Chapter 1
Das erste Anzeichen dafür, dass diese Nacht nicht stimmte, war die Stille.
Moonline war niemals still.
Nicht an einem Freitag.
Nicht, wenn billiger Whiskey im Raum brannte, Jungs in dunklen Nischen zu laut lachten, Mädchen sich für die nächste Runde über den Tresen lehnten und alte Musik den Staub von den Neonreklamen rüttelte. Stille gehörte hier einfach nicht hin.
Doch als Vaelira Thorn mit einem Müllsack in der einen und einer Zigarette, die sie nie anzuzünden gedachte, in der anderen Hand aus der Hintertür trat, fühlte sich die Gasse an, als hätte die Stadt aufgehört zu atmen.
Der Wind schnitt kalt zwischen den Wänden hindurch.
Ihre Stiefel scharrten über den feuchten Beton.
Dann sah sie das Blut.
Eine dicke, schwarze Spur zog sich über die hinteren Stufen und glänzte im gelben Licht der Sicherheitslampe.
Vaelira erstarrte.
Für einen Herzschlag dachte sie an Kampf.
Für den zweiten dachte sie an Polizei.
Beim dritten hatte sie den Müllsack schon fallen gelassen und griff unter ihre Schürze nach dem Messer, das an ihren Oberschenkel geklebt war.
„Wer ist da?“, rief sie.
Keine Antwort.
Nur das Tropfen. Tropf. Tropf.
Ihre Hand umklammerte das Messer fester.
Sie machte einen langsamen Schritt die Stufen hinunter, dann noch einen, bis der Geruch sie traf.
Kupfer.
Regen.
Etwas Wildes.
Kein Hund. Kein Mensch.
Etwas dazwischen.
„Verdammt“, murmelte sie.
Er lag halb im Schatten am Fuß der Treppe, ein Knie unter sich angewinkelt, einen Arm gegen die Wand gestützt, als hätte ihn bloße Sturheit davor bewahrt, flach zusammenzubrechen. Er war riesig. Breite Schultern. Sein schwarzes Hemd war an den Rippen aufgerissen. Blut tränkte eine Seite von ihm, dunkel und schwer, als hätte die Nacht selbst ihn aufgeschlitzt.
Sein Kopf war gesenkt.
Seine Brust bewegte sich kaum.
Vaelira hatte schon öfter Männer gesehen, die vor Bars zusammengeschlagen wurden. Sie hatte Messer, zerbrochene Flaschen, aufgeschlagene Lippen und fehlende Zähne gesehen. Moonline sammelte Ärger so, wie Samt Rauch aufsog.
Aber das hier war anders.
Dieser Mann sah nicht aus, als wäre er zusammengeschlagen worden.
Er sah aus, als wäre er gejagt worden.
Sie ging näher heran, bevor ihr gesunder Menschenverstand sie aufhalten konnte.
„Hey.“
Nichts.
„Hey, wenn du auf meinen Stufen stirbst, stelle ich dir Reinigungsgebühren in Rechnung.“
Immer noch nichts.
Sie ging in die Hocke, vorsichtig, das Messer in der einen Hand, die andere streckte sie nach seiner Schulter aus.
In der Sekunde, als ihre Finger ihn berührten, schnellte seine Hand vor und schloss sich um ihr Handgelenk.
Vaelira sog scharf die Luft ein.
Er bewegte sich viel zu schnell für einen Sterbenden.
Viel zu schnell für irgendeinen Menschen.
Sein Griff war heiß. Gewalttätig. Absolut.
Dann hob er den Kopf.
Goldene Augen.
Nicht haselnussbraun. Nicht braun. Nicht bernsteinfarben.
Gold.
Hell und erschreckend in der Dunkelheit.
Vaelira vergaß das Messer in ihrer Hand.
Vergaß die Gasse.
Vergaß für eine dumme Sekunde ihren eigenen Namen.
Sein Gesicht hatte einen Schnitt an der Braue, Blut lief an einer Schläfe herunter. Dunkles Haar klebte an seiner Stirn. Sein Mund war hart, fast grausam, als hätte er nie gelernt, sanft um etwas zu bitten. Er sah sie an, als würde er entscheiden, ob sie seine Rettung war oder die nächste Leiche, die fallen würde.
„Lass los“, sagte sie, weil Angst sie immer unhöflich machte.
Sein Blick glitt zu ihrer Kehle.
Nicht zu ihrem Gesicht. Zu ihrer Kehle.
Ein seltsamer Schauer lief ihr über den Rücken.
Dann hallten Schritte von der Straße hinter der Gasse wider.
Nicht nur ein Paar.
Mehrere.
Stimmen.
Männlich.
Nah.
„Checkt den Hinterausgang!“
Vaeliras Puls raste.
Der Mann hörte sie auch. Sein Griff verstärkte sich kurz, dann ließ er nach. Seine Kraft flackerte wie ein sterbendes Licht.
Er verlor zu viel Blut.
Sie sollte ihn zurücklassen.
Jedes vernünftige Mädchen würde ihn zurücklassen.
Jedes kluge Mädchen würde zurück nach drinnen gehen, die Tür abschließen und so tun, als hätte sie nichts gesehen.
Stattdessen sah Vaelira zum Ausgang der Gasse und dann zurück in diese unmöglichen Augen.
„Kannst du stehen?“
Seine Lippen öffneten sich, aber kein Ton kam heraus.
„Großartig“, herrschte sie ihn an. „Genau das, was mir noch gefehlt hat.“
Die Stimmen kamen näher.
Sie schob das Messer zurück unter ihre Schürze, legte einen Arm unter seinen, und hätte fast geflucht, als sein Gewicht in sie hineinkrachte.
Er war aus reinem Muskel, Hitze und Blut.
Viel zu viel Mann für ein Mädchen nach einer Zwölfstundenschicht.
„Beweg dich“, zischte sie in sein Ohr. „Sonst schwöre ich, ich lass dich hier liegen.“
Ein tiefes Geräusch drang aus seiner Kehle. Es könnte ein Lachen gewesen sein. Es könnte eine Warnung gewesen sein.
Sie schleifte ihn trotzdem die Stufen hinauf.
Jeder Zentimeter brannte.
Seine Stiefel schlugen wie totes Gewicht auf dem Beton auf. Ihre Schulter schrie vor Schmerz. Die Hintertür war nur wenige Meter entfernt, aber es fühlte sich an, als würde sie einen Sturm bergauf zerren.
„Hintertür!“, rief einer der Männer.
Vaeliras Augen weiteten sich.
Sie bekam ihn über die Schwelle, trat die Tür mit dem Fuß zu und schob den Riegel vor, gerade als etwas gegen die andere Seite knallte.
Der ganze Rahmen bebte.
Im Lagerkorridor drang die Musik aus der Bar nur als dumpfes Pochen durch. Niemand da draußen wusste, dass der Tod gegen den Hintereingang hämmerte.
„Vael?“, rief einer der Abräumer aus der Küche. „Alles okay?“
„Ja“, rief sie atemlos zurück. „Eine Ratte.“
„Große Ratte?“
„Die Größte.“
Sie schleifte den Fremden halb, trug ihn halb den schmalen Flur entlang zu dem ungenutzten Lagerraum am Ende. Das Licht über ihnen flackerte einmal. Zweimal. Das Blut des Mannes hinterließ eine Spur auf dem Boden hinter ihnen.
Perfekt. Nichts Verdächtiges daran.
Sie stieß die Lagerräumtür mit der Hüfte auf und zerrte ihn hinein.
Regale mit Schnapsboxen, alten Speisekarten, zerbrochenen Hockern.
Keine Fenster.
Gut.
Sie drückte ihn gegen die Wand. Er knallte hart dagegen, der Kopf neigte sich nach hinten, die Kehle für eine gefährliche Sekunde entblößt. Selbst halbtot sah er aus wie die Art von Mann, bei der die Leute die Straßenseite wechselten, um ihm aus dem Weg zu gehen.
Vaelira kniete nieder und riss ein altes Barhandtuch aus einer Kiste.
„Halt das fest.“
Er bewegte sich nicht.
„Sehe ich für dich wie ein Wunderheiler aus?“
Seine goldenen Augen sanken zu ihrem Mund.
Dann drückte er langsam, als würde er ihr einen Gefallen tun, das Tuch gegen seine Wunde.
Wieder hämmerte ein Klopfen an die Hintertür.
„Aufmachen!“, bellte eine Stimme von draußen. „Wir suchen jemanden.“
Vaeliras Herz schlug hart gegen ihre Rippen.
Sie sah den Fremden an.
Er beobachtete sie mit der Regungslosigkeit eines Raubtiers, Blut lief über seine Hand.
„Kennst du sie?“, flüsterte sie.
Sein Kiefer mahlte einmal.
Das war Antwort genug.
Vaelira stand auf und ging zur Tür.
„Bleib ruhig“, sagte sie.
Sein Blick verschärfte sich, fast beleidigt.
„Ja, weil du so leicht zu kontrollieren wirkst.“
Ein weiteres hämmerndes Klopfen.
Vaelira trat in den Korridor, schloss die Lagerräumtür hinter sich und wischte ihre blutigen Hände an ihrem schwarzen Rock ab. Ihr Gesicht wurde ausdruckslos. Ruhig. Genervt. Der Gesichtsausdruck, der Trinkgeld brachte und Ärger beendete.
Als sie den Hintereingang erreichte, lächelte sie bereits.
Sie öffnete die Tür gerade so weit, dass sie drei Männer draußen sehen konnte.
Alle in Schwarz.
Alle zu sauber für normale Gäste.
Einer hatte etwas Silbernes am Gürtel blitzen.
Ein Messer.
Kein Straßengesindel also.
Etwas Kälteres.
„Wir suchen einen Mann“, sagte der Vordere.
„Wer tut das nicht?“, erwiderte Vaelira.
Sein Blick wurde hart. „Groß. Dunkle Haare. Verletzt.“
Vaelira lehnte sich gegen den Türrahmen, als hätte sie den ganzen Abend nichts anderes vor.
„Damit hast du gerade die Hälfte der Idioten beschrieben, die hier trinken.“
Der zweite Mann atmete scharf und seltsam ein, als würde er die Luft wittern.
Vaelira hielt seinem Blick stand und betete, dass ihr Puls nicht offensichtlich war.
„Niemand ist hier durchgekommen“, sagte sie. „Nur ich, der Müll und lauter Enttäuschungen.“
Der Mund des ersten Mannes wurde zu einem schmalen Strich.
Irgendwo im Flur hinter ihr war, ganz leise, das Scharren von Holz zu hören.
Der Fremde bewegte sich.
Jeder Muskel in Vaeliras Körper verkrampfte.
Die Männer draußen hörten nichts.
Oder vielleicht bekamen sie die Chance dazu nicht mehr.
Denn in genau derselben Sekunde rollte ein Geräusch durch den Lagerkorridor hinter ihr.
Kein Stöhnen.
Kein Mann, der sich bewegte.
Ein Knurren.
Tief.
Grollend.
Unmenschlich.
Die drei Männer draußen wurden ganz still.
Und der mit dem silbernen Messer lächelte.
„Oh“, sagte er leise. „Da ist er ja.“