, aber ich wage es nicht, nach ihm zu schlagen, als er das Ablecken an meiner Stirn beendet. Er tritt zurück, grinst bösartig und spuckt mir direkt ins Gesicht.

Ich blinzle und versuche, seinen Speichel aus meinen Augen zu wischen, aber gegen die Sabber auf meinen Wimpern kann ich nichts tun.

„Du schuldest uns fünfzigtausend Dollar, Schlampe.“

Fünfzigtausend Dollar? Was hatte Beck vor? Wollte er mit Ellen Quarry durchbrennen, seiner Affäre? Ich kann mir nicht mal frisches Obst leisten. Wie stellen diese Typen sich vor, dass ich fünfzigtausend Dollar auftreiben soll?

„Wenn Beck wirklich weg ist, wie du sagst, können wir großzügig und barmherzig sein. Wir geben dir…“ Er hält inne und schaut zum Boss, der drei Finger hebt. „Wir geben dir drei Monate, um uns das Geld zurückzuzahlen. Hast du verstanden, du dumme fucking Fotze?“

Ich nicke und versuche, mein schweres Atmen zu kontrollieren. Was werden sie mir antun, wenn ich nicht zahle? „Ich verstehe“, sage ich, und es kommt nur als raues Flüstern heraus, weil die Angst mir die Stimme raubt.

Der Mann entfernt sich von mir, und die anderen Schläger gehen zur Tür. Der große Boss erhebt sich von seinem Sitz und reibt sich mit der Hand über die Rückseite seiner Hose, so als ob meine Couch sie ruiniert hätte, obwohl ich sie immer picobello halte.

„Wenn du das Geld nicht hast, wenn wir wiederkommen, wird Beck nicht der Einzige sein, der verschwindet. Vielleicht fangen wir bei deiner Familie und deinen Freunden an.“

Die Männer gehen und schließen die Tür leise hinter sich. Ich sacke auf den Boden zusammen, in einem Haufen aus Tränen und schwerem Schluchzen.

Woher soll ich so viel Geld nehmen? Ich habe keinen Job. Beck wollte nicht, dass ich arbeite, obwohl ich dazu voll in der Lage wäre. Er wollte mich zu Hause haben, bei jedem seiner Launen, mit einer perfekt sauberen und dekorierten Wohnung. Ich bin seit Jahren raus aus dem Berufsleben. Meine Computerkenntnisse sind veraltet, und ich kann keine fünfzigtausend Dollar plus meine Lebenshaltungskosten bei Target verdienen. Ich habe nur von dem Taschengeld gelebt, das Beck mir gelassen hat.

Der Witz ist allerdings: Die Typen haben nicht ordentlich recherchiert, bevor sie heute Abend hier aufgetaucht sind. Hätten sie das, wüssten sie, dass ich keine Freunde habe, die sie töten könnten, da Beck sie auch alle vergrault hat. Und meine einzige lebende Verwandte ist mein zwielichtiger Cousin Peter, der vor Jahren von unserer restlichen, mittlerweile verstorbenen Familie verstoßen wurde, weil er einen Stripclub eröffnet hat.

Ich hebe den Kopf und kralle meine Hände in den Teppich unter mir. Ein Ehrgeiz packt mich, den ich vor einer Stunde noch nicht hatte.

Peter besitzt einen Stripclub.